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Hygienedemos Mit Antisemitismus und NS-Vergleichen gegen die neue Weltordnung

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Bei der Hygiendemo in Berlin kleben sich Teilnehmer*innen "Judensterne" an die Kleidung. (Quelle: KA)

Linda Giesel hat im letzten Jahr ein Buch über „NS-Vergleiche und NS-Metaphern“ veröffentlicht. Wir haben mit ihr über die Corona-Demos und ihr Buch gesprochen.

Belltower.News: Du hast dich in deinem Buch mit NS-Vergleichen und NS-Metaphern befasst. Was genau meinst du damit und ist es das, was wir auf diesen Corona-Demos beobachten können?
Linda Giesel: Ja, man kann auf diesen Demos NS-Vergleiche und NS-Metaphern sehen, auch wenn es zum Teil Symbole sind und nicht nur sprachliche Ausdrücke. Auf den Corona-Demos kann man zurzeit ganz verschiedene NS-Vergleiche beobachten, die sich in zwei Funktionsmechanismen unterteilen lassen. Einerseits geht es um eine Dämonisierung der politischen Maßnahmen sowie eine Dämonisierung zentraler Personen, stets als Warnung getarnt. Hierbei werden die Anti-Corona-Maßnahmen mit NS-Methoden verglichen, die angeblich im Holocaust enden sollen. Andererseits geht es um eine Selbstverortung der Teilnehmer*innen als Opfer, nämlich als Opfer der staatlichen Maßnahmen, weshalb sie jetzt den Judenstern tragen, und ein andermal um eine Selbstverortung als diejenigen im Widerstand; deshalb die Bezüge auf die Weiße Rose oder Anne Frank. Das hat natürlich auch die Funktion der Selbsterhöhung. „Wir sind die Erleuchteten, die in den Widerstand gehen.“

Mal für Linguistik-Laien: Was ist der Unterschied zwischen Metaphern und Vergleichen?
Vergleiche und Metaphern sind sprachlich gesehen zwei unterschiedliche Formen, um Analogie-Beziehungen auszudrücken. Meistens wird einfach von NS-Vergleichen gesprochen. Für meine linguistische Analyse war es aber sinnvoll zwischen Vergleichen und Metaphern zu unterscheiden, weil sie sich auf der sprachlichen Ebene unterscheiden, also verschieden ausgedrückt werden. Sie unterscheiden sich zudem in ihrer Rezeption, ihrem Verständnis. Die Verarbeitung von Metaphern geht mit einem höheren kognitiven Aufwand einher. Gemeinsam ist Vergleichen und Metaphern aber ihre Funktion, was die gemeinsame Analyse in diesem Fall interessant macht. Zum einen werden ähnliche Konzepte miteinander verbunden, es gibt zum Beispiel sowohl personenbezogene Metaphern wie Vergleiche: zum Beispiel „Gates ist wie Mengele“ oder „Drosten, der Mengele 2020“. Zum anderen ist die Wirkung ähnlich. Beide erregen Aufmerksamkeit, rufen Empörung hervor und aktivieren Emotionen. Leute, die solche Äußerungen von sich geben oder mit sich tragen, die wissen auch, dass sie damit in vielen Fällen auf Ablehnung stoßen werden. Das ist durchaus einkalkuliert. Um die größte Empörung zu erzeugen, die möglich ist, wird der Effekt, der negativ auch auf sie selbst zurückwirken kann, in Kauf genommen. Die Masse an Judensternen z.B. ermutigt auch andere dabei mitzumachen. Das ist sicher auch ein Grund, warum sich dieses Phänomen so verbreitet hat.

Ist jeder NS-Vergleich und jede NS-Metapher Holocaustrelativierung und ist das in jedem Fall antisemitisch?
Es gibt natürlich unzählige Kontexte und Kommunikationszusammenhänge. Meistens ist es so, dass eine Holocaustrelativierung damit einhergeht, ganz unabhängig davon, was bewirkt werden soll. Das heißt egal ob zur Dämonisierung oder zur Selbstverortung: die Holocaustrelativierung steckt darin. Wenn wir jetzt annehmen, dass die Relativierung der Shoah eine Form des Antisemitismus nach 1945 ist, dann sind diese Äußerungen antisemitisch zu nennen. Was die Sache in diesem konkreten Fall nochmal klarer macht, ist der Kontext der Verschwörungsmythen, die auf antisemitischen Motiven beruhen, und die jetzt noch zusätzlich mit dem NS-Vergleich verbunden werden. Gerade mit Analogien zu KZ, Holocaust oder „wir sind die neuen Juden“ geht die Relativierung automatisch einher, was auch zu einem problematischen Geschichtsbewusstsein beiträgt.

Daneben gibt es aber auch historisch-kritische Vergleiche, die weder relativierend noch antisemitisch sind, etwa wenn Positionen der AfD mit denen der NSDAP verglichen werden. Denn in diesen Vergleichen wird der Nationalsozialismus nicht instrumentalisiert, was die Relativierung mit sich bringt. Es ist wichtig diese Vergleiche von NS-Vergleichen abzugrenzen. Und dann gibt es noch Bezeichnungen wie „Grammatik-Nazi“, bei denen es wahrscheinlich schwierig ist, von einer konkreten Holocaustrelativierung zu sprechen.

Dein Buch beruht auf einer Auswertung von mehr als 10.000 Emails, die innerhalb von wenigen Jahren an den Zentralrat der Juden und die Israelische Botschaft in Deutschland geschickt wurden und solche NS-Vergleiche und -Metaphern enthalten. Womit hat man es da hauptsächlich zu tun?
Die meisten dieser NS-Vergleiche zeigten israelbezogenen Antisemitismus, viele bezogen sich auch direkt auf Jüdinnen und Juden. Das sind dann Behauptungen nach dem Muster „Was Israel heute mit den Palästinensern macht ist wie das, was die Nazis mit den Juden machten“. Also eine Täter-Opfer-Umkehr. Oder eine Behauptung wie „das Leben in Gaza ist vergleichbar mit dem im Warschauer Ghetto“. Oft waren die auch personenbezogen und verglichen den gerade amtierenden israelischen Ministerpräsidenten mit Hitler. Die meisten Metaphern waren Holocaust- oder KZ-Metaphern.

Fast jede zehnte Mail, die ich analysierte, enthielt einen solchen NS-Vergleich oder eine NS-Metapher. Und diese Mails waren zu allen möglichen Themen verschickt worden. Dabei ist auffällig, dass es keinen Unterschied macht, ob die Mail an den Zentralrat der Juden, also die Vertretung der deutschen Jüdinnen und Juden, oder an die israelische Botschaft in Deutschland, die Vertretung von Israel, gerichtet ist. Das zeigt, dass Jüdinnen und Juden offensichtlich nicht als Deutschland zugehörige Gruppe wahrgenommen werden, sondern als Israelis, die sie ja meistens nicht sind, die allerdings die Verantwortung für israelische Politik übernehmen sollen. Interessanterweise ist die Häufigkeit solcher NS-Vergleiche unabhängig vom Auftreten militärischer Auseinandersetzungen. Ich konnte zeigen, dass das ein stabiles Motiv ist, das immer bemüht wird. Militärische Konfrontationen im Nahen Osten sind nicht der Auslöser für Antisemitismus. Das wird oft fälschlicherweise behauptet.

Du hast also in fast eintausend Mails NS-Vergleiche oder NS-Metaphern gelesen. Würdest du mit Blick auf die Corona-Demos jetzt sagen, dass das Variationen bekannter Vergleiche sind oder gibt es da auch etwas Neues?
Die grundlegenden Konzepte, auch die Formulierungen auf der sprachlichen Ebene bleiben gleich. Aber es gibt immer mal wieder andere Ausdrücke. Die Maske als unsichtbarer Judenstern zum Beispiel. Das ist eine thematische Aneignung der bekannten Konzepte. Was hier auf jeden Fall neu ist, ist der thematische Rahmen Pandemie, damit rücken andere Personen in den Blick und auch der Themenkomplex Impfen.

Das Ausmaß der Vergleiche und die Bandbreite sind ebenfalls neu. Gerade diese explizite und klare Darstellung von Gut und Böse. Häufig sieht man eine Thematisierung von entweder Opfern oder Tätern. Dass sich auf diesen Demos beides so explizit zusammen zeigt, das ist neu. Es gibt hier eine klare Benennung der Täter wie der Opfer und die Benennung von Widerstand. Diese klare Darstellung und Verbindung ist besonders und muss analysiert werden.

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