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Interview nach Taucha-CSD „Rechtsextreme patrouillierten durch die Stadt und schüchterten Menschen ein“

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Bunt statt braun: Der erste CSD im sächsischen Taucha.
Bunt statt braun: Der erste CSD im sächsischen Taucha. (Quelle: Magda Ehlers/Pexels)

Belltower.News: Herr Böhme, Letzte Woche fand die erste Pride Parade in Taucha statt. Was für eine Bedeutung hat die Veranstaltung, sowohl für die Stadt, als auch die queere Community dort?
Marco Böhme: Wir als Linke und Linksjugend veranstalten sehr viele CSDs in Sachsen, aber vor allem in den Großstädten. Zunehmend jedoch auch in kleineren Städten wie Pirna bei Dresden, oder eben auch Taucha. Es waren ungefähr 50 bis 60 Leute anwesend. Es ist ein wichtiges Zeichen, dass es queere Bewegungen nicht nur in Großstädten, sondern auch in den kleineren Kommunen in Sachsen gibt. Und wieso das so nötig ist, haben wir ja am Sonntag erlebt.

Der CSD musste abgebrochen werden, um die Sicherheit der Teilnehmenden garantieren zu können. Was ist genau passiert?
Der CSD begann mit einer kleinen, aber kraftvollen Demonstration mit Lautsprecherwagen und Transparenten von dem Bahnhof Taucha zur Innenstadt. Die meisten Bewohner:innen waren uns auch interessiert und freundlich, haben gegrüßt, und so weiter. Kurz vor dem Marktplatz, wo die Endkundgebung stattfinden sollte, wurden wir jedoch zunehmend angepöbelt und beleidigt, zum Beispiel durch Rufe wie „Schwule! Schwule!“. Das war zwar komisch, aber damit haben wir auch ein bisschen gerechnet. Es gab zu dem Zeitpunkt auch ca. nur vier oder fünf Verkehrspolizist:innen als Demobegleitung, die eben den Verkehr geregelt haben. Am Markplatz, wo es Stände mit Essen, Getränken und Infomaterial gab, erschienen dann immer mehr dieser rechtsextremen Störer, haben sich demonstrativ etwas zu Essen und zu Trinken gekauft, und sind auf dem Gelände verweilt und haben dann dafür gesorgt, dass die CSD-Teilnehmenden sich dort nicht mehr aufhalten wollten.

Wie sahen diese rechtsextremen Störer aus?
Das waren sehr kräftige Männer mit entsprechender Bekleidung: Shirts auf denen „Fight Club“ oder rechtsextreme Slogans wie „Auch ohne Sonne braun“ gedruckt waren. Sie haben sehr einschüchternd gewirkt. Ich wandte mich an die Polizei, dass ich mir ein Getränk holen wollte – mit einer Maske mit Regenbogenaufdruck und als Abgeordneter haben sie mich aber nicht zu dem Stand gelassen, sondern wollten die Rechtsextremen erst vertreiben. Die Stände waren auch nicht Teil der Demonstration, weswegen die Rechtsextremen dort nicht direkt des Platzes verwiesen werden konnten. Die Polizei musste auch zusätzliche Verstärkung anfordern, um die Situation unter Kontrolle zu bringen.

Wie war die Lage sonst in der Stadt?
Teilnehmende des CSD sind auch in Kleingruppen durch Taucha gelaufen sind, zum Beispiel um sich die am Rathaus gehissten Regenbogen anzusehen. Ihnen ist aufgefallen, dass sehr viele Rechtsextreme durch die Stadt patrouilliert sind und nach queeren Personen Ausschau gehalten und diese dann auch beleidigt haben. Das heißt, man konnte sich nicht mehr sicher in Taucha aufhalten. Die Polizei hatte inzwischen auch eine behelmte Hundertschaft aus Leipzig aus Verstärkung angefordert. Für uns war das ein Signal, dass wir auch kein friedlich-feierliches Fest mehr machen können auf dem wir uns sicher fühlen, und haben dann den CSD frühzeitig abgebrochen.

Was ist dann passiert?
Wir sind dann gegen 16 Uhr in einer geschlossenen Demonstration und unter Polizeischutz zum Bahnhof zurück, Demonstrant:innen aus Taucha haben wir mit Autos nach Hause gebracht und vor der Haustür abgesetzt, damit sie nicht Nazis über den Weg laufen mussten. Die Festivitäten waren eigentlich bis 21 Uhr geplant. Am Ende ist zum Glück nichts Gewalttätiges passiert und niemand wurde verletzt, aber das martialische Auftreten und die Einschüchterungsversuche durch die Nazis waren schon ein starkes Stück. Klar, auf Demos habe ich sowas schon erlebt, aber bei einem CSD kennt man solche Situationen ja eher aus Polen oder anderen Ländern, aus Deutschland jedoch so noch nicht. Das ist erschreckend, zeigt aber auch die Notwendigkeit von queerer Sichtbarkeit in kleineren Städten.

Liegt das an einem neuen Selbstbewusstsein der extremen Rechten in Sachsen?
Es ist nicht das erste Mal, dass in Taucha linke Kundgebungen oder Veranstaltungen angegriffen werden, auch das Parteibüro der Linkspartei wird öfters attackiert. 2019 hat die „Solidarische Alternative für Taucha“ eine Kundgebung am Marktplatz veranstaltet, die ebenfalls von Rechtsextremen umzingelt worden ist – die Polizei musste sogar mit einem Hubschrauber auffahren. Ein Bedrohungsszenario gegen antifaschistische Strukturen ist leider etwas, das wir kennen. Bei einem CSD haben wir jedoch nicht daran gedacht, dass so etwas passieren kann. Da haben sowohl wir, als auch die Polizei, die Lage falsch eingeschätzt. Aber es war überhaupt der erste Versuch, einen CSD in der Kleinstadt zu veranstalten. Das hat die Rechtsextremen schon provoziert. Die Teilnehmenden waren ja auch keine gestandenen harten Antifas, sondern primär junge, queere Menschen, die sich durch eine Nazi-Präsenz einschüchtern lassen, was ja auch erklärtes Ziel dieser Leute ist. Es war auch ein Sicherheitsaspekt, den CSD dann abzubrechen.

Hatte der CDS dennoch auch positive Aspekte?
Die Veranstaltung hat viele dieser jungen Menschen in ihrem Leben und Kämpfen bestärkt! Ich sage mal so: bevor wir in Taucha, oder in Pirna bei Dresden, oder Altenburg bei Zwickau waren, kannten viele dort CSDs nur aus Großstädten, wo alles total super läuft, viele Menschen sind, niemand Angst haben muss und man sich auch traut, die eigene Sexualität offen zu zeigen, was man im Alltag vielleicht eher nicht macht. Dieser Party-Aspekt ist wichtig, aber das andere ist eben diese politische Dimension, die sich vor allem dann in Kleinstädten zeigt. Und das ist vielen Leuten nochmal bewusst geworden, wie wichtig es ist, gerade dort aufzutreten, und sich den Raum den kommenden Monaten und Jahren erst recht zu nehmen.

Wie ist die Präsenz von extrem rechten Kräften in Taucha generell?
Ich komme ja aus Sachsen, das sagt eigentlich schon alles…Die AfD ist hier stärker als Rot-Rot-Grün zusammen und hatte bei der letzten Bundestagswahl mehr Stimmen als die CDU. Es gibt hier ausgesprochen gefestigte Nazistrukturen, auch die NPD hatte lange Zeit über zehn Prozent im sächsischen Landtag. Laut dem antifaschistischen Rechercheportal Chronik LE finden im Landkreis Nordsachsen, wo Taucha liegt, drei bis vier rechte Übergriffe pro Monat statt. Gewalt durch Neonazis ist an der Tagesordnung, es ist eine dort sehr verbreitete Hegemonie, die auch die Stärke der AfD erklärt. Seitens der Politik gibt es leider kaum eine Gegenbewegung.

Im Gespräch: Marco Böhme, Mitveranstalter des CSD in Taucha und seit 2014 Abgeordneter der Linken im sächsischen Landtag. (Quelle: DIE LINKE. Sachsen)

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