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Gute Geschäfte Wie „Querdenken“ mit Verschwörungen Geld verdient

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"Querdenken" Gründer Michael Ballweg mit "Querdenklen"-Jacke (69,90 Euro), bei einer Demonstration in Bochum. (Quelle: picture alliance/dpa | Fabian Strauch)

Geld verdienen in Zeiten der Krise? „Querdenken“ macht es vor. „Querdenken“ ist offenbar auch weiterhin eine One-Man-Show um den Baden-Württemberger Michael Ballweg, der seine Unterstützer*innen zu Schenkungen aufruft. Offenbar lässt sich der „Querdenken“-Chef auch für Auftritte bezahlen. Währenddessen berichtet ein Aussteiger von sechsstelligen Umsätzen von „Honk for Hope“, einer „Querdenken“-nahen Initiative von Busunternehmen, die Corona-Demonstrant*innen durch die Republik bewegen.

„Querdenken“ ist weder Verein, Firma, noch Stiftung. Dem rbb sagte Gründer Michael Ballweg, es handele sich um eine „demokratische Bewegung“. In einem Interview mit dem Verschwörungsideologen Ken Jebsen spricht er von einer Organisation ohne Spitze. Recherchen von Netzpolitik und dem „ZDF Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann zeigen auf, dass „Querdenken“ vor allem eins ist: Michael Ballweg selbst. Das scheint lukrativ zu sein. Ballweg schloss mit einem Unternehmer aus Baden-Württemberg einen Vertrag ab, der ihm 20.000 Euro bringen sollte. Einnahmen von Fanartikeln, für die in Telegramgruppen der Bewegung offensiv geworben wird, gehen zum Teil an Ballweg, lokale Initiativen sehen offenbar nichts von den Erlösen. Für mehrere Variationen des Namens „Querdenken“ mit der jeweiligen Ortsvorwahl hat Ballweg Markenrechte eingetragen. Anhänger*innen und Fans werden immer wieder um Geld gebeten. Allerdings nicht als Spende, sondern als Schenkung auf ein privates Konto von Ballweg. Für das Geschäftsmodell hat Jan Böhmermann den Stuttgarter IT-Unternehmer jetzt ausgezeichnet: als „Corona-Unternehmer des Jahres“. 

Thomas Hornauer ist ein Unternehmer aus Baden-Württemberg, der mit Erotik- und Flirthotlines Millionen verdient haben soll. 2003 kaufte er den Regionalsender B.TV und baute dessen Programm mit Call-In-Gewinnspielen und Wahrsager-Beratungsshows um. Auch nachdem Verbindungen zu einer sektenähnlichen Gemeinschaft aus Bayern aufgetaucht waren, wurde die Sendelizenz von B.TV 2004 nicht mehr verlängert. Jetzt steht Hornauer bei „Querdenken“ auf der Bühne und macht Musik. In einem Video aus dem Juni 2020 ist zu sehen wie Hornauer, gekleidet in einem langen weißen Gewand, vor einer Trommel mit abgelegten Edelstein die „Querdenker*innen“ zum Tanzen animiert. Aber er bleibt in dem Video, das in Leonberg aufgenommen wurde, nicht allein auf der Bühne. Michael Ballweg höchstpersönlich kommt in den letzten Minuten dazu und tanzt mit. „Michael und ich, wir hauen uns jetzt nochmal rein für euch!“, schreit Hornauer ins Telefon.

Ein Tanz für 5.000 Euro

Netzpolitik sagt Hornauer, dass er Ballweg für den Kurzauftritt 5.000 Euro gezahlt habe: „In Deutschland musst du viel Geld in die Hand nehmen, dass du mal Tausend Leute zusammenkriegst“, so Hornauer. Mindestens dreimal sind die die beiden zusammen aufgetreten. Und eigentlich wäre es noch teurer für Hornauer geworden. Ballweg und „Querdenken-711“ stellen eine Rechnung, die Bankverbindung ist ein privates Konto von Ballweg. Mit 15.000 Euro sollte sich Hornauer an den Produktionskosten für drei „Querdenker“-Veranstaltungen beteiligen. Mittlerweile hat sich Hornauer offenbar von „Querdenken“ distanziert. Ballweg bestätigt: „Drei Viertel der vereinbarten Vergütung stehen noch aus.“

In einem eigenen Onlineshop vertreibt „Querdenken“ mittlerweile 69 unterschiedliche Artikel. Der Shop wird regelmäßig über Telegrammgruppen der Bewegung beworben. Es gibt Mützen, Hoodies, Jacken und Aufkleber, alles inklusive Logo. T-Shirts werden für 24,95 Euro verkauft, Jacken für 69,90. Dabei kann man immer wieder auch Versionen für andere Städte finden, die also nicht die Vorwahlnummer von Stuttgart, 0711, enthalten –  z.B. „Querdenken-751“ für Ravensburg, „Querdenken-911“ für Nürnberg oder „Querdenken-341“ für Leipzig. „Querdenken“ arbeitet dabei mit MerchYou zusammen, einer Firma aus Nordrhein-Westfalen. Zwischen zwölf und sechs Prozent des Verkaufspreises pro Artikel gehen offenbar an „Querdenken“. Allerdings nicht an die regionalen Ableger in zum Beispiel Ravensburg, Nürnberg oder Leipzig. „Das Geld geht nach Stuttgart“, berichtet eine Aktivistin aus Frankfurt Netzpolitik.

Schenken statt spenden

Im Juli rief Ballweg bei einer Kundgebung in Mannheim zu Spenden auf und erwähnte ein „offizielles Spendenkonto“. Später sagt er, dass er keine Spenden sammele, sondern Schenkungen annehme. Bei Schenkungen gibt es keine Nachweispflicht darüber, wofür sie verwendet werden, ganz im Gegensatz zu Spenden.

Die Schenkungen landen auf einem privaten Konto von Michael Ballweg. Wieviel ihm die „Querdenker*innen“ bisher überwiesen haben, macht Ballweg nicht öffentlich. In einer Pressemitteilung schreibt „Querdenken“: „Anders als Parteien unterliegt der ‚Querdenken‘-Gründer als Privatperson keiner Transparenzpflicht.“

Alle Recherchen von Netzpolitik und ZDF Magazin Royal finden Sie hier.

Busreisen gegen den Virus und für Gewinne

Schon zu Anfang der Pandemie gründete sich „Honk for Hope“, eine Initiative von Busunternehmen, die schnell zum Umfeld von „Querdenken“ gehörte. „Honk for Hope“ organisiert An- und Abreise von Demoteilnehmenden bei „Querdenken“-Veranstaltungen in ganz Deutschland.

Mitgegründet wurde die Initiative von Joachim Jumpertz, einem 60-jährigen Reisebusunternehmer aus Nordrhein-Westfalen. Nachdem im Juni in internen Telegramgruppen beschlossen wurde, auch Reichsbürgergruppen zu den Demos zu chauffieren, stieg Jumpertz aus der Bewegung aus und engagiert sich – zum Beispiel, indem er am Rande von Demos öffentlich widersprichtund aktiven Widerstand gegen die Erzählungen der Szene leistet. Mittlerweile bekommt er Todesdrohungen.

Als Mitgründer hatte Jumpertz auch Einblick in die Finanzen von „Honk for Hope“. Und auch hier scheint es um eine Menge Geld zu gehen. Im Interview mit t-online sagt er: „Bei den beiden Demofahrten, am 1. und 29. August nach Berlin, wurden insgesamt etwa 10.000 Personen befördert. (…) Macht also 800.000 Euro Umsatz.“ Jumpertz sagt, dass etwa die Hälfte des Geldes an die beteiligten Busunternehmen ging. Die andere Hälfte ist, offenbar nachdem Steuern darauf gezahlt wurden, Gewinn. Ohnehin bot „Honk for Hope“ keine Solidaitätspreise für „Querdenker*innen“ an. Eine Fahrt von Stuttgart nach Berlin kostete am Demowochenende im August etwa 50 Euro über Flixbus. „Honk for Hope“ nahm für die gleiche Strecke 94,27 Euro.

„Querdenken“ und das Umfeld der Initiative rund um Michael Ballweg versucht ein selbstloses Bild von Aktivist*innen zu entwerfen, die alles gegen die angebliche Bedrohung von Freiheit und Demokratie tun. Doch die Verschwörungsgurus verdienen Geld und das wahrscheinlich nicht zu knapp. Mit Angst, Leichtgläubigkeit und Unwissen lassen sich offenbar sehr gut T-Shirts, Hoodies und Busreisen verkaufen.

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