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Fake News zur Bundestagswahl?

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(Quelle: canva/btn)

 

 

Die Verbreitung von Fake News, also absichtlich geteilten falschen oder irreführenden Informationen mit dem Ziel, einer Person, Organisation oder Institution zu schaden, ist durchaus kein neues Phänomen. Allerdings geschieht sie heutzutage über neue Kanäle wie Facebook und Twitter, die eine ungleich größere Reichweite als die klassischen Medien mit sich bringen. Doch spielt der neue Trend der Desinformation hierzulande eine einflussreiche Rolle? Dieser Frage hat sich Alexander Sängerlaub gewidmet, Leiter des Projekts “Measuring Fake News” bei der “Stiftung Neue Verantwortung”. In der Woche vor der Bundestagswahl veröffentlichte er ein Papier zum Thema Fake News und ihrem Einfluss auf die Bundestagswahl in Deutschland.

 

USA vs. Deutschland

 

In den USA ist es umstritten, ob Fake News eine ausschlaggebende Wirkung auf die Wahlentscheidung hatten. Was jedoch als sicher gilt, ist, dass rechte Nachrichtendienste wie das Breitbart News Network sehr erfolgreich die Themenagenda während des Wahlkampfes mitbestimmten. Dadurch war die Diskussion um Falschnachrichten auch in den „Mainstream-Medien“ allgegenwärtig. Nicht zu vergessen ist, dass es neben dem rechten Nachrichtennetzwerk noch weitere Quellen für Fake News gibt. Eine nicht unbedeutende twittert täglich aus dem Weißen Haus.

In Deutschland sei die Situation jedoch eine andere, so Sängerlaub. Hierzulande genießen die Medien im Allgemeinen, der öffentlich-rechtliche Rundfunk im Besonderen, ein verhältnismäßig großes Vertrauen der Bürger_innen und seien nach wie vor Hauptnachrichtenquelle. In den USA hingegen bezögen immer mehr Menschen ihre Nachrichten aus den Sozialen Medien. Dort sei auch die politische Landschaft sehr viel polarisierter als in Deutschland.

Außerdem würde das Problem der Fake News durchaus in den deutschen Medien thematisiert und die Bevölkerung für den Umgang mit ihnen sensibilisiert. Daher träfen Fake News “in Deutschland auf einen geringeren Nährboden als in den USA.”

Hinsichtlich der Bundestagswahl erklärte Sängerlaub, es sei anzunehmen, “dass auch in diesem Wahlkampf die wichtigste Informationsquelle der Deutschen das Fernsehen bleibt, in dem ARD und ZDF – laut Rundfunkstaatsvertrag – sich pluralistisch und ausgewogen der Meinungsvielfalt zu widmen haben.” Dies stehe wiederum diametral der Medienlogik von FOX News oder Breitbart gegenüber.

 

Fake News vs. Lügenpresse

 

Doch auch, wenn Falschnachrichten in Deutschland auf weniger fruchtbaren Boden treffen, ist es sinnvoll, sich genau anzuschauen, wer sich Fake News ausdenkt, wo und von wem sie verbreitet werden, wem sie schaden und wem sie nutzen. Interessant ist auch, welchen Effekt das Entlarven der Fake News als solche, das sogenannte Debunking, hat.

Schon eine Google-Suche nach “Fake News Deutschland Beispiele” zeigt: Fake News lassen sich meistens in zwei Arten unterscheiden – die, die einfach nur Klicks generieren wollen, und die, die Einfluss auf die politische Meinungsbildung nehmen wollen. Es sind vor allem rechtspopulistische bis rechtsextreme oder verschwörungstheoretische Profile und Seiten, die in Sozialen Medien Fake News verbreiten. Erkenntnisse des ARD-Faktenfinders zeigen, dass häufig Geschehnisse, über die noch nicht viel bekannt ist, verdreht und instrumentalisiert werden, um etwa Angela Merkel zu diskreditieren oder gegen Flüchtlinge zu hetzen.

Kurios ist dabei, dass diejenigen, die lautstark “Lügenpresse” schreien, wenn es um die klassischen Medien geht, jede Menge Falschnachrichten teilen, solange darin steht, was sie lesen wollen. Der ARD-Faktenfinder schreibt dazu: “Personen, die den „Mainstream-Medien“ nichts glauben wollen, tun auch die Angaben von Polizei oder anderen offiziellen Institutionen pauschal als Lügen ab. Man sieht sich umzingelt von bösen Mächten; verschwörungstheoretische Versatzstücke verdichten sich so zu einem geschlossen Weltbild. Die betroffenen Menschen glauben einfach nur noch das, was ihrer Meinung und Weltsicht entspricht. Abweichende oder widersprüchliche Informationen sowie Meinungen werden nicht mehr ernstgenommen bzw. respektiert, sondern nur noch solche Quellen, die das berichten, was man hören will.”

Wenn es darum geht, die Falschheit solcher Nachrichten zu enthüllen, zeigt sich, dass das Debunking sich langsamer verbreitet und sehr viel weniger Interaktion und Reichweite erzielt, als die Fake News selber. Zu diesem Ergebnis kommt auch Sängerlaub mit einem ersten Testcase zu Fake News über Margot Käßmann. Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche hatte bei einer Rede auf dem Kirchentag in Berlin das Parteiprogramm, im Speziellen die Familienpolitik, der AfD kritisiert. “In diesem Zusammenhang fiel Margot Käßmanns Zitat: „Zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern, und da weiß man, woher der braune Wind dann wirklich weht.””

Schnell wurde diese Aussage aus ihrem Kontext gerissen. Die “Nachricht”, Käßmann würde alle Deutschen, die deutsche Kinder bekommen, als Nazis bezeichnen, verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den Sozialen Medien.

 

Screenshot von Facebook (28.09.2017)

 

“Die beiden erfolgreichsten Debunker, der Faktenfinder der Tagesschau und die Berliner Morgenpost, erzielten dagegen selbst zusammengerechnet nicht so viel Social-Media-Reichweite”, heißt es im Paper von Sängerlaub. Als positiv sei aber zu vermerken, dass seriöse Medien nicht auf den Fake-News-Zug aufgesprungen seien, sondern, wenn sie das Thema überhaupt aufnahmen, das Debunking oder Käßmanns Klageandrohung gegen die Verbreiter abdruckten.

Der Einfluss auf potenzielle Wähler_innen mag in diesem Fall nicht besonders stark gewesen sein. Ziel des Projekts “Measuring Fake News” von Alexander Sängerlaub ist es aber, weitere Fake News zu analysieren, vor allem solche, die Bezug zu typischen Wahlkampf-Themen haben. Zudem soll nun, nach der Bundestagswahl, eine Befragung der Wähler_innen durchgeführt werden, um herauszufinden, was von den Falschnachrichten hängen geblieben ist und die Menschen tatsächlich beeinflusst haben könnte.

 

Ein besonders perfides Beispiel

 

In den vergangenen Wochen und Monaten sorgten aber immer wieder Falschnachrichten für Schlagzeilen, deren Intention mehr als offensichtlich ist. Zum Beispiel die Aussage Alice Weidels, dass eine eigene Rubrik für das Delikt Gruppenvergewaltigungen erst seit der zunehmenden Einwanderung von Flüchtlingen notwendig sei. Fakt ist jedoch, dass hunderte solcher Delikte bereits seit den 80er Jahren in der polizeilichen Kriminalstatistik erfasst wurden.

Ein besonders perfider Fall von Desinformation sorgte nur wenige Tage vor der Bundestagswahl bei Facebook und Twitter für Aufregung. Ein Bild zeigt eine blonde Frau mit zerzaustem Haar, hinter ihr eine Menschenmenge aus Männern mit dunkler Hautfarbe. Die Aufschrift “Weißt du noch…? Silvester…!” soll die Assoziation von sexualisierten Übergriffe in der Kölner Silvesternacht 2015/2016 wecken. Unten rechts auf dem Bild das AfD-Logo, daneben der Hashtag “#gehwaehlen”. Sowohl der AfD Kreisverband Regensburg als auch Thomas Matzke, Ex-AfD-Bundestagskandidat teilten das Bild. Letzterer mit folgendem Kommentar:

 

Screenshot von Facebook (26.09.2017)

 

Was die AfD damit, wie auch Alice Weidel mit ihrer Aussage über Gruppenvergewaltigungen, für eine Botschaft senden wollen, ist klar: Migranten, vor allem aus dem nordafrikanischen/arabischen Raum, die angeblich ihre sexuellen Triebe nicht unter Kontrolle hätten, seien eine Bedrohung für die weiße, blonde, deutsche Frau. Wer diese schützen wolle, solle am 24. September AfD wählen.

Recherchen von bild.de und der amerikanischen Internet-Plattform DFRLab ergaben jedoch, dass es sich hier um eine Fotomontage handelt, deren Bestandteile schon wesentlich älter sind als die Silvesternacht 2015/2016. So ist im Vordergrund das britische Model, Danica Thrall, zu sehen. Die ursprüngliche Aufnahme stammt von einem Shooting für das Männermagazin „FHM“ im Jahr 2010. Der Hintergrund zeigt die Tahrir-Proteste in Kairo 2011, bei denen die südafrikanische Fernsehjournalistin und Krisenreporterin vom CBS, Lara Logan, tatsächlich während der Proteste in Ägyptens Hauptstadt sexuell belästigt und missbraucht wurde. Ihr Kopf wurde lediglich durch den von Danica Thrall ersetzt. Laut bild.de wurde die Montage zum ersten Mal im September 2015 auf einer rassistischen Webseite veröffentlicht. Dort bebilderte sie einen Artikel mit dem Titel “The Planned Genocide Of White Europeans”.

Die Bearbeitungen für die AfD-Version wurden, nach BILD-Informationen, erst Anfang September 2017 vorgenommen. In einem anonymen Forum wurde es zusammen mit anderen gefälschten Wahlplakaten zur Verfügung gestellt, nebenbei rief der Betreiber zu Spenden für die AfD auf. Mitte September teilten dann die oben genannten AfD-Kreisverbände und Personen das Bild auf Facebook und Twitter.

Dass damit auf rassistische und aggressive Art gegen Migrant_innen gehetzt wird, ist schon schlimm genug. Dafür aber die Aufnahme von einem tatsächlichen sexualisierten Übergriff zu missbrauchen und diesen auch noch mit einem Ausschnitt aus einer erotischen Fotografie zu kombinieren, ist einfach nur widerlich.

 

“Hauptsache, die Message stimmt”

 

Nach den Enthüllungen von bild.de und DFRLab hat der AfD Kreisverband Regensburg zugegeben, dass das Bild nicht echt sei, bestreitet jedoch, es in diesem Wissen geteilt zu haben: „Dieser Beitrag wurde im Unwissen über eine Fotomontage geteilt. Eine Täuschung unsererseits war also nicht beabsichtigt.“, schrieb der Kreisverband auf Anfrage von BILD. Allerdings erklärte ein Vertreter des Kreisverbands, er persönlich sei der Meinung gewesen, bei dem Bild handele es sich um ein Symbolfoto, dass “somit keine Authentizität für sich beansprucht”. Diese Vermutung spricht dafür, dass ihm klar war, dass das Bild nicht aus dem beschriebenen Kontext stammt. Zumal darauf auch weitere Indizien hinweisen, wie zum Beispiel, dass die Montage “von Rechtsextremisten zusammen mit weiteren dreisten Fälschungen anderer Parteiplakate angeboten” wurde und bereits vor der Silvesternacht in Köln auf diversen Webseiten verbreitet wurde.

Auch die Aussage des AfD-Sprechers, Christian Lüth, “Hauptsache, die Message stimmt.“ bestätigt das Bild, dass es der AfD nicht um Fakten geht. Vielmehr kann und soll jede Information, entspreche sie nun der Wahrheit oder nicht, verbreitet werden, solange ihr Inhalt den “richtigen” Zweck erfüllt. Die Message hier heißt: Rassismus.

 

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