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„Die Rechte“ Funktionär Sascha Krolzig kassiert Haftstrafe für Volksverhetzung und Beleidigung

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Sascha Krolzig mit Kameraden am Tag der Deutschen Einheit 2017 in Dortmund bei einer "Mahnwache" (Quelle: Korallenherz)

Sascha Krolzig hat sich stets darum bemüht, als Speerspitze der extrem rechten Szene hervor zu treten. Nun wurde Krolzig, langjähriger Funktionär und Bundesvorstandsmitglied der Minipartei „Die Rechte“, wegen Volksverhetzung und Beleidigung vom Landgericht Bielefeld zu einer sechsmonatigen Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt. Er hatte den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Herford-Detmold 2016, unter bewusster Bezugnahme auf ein nationalsozialistisches Vokabular, als „selbstgefälligen frechen Juden-Funktionär“ beschimpft.

Hintergründe seiner Verurteilung

2016 hatte der Vorsitzende der 114 Mitglieder zählenden Jüdischen Gemeinde Herford-Detmold, der pensionierte Musik-Hochschullehrer Matitjahu Kellig (68), dagegen protestiert, dass die Gemeinde Preußisch Oldendorf in Ostwestfalen ihr Amtsblatt weiterhin bei dem Verleger Rainer Hökeaus Ostwestfalen drucke, der das geschichtsrevisionistische Buch Die letzten Tage mit Adolf Hitler des ehemaligen Chauffeurs Hitlers und weitere SS-Schriften vertreibt. Bereits 1995 war Höke vom Landgericht Dortmund verurteilt worden, weil in seiner Druckerei 3000 Exemplare einer antisemitischen Zeitschrift gefunden wurden (vgl. Jüdische Allgemeine). Die Stadt hielt dennoch bis zum Sommer 2016 an der Zusammenarbeit fest. Der Skandal wurde bundesweit durch einen Fernsehbeitrag bekannt (vgl. NDR)

Daraufhin empörte sich die Partei „Die Rechte“, oder genauer deren Kreisverband Ostwestfalen-Lippe. Sie empörte sich auf ihrer Website über den angeblichen „Einfluss jüdischer Lobbyorganisationen auf die deutsche Politik“ und beleidigte Kellig als „frecher Juden-Funktionär“, der gegen Verleger „hetze“ – ein typischer antisemitischer Topos aus der Nazizeit. Im „Völkischen Beobachter“ und in Hitlers „Mein Kampf“ wurden diese Begriffe sehr häufig verwendet. Der Schritt vom Wort zur Tat sei nur kurz, dies war nicht nur Kelligs Befürchtung.

Die Rechtsextremen forderten die umliegenden Landkreise dazu auf, Kontakte mit der jüdischen Gemeinde unverzüglich einzustellen. Seitdem war der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde fortgesetzten Anfeindungen ausgesetzt: „Die Angst ist seit einem Jahr ständiger Begleiter“, so Kellig in einem NDR-Interview. Kellig zeigte daraufhin den verantwortlichen Landesvorsitzenden Krolzig an.

Anfangs lehnte es die Justiz ab, das Offenkundige strafrechtlich zu verfolgen. Kelligs Anwalt ließ sich  nicht abspeisen. Zeitgleich musste der Bedrohte in seinem Haus auf Anraten des Staatsschutzes zahlreiche Sicherheitsmaßnahmen einbauen lassen. Daraufhin entstand – wie die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen 2017 in der „Welt“ schrieb –„eine geradezu gespenstisch anmutende Debatte“ zwischen dieser Justiz und Kelligs Anwalt. Kelligs Ängste, seine mehr als berechtigte Furcht vor Racheakten der Nazi-Szene, nahmen daraufhin immer stärker zu. Er weiß von der nationalen sowie der europaweiten Vernetzung der Nazis. Das Gefühl, sich wehren zu müssen, war dem im beschaulichen Schwäbisch Hall geborenen Musikhochschullehrer bisher völlig unvertraut. „Ich bin deutscher Bürger jüdischen Glaubens, wie andere Katholiken oder Protestanten sind“, bemerkte er gegenüber Friedrichsen.

Krolzig legte im Prozess Wert darauf, sich selbst zu verteidigen – und erhielt so über Monate Einblick  in die Akten, in denen diese Sicherheitsvorkehrungen beschrieben sind. Die Ängste der jüdischen Gemeindevorsitzenden nahmen immer weiter zu.

Später nahm Krolzig doch einen Anwalt: Den als „Szeneanwalt“ geltenden Düsseldorfer Björn Clemens. Dieser sprach von einem „Schauprozess“ sowie von der „Unterdrückung nationaler Dissidenten“ (vgl. Ruhrbarone).

Am 23.02.2018 wurde Krolzig doch noch zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt, da er nach einer Tat aus dem Jahr 2015 immer noch unter Bewährung steht. Sein Anwalt Björn Clemens teilte mit, dass er Widerspruch einlegen werde.

Ein langjähriger Rechtsextremer

Der 1987 in Hamm geborene Krolzig blickt auf eine lange Karriere in der deutschen Neonaziszene zurück: Bereits mit 17 Jahren trat er in Hamm als Aktivist der 2012 verbotenen „Kameradschaft Hamm“ in Erscheinung (vgl. Lotta). Antisemitische Beleidigungen und Bedrohungen galten als seine Leidenschaft. Wohl aus jener Zeit stammt ein von „Naziwatch59“ publiziertes Foto, auf dem sich der etwa 20-Jährige gemeinsam mit drei Gleichaltrigen unter einer großformatigen Hakenkreuzfahne präsentiert.

Wenige Wochen nach dem Verbot der „Kameradschaft“ – welches eigentlich auch ein Betätigungsverbot für Nachfolgeorganisationen beinhaltet – war er einer der Hauptaktivisten bei der Gründung des NRW-Landesverbandes von „Die Rechte“. Der Begriff „Partei“ für diese Gruppierung, die ihren Schwerpunkt in Dortmund hat, muss als problematisch gelten: Auch die Sicherheitsbehörden beschreiben „Die Rechte“ als „wesensverwandt mit dem Nationalsozialismus“; sie agiere aktiv kämpferisch und einschüchternd.  Es sei eine neonazistische Personengruppe, die sich das Etikett „Partei“ übergestülpt habe. Krolzigs Affinität zu antisemitischen Beleidigungen und Shoah-Leugnungen zeigte sich auch bei seiner Ende 2017 gehaltenen Rede bei einer Jubiläumsfeier für die Shoahleugnerin Ursula Haverbeck im „Rechte“-Kreisverband  Rhein-Erft Kreis.

Der in seinem Erscheinungsbild groß und gedrungen, kleidungsmäßig eher bieder auftretende Krolzig tritt seit 2004 bundesweit als Anmelder und Redner von Neonazikundgebungen auf. Bereits seit Januar 2007 war er Mitglied und kurz darauf „Regionalbeauftragter West“ des im Juli 2008 aufgelösten, querfrontig arbeitenden „Kampfbundes Deutscher Sozialisten“ (KDS). Dieser zeichnete sich gleichfalls durch einen radikalen Antiamerikanismus und „Antizionismus“ aus. Mitglieder des KDS waren u.a. Axel Reitz, Michael Kühnen, Michael Koth, Thomas Brehl und Paul Breuer.

Zehn Vorstrafen in elf Jahren

Die Liste der Verurteilungen Krolzigs wegen einschlägiger rechtsextremer Delikte ist lang: Bereits 18-jährig wurde Sascha Krolzig wegen einer an die Losung der SA angelehnten Rede  – „Alles für Deutschland“ – zu einer sechsmonatigen Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt. Es folgten weitere Vorstrafen wegen Beleidigung, Volksverhetzung, Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte.

Der rechtsextreme Aktivist studierte von 2009 bis 2014 Rechtswissenschaft in Bielefeld. Ein Mitgliedsantrag bei der NPD soll nach Angaben des ehemaligen NPD-Vorsitzenden Apfel wegen politischer Bedenken abgelehnt worden sein. Nach Abschluss seines 1. Staatsexamens wurde Krolzig im August 2015 seine Aufnahme des Rechtsreferendariat wegen seiner Vorstrafen abgelehnt. Das Gericht bescheinigte ihm, dass er für ein Richteramt „unwürdig und charakterlich nicht geeignet“ sei.

„Freier Redner und Zeremonienleiter in Dortmund und Umgebung“

Im Herbst 2016 wurde bekannt, dass der rechtsextreme Aktivist nun als Trauer-, Ehejubiläums- und Hochzeitsredner (vgl. Störungsmelder). Auf seiner Website tritt Krolzig unter seinem zweiten Vornamen und mit neuem, sehr bürgerlichem Outfit auf. Weihe- und gefühlvoll ließ er wissen: „Besondere Anlässe verdienen nicht nur eine würdevolle Zeremonie, sondern auch eine professionelle, bedachtsame Ansprache. Die Rede kann je nach Anlass berührend, sachlich, unterhaltend, inspirierend, ermutigend oder motivierend sein. Die richtigen Worte zu den passenden Gelegenheiten zu finden – das ist meine Aufgabe als Freier Redner und Zeremonienleiter!“

Diese aus der beruflichen Not geborene Selbstinszenierung war eher nicht mit der Art und Weise vereinbar, in der er sich gemeinsam mit seinen Dortmunder Gesinnungsgenossen im Wahlwerbespot seiner Minigruppierung zur Bundestagswahl 2017 unter dem Gegröl: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ darbot.

Und sie war gewiss auch nicht mit dem drohenden Grundton ihrer Wahlplakate vereinbar, mit denen an primitivste Vernichtungswünsche des rechtsextremen Klientels appelliert wurde: “Wir hängen nicht nur Plakate!” (vgl. Nordstadtblogger)

Über seinen Lebenslauf teilt Krolzig nun Überraschendes mit: „Nach einigen Tätigkeiten im juristischen Bereich habe ich den Entschluss gefasst, mich beruflich umzuorientieren. Schließlich habe ich mich entschieden, mich voll und ganz auf die Gestaltung von Freien Reden und Zeremonien zu spezialisieren. Mein Anliegen ist es, Menschen an wichtigen Wendepunkten oder Meilensteinen ihres Lebens zu begleiten.“

Zeitgleich kandidierte er bei der Landtagswahl NRW auf Platz 4 seiner Partei „Die Rechte“. Diese erreichte weniger als 0,1 Prozent der Stimmen.

Hommage an den Shoahleugner Thies Christophersen

Insbesondere bei geschichtsrevisionistischen und die Shoah leugnenden Neonazi-Demonstrationen setzte sich Krolzig immer wieder in Szene. So rief er im August 2011 in einer Videobotschaft zur Teilnahme am „Trauermarsch“ in Bad Nenndorf auf. Bundesweite Fernsehbekanntschaft machte der überzeugte Rechtsextreme im Juli 2016 durch einen Fernsehauftritt bei Dunja Hayalis Donnerstags-Talk: Gemeinsam mit führenden Rechtsextremen trat er als Leiter einer Neonazi-Demonstration in Bielefeld auf. Als Hayali mit einem halben Dutzend kahlköpfiger Köln-Zollstocker Neonazis um Jan Fartas ein Gespräch führen wollte, die ihr Banner „Köln für deutschen Sozialismus“ mit überbordendem Stolz vor der Kamera präsentierten, unterband Krolzig dieses strikt. Und am 27.1. 2018, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, postete er auf Twitter eine kurze Hommage an den Nationalsozialisten und Shoahleugner Thies Christophersen, den er hierin als „SS-Sonderführer“ bezeichnete.

Der Prozess seiner antisemitischen Radikalisierung zeigt sich auch in Krolzigs neuestem Projekt: Seit März 2017 ist er Herausgeber und „Schriftleiter“ des Zeitungsprojekt „N.S. Heute“. Von dem offen neonazistischen Magazin erschienen bisher sieben Ausgaben mit jeweils knapp 60 Seiten. Im Impressum wird Krolzig und dessen Anschrift im „Nazikiez“ Dortmund-Dorstfeld genannt. Im Heft wird gemäß der Journalistin Andrea Röpke (in Blick nach Rechts (4.8.2017) sowie im Jahrbuch Rechte Gewalt 2018) ein Spagat zwischen einer deutlichen Öffnung der eigenen Reihen in Richtung Strategien der „Neuen Rechten“ und dem Verharren in alter NS-Tradition versucht.

Krolzigs Aggressivität ist auch von Holger Apfel in dessen internen Abrechnungsbuch „Irrtum NPD“ beschrieben worden: Krolzig habe ihm nach einer internen Kritik geschrieben, er bedaure, ihm mal die Hand gegeben zu haben, er hätte sie ihm lieber brechen sollen.

Am 1.9.2017 twitterte Sascha Kolzig: „Deniz Yücel seit 200 Tagen in Haft – 200 gute Tage ohne seine deutschfeindliche Hetze“. Nun kommt der amtlich anerkannte Bewährungsversager selbst für zumindest sechs Monate in Haft – in „deutsche Haft“.  Und dort könnte er auch noch länger verweilen: Ein weiteres Strafverfahren ist in Dortmund noch anhängig. Krolzig wird hier die Verwendung von Symbolen verfassungswidriger Organisationen, versuchte gefährliche Körperverletzung und Volksverhetzung vorgeworfen. Gemeinsam mit zwei Kameraden soll er am 9. Dezember 2016 um 2 Uhr morgens in einer Gaststätte mehrere Straftaten begangen haben. So sollen Krolzig und sein Mitstreiter den Knobelabend mit einem gegenseitigen „Heil Hitler“ beendet haben. Beim Aufstehen soll Krolzig, so berichten die „Nordstadtblogger“, mit einem anderen Gast zusammengestoßen und ihn mit Parolen wie „Scheiß Ausländer“, „Du Halbjude, ich mach dich fertig“ und „Niggerschwein“ beleidigt haben.  Zudem soll er versucht haben, ihm ein Bierglas ins Gesicht zu schlagen – er habe jedoch nur die Kappe des Opfers getroffen , heißt es in der Anklage. Dieser Prozess beginnt am 03.05.2018 (vgl. Neue Westfälische Zeitung).

 

Eine kürzere Version ist im ZEIT-Störungsmelder erschienen.

 

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