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Extrem rechte Mütter »Antifeministisch, traditionsbewusst und volkstreu«

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Die Familie gilt als »Keimzelle« in der rechtsextremen Ideologie einer »Volksgemeinschaft«. Das Transparent auf einem rechtextremen Aufmarsch in Wismar (2012) ist als Appell zur Fortpflanzung zu verstehen. (Quelle: Antifaschistische Koordination Lübeck)

Die Geschlechterrollen von Frau und Mann orientieren sich in der rechtsextremen Szene an den traditionellen Stereotypen von Weiblichkeit und Männlichkeit und knüpfen damit unmittelbar an gesellschaftlich weit verbreitete Vorstellungen an. »Den beiden einzigen möglichen Geschlechtern werden aufgrund ihrer unterschiedlichen biologischen Funktionen bei der Zeugung Eigenschaften zugeschrieben, die dann weiblich oder männlich sind. Hierbei handelt es sich um Glaubensannahmen«, führt die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Esther Lehnert aus. Die Frau ist die Hüterin von Heim und Herd, gebärt und erzieht die Kinder, während der Mann als Kämpfer für das Auskommen und den Schutz von Familie und Gemeinschaft einsteht. »Wir arischen Frauen und Mädel haben die angeborene biologische Kraft den wahrhaftigen Geburtenkrieg im Deutschland unserer Tage zugunsten der Besonnenheit zu lenken. Deutschlands Zukunft liegt nicht auf dem Rücken der Pferde sondern im Schoße der Deutschen Frau«, heißt es in einem Eintrag auf der Homepage des »Ring Nationaler Frauen« (RNF), der Unterorganisation für Frauen in der NPD. Die Politik der Frauenorganisation beschreibt Janette Krüger, die bis Mai 2014 den Landesvorsitz des RNF für Mecklenburg-Vorpommern inne hatte, folgender Maßen: »Der RNF will auch die NPD durch inhaltliche Arbeit unterstützen und aufzeigen, daß es viele Frauen gibt, die antifeministisch, traditionsbewußt und volkstreu Antworten auf die Fragen der Zeit geben. Der RNF will aber auch eine Gemeinschaft von Frauen aufbauen, die sich gegenseitig stützt, zusammenarbeitet und in der man sich als Frau wohlfühlt.«

Die Mutterschaft ist die wichtigste Funktion, die Frauen in der rechtsextremen Szene erfüllen. Sie tragen zum Erhalt der Volksgemeinschaft bei, in dem sie die zukünftigen Generationen in die Welt setzen und diese im Sinne ihrer völkischen Ideologie als »arisch« und höher wertig gegen- über all den Personengruppen erziehen, die als Feinde gelten. Die Aufgaben als Mutter werden als Naturgesetz und Schicksal angesehen. Sie erscheinen dadurch als unwiderlegbar und unabwendbar. Dem entsprechend gilt es für Frauen als Pflicht, aber auch als Ehre, das Mutterideal bestmöglich zu erfüllen. So heißt es in der rechten Frauenzeitschrift Triskele: »Die Arbeit ehrt die Frau wie den Mann, das Kind aber adelt die Mutter«. Frauen gelten als »Bewahrerin des Volkes«. Gerade die Anerkennung, die in diesem rigiden Geschlechterbild mitschwingt, kann rechtsextreme Gruppierungen für junge Frauen interessant machen. Anders als im Rest der Gesellschaft erhalten sie hier eine explizite Anerkennung in ihrer Funktion als Mutter. Mindestens drei Kinder sind aus Sicht des GDF notwendig, um die Pflicht der Mutterschaft für die Volksgemeinschaft zu erfüllen. Wenn Neonazi-Frauen diesem Ideal nicht nachkommen, zieht dies nicht unmittelbar negative Konsequenzen nach sich. Dennoch gelten Frauen mit vielen Kindern als Vorbilder in der Szene. Die Anhängerinnen der GDF bezeichnen sich selbst als »Mutterfrauen«. Sie zeigen damit an, dass ihr Dasein als Frau untrennbar mit der Rolle als Mutter verknüpft ist und als ihre wichtigste Funktion gilt. Die Frauen sind für die Pflege und Erziehung der Kinder verantwortlich, Männern wird hier kaum Zuständigkeit eingeräumt. Die Frauen haben das »artgemäße« Aufwachsen der Kinder zu überwachen. Es geht also nicht nur darum, die Kinder gut zu versorgen, vielmehr sind Frauen dafür zuständig, dass die völkische Ideologie vermittelt wird und Kinder diese annehmen und vertreten.

Die zwei Seiten der Muttermedaille

Wie sehr das traditionelle Mutterideal gesamtgesellschaftlich verankert ist, zeigt sich u.a. daran, dass Frauen mit einer deutschen Staatsbürgerschaft zur Geburt ihres siebten Kindes auch heute noch eine Prämie vom Staat erhalten. Der Bundespräsident übernimmt die Ehrenpatenschaft für das Kind, die Eltern erhalten 500 Euro als Unterstützung. Im Umgang hiermit ergeben sich Herausforderungen für Politikerinnen und Politiker in einem demokratischen System: So versuchte Michaela T. (Name geändert, der Redaktion bekannt) aus einem kleinen Ort in der Nähe von Güstrow diese Belohnung im Jahr 2010 in Anspruch zu nehmen. T. und ihr Mann sind fest in der extrem rechten Szene verankert: Sie ist Gründungsmitglied des RNF, er ist Vorsitzender der rassistischen »Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung«. Beide zählen zum Kern der extrem rechten »Artgemeinschaft Germanische Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung«. Der damalige Bundespräsident Christian Wulff übernahm die Patenschaft für das siebte Kind der Familie Tietz*, – trotz heftiger Kritik von Medienseite. Doch der zuständige Bürgermeister weigerte sich, die entsprechende Urkunde an die Eltern weiterzuleiten. Er kannte deren politische Einstellung und wollte diese nicht unterstützen. Seine Entscheidung richte sich nur gegen die Eltern, die Kinder wären in der Gemeinde willkommen, erklärte er dazu. Letztendlich wurde die Urkunde den Tietz* vom Bundesverwaltungsamt auf direktem Weg zugestellt. Das Bundespräsidialamt steht mit dieser Regelung in einer Tradition, die seit 1928 in Deutschland gepflegt wurde und auch im Nationalsozialismus Verwendung fand. Auch wenn das Amt sich von bevölkerungspolitischen Zwecken distanziert und rein symbolisch auf die Problematik kinderreicher Familien hinweisen will, stellt sich die Frage, warum die Familien nicht eher im Konkreten begleitet und unterstützt werden. Wie aggressiv Rechtsextreme ihre Weltanschauung gegenüber Personen mit anderen Meinungen vertreten, zeigt das Ende des »Vorfalls«: Der Bürgermeister wurde im Folgenden immer wieder bedroht, auf rechtsextremen Internetseiten gegen ihn gehetzt. Schließlich versammelten sich zehn Neonazis auf seinem Grundstück, unter ihnen soll der stellvertretende NPD-Vorsitzende von Mecklenburg-Vorpommern, David Petereit gewesen sein. Solche Bedrohungen und Einschüchterungen sind ein verbreitetes Vorgehen in rechtsextremen Kreisen.

Julfest im Führerbunker: Völkische Siedler und germanische Brauchtumspflege

Das völkische Familienkonzept und Mutterideal existiert schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Wie wirksam es verfolgt wurde, zeigt sich daran, dass es in der rechten Szene unzählige Sippen gibt, die schon seit Generationen, teilweise seit dem Nationalsozialismus ihr Gedankengut in der Verwandtschaft weiterreichen. Großeltern, die den Nationalsozialismus vertraten und unterstützten, gaben ihre politischen Ansichten an Kinder und Enkel weiter. Diese Sozialisation in das politisch rechte Milieu ist oft erfolgreich: Kinder lernen durch Vorbildwirkung und innerhalb der familiären Alltagspraxen, Meinungen werden auf diese Weise viel stärker verinnerlicht und übernommen. Durch die emotionale Bindung an die Älteren wird die Geltung der Ansichten noch verstärkt. Das Leben in Sippen bringt für Rechtsextreme viele Vorteile: Sie sind wirtschaftlich und politisch gut vernetzt, können sich gegenseitig unterstützen und stärker Einfluss auf ihre Umwelt nehmen, wenn sie schon rein zahlenmäßig dominieren. Die Bindung der einzelnen Mitglieder ist viel stärker an die Weltanschauung gebunden, wenn sie schon von klein auf im Sinne dieser Vorstellungen erzogen wurden. Auf die Kinder, aber auch auf die Eltern, besonders die Mütter, übt die rechte Szene einen besonders hohen Druck aus, den Erwartungen an Zucht und Ordnung, an das Einhalten der Gemeinschaftsideale zu entsprechen. Probleme wie Überforderung oder Unangepasstheit werden vertuscht oder nur im inneren Kreis der Szene geregelt. Möglichst wenig Informationen sollen nach Außen dringen und das Bild der perfekten Deutschen Gemeinschaft stören.

Das gemeinsame Wohnen verschiedener Familien geht einher mit einer räumlichen Ausbreitung in so genannten »nationalen Wohnprojekten«. Diese umfassen zum Teil komplette Wohnblocks, wie es im mecklenburgischen Naschendorf der Fall war: Tino Streif, der Vorsitzende des NPD-Kreisverbandes Nordwestmecklenburg, übernahm mit gleichgesinnten Familien den Großteil einer Neubausiedlung, die deshalb auch umgangssprachlich als »Führerbunker« bezeichnet wurde. Mittlerweile bauen »Sippen« oder einzelne Mitglieder eigene Siedlungen. Im Raum Güstrow, erwerben so genannte völkische Siedlerinnen und Siedler seit Anfang der neunziger Jahre Land und versuchen, die Region mit ihrer Ideologie und Lebensweise zu beeinflussen und zu dominieren. Einige von ihnen stammen aus alt eingesessenen Sippen aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein. In den Sippen und Familien werden Geschlechterrollen und Erziehungsprinzipien durchgesetzt und gefestigt, in dem sie auch auf kultureller Ebene Anwendung finden. Die Pflege des »germanischen« Brauchtums spielt bei vielen Rechtsextremen eine wichtige Rolle: Das Brauchtum gilt als kulturelles Selbstverständnis der Volksgemeinschaft und wird in gemeinsamen Festen und Ritualen, traditioneller Kleidung und Symbolen wie z.B. Runen ausgedrückt.

Überlebenstraining für den Ernstfall: völkische Jugendfahrten und Zeltlager

In rechtsextremen Gruppierungen werden häufig Wanderungen sowie Zeltlager für Familien, besonders für deren Kinder und Jugendliche angeboten. Hier geht es um das Erleben von Gemeinschaft und um die Vermittlung von Ideologie. Aufgrund der dominierenden Vorstellung, der zufolge die Volksgemeinschaft ständig von außen bedroht sei, werden diese Angebote nicht nur zum gemeinsamen Feiern genutzt. Sie finden vor allem als Überlebenstrainings statt, vermittelt wird eine Kampfhaltung. Die Gruppen, die diese Veranstaltungen organisieren, stehen in der völkischnationalistischen Tradition der Bündischen Jugend, die sich in der Weimarer Republik entwickelte. Ihnen geht es nicht um eine interessierte Erkundung der Pflanzen- und Tierwelt, sondern um eine praktische Vorbereitung auf den vermeintlich immer drohenden Ernstfall, den feindlichen Angriff auf die Volksgemeinschaft. Eine völkische Erziehung sowie die komplette Unterwerfung unter die Gemeinschaft und Autoritäten stehen im Vordergrund. Die Kinder sollen abgehärtet werden, Schwäche und Krankheit werden verachtet, es soll Zucht und Gehorsam herrschen.

Rituale, in denen Kinder und Jugendliche Grenzerfahrungen machen, Mutproben und Gewaltmärsche zählen zum Alltag in den Zeltlagern. Soldatische Tugenden, Durchhaltevermögen und Härte werden besonders in der Erziehung von Jungen hochgehalten, der entsprechende militärische Drill wird auf die Kinder angewandt. Mädchen werden eher auf ihre Rolle als Mütter und Hausfrauen vorbereitet, z.B. in Back- und Strickkursen. Die völkische, antisemitische Ideologie, geschichtsrevisionistische Schulungen sind für alle teilnehmenden Kinder und Jugendlichen bindend, sie werden hier in entsprechende Feindbilder sozialisiert.

Auch bei der »Interessensgemeinschaft Fahrt und Lager« (IG Fahrt und Lager) richtet sich Freizeitgestaltung nach soldatischen Tugenden: Der Arbeitskreis gehört zu den »Jungen Nationaldemokraten« (JN), der Jugendorganisation der NPD. Er orientiert sich an der »Heimattreuen Deutschen Jugend«, die wegen ihrer Nähe zur Weltanschauung der Nationalsozialisten verboten wurde. Laut einer Bundestagsanfrage aus dem Jahr 2012 sind »Übungen zur ›Selbstverteidigung‹, Verhalten im Gelände, die ›Eroberung‹ einer Fahne sowie Gotcha-Spiele teilweise Bestandteil von Programmangeboten der JN. Diese können im Einzelfall auch geeignet sein, einen paramilitärischen Eindruck zu erwecken«. Auch bei der »IG Fahrt und Lager« zählen körperlicher Drill und die Unterordnung unter Gemeinschaft zu entscheidenden Werten: »Überwinde Ich-Sucht und Trägheit und schließe dich uns an«, heißt es auf der Homepage der Organisation. Und auch die Rolle der Geschlechter in der Gemeinschaft ist klar benannt: »Mann und Frau gehören im Kampf um Deutschlands Freiheit zusammen«, heißt es dort weiter. Jennifer Scholz*, die an einer Universität im Bundesland studiert, gehört zur JN. Sie ist sehr aktiv in der rechtsextremen Szene, nimmt an Demonstrationen teil und war früher Mitglied der »Sternberger Narzissen«. Im Jahr 2010 wurde am Kirchturm des Ortes eine Hakenkreuzfahne gehisst. Eine breite zivilgesellschaftliche Auseinandersetzung erfolgte nicht.

Gruppen, die diese Zeltlager anbieten und durchführen, sehen sich selbst als Eliteorganisationen an. In der Gegend um Wismar siedeln mehrere Familien, die dem Umfeld des »Sturmvogel« zuzurechnen sind. Die Fahrten und Lager des »Sturmvogel« finden geschlechtergetrennt statt, für die Kleinsten gibt es das so genannte »Pimpfenlager«. Imgard Brohm (Name geändert, der Redaktion bekannt), die zum »Sturmvogel«-Kreis gehört, wohnt in einem kleinen Ort in der Nähe von Wismar. Sie stammt aus einer völkischen Sippe aus Hessen. Ihr Vater ist Vorsitzender eines Kreisverbandes der NPD. Sie selbst arbeitet als Hebamme. Dieser Beruf wird innerhalb der Szene oft strategisch erlernt und eingesetzt: Es geht darum, als Geburtshelferin ideologischen Einfluss nehmen zu können. Frau Brohm* versuchte mit Gleichgesinnten bei der Gründung einer Kindertagesstätte entscheidende Posten zu besetzen. Als aber einem Nachbar der Familie auffiel, das bei den Brohms* immer wieder von »Kameraden« die Rede war und ein Sohn der Familie sich darüber freute, an einem »Pimpfenlager« teilnehmen zu können, informierte er sich über die völkische Ausrichtung der Familie und des Jugendbundes und ging mit diesem Wissen an die Öffentlichkeit. Nach erfolgloser Diskussion zwischen den Brohms* und den anderen Gründerinnen und Gründern der Kindertagesstätte, setzten letztere eine Vereinsklausel durch, die eine Mitgliedschaft von Menschen mit rechten Ideologien ausschloss.

Übersehen und unterschätzt: Rechtsextreme Frauen in Kita und Schule

In den hier beschriebenen Jugendorganisationen sollen Kinder völkisch-nationalistische Werte erlernen. Sie gelten in der extremen Rechten als Gegenpol zur staatlichen Erziehung in Kindertagesstätten und Schulen, der sich die Familien nicht entziehen können. Demokratie und Weltoffenheit, die hier als Prinzipien gelten, stehen den Inhalten, die die Kinder rechter Eltern zu Hause lernen, unmittelbar entgegen. Neonazis versuchen, ihre Kinder so weit wie möglich aus dem Einzugskreis des Staates herauszuhalten und sie von allen Einflüssen, die nicht ihrer Weltanschauung entsprechen, zu isolieren.

Vor diesem Hintergrund versuchen Rechtsextreme, ihre eigenen Erziehungsinstitutionen zu gründen und auf bestehende einzuwirken. Als 2010 zwei Fälle von Kitaneugründungen in Vorpommern bekannt wurden, reagierte die damalige Sozialministerin Manuela Schwesig mit dem so genannten Kita-Erlass. Alle Mitarbeitenden neu gegründeter Kitas müssen nun unterzeichnen, dass sie sich demokratischen Grundwerten verpflichtet fühlen. Dass diese Erklärung nur ein erster Schritt sein kann, zeigt die Praxis: Seit 2010 bietet »Lola für Demokratie in Mecklenburg-Vorpommern e.V.« Beratungen und Fortbildungen für Pädagoginnen und Pädagogen aus Kindertagesstätten an. Viele Praktikerinnen und Praktiker sind herausgefordert und oft überrascht, wenn sie in der Kita mit Erscheinungsformen von Rechtsextremismus konfrontiert sind, auf Ebene der Arbeit in der Elternvertretung, im Kollegium und hinsichtlich von Fragen der pädagogischen Arbeit mit Kindern.

Extrem Rechte versuchen, auf bestehende staatliche und nichtstaatliche Bildungseinrichtungen einzuwirken. Rechtsextreme Frauen und Mütter gehen hier oft äußerst strategisch vor: Sie wissen, dass sie häufig mit ihrer Weltanschauung für Außenstehende unsichtbar bleiben und setzen dies gezielt ein, um ihre Ideologie in den Kitaalltag einzubringen. Äußerst selten wird die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass Frauen sich politisch und im Besonderen rechtsextrem engagieren und der extrem rechten Szene angehören könnten. Doch mit dieser eingeschränkten Wahrnehmung gerät aus dem Blick, dass eine Vielzahl rechtsextremer Frauen in der Szene aktiv ist und sich in die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft einbringt.

Oft werden rechtsextreme Frauen, die sich ehrenamtlich in Kindertagesstätten, Schulen, Jugendzentren und Vereinen engagieren, mit ihren politischen Meinungen übersehen und nicht erkannt. Das Vorgehen ist oft sehr strategisch: In einem ersten Schritt gehen die Frauen auf die hauptamtlichen pädagogisch Tätigen und andere Eltern zu, versuchen Vertrauen aufzubauen und sich sozial zu engagieren, z.B. schlagen sie vor, den Spielplatz in einer gemeinsamen Aktion wieder aufzubauen. Sie bieten Hilfe an vielen Orten an: backen einen Kuchen für das Schulfest, sind aktiv als freiwillige Sporttrainerin beim Kinderschwimmen. In einem zweiten Schritt, – wenn eine vertrauensvolle Beziehung zu anderen Eltern und den Pädagoginnen und Pädagogen aufgebaut ist, engagieren sie sich in der Elternvertretung der Kita und bringen hier ihre Ideologie sukzessive ein. Das kann z.B. so aussehen, dass sich eine Mutter auf der Elternversammlung gegen das Flüchtlingsheim in der Nachbarschaft ausspricht und diskriminierende Bilder über die dort lebenden Familien verbreitet. Oder es wird gefordert, dass Bilder mit migrantischen Kindern, die an den Wänden der Kita hängen, doch ausgetauscht werden können mit Bildern auf denen ausschließlich weiße Kinder zu sehen sind. Wenn jedoch rassistische Aussagen über Flüchtlinge oder die Position »solche Kinder haben wir hier doch eh nicht, da brauchen wir sie auch nicht auf den Bildern an den Wänden sehen«, nicht als problematisch wahrgenommen werden sondern auf Unsicherheit oder gar Zustimmung stoßen, haben die Kitas ein Problem. Dann werden die Aktivitäten der rechtsextremen Frauen als solche gar nicht erkannt, sie schließen unbemerkt an weit verbreitete Alltagsrassismen an und bringen im Weiteren ihre Ideologien und Vorstellung ein.

Die extrem rechten Frauen werden oft als Bereicherung gesehen und gelten als motivierte Unterstützerinnen in Bereichen, in denen es häufig an freiwilliger Mithilfe fehlt. Doch vertreten sie nicht weniger als ihre Ehemänner, Brüder und Gesinnungskameraden eine rassistische, menschenfeindliche Einstellung. Im Vergleich zu vielen Männern, die sich in NPD oder Kameradschaftskreisen engagieren, lassen rechtsextreme Frauen, die sich im sozialen Bereich engagieren ihre Gesinnung oft unbemerkt einfließen, ohne dass sie über öffentliche Positionierungen und offensichtliche Argumentationen und entsprechendes Auftreten darauf festgelegt werden könnten. Werden rechtsextrem engagierte Frauen auf ihre Weltanschauung angesprochen, verweisen sie häufig darauf, dass sie selbst völlig unpolitisch seien, auch wenn der eigene Mann einen rechten Posten bekleide. Gleichzeitig bringen sie ihre politischen Inhalte in zwischenmenschliche Verbindungen ein. Eine Weltanschauung drückt sich in allen Bereichen des Lebens aus, sie zeigt sich nicht nur in der Art und Weise wie Menschen reden sondern auch in spontanen Handlungen, über die nicht weiter nachgedacht wird. Insofern ist es durchaus problematisch, wenn eine rechtsextrem engagierte Frau pädagogisch mit Kindern arbeitet: Es ist nicht so, dass sie ihre politische Überzeugung vor der Tür der Kita ablegt und hier die gute und nette Pädagogin sein kann. Vielmehr zeigt sich ihre Haltung auch in der Arbeit mit den Kindern: Wenn eine Person davon ausgeht, dass Menschen unterschiedlich viel wert seien, so zeigt sich dies auch in der Arbeit mit Kindern, die z.B. Deutsch als Zweitsprache sprechen, eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung haben, jüdisch oder muslimisch sind oder bei Eltern aufwachsen, die keinen festen Wohnsitz haben oder sich politisch links engagieren. Insofern ist der Einfluss extrem rechter Frauen nicht erst problematisch, wenn sie äußern, dass ihre Kinder nicht mit nicht-deutschen Kindern spielen sollen. Eine demokratische Haltung und ein verlässlicher Schutz derjenigen Kinder, die von rechtsextremer Ideologie und Ausgrenzung betroffen sind, ist die allerwichtigste Haltung, die pädagogische Fachkräfte mitbringen und vertreten sollten.

Wenn ein Kindergeburtstag zum Politikum wird

In einer Kleinstadt in Westmecklenburg, in der mehrere NPD-Kader wohnen, sind mehrere Frauen im Erziehungsbereich tätig und gleichzeitig rechtsextrem aktiv. Die Enkelkinder einer NPDAbgeordneten und die Kinder von einer Frau, deren Mann zur Führung der Landes-NPD gehört, sind in einer örtlichen Kindertagesstätte untergebracht. »Die Frauen gehören immer mit zu den ersten, die ihre Hilfe anbieten, wenn wir etwas organisieren«, berichtet eine Mitarbeiterin der Kita. »Auch wenn wir versuchen, die anderen Eltern vorher zu fragen, fehlt es bei denen leider häufig an Zeit oder Motivation«, erklärt sie weiter. Tatsächlich haben viele Eltern nicht genug Zeit, um sich freiwillig zu engagieren. Diese Leerstelle können rechtsextreme Eltern nutzen, um sich einzubringen und unentbehrlich zu machen. Die harmlosesten alltäglichen Strukturen werden so zum Politikum: Rechtsextreme Eltern bilden Fahrgemeinschaften und bieten an, andere Kinder mitzunehmen. Sie laden zu Kindergeburtstagen ein oder bleiben einfach auf einen Schwatz mit der Erzieherin für ein paar Minuten länger. »Die kennen sich alle schon seit Jahren und duzen sich auch. Das können wir denen nicht verbieten«, berichtet eine Vorgesetzte aus dem Trägerverein der Kita. »Die Erzieherinnen sagen, sie würden sich über nichts Politisches unterhalten, aber dann kommt raus, dass die Rechten mit ihnen doch über den letzten rechten Trauermarsch für die Bombenopfer in Dresden gesprochen haben«. So fließt die rechtsextreme Weltanschauung über den ganz alltäglichen Umgang miteinander in die sozialen Zusammenhänge mit ein.

Besonders schwierig gestaltet sich der Umgang mit der Situation im Erziehungsbereich, weil die Kinder nicht für die Weltanschauung der Eltern belangt werden sollen, diese aber über ihre Kinder politischen Einfluss nehmen wollen. Einige der Kinder fallen dadurch auf, dass sie Hakenkreuze oder Runen zeichnen und dies auf Nachfrage mit anerzogenen extrem rechten Argumenten verteidigen. Manche Kinder weigern sich, mit Kindern zu spielen, die eine andere Hautfarbe oder eine Beeinträchtigung haben. Diese Positionen denken sie sich nicht selber aus, sie lernen – in diesem Falle sehr wahrscheinlich im Elternhaus und dessen Umfeld – zu diskriminieren. Manche Kinder – so berichten Pädagoginnen und Pädagogen – vermitteln diese Ideologie durch Zeichnungen und Sprüche sehr direkt, verhalten sich ausgrenzend gegenüber anderen Kindern oder werden auffällig durch eine Orientierung an Gewalt, die sich in Sprache und anderen Handlungen zeigt. Solche sehr eindeutigen Verhaltensweisen von Kindern treten jedoch nicht zwangsläufig auf, es kann durchaus sein, dass extrem rechts sozialisierte Kinder dadurch »auffallen«, dass sie besonders zurückhaltend sind, wenig von zu Hause, z.B. vom Wochenende, erzählen, besonders »gut spuren«. Dies können Folgen eines autoritären Erziehungsstils sein und der Anforderung, das Privatleben nicht ins Außen zu tragen, – eine starke Einschränkung für Kinder. Sie bekommen von ihren Eltern frühzeitig Gehorsam und Pflichtbewusstsein beigebracht und auch traditionelle Geschlechterrollen sind Teil der Erziehung: Mädchen tragen Kleider und Zöpfe und werden zu Haus- und Handarbeiten angeleitet, Jungen werden stärker körperlich gedrillt. »Gerade bei den Jungen zeigt sich im späteren Laufe des Heranwachsens, dass sie die radikalen Ansichten ihrer Eltern vertreten und dabei durchaus auch aggressiv auftreten«, berichtet ein Mitarbeiter einer Schule in der Kleinstadt. Bei den Mädchen würden sich die Schulungen der Rechten zeigen, weil sie häufig auch Interesse an einer Laufbahn im Erziehungsbereich zeigen würden. »Für uns sind alle Kinder gleich, die Eltern aber nicht«, betont die Leiterin des Kita-Trägervereins. »Das Wichtigste ist es, über die Situation zu reden und gegen die Rechten zusammen zu halten«, beschreibt sie ihre Erfahrungen. Die Kita-Angestellten haben sich Unterstützung von einer regionalen Beratungsstelle für demokratische Bildung geholt und an einer Fortbildung zum Thema teilgenommen. Der Trägerverein der Kita versucht auch im Umfeld der Kita wachsam zu sein und prüft die Zulieferer, wie zum Beispiel Firmen, die das Essen für Kitas liefern. Die Dienste eines Hausmeisterbetriebes wurden bereits abgelehnt, weil der Verdacht auf rechte Mitarbeitende bestand.

Auch in einer Schule in der Kleinstadt sind rechte Frauen vertreten. Silke Zimmer*, die aus einer rechten Sippe aus Niedersachsen stammt und deren Mann in der NPD aktiv ist, hat einen Platz im Schulelternrat. Und auch Heidrun Peters*, die im sozialen Bereich tätig ist und im Schulförderverein der örtlichen Regionalschule sitzt, stammt aus rechten Kreisen: Ihr Mann bietet im örtlichen Veranstaltungsort der Rechten, Plattdeutsch-Abende an. Auffällig wurde seine Haltung, als die Schule in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Ausstellung zu »Demokratie und Rechtsextremismus« organisierte und Olaf Peters* sie dafür kritisierte. Ein Mitarbeiter der Schule berichtet, dass sich Olaf Peters* aggressiv in der Diskussion verhalten habe und zieht als Schluss daraus: »Mit Nazis darf man nicht diskutieren. Die hören gar nicht zu, weil es ihnen nicht um Argumente geht, sondern nur um Belehrungen.«

Gezielt beginnen Rechte auch, ihre Kinder in Privatschulen, Freien Schulen oder Waldorfschulen unterzubringen. Das Wissen um diese Strategie ist noch gering, aber auch hier beginnt sich nach ersten Erfahrungen eine Sensibilisierung für das Thema und Widerstand zu regen. »Wir haben die ›Stuttgarter Erklärung‹ des Bundesverbandes der Waldorf-Schulen öffentlich ausgehängt, in dem die Schulen sich gegen Rassismus und menschenfeindliche Einstellungen positionieren, um unsere Haltung zu den Rechten klar zum Ausdruck zu bringen«, berichtet die Geschäftsführerin einer Waldorfschule in Rostock. Und auch in der Freien Schule in Güstrow hat der Schulleiter aus früheren Erfahrungen Konsequenzen gezogen: »Wir führen ausführliche Bewerbungsgesprä- che durch, bei denen die pädagogische und die demokratische Grundeinstellung der Bewerber eine wesentliche Rolle für die Einstellung spielen«. Wachsamkeit ist weiterhin wichtig: So berichtet eine Pädagogin, dass rechtsextreme Familien nun beginnen, ihre Kinder auf verschiedene Einrichtungen in der Region zu streuen, um deren Unterbringung weniger auffällig zu organisieren und Institutionen, die bereits Erfahrung haben, zu meiden. 

Gleichzeitig engagiert sich die NPD im Bereich Sozial- und Familienpolitik. Stefan Köster, Landesvorsitzender der NPD Mecklenburg-Vorpommern, kritisiert die zukünftige Anhebung der Versicherungssummen für Hebammen – natürlich im Namen der Volksgemeinschaft. Mutterschaft und Erziehung sind Themen, über die Neonazis immer wieder leicht Einfluss auf gesamtgesellschaftliche Strukturen nehmen können, weil sie als Privatsphäre und Frauendomäne vielfach immer noch als unpolitisch gelten. Gerade deshalb muss hier besondere Aufmerksamkeit auf den Umgang miteinander gerichtet werden.

Fortbildungsangebote:
Was können Erzieherinnen und Erzieher tun, wenn sie mit rechtsextremen Eltern konfrontiert sind? Wie kann die Arbeit mit Kindern aus rechtsextremen Familien gestaltet werden? Welche Unterstützungs- und Beratungsangebote gibt es? Was kann ein Team und der Träger einer Einrichtung tun, wenn festgestellt wird, dass sich ein Kollege oder eine Kollegin rechtsextrem engagiert? Diese und weitere Fragen werden in den Fortbildungen der Fachstelle Gender und Rechtsextremismus der Amadeu Antonio Stiftung und des Vereins »Lola für Demokratie in Mecklenburg-Vorpommern e.V.« für Kita-Personal beantwortet. In den Fortbildungen werden Symbole und Kennzeichen der rechten Szene erklärt und die Teilnehmenden mit gängigen rechtsextremen Argumentationsmustern vertraut gemacht. Weiterhin werden konkrete Fallbeispiele aus der Praxis vorgestellt und diskutiert. Im Sinne kollegialer Fallberatung können diese und weitere Beispiele gemeinsam beraten werden, um Handlungsoptionen zu klären. Neben den pädagogischen Fragen werden auch juristische und den Träger betreffende Handlungsoptionen geklärt. Zentral geht es hier um die Entwicklung eines demokratischen Leitbildes, das den Kolleginnen und Kollegen einer pädagogischen Institution sowie den Leitungskräften auf Trägerebene Handlungssicherheit gibt, wenn es zum Beispiel zu Fragen der Kündigung einer rechtsextremen Kollegin kommt. Grundsätzlich geht es insbesondere um die dezidierte Wahrnehmung des Phänomens und die genaue Aushandlung im Team, was unter Rechtsextremismus verstanden wird und was dies für die pädagogische Haltung bedeutet. Die Fachstelle Gender und Rechtsextremismus der Amadeu Antonio Stiftung bietet in Kooperation mit dem Verein »Lola für Demokratie in Mecklenburg-Vorpommern e.V.« auch Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer, Fachkräfte der sozialen Arbeit, Pflegekräfte, Personal aus Jugendämtern etc. an. Weitere Informationen dazu finden Sie hier: www.lola-fuer-lulu.de/was-wir-tun/fortbildungen/

Dieser Text ist ein Auszug aus der Broschüre:

Frauen und Rechtsextremismus in Mecklenburg-Vorpommern.

Eine Broschüre des Vereins „Lola für Demokratie in Mecklenburg-Vorpommern e.V.“ im Auftrag des Landesfrauenrates M-V e.V.in Kooperation mit der Amadeu Antonio Stiftung.2015

 

Die Broschüre gibt es hier als pdf zum Download.Eine Printversion können Sie hier bei der Amadeu Antonio Stiftung bestellen

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