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AfD und Antisemitismus Wie der Holocaust-Gedenktag AfD-Fans triggert

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— Trigger-Warnung: Explizite menschenfeindliche Inhalte —

Der Holocaust-Gedenktag ist für Antisemit*innen ohne Zweifel ein herausfordernder Tag – wird doch durch die Erinnerung an den mörderischen Antisemitismus der Nationalsozialisten ihre Grundüberzeugung herausgefordert, in Jüdinnen und Juden das Übel schlechthin auf der Welt zu sehen, die Verkörperung moderner Lebensweisen, die sie ablehnen, oder die Mörder oder Unterdrücker kleiner Kinder (früher Ritualmordlegende, heute QAnon). Am Holocaust-Gedenktag, dem 27. Januar, bekennt die ganze Welt, dass schon einmal antisemitischer Hass und antisemitische Verschwörungserzählungen dazu geführt haben, dass ein Führer und „sein Volk“ Jüdinnen und Juden, die nichts getan hatten, in Deutschland, Europa und der Welt ermorden und damit ausrotten wollten – und dass das „Nie Wieder!“ geschehen darf.

Auch wenn die gleichen Verschwörungserzählungen von einer angeblich von Jüdinnen und Juden geplanten „Neuen Weltordnung“, von „globalistischen Eliten“, die „Strippen ziehen“ gegen das Wohl „des Volkes“, gerade wieder Konjunktur haben bei Anti-Coronamaßnahmen-Initiativen, in Deutschland und weltweit.

Kommunikationspsychologisch ist gut erforscht, was Menschen tun, wenn etwas, woran sie glauben, infrage gestellt wird: Sie versuchen, es umso mehr zu tun, um sich zu vergewissern, dass sie doch Recht haben. Dies erklärt vielleicht den Reflex, der gestern unter einem Posting der AfD (Bund) auf Facebook in erdrückender Ausführlichkeit zu beobachten war, macht die Vorgänge aber inhaltlich natürlich schlimmer, nicht besser.

Die AfD und das Judentum

Die AfD pflegt die Erzählung gern, sie stünde an der Seite von Jüdinnen und Juden, sie kämpfe ja für ein „christlich-jüdisches“ Abendland gegen „den Islamismus“ – und diese Erzählung kommt bisweilen an, wie etwa die Gruppierung der „Juden in der AfD“ zeigt. In diesem Sinne ist es folgerichtig, dass die AfD am 27.01.2021, zum Holocaust-Gedenktag, ein Sharepic auf Facebook postete. Es ist eher schlicht, „In Gedenken an die Opfer des Holocausts“. Der Begleittext spricht – etwas ungelenk oder schon absichtsvoll? – von einem „gesetzlich festgelegten“ Gedenktag, der „allen Opfern des Holocausts und der nationalsozialistischen Diktatur gewidmet ist.“ Dieser Tag mahne dazu „auch weiterhin die freiheitlich-demokratische Grundordnung stets gegen jeglichen Totalitarismus und Extremismus zu verteidigen.“ So weit, so wenig problematisch.

Wie reagieren darauf nun die AfD-Anhänger*innen?

Fangen wir vergleichsweise erwartbar an, wenn wir auch schon hier bei der Holocaustverharmlosung sind. Da der Holocaust-Gedenktag auch für Nationalist*innen herausfordernd ist, findet sich unter dem Posting viel Täter-Opfer-Umkehr.

Oder

(Gemeint ist hier keine geheime Anspielung, sondern die Deutschen Soldaten, wie spätere Kommentare zeigen.)

Einige folgen der „Extremismus“-Dogwhistle, die von den Nazis als Bedrohung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung fort weisen soll, und folgern sofort, hier müsse auch „das Merkel-Regime“ gemeint sein oder natürlich „die Linken“.

Ein anderer schreibt – am Holocaustgedenktag – ernst gemeint und explizit:

Auch die Schlussstrich-Debatte ist am Holocaust-Gedenktag zwar besonders unangemessen, aber unter AfD-Fans keine große Überraschung.

Gibt es natürlich auch mit mehr Antisemitismus. Oder ist es Demokratiefeindlichkeit? Hier noch interpretierbar.

Hier ist es Antisemitismus.

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, hat sich „erlaubt“, im Bundestag an den Holocaust zu erinnern und von der AfD als Gefahr für die Demokratie zu sprechen. Oder, in AfD-Fan-Worten, bemüht gemäßigt, aber dann doch mit Schlussstrich:

Offenherzig ausgeschrieben hat es dieser AfD-Fan: Warum über die Verbrechen des Nationalsozialismus sprechen, wenn wir auch darüber sprechen könnten „was andere immer noch schreckliches machen im Ausland.“ (sic in jeder Hinsicht).

Hier die Variante Israelfeindlichkeit (Juden gingen mit den Palästinensern um wie Nazis mit ihnen):

Weg vom Thema kommt man auch mit „anderen Toten“. Schöne Grafik außerdem mit dem Fadenkreuz und dem bei Nazis beliebten und in ihrem Sinne uminterpretierten und missbrauchten Brecht-Spruch.

Übrigens ist es nicht so, dass diese Kommentare vereinzelt zwischen lauter akzeptablen anderen Kommentaren stünden. Fast alle Kommentare unter dem AfD-Post auf Facebook sind so. Zumindest fast alle Kommentare, die am 28.01.2021, also einen Tag später, noch online zu sehen sind. Das sind von rund 2.000 abgegebenen Kommentaren noch rund 600. Also, diese Kommentare stehen online auf der AfD-Seite, obwohl schon 1.400 Kommentare verborgen wurden.

Was mag da vorher gestanden haben?

Wir haben das gestern schon angesehen.

Okay, der Tenor ist ähnlich, sehr viel Schlussstrich und Nationalismus, und der Ton ist härter. Es geht auch noch härter:

Großbuchstaben hin oder her, hier irrt der Verfasser so sehr, dass es sinnvoll scheint, eine strafrechtliche Relevanz zu prüfen.

Auch die „Andere Opfer“-Strategie war sofort beliebt – hier mit einem Vergleich zwischen dem industriell organisierten Massenmord, den der Holocaust darstellte, mit dem Atombomben-Abwurf auf Nagasaki, wobei für diesen Schreiber sich dann für Holocaustverharmlosung entscheidet, und damit zeigt, dass es ihm nicht darum geht, sich auf die Seite der Opfer zu stellen.

Andere finden, wenn die AfD solche Posts mit „Solidarität mit einem Judenstaat“ macht, kann man sie nicht wählen!

Für wieder andere ist der Holocaust-Gedenktag perfekt, um die eigene Islamfeindlichkeit auszustellen und gegen Muslime zu hetzen.

Oder auch:

Schließlich:

Es geht also auch Antisemitismus und Islamfeindlichkeit zugleich! Sozialpsychologische Forschung zeigt ja auch seit Jahren, dass Rassismus und Antisemitismus in einer starken Korrelation, also einem starken Wechselverhältnis zueinander stehen, und dass jemand, der bereit ist, eine der Gruppen abzuwerten, auch potenziell bereit ist, das mit anderen Gruppen, die als „feindlich anders“ wahrgenommen werden, zu machen.

Andere AfD-Fans wenden sich dann aber doch schnell wieder ganz offenem Antisemitismus zu. Verbreiten etwa die perfide Verschwörungserzählung, „die Juden“ seien „in Wahrheit“ doch Schuld am Zweiten Weltkrieg. Zwei Posts darunter astreiner sekundärer Antisemitismus: „Den Juden“ ginge es beim Holocaustgedenken ja nur um „das Geld“.

Und das vielleicht rechtsextrem-verschwörungsideologische Top-Argument: Die letzten Alt-Nazis würden jetzt mittels Coronaimpfung entsorgt.

Dies soll genügen, um vor Augen zu führen: Ob das Holocaust-Gedenken der AfD-Führung ernst gemeint oder gesellschaftlichem Druck geschuldet ist, lässt sich natürlich nicht sagen. Es waren keine AfD-Funktionäre unter den Kommentierenden. Was die AfD-Anhängerschaft angeht, ist ihr Antisemitismus allerdings offenkundig. Wir halten es mit einer der wenigen tapferen demokratischen Gegenredenden:

 

Post Scriptum:

  • Auf Twitter gab es unter dem gleichen Post fast nur Gegenrede von Demokrat*innen.
  • Auf Instagram gab es für den gleichen Post keine Kommentare und 3.800 Likes.
  • Auf YouTube wurde zu diesem Thema nichts von der AfD Bund gepostet.
  • Auf dem Telegram-Channel des AfD-Bundesvorstandes wurde nichts zum Thema gepostet.

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