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Anschlag in Atlanta Rassismus und Frauenhass als Tatmotiv

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Vor dem "Gold Spa" haben Trauernde Blumen und Karten abgelegt. (Quelle: W. T. Thomas)

In der Nacht vom 16. auf den 17. März erschoss ein 21 Jahre alter weißer Amerikaner acht Menschen, sechs davon asiatischstämmige Frauen. Er begann seinen Feldzug in Acworth, Cherokee County, wo der Täter vier Menschen erschoss. Anschließend fuhr er knapp 30 Kilometer nach Atlanta, wo er drei Frauen im „Gold Spa“, und anschließend eine weitere im gegenüber liegenden „Aromatherapy Spa“ ermordete.

Laut der NGO „Stop AAPI Hate“, die sich mit Hassangriffen auf asiatischstämmige Amerikaner*innen beschäftigt, gab es innerhalb der letzten zwölf Monate einen drastischen Anstieg antiasiatisch motivierter Gewalt. Zwischen dem 19. März 2020 und 28. Februar 2021 wurden fast 3.800 Angriffe gemeldet. Der Großteil der Betroffenen sind asiatisch gelesene Frauen. Dass es kein Zufall ist, dass der Täter gezielt asiatische Amerikanerinnen attackierte, liegt auf der Hand. Der Journalist Alex Jung gibt an, dass eine Mitarbeiterin des Gold Spa davon berichtet, dass der Attentäter gerufen hätte, er würde „alle Asiaten umbringen“.

[Quelle: Screenshot Twitter]

Dies spielt für die Polizei von Atlanta jedoch keine Rolle bei der Betrachtung des Falls: Polizeicaptain Jay Baker zitiert in einer Pressekonferenz den Täter, der behauptet hatte, dass Rassismus keine Rolle bei seiner Tat gespielt hätte. Damit übernehmen die Behörden das Framing des Angreifers und reproduzieren es. „Er hatte einen schlechten Tag“, so Baker. Außerdem hätte der Schütze unter einer „Sexsucht“ gelitten, die er nicht mehr ausgehalten hätte. Der Verdächtige hatte bei der Vernehmung berichtet, sich Betriebe ausgesucht zu haben, die ihn in dieser Sucht bestärken würden, er wolle „diese Verführung auslöschen“.

Wer kennt das nicht: Man kommt mit den eigenen sexuellen Bedürfnissen nicht mehr zurande, hat einen schlechten Tag, schnappt sich eine Waffe und ermordet Angehörige einer ethnischen Minderheit.

Während unbewaffnete Afroamerikaner*innen mit erschreckender Regelmäßigkeit von Polizist*innen ermordet werden, bringt man weißen Tätern nach wie vor für noch für den barbarischsten Akt Verständnis entgegen. Captain Baker könnte dafür jedenfalls Gründe haben: im April 2020 hatte der Polizeichef nicht nur ein T-Shirt mit der rassistischen Aufschrift „Covid 19 – Imported Virus from Chy-Na“ erworben, sondern auch direkt ein Foto des Kleidungsstücks auf Facebook veröffentlicht: „Ich liebe mein Shirt!“, schrieb er. „Holt euch eins, solange noch welche da sind.” Die im Rahmen der Corona-Pandemie angestiegene und von der rassistischen Rhetorik des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump zusätzlich angefachte Hass auf die südostasiatischstämmige Bevölkerung in den USA hat zweifellos zu dem Anschlag beigetragen.

Der Facebook-Post des Polizisten Jay Baker [Quelle: Buzzfeed News]

Dass ein weißer Mann acht Menschen ermordet und dies mit psychischen Problemen und einem „schlechten Tag“ entschuldigt wird, ist exemplarisch für eine patriarchal strukturierte Gesellschaft, in der Gewalt gegen Frauen an der Tagesordnung ist und in der Frauen, vor allem Women of Colour, als verfügbare Objekte erscheinen.

Der Attentäter war Mitglied einer baptistischen Krichengemeinde, die laut der Washington Post zunehmend rassistische und frauenfeindliche Inhalte predigte; beispielsweise wird antirassistische Kritik als „gottlose und materialistische Ideologie” bezeichnet. Der Konsum von Pornographie wird als sündhaft betrachtet. Es ist also nicht auszuschließen, dass christlicher Fundamentalismus, der immer zutiefst frauenfeindlich ist, eine Rolle bei der Opferauswahl gespielt hat. Der Attentäter, der von seinem ehemaligen Mitbewohner als „tiefreligiös“ beschrieben wird, soll unter der eigenen Sexsucht derart gelitten haben, dass er sich in Therapie begeben hatte, um sie in den Griff zu bekommen, sei jedoch „rückfällig” geworden und hätte Massagesalons aufgesucht. Jedoch handelte es sich bei den Orten, an denen er seine Opfer ermordete, um professionelle Etablissements. Die Bürgermeisterin von Atlanta, Keisha Lance Bottoms, gab in einer Pressekonferenz an, dass es sich um „legale Geschäfte“ handeln würde, die bisher nicht auf dem Radar der Polizei aufgetaucht wären.

Dass asiatische Frauen jedoch exotisiert, fetischisiert und regelmäßig mit Sexarbeit in Verbindung gebracht werden, ist ein durch Kolonialrassismus und Sexismus zementiertes Stereotyp. Das sexistisch-rassistische Bild von Asiatinnen zeichnet sie als unterwürfig, passiv, und ideale Partnerin für den weißen Mann. Gerade in den USA haben die Kriege in südostasiatischen Ländern und ihre imperialistische Propaganda, in der Frauen regelmäßig zu Sexobjekten degradiert wurden, eine große Rolle bei der Dehumanisierung und Sexualisierung asiatischer Frauen gespielt. Reproduziert von Popkultur, Pornographie, rassistischen Geschichtsschreibungen und Alltagsrassismus leben diese Bilder bis heute fort.

[Eine Szene aus dem Film „Full Metal Jacket“]

Laut dem Geschlechterforscher Rolf Pohl ist Frauenhass Ausdruck des patriarchalen Wunsches, weibliche Sexualität zu unterwerfen. Männer würden Frauen begehren, Frauen jedoch dafür hassen, dieses Begehren in ihnen hervorzurufen: Hegemoniale Männlichkeitsvorstellungen verlangen von Männern Autonomie; die Abhängigkeit von weiblicher Anerkennung und Sexualität hält, so Pohl, heterosexuellen Männern jedoch die Unmöglichkeit dieser erwünschten Unabhängigkeit permanent vor Augen. Männer wie der Täter von Atlanta fühlen sich durch ihre Abhängigkeit von weiblicher Sexualität kontrolliert, und müssen Frauen für dieses Gefühl bestrafen, um ihm so vermeintlich Herr werden zu können. Dieser Frauenhass ist ein wiederkehrendes Moment bei Terror: auch wenn es bisher keine Anzeichen dafür gibt, dass der Täter Teil der Incel-Community war, ist er ihnen in seinem pathologischen Hass auf Frauen und deren Sexualität wesensverwandt. „Eine der Hauptquellen für Frauenhaß wäre dann der Haß auf das eigene (sexuelle) Begehren, für dasdie Frau verantwortlich gemacht und deshalb bestraft wird […]. Gerade die durch Frauen ausgelöste Erregung zeigt, daß die im männlichen Autonomiewahn enthaltene Idee einer vollkommenen Beherrschung und Kontrolle eine Illusion ist. Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus, schon gar nicht über die eigene Sexualität und den eigenen Körper. Das (männliche) Subjekt ist an dieser Stelle abhängig und scheint es dauerhaft zu bleiben“, so Pohl.

Dass Männern, die aufgrund von Frauenhass und einer unzureichenden Auseinandersetzung mit dem eigenen Begehren Terroranschläge begehen immer wieder Verständnis entgegengebracht wird, ist Teil des Problems. Filme wie Joker oder Falling Down, die den aus Frust geborenen Amoklauf ästhetisch glorifizieren, tragen einen zusätzlichen Teil dazu bei, sowohl Täter als auch die Gesellschaft aus der Verantwortung zu nehmen. Die logische Konsequenz aus Anschlägen wie dem von Atlanta wäre das konsequente Vorgehen gegen Misogynie, Rassismus, und deren intersektionale Verstrickung.

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