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Buchrezension „Emotionen und Antisemitismus“ Heiligenverehrung der Germanistik

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(Quelle: Stanislav Kondratiev/Pexels)

Alle Menschen sind sterblich, Angela Merkel ist ein Mensch, also ist sie sterblich. Der Schluss vom Allgemeinen aufs Besondere überzeugt unmittelbar; er ist aus unstrittigen Prämissen abgeleitet. Verschwörungsgläubige könnten freilich einwenden, dass Merkel ein Reptiloid sei, gesteuert von ominösen Eliten – ein Klassiker, die Strippenzieherererzählung. In ressentimentgeleiteter Kommunikation, unter der die Literaturwissenschaftlerin und empirische Sozialforscherin Julijana Ranc derlei Intervention verbuchen würde, sind Regeln rationaler Argumentation aber auch nichtig. Diskussionen mit Antisemit*innen werden dementsprechend häufig zur Farce. In einem Kapitel Rancs zum Sammelband „Emotionen und Antisemitismus lässt sich verfolgen, welche Mechanismen hinter einem vernunfttorpedierenden „Sucht- und Lustcharakter“ des Antisemitismus wirken. Kognitive und emotionale Dimensionen sieht die Autorin ineinandergreifen. Da der Ressentimentbegriff das besser zu fassen vermöge, zieht sie ihn dem geläufigen Vorurteilsbegriff vor.

Auf gut 20 Seiten präsentiert Ranc Erkenntnisse aus 32 Gruppendiskussionen. Für eine 2016 publizierte Studie hatte sie „Durchschnittsbürger“ in Hinblick auf „verschiedene Kommunikationstypen mit unterschiedlichen Positionen und Dispositionen“ ausgewählt und auf Konfrontationskurs geschickt.

Antisemitische Teilnehmer*innen suchten, so Ranc, im Widerspruch zu ihrem Selbstbild als „sachlich-leidenschaftslose ‚Kritiker‘ der Juden oder ‚Israelkritiker‘“ nachdrücklich nach Verbündeten. Für unangenehme Emotionen, vorwiegend Scham, zum Beispiel aufgrund der Shoah, sollten Juden als Verantwortliche herhalten. Die vorausgesetzte Konklusion: Juden sind das ultimativ Böse. Passende Prämissen zu konstruieren und als unstrittig feilzubieten, habe sich als zwanghaft herauskristallisiert. Alle Menschen wollen stolz auf ihre Nation sein, Juden sind Feinde des Nationalstolzes, also sind Juden Feinde aller Menschen – so in etwa könnte man hinsichtlich mancher Aussagen rechtsgesinnter Proband*innen ein Schlussverfahren nach obigem Schema aufdröseln.

Wer solcherlei „Kausaltäuschung[en]“ entkräften wollte, habe Abwehrreaktionen abbekommen. Was „‚unlustvolle‘ Gefühl[e]“ weckte, durfte schlicht nicht wahr sein – dann schon lieber die Strippenziehernummer: „Dass andere sich nicht als Deprivations-, Restriktions-, Maßregelungsopfer fühlten […], gründete eben darin, dass sie Manipulationsopfer seien.“

Zwischen Albtraumfiguren und Verlachen

Schon in einer der bekanntesten Erzählungen der deutschen Literaturgeschichte, E.T.A Hoffmanns „Der Sandmann“ von 1816, ist die Idee eines Verschwörungsgläubigen, er werde von einem „grässlichen“ Puppenspieler genasführt, zentral: „[I]mmer sprach er davon, wie jeder Mensch, sich frei wähnend, nur dunklen Mächten zum grausamen Spiel diene“, so schildert die Erzählinstanz Fantasien des jungen Nathanael. Der fürchtet sich vor einer Figur namens Coppelius und redet sich bis zu seinem, Nathanaels, Tod ein, der Wetterglashändler Coppola sei ein Wiedergänger Coppelius‘. Beide sind als Albtraumfiguren mit abwertenden Attributen ausstaffiert. Jan Süselbeck, wiederum Literaturwissenschaftler, unterzieht den „Sandmann“, der „Generationen von Lesern fasziniert“ hat, in diversen Bundesländern zum Abiturstoff gehört, einer gründlichen Re-Lektüre. Merkmale Coppelius‘ wie Coppolas verortet Süselbeck in einer antisemitischen Tradition der Romantik.

Parallelen zu weiteren Werken Hoffmanns und zu Zeitgenossen wie Achim von Arnim, Clemens Brentano und Adelbert von Chamisso, bei denen ähnliche, teils explizit als jüdisch ausgewiesene Figuren auftreten, überzeugen besonders.

Mit über 40 Seiten das umfangreichste, stellt Süselbecks Kapitel das Konzept des „strukturellen Antisemitismus“ auf eine solide Grundlage. Mit historischem Kontext untermauert rekonstruiert Süselbeck Affekterregungsstrategien: Figurenzeichnung Coppolas als „Hausierer“ und „unheimlicher Kosmopolit“, „alle nur erdenklichen Register des Horrorfilm-Genres“ sowie alles, was Coppola aus der Gruppe der Lesenden ausschließt.

Eine gruppenkonstituierende Funktion des Antisemitismus betonen im Sammelband die meisten der Autor*innen. So lenkt die Historikerin Birgit Aschmann einleitend den Blick auf die Macht von Gefühlen. Theoretische Gedanken zur „Zuweisung eines Status“, der durch die Konstruktion von Eigenem und Fremdem erfolge, einschließlich einer Warnung davor, an Gefühle steuernde „Gesetzmäßigkeiten“ zu glauben, lassen sich prima durch andere Kapitel konkretisieren. Aschmanns Fachkollege Uffa Jensen beispielsweise untersucht die 1811 gegründete Deutsche Tischgesellschaft, männlicher Adel und Bürgertum, versammelt um Achim von Arnim. Dessen Mitstreiter und er grenzten Juden aus, indem sie sie „verlachten“. Der Hauptbeweggrund: Ohnmacht. Juden partizipierten zunehmend an bürgerlichen Rechten, Politik und „Salonkultur“, Für von Arnim und Konsorten hieß das: Die bekommen, was uns zusteht. Ein Bündel an Gefühlen lässt sich Jensen zufolge identifizieren: „Zorn, Empörung, Angst, Verachtung, Hass und andere“.

Forscher*innen blenden Antisemitismus aus

Witze der Runde vergleicht Jensen mit seinerzeit beliebten „Judenpossen“, einer vorwiegend für die Bühne konzipierten Gattung. Der Schauspielbetrieb habe sich hier via Witz präventiv gegen Kritik immunisiert. Besonders aufschlussreich: Rationalisierten Antisemit*innen ihr Tun für gewöhnlich, indem sie das vermeintlich Fremde an Juden hervorhoben, so standen nun, im Berlin des frühen 19. Jahrhunderts, Fantasien von „Unterwanderung“ durch angepasste Juden im Vordergrund. Jensen konstatiert ferner, was andere Kapitel ebenfalls nahebringen: Auch Gefühle sind Konstrukte, und sie sind keinesfalls zu allen Zeiten gleich.

Mit seinem Romantikschwerpunkt verleiht Jensen Süselbecks „Sandmann“-Analyse zusätzlich Plausibilität. Überhaupt sind die literaturgeschichtlichen Kapitel besonders bedeutsam. In der Germanistik ist nämlich eine anhaltende Heiligenverehrung kanonisierter Autoren zu beobachten. Infolgedessen, so lässt sich mit Süselbeck diagnostizieren, nehmen viele Forscher*innen Antisemitismus nicht einmal wahr, wenn er ihnen förmlich ins Gesicht springt.

Mittlerweile wächst glücklicherweise die Zahl inner- wie außerdisziplinärer Kritiker*innen eines Weiter so. Erinnert sei an Gerhard Henschels Artikel Ende Oktober 2019 im Merkur, wo er eindrücklich vor Augen führte, wie unerforscht Antisemitismus in Texten von Jacob und Wilhelm Grimm bislang ist. Und Samuel Salzborn fragte erst 2020 in seinem Buch „Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern“, warum Günter Grass trotz Täter-Opfer-Umkehr-Poetik noch immer weitestgehend unbehelligt auf seinem Sockel thront. Von stereotypen Judenfiguren in Werken von Antisemitismusgegner*innen, man denke an Marie von Ebner-Eschenbach, braucht man da gar nicht erst anzufangen; zunächst gilt es, viel grundlegendere Versäumnisse wettzumachen.

Mit klarer Kante und messerscharfen Analysen leistet der neue Band Vorbildliches. Interessierte sollten allerdings wenigstens den „Sandmann“ kennen. Ein Blick vorab in das Kapitel „Elemente des Antisemitismus. Grenzen der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno kann ebenfalls nicht schaden. Da Antisemitismus ein Projektionsphänomen ist, greifen Autor*innen in „Emotionen und Antisemitismus“ Erkenntnisse der Frankfurter Schule und der Psychoanalyse auf. Wer hier schon firm ist, wird umso mehr von dem Buch haben. Empfehlenswert ist es aber in jedem Fall.


Stefanie Schüler-Springorum, Jan Süselbeck (Hg.):

Emotionen und Antisemitismus. Geschichte – Literatur – Theorie
Göttingen 2021, Wallstein Verlag
250 Seiten
ISBN: 978-3-8353-3905-7
28,00 €

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