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[tacheles] Das System ist gemein – aber nicht geheim!

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Ein siebenjähriges Mädchen, das sich mit Anne Frank vergleicht, Corona-Leugner*innen mit „Judensternen“, auf denen „ungeimpft“ steht – all dies ist ziemlich eindeutig, nämlich eindeutig antisemitisch. Der Vergleich der Corona-Maßnahmen mit den Nürnberger Rassegesetzen und dem Arierparagaphen schlägt nicht nur in eine Kerbe des Geschichtsrevisionismus und lässt sich eindeutig dem Post-Shoa-Antisemitismus zuordnen. Immer häufiger kann man auch eine Vermischung von strukturellem und Post-Shoa Antisemitismus erkennen. Was sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede?

Der Post-Shoa Antisemitismus, auch als sekundärer Antisemitismus bekannt, lässt sich zeitlich nach dem Zweiten Weltkrieg einordnen. Der israelischen Psychotherapeuten und Autor Zvi Rex fand passende Worte, um diese Form des Antisemitismus zu beschreiben: „Die Deutschen werden den Juden Ausschwitz niemals verzeihen.“ Post-Shoa-Antisemitismus wird zum Beispiel in der Schlussstrichdebatte sichtbar. Auch Täter-Opfer-Umkehr, die kollektive Schuldabwehr, die Leugnung der Shoa und die Konstruktion eines Nutzens der Shoa durch Juden und Jüdinnen, also die angebliche „Holocaust-Industrie“ sind typische Erscheinungen des sekundären Antisemitismus.

Strukturell antisemitisch ist zum Beispiel die Personifizierung von gesellschaftlichen Problematiken. Das geschieht aus unterschiedlichen Gründen, oft ist der Auslöser verkürzte Kapitalismuskritik

Ein Blick in die Geschichte

Antijudaismus gibt es auf europäischem Boden spätestens seit dem Mittelalter. Die christliche Legende über den „ewigen Juden“, der Jesus Christus auf dem Weg zur Kreuzigung Hilfe verwehrt hat und deshalb zur Diaspora verdammt sein soll, kann bis ins 13. Jahrhundert zurückdatiert werden. In Böhmen kam es bereits im Jahr 1347 zu Pogromen gegen Juden und Jüdinnen: Ihre christlichen Mitbürger*innen ihnen hatten ihnen vorgeworfen, Schuld an der Pest zu sein, weil sie Brunnen vergiftet hätten. Antisemitismus lässt sich als integraler Bestandteil der christlich-westlichen Gesellschaft verstehen. Die antijudaistischen Ressentiments lassen sich bis heute finden, treten jedoch vorwiegend mit anderen Formen des Antisemitismus verwoben auf, die Produkte der Moderne sind. Zum Beispiel die Rede des Präsidenten der PLO (palästinensische Autonomiebehörde), Mahmud Abbas im Jahr 2016 vor dem EU-Parlament, in der er behauptet israelische Rabbiner würden dazu aufrufen, Wasser zu vergiften, um Palästinenser*innen zu töten.

Durch die französische Revolution 1789 und dem damit einhergehenden Code Civil von Napoleon I. verbesserte sich in Teilen Europas die gesetzliche Lage für jüdische Menschen. Auf deutschem Boden wurde erst im Jahr 1869 vom norddeutschen Bund das „Gesetz betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung“ erlassen, welches jüdische Menschen gesetzlich mit ihren christlichen Mitbürger*innen gleichstellte. Doch ist es ein Trugschluss zu denken, dass der gesetzliche Überbau einer Gesellschaft jahrhundertlange, gesellschaftliche Diskriminierung und Ideologie wettmacht. Als Beispiel dafür lässt sich der „Berliner Antisemitismusstreit“ anführen. Ausgelöst hat ihn 1879 der Historiker Heinrich von Treitschke, der den Satz „Die Juden sind unser Unglück“ prägte. In dieser öffentlich geführten Debatte sollte der angebliche Einfluss von Juden und Jüdinnen verhandelt werden.

Die späte deutsche Staatsgründung führte zu einem aufkeimenden deutschen Patriotismus und Nationalismus. Obwohl ca. 100.000 jüdische Soldaten auf deutscher Seite im Ersten Weltkrieg kämpften, wurde Juden und Jüdinnen weiterhin vorgeworfen, sich illoyal ihrer Nation gegenüber zu verhalten. Sinnbildlich dafür steht die Dolchstoßlegende, in der jüdische Menschen als Grund für den verlorenen Krieg ausgemacht wurden. Das erklärte Feindbild des sozialistischen Russlands wurde nun auf Juden und Jüdinnen projiziert, die als Initiator*innen der Februar- und Oktoberrevolution 1917 galten.

Die Geschichte des strukturellen Antisemitismus

Spätestens hier taucht der strukturelle Antisemitismus auf. Abstrus ist es, dass Juden und Jüdinnen einerseits mit Sozialismus in Verbindung gebracht, andererseits als die Kapitalisten per se wahrgenommen wurden.

Die gesellschaftliche Umstrukturierung und Herausbildung von neuen Schichten während der Industrialisierung führte zunehmend zu Unsicherheiten und Ängsten. Gleichzeitig entwickelte sich, was Marx als „Entfremdung“ von Arbeit charakterisierte, also eine fortschreitende Komplexität von Produktion und den Produkten selbst. Kurz gesagt: Die Welt wurde komplizierter. Diese undurchdringbar wirkende Macht wurde nun zunehmend jüdischen Menschen zur Last gelegt. Der Historiker und Ökonom Moishe Postone beschreibt in seinem Essay Der Holocaust und der Verlauf des 20. Jahrhundert, dass Juden nicht nur als Kapitalisten gesehen oder mit Geld und Zirkulationssphäre assoziiert wurden. Sie wurden mit dem Kapitalismus selbst identifiziert. Ein Paradebeispiel für strukturellen Antisemitismus. Den kapitalistischen Normalzustand und die damit einhergehende Verwertungslogik kann man kritisieren. Diese Kritik sollte jedoch nicht einer imaginierten kleinen Gruppe gelten, sondern das gesellschaftliche System als Ganzes in den Blick nehmen.

Im 20. Jahrhundert setzte sich diese Entwicklung fort. Die Inflation in Deutschland, die ihren Ursprung in der Finanzierung des Ersten Weltkrieges hatte, und die Weltwirtschaftskrise 1929 boten Nährboden für antisemitische Ressentiments. Die ökonomischen Krisen wurde personifiziert, schuldig war die jüdische Minderheit, wie auch schon früher geschehen. Die Personifizierung von Krisen oder gesellschaftlichen Problematiken ist also systemisch und kippt historisch immer wieder in den Antisemitismus.

Der im 19. Jahrhundert entstandene moderne Antisemitismus fand seinen grauenhaften Höhepunkt schlussendlich im nationalsozialistischen Deutschland. Struktureller Antisemitismus war zwar manifester Bestandteil der nazistischen Ideologie, er existierte aber bereits früher.

Die bunte Tüte des Antisemitismus: Corona Leugner*innen

Analytisch sollte man beide Formen, strukturellen und sekundären Antisemitismus, zwar voneinander trennen, gesellschaftlich treten sie jedoch vermehrt gemeinsam auf. Dies kann man während der momentanen Corona-Krise feststellen und die Corona Leugner*innen Szene dient als aktuelles Beispiel. In einigen Telegram-Gruppen wird das Wort „COVID-19-Virus“ durch „jüdisches Virus“ oder „israelisches Virus“ ersetzt. Vermehrt wird Israel vorgeworfen, das Virus verbreitet zu haben, um wirtschaftlich von einem Impfstoff profitieren zu können. Gesellschaftliche Problematiken werden verkannt, einfache Lösungen bzw. Schuldige gesucht. Strukturell antisemitisch ist in diesem Zusammenhang die Personifizierung von gesellschaftlichen Problemen. Gerade in der Bundesrepublik, dem Land, das nach der Niederlage des Nationalsozialismus entstanden ist, geht es dabei auch um Täter-Opfer-Umkehr.

Ein genauerer Blick in die Telegram- oder YouTube-Kanäle der Szene zeigt: Die Ablehnung gegenüber Juden und Jüdinnen bleibt nicht abstrakt. Das strukturell antisemitische Element der Schuldzuschreibung kommt vermehrt im Zusammenhang mit dem Post-Shoa-Antisemitismus in der Corona-Leugner-Szene vor. Auch wenn die bekannten „Querdenken“-Influencer*innen nur bei Andeutungen bleiben, versteht ihr Publikum gut was gemeint ist. Jüdischen Menschen wird nicht nur vorgeworfen, einen Nutzen aus der Shoa gezogen zu haben, ihnen wird auch eine alleinige Schuld an ihrem Schicksal und ihrer Vernichtung gegeben. Beispielhaft dafür steht das Juden und Jüdinnen vorgeworfen wurde, sie hätten die Shoa initiiert, um eine Legitimation zur Gründung eines eigenen Staates (Israel) zu haben. Die Vermischung von strukturellem und sekundärem Antisemitismus, die man momentan in der „Querdenker*innen“-Szene beobachten kann, führt einerseits zu einem Erstarken von antisemitischen Ressentiments und trägt andererseits zu einer Normalisierung antisemitischer Strukturen bei.

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