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Buchtipp Hinter den Kulissen – eine Frau

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(Quelle: Unsplash)

Was haben Pamela Anderson, Queen Consort Camilla und Pocahontas gemeinsam? Zweierlei: Unsere Meinung von ihnen steht schon einmal fest. Und: Wir kennen sie gar nicht persönlich. Über ihre Motive, Träume, ihre eigene Geschichte und die Hintergründe dessen, was wir von ihnen gehört haben, wissen wir tatsächlich so gut wie nichts. Aber wir wissen, was für Menschen sie sind oder waren, welche Charakterzüge sie vornehmlich bestimm(t)en. Glauben wir.

Mediale Halb- oder Falschinformation trifft viele Prominente, ob sie nun selbst ins Licht der Öffentlichkeit drängten, durch berufliche/künstlerische/wissenschaftliche Erfolge, ihre Partner*innen oder aufgrund eines Skandals oder Unfalls dorthin gerieten. Doch Frauen werden von uns in diesem Licht offenbar anders bewertet und erinnert als Männer, die in ähnlicher Weise oder mit ihnen zusammen handeln. Denn woran denken Sie zuerst bei John Lennon, Karlheinz Böhm, Bill Clinton, Raffaele Sollecito, John Rolfe? Die beiden letzteren sagen Ihnen ad hoc erstmal gar nichts? Das ist die andere Seite eben desselben Phänomens: Hinter jedem erfolgreichen Mann mag vielleicht eine starke Frau stehen, doch hinter vielen vermeintlich „verruchten“ Frauen tritt mindestens ebenso oft ein Mann dezent in den Hintergrund. Und manch romantische Erzählung dient vielleicht nur einem darin verklärten machterhaltenden Narrativ.

Die Kolumnensammlung „Geradegerückt“ des österreichischen Standard, die zum Frauentag 2023 als Buch erschienen ist, lüftet den Schleier über diesen optischen Täuschungen und leuchtet Hintergründe aus, die wir nicht wussten oder nicht zur Kenntnis genommen haben. Anhand von 28 Portraits zeigt sie, wie mediale Kaskaden funktionieren und unser Fokus verengt wird, so dass Menschen mit vielen Facetten, Schwächen und Stärken, Zielen und Emotionen letztlich als eindimensionale Gestalten erscheinen: Sexbombe, Spalterin, Prinzessin, Mannweib und was der Zuschreibungen mehr sein mögen.

Spannend an dem Band ist die Vielfalt und unerwartete Mischung seiner Protagonistinnen: Von Schauspielerinnen und Musikerinnen über Regentinnen wie Marie Antoinette, Sportlerinnen, Gewaltopfer wie Natascha Kampusch bis hin zu Wissenschaftlerinnen reicht das Spektrum und zeigt, dass es keine Karriere oder persönliche Entscheidung gibt, die Frauen per se vor einseitiger Darstellung und (Vor-)Verurteilung schützen könnte. Die doppelten Standards, die im Vergleich zur Beschreibung ihrer männlichen Counterparts dabei aufscheinen, machen deutlich, dass Frauen immer noch allzumeist ein bestimmter Platz in Gesellschaft, Familie und Beziehung zugewiesen ist – und wenn sie diesen verlassen, bezahlen sie dafür.

Nicht wenige Frauen trifft die mediale Verachtung oder respektlose Idealisierung in mehrfacher Weise, vor allem dort, wo sich zum Sexismus Rassismus oder Klassismus gesellen. Es ist eine besondere Stärke des Buches, dass es wenig mit solchen Begriffen operiert und statt dessen die persönlichen Geschichten, Lebensdaten und Berichte sprechen lässt. Mit den kurzen, couragiert geschriebenen Kolumnen lassen die Herausgeberinnen Beate Hausbichler und Noura Maan zugleich viele weitere verschiedene Autorinnen zu Wort kommen. Sie machen Fakten und Zusammenhänge anschaulich, die die Bilder der Prominenten anders ausleuchten und zugleich die Ursprünge und Wirkungen der verfälschten Narrative verstehen helfen. Lediglich der Bericht über Courtney Love lässt etwas Konsistenz vermissen und macht es der in spezifischen Jahreszahlen nicht sattelfesten Leserin schwer, dem Gang der Ereignisse über unvermittelte Zeitsprünge vor und zurück zu folgen. Insgesamt jedoch besticht und wirkt die Sammlung durch ihre Vielstimmigkeit an Protagonistinnen und Chronistinnen.

Die Illustrationen von Ūla Šveikauskaitė begleiten diese Texte nicht nur, sondern stehen eigenständig neben ihnen und berühren mit besonderer Kraft und Einfühlung. Denn natürlich kommt es auf das Äußere an, in Zeiten, da wir es stärker denn je in Szene setzen können und vorbehaltlos von dorther urteilen. Das Äußere – dazu gehören ebenso die Optik und die ungewöhnliche, schlichte Haptik des Buches, das in die Hand zu nehmen bereits Spaß macht. Auch aus diesem Grund eignet es sich perfekt als Verführung auf dem Couchtisch – eine Verführung zum Lesen, zu einem tieferen Gespräch und womöglich zum weiteren Nachforschen.

Apropos Forschen: Es gibt auch einen (mir) gänzlich unbekannten Namen in dem Buch. Oder fällt Ihnen eine weitere Physik-Nobelpreisträgerin nach Marie Curie ein? Ich bin jedenfalls neugierig geworden, mehr über Chien-Shiung Wu zu erfahren. Meine Physikkenntnisse muss ich dafür hoffentlich nicht aufpolieren, aber ihre Geschichte als Führerin von Studierendenprotesten in China und Verweigerin von Frauendiskriminierung an einer US-Universität in den 1930er Jahren ist sicher in vielerlei Hinsicht bis heute spannend.

Und welche Person möchten Sie näher kennenlernen? „Geradegerückt“ bietet viele Ansätze für die Spurensuche – und für eine vorsichtigere, kritischere Rezeption dessen, was uns Medien über bekannte Frauen sagen.

PS: Falls Sie nicht bis zu den entsprechenden Kapiteln im Buch warten wollen, hier ein kleiner Spoiler: Raffaele Sollecito war der damalige Partner von Amanda Knox, John Rolfe der Ehemann von Pocahontas. 

Beate Hausbichler und Noura Maan (Hrsg.): Geradegerückt. Vorverurteilt, skandalisiert, verleumdet: Wie Biografien prominenter Frauen verzerrt werden. Kremayr & Scheriau, 2023

 

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