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CSD Zwickau Sichtbar queer, prekär in Sachsen

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Teilnehmende des CSD Zwickau schirmen die Parade von Anfeindungen ab. (Quelle: AAS)

Anfang September auf dem Weg zum Christopher Street Day nach Zwickau: in Chemnitz und an den kleinen Zwischenstationen steigen nach und nach immer mehr Personen ein, die auffällig gut gelaunt, bunt gekleidet und geschminkt sind: Sie haben sich Regenbogenflaggen ins Gesicht gemalt, tragen Transflaggen als Umhang oder regenbogenfarbene Armbänder und T-Shirts. Viele von ihnen sind Jugendliche, vielleicht 13 aufwärts. Auf dem Bahnhofsvorplatz in Zwickau wird gerade der Lautsprecherwagen für die Demonstration aufgebaut. Diana Freydank ist eine der Hauptorganisator*innen der Pride in Zwickau. Sie arbeitet beim Verein Alter Gasometer e.V. und ist stolz, dass es hier seit drei Jahren einen CSD gibt. Die Veranstaltung wird von der Amadeu Antonio Stiftung gefördert.

Ca. 600 Menschen sind dieses Jahr insgesamt gekommen, um zu feiern, um ihren Frust über Diskriminierung und Anfeindungen zu äußern und um politische Forderungen zu stellen. Es gibt Redebeiträge, die auf den internationalen Anstieg queerfeindlicher Gewalt hinweisen und anmerken, dass es höchste Zeit war, dass das diskriminierende sogenannte Transsexuellengesetz nun endlich abgeschafft wurde. Auf dem Lautsprecherwagen steht „Für die Liebe, für das Leben. Nazis von der Straße fegen“ und auf Plakaten und Transparenten des Öfteren der Spruch „CSD statt AfD“.

Unter rechtsradikaler Beobachtung

Die selbstbewusste queere Parade bleibt auch in Zwickau nicht unbemerkt von rechtsradikalen Aktivist*innen. Beim CSD im Jahr 2022 bauten sich ca. 20 schwarz vermummte Neonazis direkt am Markt in Sichtweite der Hauptveranstaltung des CSD auf, erinnert sich Freydank. Die Gegendemonstranten warfen Böller und Flaschen auf Personen, die nur knapp ausweichen konnten. In diesem Jahr laufen einige Gegendemonstranten mit Schlagringen und Handschuhen durch die Menge. Einer von ihnen schlägt dabei mit geballter Faust in die flache Hand, berichten Aktivist*innen. Auf dem Domplatz in der Nähe versammelt sich zudem eine Gruppe rechtsradikaler Menschen, die dann relativ schnell von der Polizei weggeschickt werden. Eine Jugendgruppe des III.Weges hatte aufgerufen, aktiv gegen den CSD zu werden.

Auch ein reichweitenstarker Rechtsaußen-YouTuber taucht auf der Demo auf und streamt für seine 25.000 Follower*innen. Er wird von Demonstrant*innen mit Regenschirmen in Regenbogenfarben abgeschirmt und daran gehindert in die Menge zu filmen. Auch bei anderen CSDs in Sachsen sind Neonazis und AfD-Aktivist*innen vor Ort, stören die Veranstaltung oder versuchen Demonstrant*innen zu filmen. In Bautzen versuchte im Juli die Jugendorganisation der AfD, Junge Alternative (JA), beim CSD Teilnehmende mit suggestiven Fragen lächerlich zu machen.

Die AfD in Sachsen hat Queers und Frauen auch außerhalb von CSDs auf dem Kieker. In Zwickau wurde auf Initiative der AfD und mit Stimmen der CDU und der FDP Ende Juni ein Verbot für öffentliche Einrichtungen verabschiedet, geschlechtergerechte Sprache zu benutzen. In Sachsen positioniert sich die AfD immer wieder mit homo- und transfeindlichen Positionen. Im Mai 2023 hatte die Partei zuletzt eine Kampagne gegen den „Gender-Wahn“ an Schulen gestartet. Sie fordert, dass Eltern ein Vetorecht erhalten, was im Sexualkundeunterricht gelehrt wird. Ihr Ziel ist es, dass einzig Vater-Mutter-Kind als Familie gelten. Zudem warnt die AfD vor einer angeblich stattfindenden „Werbung für Geschlechtsumwandlung“ an Schulen und der sogenannten „Frühsexualisierung“. Ein Plakat zeigt eine Person in Drag auf entwürdigende Art und Weise. Zuletzt provozierte die AfD Fraktion in Sachsen mit der Forderung nach einem „Gender-Verbot” an Universitäten, bebildert mit einem Dreieck in Regenbogenfarben. Das Symbol erinnerte viele Betrachter*innen an die Winkel, die Häftlinge in nationalsozialistischen Konzentrationslagern an ihrer Kleidung tragen mussten.

Angriffe und Gefühl der Unsicherheit

Laut einer (nicht-repräsentative) Studie der sächsischen Landesregierung zu Lebenslagen von lsbtiq*Personen in Sachsen aus dem Jahr 2022 sind zwei Drittel der knapp 1500 Befragten mit ihrem Leben in Sachsen zufrieden. Gleichzeitig hat fast die Hälfte in den letzten fünf Jahren Beleidigungen, Bedrohungen oder Übergriffe erfahren. Nur ein Viertel der Befragten fühlt sich im öffentlichen Raum sicher. Das gilt sowohl für den städtischen als auch für den ländlichen Raum.

Doch in ländlichen Gebieten und in kleineren Städten leben queere Menschen häufig weniger öffentlich sichtbar.  In Klein- und Mittelstädten Sachsens sind gut 40 Prozent der in der Studie befragten lsbtiq* Personen nicht geoutet, im Vergleich zu  23 Prozent in großen Städten. Als Gründe gegen ein Outing benennen die Befragten die Angst vor negativen Reaktionen und den gesellschaftlichen Druck, sich immer wieder für die eigene sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität erklären zu müssen.

Als queere Person öffentlich sichtbar zu werden, noch dazu als Engagierte für queere Rechte, ist auch in Zwickau nicht einfach. Diana Freydank erzählt, dass beim Organisations-Team des CSD schon einige abgesprungen seien, weil sie negative persönliche Erfahrungen gemacht haben. „Einige Engagierte haben erzählt, dass sie Drohbriefe nach Hause bekommen haben. Sie wollen sich nicht so öffentlich zeigen. Sie wollen ihre Ruhe haben und ziehen sich eher zurück.” erklärt sie. Und einige aus dem Orga-Team hätten auch schon angekündigt, wegziehen zu wollen, wenn sie in Leipzig einen Job und Wohnung finden würden.

Beim CSD in Zwickau treten auch die Bürgermeisterin von Zwickau und die sächsische Justizministerin auf. Letztere hat die erwähnte Studie verantwortet und macht sich auf der Bühne dafür stark, auch als Landesregierung mehr für den Schutz queerer Menschen zu tun. Denn auch das macht die Studie der Landesregierung sichtbar: Das Problem für queere Menschen in Sachsen sind nicht nur Anfeindungen durch Rechtsextreme. Viele Befragte erleben auch eine mangelnde Chancengerechtigkeit bei Ämtern und Behörden und sind nicht zufrieden mit den Bemühungen der Politik für queere Menschen.

Sichtbarkeit und Unterstützungsstrukturen

Umso wichtiger sind Orte der Begegnung für queere Menschen im kleineren Städten wie Zwickau. Orte wie der CSD, wo es klar ist, dass lesbisch sein, schwul sein, bi sein, trans oder nicht-binär sein, dass all das in Ordnung und selbstverständlich ist. Auch Fine* läuft auf der Demo in Zwickau mit. Sie geht regelmäßig bei verschiedenen CSDs in Sachsen auf die Straße, „weil man so viele Leute, so viel Diversität sieht, die man sonst generell nicht sieht”. Fine ist 17 und kommt aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Chemnitz. Sie macht eine Ausbildung, will aufsteigen, Karriere machen. Sie hat schon viel erlebt an Ausgrenzung, seit sie sich als trans geoutet hat. Bis zu Todesdrohungen, erzählt sie. Glücklicherweise bekommt sie Unterstützung von ihrer Therapeutin und von ihrem Abteilungsleiter der Berufsschule. Kürzlich hat sie erfahren, dass es auch in ihrem Wohnort einen CSD geben soll. Sie war sofort Feuer und Flamme und hat sich für das Orga-Team gemeldet. Den nächsten CSD organisiert Fine mit.

Auch Lea*, 16, und Marie*, 15, freuen sich, hier beim CSD auf so viele andere queere Leute zu treffen. Lea kommt aus Zwickau und Marie aus einem Ort in der Nähe. „In meiner Klasse habe ich Glück gehabt“, erzählt Marie. Sie habe eigentlich keine diskriminierenden Äußerungen erlebt. Lea geht das anders. „Ein paar jüngere Schüler*innen aus der fünften Klasse haben blöde Sprüche gemacht. Aber die kann man ignorieren“. Dafür hat sie eine tolle Deutschlehrerin, die sie sehr unterstützt und an der Schule gibt es zum Glück auch noch ein paar andere queere Schüler*innen.

Die Studie der sächsischen Landesregierung weist darauf hin, dass queere Personen in kleinen Städten und im ländlichen Raum oft Unterstützungsstrukturen fehlen. So konnten sich wesentlich weniger Studienteilnehmer*innen aus sächsischen Mittel- und Kleinstädten (27 Prozent) und Dörfern (32 Prozent) bei Schwierigkeiten an Anlaufstellen für queere Personen wenden als Befragte aus Großstädten (44 Prozent). Eine Teilnehmer*in der Studie benennt die Schwierigkeit folgendermaßen:  „Offenes Leben ist auf dem Land nur schwer möglich, insbesondere da queere Angebote wie Clubs, Beratungsstellen oder anonyme Möglichkeiten für STI-Tests fehlen oder unbekannt sind.“

Diana Freydank hat mit dem Angebot des QueerSpace im Alten Gasometer so ein Unterstützungsangebot geschaffen: Einmal die Woche können sich queere Personen hier treffen und in geschützter Atmosphäre über Themen sprechen, die sie beschäftigen. Das Angebot wird gut angenommen. „Solche Safespaces sind, in einer eher rechts dominierten Stadt wichtig. Hier müssen Besucher*innen keine Angst haben, auf irgendeine Art und Weise verletzt zu werden. Als antifaschistische und auch queere Person in Zwickau zu leben ist nicht einfach, aber Orte wie der Alte Gasometer geben Menschen Hoffnung und die Möglichkeit sich zu engagieren.”

Für die Zukunft wünscht sich Diana Freydank noch mehr Unterstützung von Institutionen, Vereinen und Unternehmen in der Stadt. „Unternehmen stehen auch für Vielfalt, die haben ja auch Mitarbeiter*innen. Personen, die sie anstellen müssen, sollen sich ja auch wohlfühlen, oder?” Und sie merkt an: „Es ist ja nicht nur etwas, was sie für uns tun. Wir setzen uns für ein friedliches Miteinander ein und dafür, dass Menschen so sein können, wie sie sein möchten. Ich wünsche mir mehr Solidarität.”

*Fine, Lea und Marie sind Pseudonyme

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