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Antiziganismus Die Legende von den „Großfamilien“ am Corona-Hotspot

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Das Iduna-Zentrum in Göttingen. (Quelle: Wikimedia)

In Göttingen dreht sich zur Zeit alles um das „Iduna“-Zentrum. Ein Hochhauskomplex mit 700 Bewohner*innen, der als „sozialer Brennpunkt“ gilt. Erbaut wurde das Zentrum in den 70er Jahren und galt zunächst als Modellprojekt, mit Wohnraum für Studierende und Familien. Doch die Verantwortlichen verloren recht schnell das Interesse an dem Gebäude, das Umfeld fing an zu verfallen. In den 1990er Jahren wurden hier Bürgerkriegsflüchtlinge aus Jugoslawien untergebracht. Mittlerweile leben im Komplex viele migrantische Bewohner*innen, Geflüchtete und andere Menschen mit wenig Einkommen. Diese Wohnungen werden besonders gern an Empfänger*innen von Transferleistungen vermietet. So bekommen die Besitzer*innen auch für kleine und heruntergekommene Wohnungen gutes Geld von den Behörden, ohne sich um Verbesserungen kümmern zu müssen.

Vor wenigen Tagen wurde nun bekannt, dass im „Iduna“-Zentrum eine Corona-Hotspot entstanden sei. Der Krisenstab der Stadt Göttingen, geleitet von Petra Broistedt, spricht von 170 Infizierten aus mehreren „Großfamilien“, die sich angesteckt hätten, weil sie unter Missachtung der Vorschriften gemeinsam das Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan, das Zuckerfest gefeiert hätten. Auch in einer Moschee sollen die ominösen „Großfamilien“ gewesen sein. 

Die Medien reisen an. In der Stadt werden Bewohner*innen befragt, in praktisch jedem Fernsehbeitrag werden ausschließlich weiße Menschen interviewt, die ihrer Empörung wegen der Verantwortungslosigkeit der Hochhausbewohner*innen, Luft machen. Rücksichtlosigkeit wird den Menschen vorgeworfen. In Boulevardmedien sind „Arabische Clans schuld an Göttinger Massenausbruch“. Jetzt stellt sich heraus: Alles ist ganz anders.

Sogar die Zahlen des Krisenstabes werden im Nachhinein korrigiert. Tatsächlich gibt es im Haus nur 60 Infizierte. Die restlichen Fälle sollen allerdings mit dem Ansteckungsherd in Verbindung stehen. „Die unterschiedlichen Zahlen beruhen nach Angaben der Stadt Göttingen auf einem Übermittlungsfehler,“ heißt es beim NDR.

Das Roma Antisdiscrimination Network (RAN) macht auf weitere Missstände in der Berichterstattung und bei Behörden aufmerksam. Denn tatsächlich entstand der Infektionsherd laut RAN nicht durch die beschuldigte „Großfamilie“, sondern durch einen anderen Mann. Das Gesundheitsamt hatte bei ihm eine Infektion vermutet und seit dem 17. Mai Quarantäne verordnet. Daran hielt der Mann sich allerdings nicht und war im Haus, auch im Fahrstuhl, unterwegs. Unter anderem Mitglieder der jetzt kriminalisierten Familien wiesen die Behörden mehrfach darauf hin, eine Reaktion gab es keine. 

Der Mann wurde erst am 29. Mai in Polizeibegleitung ins Krankenhaus gebracht. Trotzdem gaben die Behörden an „Patient Null“, also der erste Corona-Fall im Hochhaus, soll das Mitglied einer der Roma-Familien sein, der sich im Rahmen des Zuckerfestes, angesteckt hätte. Die Angehörigen des Mannes wollte sich nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus testen lassen, wurde aber von der Klinik abgewiesen. In den Medien war dagegen davon zu lesen, dass sich Bewohner*innen einem Test verweigern würden. Und selbst in entsprechenden Berichten kommt es zu Widersprüchen. So raunt ein Sprecher in einem NDR-Beitrag über die verpflichtenden Tests: „einige [Bewohner*innen] könnten sich weigern oder rabiat werden“. Nur um unmittelbar danach den Einsatzleiter der Feuerwehr zu Wort kommen zu lassen, der die Tests koordinierte: „Ziel erreicht. Sehr große Kooperationsbereitschaft. Es gab tatsächlich so gut wie keine Sprachbarrieren. Wenn es die gab, konnten wir die unter den Kollegen und Kolleginnen klären.“ 

Genausowenig scheint die Darstellung in Sachen Moscheebesuch zu stimmen. Also den Besuch, den es anlässlich des Zuckerfestes gab. Dabei geschah allerdings nichts illegales. Vielmehr war der Besuch mit dem Ordnungsamt abgesprochen und genehmigt. Mahmoud Abdel Aziz, der Imam der betroffenen Moschee, sagt dem ARD-Magazin Panorama: „Wir haben gesagt, derjenige, der keine Maske hat, kommt nicht rein. Wir machen die Hygienevorschriften noch stärker, als sie staatlich festgelegt sind“. Die Teilnehmenden geben an, die Abstandsregeln eingehalten zu haben, sowie eigene Gebetsteppiche benutzt zu haben, wie es ein Familienmitglied in einem Interview mit der Deutschen Welle beschreibt. Er gibt auch an, dass es wohl private Feiern gab, an denen aber nicht wie von Behörden und Medien beschrieben „Großfamilien“ zusammen kamen. Bei “Panorama” beschreibt Kelmend Saciri die Feiern: „Die haben in der Zeitung geschrieben über eine große Feier. Da war überhaupt nichts. Da war keine große Feier. Wie können wir eine große Feier machen in einer Wohnung mit 71 Quadratmetern? Oder mit 50 Quadratmetern?“

Die Stadt Göttingen rudert mittlerweile etwas zurück. Krisenstabsleiterin Broistedt bereut den Begriff „Großfamilie“, der zu Stigmatisierung von Menschen geführt habe. Und auch die Geschichte der großen Feiern klingt jetzt anders. Nur jetzt ist es zu spät, denn die diskriminierenden Schlagzeilen und Vorverurteilungen sind in der Öffentlichkeit.  Claire Deery, Vorsitzende des Niedersächsischen Flüchtlingsrates sagt Panorama: „Es führt dazu, dass das Bild in der Öffentlichkeit nicht mehr verändert werden kann. Was wir jetzt brauchen ist eine klare Stellungnahme mit den Fakten, die es derzeit gibt. Die Faktenlage ändert sich zu Gunsten der Bewohner, weil immer klarer wird: eventuelle gab es gar keine Regelverstöße.“ 

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