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Diskutieren lernen – Demokratie erleben. Über die gute Wirkung guter Schulen

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Was macht es nur so schwierig, die Wirklichkeit gegen Fake News zu verteidigen? Oder einer Gruppe von Jugendlichen die Vorurteile auszureden, mit denen sie ihre Mitglieder im Netz an sich bindet, auch wenn diese ersichtlich unberechtigt falsch und ungerecht sind?

Warum halten sich Konspirationstheorien trotz aller ihnen entgegenstehenden vernünftigen Argumente?

Wie kann es nur sein, dass Aufklärung, die auf wissenschaftlich überprüften Fakten basiert, völlig wirkungslos bleibt?

Und woher kommt die Kraft, die Geltung von Tatsachen und ihre wissenschaftliche Bestätigung und Deutung ungerührt zu bestreiten?

Was geschieht nur mit den Anhängern einer Sekte, die an den Weltuntergang glaubt, der zum prophezeiten Zeitpunkt nicht stattfindet? Wie ist es möglich, dass die Sektenanhänger ihren Prophezeiungen auch danach noch Glauben schenken?

 

Was also ist das Problem und was kann man tun, um zu dessen Überwindung beizutragen?

Der Name für das Problem, auf dessen Wirken hier hingewiesen wird, heißt „kognitive Dissonanz“. Dabei handelt es sich vermutlich um eine der stabilsten gruppenpsychologisch begründeten Kommunikationsbedingungen. „Kognitive Dissonanz“ wird der Zustand genannt, in den ein Mensch gerät, wenn zwischen seinem Handeln und seinem Denken ein Widerspruch entsteht.

Dass man anders handelt als man denkt, kommt oft vor. Der Widerspruch, die „Dissonanz“, die dabei entsteht, fühlt sich unangenehm an und ist schwer auszuhalten. Menschen neigen daher dazu, wenn irgend möglich, solche Dissonanzen zu vermeiden. Der entscheidende Punkt ist hier allerdings, dass sie zu diesem Zweck nicht etwa ihr Handeln ihrem Denken und ihren Überzeugungen anpassen, sondern, umgekehrt, ihr Denken nach ihrem Tun richten. Nehmen wir an, jemand hat sich überreden lassen, über seinen Freund schlecht zu sprechen oder sich an Cybermobbing zu beteiligen oder verachtungsvoll auf eine Gruppe herabzusehen, die er eigentlich einmal ganz gerne mochte, dann führt kognitive Dissonanz in der Regel dazu, dass man seine Meinung ändert. Die Beteiligung an einem Mobbing im Netz wird als aktives Tun empfunden, dem man sozusagen eine entgegenstehende Meinung opfert. Sympathie verwandelt sich dann also unversehens in Verachtung oder zumindest in eine passive Haltung, die Verachtung zulässt.

Aktivitäten im Netz werden ganz überwiegend als ein Handeln empfunden; das ist der Grund, warum es so schwer ist, z. B. Konspirationstheorien zu überwinden.

So lange man auf irgendwelche Argumente stößt, die einem helfen, die Diskrepanz zwischen Tun und Denken zu verkleinern, wird man an diesen kleben bleiben und sich seine oder ihre Meinung nicht ausreden lassen. Man wird sich im Gegenteil gequält vorkommen, wenn man dabei geschickt argumentierenden Gesprächsteilnehmer*innen begegnet, die, je geschickter sie sind, desto stärker die Dissonanz fühlbar machen und als desto unangenehmer empfunden werden. 

 

Demokratiepädagogik: Debattieren, Diskutieren, Deliberieren

Wenn man sich nun vor Augen führt, wie viele Kinder und Jugendliche aus Familien kommen, in denen demokratische Werte nicht gelebt werden, wie viele von ihnen Hass, Verachtung, Mobbing-Erfahrungen aus digitalen Gruppen mitbringen, denen sie sich zugehörig fühlen: woher nimmt man den Mut für die Hoffnung, dass es gelingen könne, sie innerhalb und außerhalb der Schule, im Unterricht, Schulleben, der außerschulischen politischen Bildung von den Werten demokratischer Kultur zu überzeugen?

Wie erhält man sich die Überzeugung, dass es dafür nützlich sein könnte, das Debattieren, das Diskutieren, das Deliberieren, also das gemeinsame Nachdenken, zu lernen, das die Schule in ihrem Programm hat?

Ein demokratiepädagogisches Curriculum für das Lernen demokratischen Sprechens: Ist das die Antwort auf krisenhafte Entwicklungen demokratischer Kultur durch Rechtsextremismus, Rechtspopulismus in Gesellschaft, Politik, Medien online und offline? Das klingt nach pädagogischer Blauäugigkeit und tapferer Entschlossenheit, der Vergeblichkeit zu trotzen.

Meine These ist trotzdem, dass eine gute Schule mit einem lebendigen demokratiepädagogischen Programm gute Möglichleiten zur Überwindung und Prävention von Lern- und Entwicklungsblockaden demokratischer Kultur in der Schule und ihrem Umfeld schaffen kann.

 

Tausend mal geübt – dann klappen sinnvoelle Diskussionen

Ich hatte das Glück, gute Schulen kennen zu lernen, die ich selbst besucht habe, denen ich meine Kinder gerne anvertraut habe, die gefördert haben, was uns auch in der Familie wichtig war und die Kinder, wann immer das nötig war, aus der Blockade der kognitiven Dissonanz befreit haben.

Gut oder böse? Das war die Standardfrage unserer Kinder im Grundschulalter, wann immer wir beim Fernsehen offensichtlich interessiert eine Nachricht aufnahmen oder uns in einer Debatte am Familientisch engagierten. Unsere Antwort war oft: „Das kann man nicht so einfach sagen“ oder „einerseits – andererseits“. Aber das wollten sie nicht hören.

Im Laufe der Schulzeit verloren sie das Bedürfnis nach sofortiger Zuordnung von allem und jedem in eine binäre Werteskala. Sie lernten wie ihre Freundinnen und Freunde, was alle guten Schulen zu bieten haben: wie man argumentiert, dass man unterscheiden kann und soll zwischen Beschreibung, Schlussfolgerung und Werturteil.

Sie lernten, dass verschiedene Zwecke von Gesprächen und Diskussionen unterschiedliche Formen benötigen: dass das Gespräch im Klassenrat anders geordnet ist als die kontroverse Debatte; dass es bei einem „Brainstorming“ keine kritischen Bemerkungen geben darf, bei der anschließenden Diskussion zur Vorbereitung einer Entscheidung aber sehr wohl.

Auch wenn sie sich im Eifer des Gefechts unterbrachen, nicht warteten, bis jemand ausgeredet hatte, die Stimme erhoben, wussten sie genau, dass sich das nicht gehörte. Es war tausendmal geübt worden.

Sie hatten auch solche Regeln mitbekommen wie die, dass „Störungen Vorrang haben“ und die Diskussion zu deren Klärung unterbrochen werden konnte. Sie hatten die Rolle und die Aufgabe der Gesprächsleitung verstanden: Dass man für einen fairen Umgang sorgen muss, Streit schlichten, die Redezeiten kontrollieren und das Gespräch auf das Thema zurückführen können muss.

Sie hatten hervorragende Debattierer kennen gelernt: die zuhören, geistesgegenwärtig auf andere eingehen, ihre Position klar begründen und gut verteidigen konnten sowie mit dem Zeitdruck gut zurechtkamen. Deutlich war, dass gute Debattierer es nicht nötig haben, Diskussionspartner oder -partnerinnen zu beschimpfen, sondern sich gegen deren Argumente wenden. Vor allem hatten sie verstanden, dass man alles dies lernen und trainieren kann.

Unsere Kinder und ihre Freunde und später geborene Kinder von Freunden, die wir betrachten konnten, hatten Glück: Sie gingen in Schulen, die die Demokratiepädagogik zu einem wesentlichen Teil ihres Programms gemacht hatten und die Vorgaben des Lehrplans in diesem Zielbereich ernst nahmen. Außerdem waren sie das Interesse an demokratischen Umgangsformen aus ihren Familien gewohnt. Kindern und Jugendlichen, die solche demokratischen Regeln und Denkweisen in ihren Familien nicht kennen gelernt haben und die Schulen besuchen, die nicht um die Entwicklung eines demokratischen Klimas kämpfen, bleiben die Anforderungen einer offenen Diskussionskultur in der Schule oft fremd. Manchmal reagieren sie dann aggressiv darauf und lassen bei der Lehrerschaft den Eindruck entstehen: Demokratie geht hier nicht. Mit der Folge, dass nach autoritären pädagogischen Wegen gesucht wird.

 

Demokratische Gesprächskultur vermitteln

Wahr ist, dass es nicht ausreicht, im Unterricht demokratische Gesprächskultur anhand von Methoden wie den vorgenannten zu vermitteln. Diese wird in der Regel wenig Früchte tragen, wenn die Schule als Ganzes nicht auch ein dazu passendes Schulklima entwickelt. Eine Schule, von der die Schülerinnen und Schüler sagen, dass man sich hier um sie kümmert, dass sie fachlich und persönlich gefördert werden, dass man hier ihre Meinung hört, sie respektiert und sie nicht beschämt werden, in der wird die Schülerschaft auf Befragung nicht gewaltbereit erscheinen oder demokratiefeindlich reagieren. Ich meine Schulen, in denen die Kinderrechte ernst genommen werden: im Schulprogramm, bei der Gestaltung der Hausordnung und der Schulentwicklungsplanung.

Jugendliche werden sich umso leichter auf die für sie fremden und ihnen bedrohlich erscheinenden Regeln von Debatte, Gespräch und Reflexion einlassen, je weniger das Lernklima insgesamt sie bedroht. Wenn Unterricht und Schulleben generell nicht von Stress, Konkurrent, Leistung und Auslesedruck bestimmt sind, wenn es persönliche Bindungen an Lehrer und Lehrerinnen gibt, wenn die Schule stärker auf die Förderung intrinsischer als extrinsischer Motivation setzt und Raum für Selbstwirksamkeitserfahrungen schafft, dann bereitet sie den Boden für demokratisches Sprechen und das Lernen von Demokratie in der Schule.

Kinder und Jugendliche, die sich darauf einlassen, handeln und machen es dadurch möglich, vorherige undemokratische Prägungen zu überwinden.

 

Das Gelernte auch im Netz anwenden

Da alle Kinder und Jugendlichen bis ins Erwachsenenalter die Schule besuchen müssen, sollte es ein wichtiges staats- und gesellschaftspolitisches Ziel sein, ihnen dort die Grunderfahrungen zu vermitteln, die eine lebendige, demokratische Alltagskultur braucht. Leider ist dies nicht der Fall: Einerseits, weil die Qualität der Schule dieses Ziel oft unerreichbar macht, andererseits, weil die digitale Konkurrenz dem entgegensteht. Auch das Engagement im Netz wird als ein Handeln empfunden, das sich als stärker erweisen kann als die Werte und Haltungen, die Schule offline vermitteln möchte.

Daher ist es ein wichtiges Ziel der Schulentwicklung, die Geltung der Regeln des demokratischen Sprechens auch im Internet zu erkämpfen, wo die Herausforderungen durch unmoderierte Auseinandersetzungen in offenen, spontan entstehenden und enorm fluktuierenden Diskussionsgruppen ungleich größer sind. Die Grundregeln des Miteinandersprechens bleiben jedoch gleich  – und auch die Zwecke, die den unterschiedlichen Gesprächsverläufen zugrunde liegen.

 

Kontraproduktiv: Fernsehtalkshows, Populismus und Reichweitenerfolge

Eines der großen Probleme einer Schulentwicklung, die die digitale Entwicklung nicht außer Acht lassen will, ist, dass die Vorbilder in den Medien eine solche Entwicklung zusätzlich erschwert: Fernsehtalkshows, die auf Quoteneffekte setzen statt auf Themenerörtung, populistische Reden, die auf Vereinfachung und Emotionalisierung setzen, sind denkbar schlechte Vorbilder. Und die Plattformen sozialer Netzwerke, die Verweildauer als Erfolg werten, egal, ob diese Hass produzieren oder reproduzieren oder Diskurse befördern, sind selbst eine große Gefahr für die demokratischen Ziele, die Schule und Gesellschaft gesetzt haben.

Was es bräuchte, ist eine Medienpädagogik, die gewissermaßen eine Widerstandsfähigkeit und Imprägnierung gegen undemokratische und unzivilisierte Kommunikationsformen erzeugt. Eine solche Pädagogik, die sich z. B. mit Hassrhetorik, Entdeckung von Fake-News, Dekonstruktion von Konspirationstheorien beschäftigt und für Verletzungen durch gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (also feindselige, vorurteilsgesteuerte Haltungen) sensibilisiert, müsste im Netz ihr Pendant in Bemühungen und Initiativen finden, die das Gleiche anstreben. In einer Medienpädagogik, die nicht nur die Handhabung, sondern vor allem die demokratische Gestaltung der Neuen Medien und Sozialen Netzwerke vermittelt, einer Art digitalen Pädagogik und Sozialpädagogik sozusagen, die Interaktion, Debattenkultur, Respekt und Resilienz befördert.

Dies wird nicht sozusagen nebenbei geschehen können, sondern bedarf großer konzeptioneller und praktischer pädagogischer Anstrengungen. Nehmen wir ein Beispiel:

Eines der großen Probleme, unter denen schon junge Schüler*innen zu leiden haben, ist Cybermobbing. Was es dringend bräuchte, wäre eine Übertragung eines bewährten Mittels aus der Offline-Welt: Die Streitschlichter. In den sozialen Netzwerken (z. B. Whats App, Facebook) bilden sich oft sehr schnell Gruppen, die sich gegen einzelne Personen wenden. Die betroffenen Personen, Kinder und Jugendlichen fühlen sich dann oft allein gelassen und hilflos, weil ihr unmittelbares Umfeld keine Hilfe anbieten kann. Was gebraucht würde, wären digitale Streitschlichter, die Wege finden, die Isolation der einzelnen betroffenen Person zu überwinden und über Täter und Opfer hinweg, die große Zahl der Mitläufer zu erreichen. Eine Schule, ein Jugendclub, ein Verein, werden auf Dauer ihre institutionellen Chancen für Intervention und Prävention nur wahrnehmen können, wenn sie die Einbindung in demokratisches Handeln nicht nur außerhalb des Internets erstreben, sondern selbst digitale Akteure werden.

 

Methoden, um demokratische Debattenkultur zu vermitteln

 

Deliberation

Hier gibt es keine Gewinner und Verlierer. Ziel der Deliberation ist es, Probleme durch gemeinsames Nachdenken zu bearbeiten und, wenn möglich, zu lösen. Die Betonung liegt auf dem Wort „gemeinsam“. Die wichtigsten Fähigkeiten, die die Deliberierenden entwickeln müssen, sind u. a.: aufmerksam zuhören, sich und anderen Zeit geben zum Nachdenken, Neugier und Offenheit für die Meinungen anderer, Gefühle ausdrücken, Widersprüche aushalten, die eigenen Meinung selbst anzweifeln können.

Das ist nicht einfach zu lernen, daher gibt es Hilfsmittel: In der Mitte des Kreises, in dem man spricht, liegt z. B. ein Ball. Wer sprechen will, nimmt sich den Ball und fängt an, wenn er oder sie sitzt – und z. B. ein Gong ertönt. Wenn es zu schnell geht, können die Teilnehmenden das Gespräch durch einen weiteren Schlag auf den Gong verlangsamen. Die Redezeit ist begrenzt. Es gibt „Redepunkte“ und „Fragepunkte“, die in die Mitte des Kreises gelegt werden, wenn man davon Gebrauch machen möchte.

Deliberation braucht man, wenn man bei schwierigen Konflikten und komplexen Problemen unter Beteiligung möglichst vieler Menschen und Nutzung aller vorhandenen Ressourcen auf demokratische Weise zu Lösungen oder Regelungen kommen will. Insofern ist das Deliberationsforum ein zentraler Kern lebendiger Demokratie. Das Forum ist eine Reflexion und Kommunikationsform, die in der Regel offline gestaltet wird in sogenannten Townhall-Gesprächen z. B.; in jüngster Zeit wird vor allem in angelsächsischen Ländern mit Formen der Deliberation online experimentiert.

 

Diskussion

Die freie Diskussion ist, was Schüler*innen am häufigsten im Unterricht erleben; was sie aber dabei in der Regel lernen, ist ungenügend.

Ziel einer Diskussion ist, sich eine Meinung zu bilden, diese mit Argumenten zu stützen und gegen andere Meinungen, gegen Widerspruch zu verteidigen und wenn möglich Zustimmung dafür zu finden. Es gibt leider in den Medien keine guten Vorbilder für „zivilisierte“ Formen der freien Diskussion. Kinder beobachten im Fernsehen, wie Diskutanten übereinander herfallen, sich das Wort nehmen, es behalten, so lange es nur geht. Erwartet werden Argumente, die auf Fakten basieren und logisch entwickelt werden. Zu oft müssen sie aber sehen, dass zu unfairen rhetorischen Mitteln gegriffen wird, die schon in der griechischen und römischen Antike verpönt waren: das Argumentum ad hominem, das Argumentum ad populum oder ad odium, d.h. z. B. die Beschimpfung der anderen am Gespräch beteiligten Personen statt zur Sache zu reden, der blöde Witz, mit dem man das Publikum als Lacher gewinnt, oder das Aufhetzen und Argumentieren mit Hass und Verachtung. Wenn man lernen würde, solche bösartigen Tricks zu beobachten, dann wäre das ja noch pädagogisch nützlich, aber zu oft enden Diskussionen einfach mit Chaos und es bleibt das unbefriedigende Gefühl von Ungerechtigkeit, Nutzlosigkeit zurück, wenn nicht sogar gegenseitige Verletzung und Feindschaft das einzige Ergebnis ist.

Um die angestrebte Ordnung und mögliche Zivilität von Diskussionen zu bewahren und zu fördern, initiiert man gelegentlich Gerichtsprozesse oder Verhandlungen von Untersuchungsausschüssen.

Eine günstige Form für das Training von Diskussionen ist auch der Fishbowl“.

Hier wird in einem äußeren Kreis von Stühlen ein innerer aufgestellt. Einige davon werden durch Gesprächsteilnehmer*innen besetzt, einige bleiben zunächst leer. Wer sich an der Diskussion beteiligen will, besetzt einen der leeren Stühle und wenn das Gefühl entsteht, der eine oder die andere saß schon lange genug im inneren Kreis, können die im äußeren Kreis Sitzenden durch leises Antippen Stühle im inneren Kreis freimachen. Man lernt auf diese Weise zu hören, zu entscheiden, wann ein Argument passt, auf welche Weise man den Gang des Gesprächs am besten beeinflussen kann u.a.

 

Brainstorming

Ziel des Brainstormings, eines gemeinsamen „Gedankensturms“, ist es, gemeinsam eine Idee für einen neuen Namen, einen Arbeitsplan, die Lösung eines Problems zu entwickeln. Dafür gilt als Regel, dass jeder sich so schnell wie möglich etwas einfallen lässt und zu einer gemeinsamen Ideensammlung beiträgt. Gegenseitige Kritik und Kommentare zu den Vorschlägen der anderen sind verboten. Nach der Ideensammlung gibt es eine zweite Runde, in der die besten Ideen aussortiert werden. Die kann durch die gleiche Gruppe geschehen, die Ideen gesammelt hat, oder durch eine andere Gruppe, die mit kritischem Blick auf die Sammlung schaut und ihre andersartigen Erfahrungen einbringt.

 

Debatte

Die Debatte ist wahrscheinlich die bekannteste Form einer kontroversen Diskussion. Hier geht es um Sieg oder Niederlage in einem klar geregelten Rahmen.

Es gibt ein Thema, das jeweils von zwei bis drei Personen vertreten wird. Jeder hat die gleiche Zeit, sich zu entfalten. Die erste und die letzte Minute von insgesamt bis zu sieben Minuten ist jeweils „geschützt“. Hier darf man also nicht unterbrechen. Im Hauptteil der Rede sind Zwischenrufe und Zwischenfragen erlaubt, wenn der Redner/die Rednerin damit einverstanden ist. Dies kann sehr störend sein und es verlangt viel Geistesgegenwart und Konzentrationsfähigkeit, die eigene rhetorische Linien zu halten; die Verweigerung einer Zwischenfrage macht aber auch keinen guten Eindruck.

Es wird in der Regel als Sieger erklärt, wer seine Meinung – Pro oder Contra – am klarsten begründeten konnte. Das „Debating“, das der parlamentarischen Diskussion nachgebildet ist, erfreut sich großer Beliebtheit. In Deutschland wird es durch den Schülerwettbewerb „Jugend debattiert“ gefördert.

 

Klassenrat

Der Klassenrat ist der Ort, an dem Kinder und Jugendliche stärker und konsequenter als an jedem anderen lernen können und sollen, wie ihr Zusammenleben in der Schule demokratisch gestaltet werden kann.

Einmal in der Woche versammelt sich die Klasse im Kreis, bespricht, was in der vergangenen Woche gelaufen ist, spendet Anerkennung, sammelt Kritikpunkte, bespricht Konflikte und Probleme, verteilt Dienste, beschließt Regeln. Über die Beschlüsse werden Protokolle verfasst und die Beschlüsse aus vergangenen Sitzungen werden überprüft.

Der Klassenrat gibt jedem Schüler/jeder Schülerin die Möglichkeit, Gesprächspunkte einzubringen, eigene Interessen zur Geltung zu bringen und darüber zu verhandeln. Die Form, in der die Diskussion stattfindet, wird gemeinsam besprochen und beschlossen. Man kann in gut gestalteten Klassenräten viel lernen: zuhören, sich in andere hineindenken, Gefühle ausdrücken, Kritik ertragen, gemeinsam nachdenken. Der Lehrer/die Lehrerin, der/die den Klassenrat leitet, hat hier eine große Verantwortung. Wenn es gelingt, eine zivilisierte Gesprächskultur zu entwickeln, dann haben alle Beteiligten viel für viele andere Situationen gelernt. Vor allem haben sie eine Grundlage gelegt für kooperatives Lernen und für die Bearbeitung von Konflikten. Ziel für die Lehrenden ist es, sich schrittweise überflüssig zu machen und die Moderationsrolle in die Hand der Schüler*innen zu legen.

 

Zum Autor: Christian Petry ist Sozialwissenschaftler und Mitglied des Stiftungsrats der Amadeu Antonio Stiftung.

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