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Antisemitismus Die queere Bewegung und der Hass auf Israel

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Radical Queer March Berlin 2019: Der Block der BDS Kampagne wird von der eigentlichen Demo missbilligt
Radical Queer March Berlin 2019: Der Block der BDS Kampagne wird von der eigentlichen Demo missbilligt. (Quelle: Wikimedia (CC0 1.0))

Seit den wiederaufkommenden Auseinandersetzungen im Mai zwischen Israel und dem Gazastreifen scheint sich auch durch die politische Linke eine Spaltung zu vollziehen, die längst nicht mehr so präsent war. Sichtbar wird der Streit auf vielen Ebenen: Erst kürzlich beendete ein queeres Partykollektiv die Zusammenarbeit mit dem linksalternativen Berliner Club ://about blank, offenbar wegen des Nahostkonflikts. Parallel zum Berliner CSD wird in diesem Jahr auch die „Internationalist Queer Pride for Liberation” stattfinden, eine Veranstaltung die sich dezidiert nicht von BDS und anderen antisemitischen Gruppierungen distanziert. Auf Demos wie dieser, die von linken, vermehrt queeren Gruppen organisiert werden, wird klare Stellung zum Nahostkonflikt bezogen: Israel ist der böse Staat, der versucht, das palästinensische Volk auszubeuten und seine Gebiete zu zerstören. Während sich die Veranstalter:innen gegen Antisemitismus aussprechen, distanzieren sie sich nicht von Gruppen, die antisemitische Aussagen wie „Israel Siedlerkolonialismus“ und „Israel Apartheidsstaat“ skandieren.

Die Organisator:innen der „Internationalist Queer Pride for Liberation“ in Berlin sind „Queers Against Racism and Colonialism“, „Jewish Bund“, „Migrantifa Berlin“, „Bloque Latinoamericano Berlin“, „BDS Berlin“, „Berlin Against Pinkwashing“ und „Palästina Spricht“. Gruppen, die sich links verordnen und queerfeministisch arbeiten. Auf ihrem Plakat für die Pride sind Figuren zu sehen, die unter anderem einen Banner mit „Gegen Antisemitismus“ und „Free Palestine“ zeigen, während sie gleichzeitig Israel als rassistischen Kolonialstaat bezeichnen. Dabei verkennen sie die Komplexität und die unterschiedlichen Gesichter des Antisemitismus, den sie selbst reproduzieren. Antisemitismus ist nicht nur klarer Hass gegen Jüdinnen:Juden, wie zu Zeiten des Nationalsozialismus, sondern tritt vermehrt als israelbezogener Antisemitismus auf, ein Antisemitismus der den Staat Israel in seiner Existenz in Frage stellt.

Doch woher kommt diese Blindheit für den antiisraelischen Antisemitismus, der sich in vielen queeren Kontexten zeigt? Das Problem findet sich maßgeblich in der Auslegung von Ansätzen der Queer Theory und die berühmteste Theoretikerin Judith Butler liefert die Grundlage.

Die Queer Theory hat ihre Ursprünge in den 1980er und 1990er Jahren in den USA. Damals starben besonders schwule Männer aus der LGBTIQ*-Community auf grausame Weise an der zum damaligen Zeitpunkt neu auftauchenden Krankheit AIDS. Der amerikanische Staat schenkte der tödlichen Epidemie keine Beachtung, während Betroffene und Angehörige verzweifelten, nicht zuletzt da Verstorbene fernab von ihren Familien beerdigt wurden. Das war der Zeitpunkt, zu dem viele Angehörige sexueller Minderheiten anfingen, zusammenzuarbeiten und den Begriff „queer“, also als von der Norm abweichend, eine eigentlich abfällige Bezeichnung, für sich zu beanspruchen. Sie wehrten sich gegen eine Gesellschaft, die dabei zusah, wie unzählige Menschen starben und das wegen der sexuellen Orientierung der Opfer ignorierte. In ihren Grundformen war die Queer Theory immer auch schon intersektional, sie nahm Diskriminierung nicht nur auf Grundlage von Geschlecht wahr, sondern ebenso von Ethnie (race) und Klasse.

Judith Butler gilt bis heute als eine der bedeutendsten Vertreter:innen dieser Denkschule. Dank ihrer Arbeit in Das Unbehagen der Geschlechter wurde deutlich, inwiefern biologisches Geschlecht (sex) und Geschlechtsidentität (gender) Kategorien sind, die gesellschaftlich aufgedrückt werden und Menschen dazu zwingen, entsprechend der Normen von Geschlechtern zu handeln. Dabei analysierte Butler vor allem die Wirkmächtigkeit von Sprache und Diskursen, um daran festmachen zu können, welche Auswirkungen Ausrufe wie beispielsweise „Es ist ein Junge/Mädchen“ bei der Geburt auf das Individuum als Subjekt haben. Butler untersuchte die herrschenden Diskurse und stellte fest, dass sie weiß, heterosexuell und männlich sind. Damit kritisierte sie auch den Imperialismus und Kolonialismus westlicher Staaten, die dafür sorgten, dass Menschen, die diesen Kategorien nicht entsprechen, gesellschaftlich diskriminiert werden.

Ein Subjekt wird zum Subjekt, indem betrauert werden kann

Die fehlende Bestürzung und Trauer um die Opfer der AIDS-Krise in der Mehrheitsgesellschaft liegt daran, dass also vor allem diejenigen betrauert werden, die den dominanten Diskursen weiß, heterosexuell und männlich entsprechen und sich darunter zuordnen lassen. Diese Menschen werden gesellschaftlich als Subjekte anerkannt, sie sind also privilegiert. Menschen, die nicht in diese Kategorien fallen, haben Probleme damit, ihren Subjektstatus anerkannt zu bekommen, Subjektstatus auch ganz häufig im Sinne von Rechten wie Aufenthaltsstatus bei Geflüchteten, Selbstbestimmungsrechte über ihren Körper bei Frauen* und LGBTIQs. Das Element der Trauer zeigt also nach Butler, die gesellschaftlichen Diskriminierungsformen und inwieweit wer davon betroffen ist. Nicht zuletzt spielt Trauer in ihrer Theorie eine große Rolle, um zu beweisen, wie zwanghaft gesellschaftliche Kategorien für den Einzelnen sind. Diesen Zwang macht Butler vor allem an Sprache und deren Aussage- und Darstellungskraft fest. Damit baut sie auf dem sogenannten Poststrukturalismus auf, eine philosophische und politische Denkströmung des 20. Jahrhunderts.

Butler strebt mit ihrer Theorie nicht nur die Auflösung der Geschlechter als grundlegende Identitätsmerkmale an, sondern will auch weitere Diskriminierungsformen untersuchen. Für die Philosophin ist Sprache durch Macht und Normen geprägt. Sie wird nicht nur durch männliche, sondern auch durch weiße Sichtweisen dominiert. Jeder Diskurs, der aus einer nicht-weißen Position gesprochen wird, hat laut Butler das Potential den vorherrschenden Diskurs in Frage zu stellen und damit eine Veränderung zu schaffen. Damit macht Butler eine Gegenüberstellung zwischen guten und schlechten Diskursen auf, wobei der Wert der Diskurse viel mehr davon abhängt, aus welcher marginalisierten bzw. nicht marginalisierten Position heraus er gesprochen wird und weniger was das tatsächliche Gesagte ist. Dies führt auch zu dem Kulturrelativismus in ihrer eigenen theoretischen Ausarbeitung.

Beispielsweise wirft sie in ihrem späteren Werk Gefährdetes Leben den USA vor, selbst verantwortlich für den den Terror von 9/11 zu sein, da sie Afghanistan durch Imperialismus dazu gedrängt hätten, sich selbst zu schützen. Terrorismus wird so zu einer legitimen Form von Widerstand geadelt. Die USA hätten im Grunde den islamischen Terrorismus selbst hervorgebracht, in dem sie versuchten, der muslimischen Welt universale Werte den aufzudrängen. Fundamentalistische Ideologen wurden demnach zum Opfer des Liberalismus westlicher Demokratien und wehrten sich laut Butler mit Terrorismus, der sich gegen Zivilist:innen richtete, lediglich gegen ihre Bevormundung und Ausgrenzung.

2006 hielt Butler einen Vortrag an der Universität Berkeley, in dem sie die Aussage traf: „Es ist extrem wichtig, Hamas und Hisbollah als soziale Bewegungen zu sehen, die progressiv, auf der Linken und Teil der globalen Linken sind. Das hindert uns nicht, kritisch gegenüber bestimmten Dimensionen beider Bewegungen zu sein. Das hindert nicht die unter uns, die an gewaltloser Politik interessiert sind, die Frage zu stellen, ob es andere Optionen neben der Gewalt gibt.“

Hamas und Hisbollah, zwei islamistische terroristische Organisationen, werden bei Butler sowie bei vielen Diskursen der Queer Theory als Widerstandskämpfer:innen relativiert, da sie vermeintlich für den antirassistischen Kampf stehen, der sich gegen den westlichen Imperialismus wehren würde.

Diese Form der diskursiven Gegenüberstellung, wo die Sprecher:innenposition dafür ausschlaggebend ist, wie valide und progressiv die Aussage bzw. Handlung ist, ist genau das Problem, in dem Antisemitismus seinen Platz findet. Der israelische Staat repräsentiert in Butlers Augen den weißen hegemonialen Diskurs, den es zu überwinden gilt. Der palästinensische Diskurs hingegen ist derjenige der als progressive Gegenreaktion auf Unterdrückung und damit als einzig valide Position, im Kampf um Emanzipation, gilt. Dabei macht sie keine Unterscheidung zwischen palästinensischen Bürger:innen, die sich gegen die Politik Israels aussprechen oder der Hamas, die Israel zuletzt massiv bombardiert hat. Ihre Kritik an Israel legitimiert Butler zusätzlich zumeist mit der Tatsache, dass sie selbst Jüdin sei und aus eigener Erfahrung sagen könne, dass Israel nicht im allgemein jüdischen Interesse handeln würde. Eine Form der Identitätspolitik, die als Totschlagargument verwendet wird, da sie als von Antisemitismus betroffene Jüdin, den Staat Israel selbst so delegitimiert.

Butler knüpft an antisemitischen Erzählungen an, welche sich mit der Queer Theory verbinden lassen. Zum einen versteht sie Antisemitismus nicht als eine eigene Diskriminierungsform, sondern verortet ihn als eine Form des Rassismus. Antisemitismus als eine Unterform des Rassismus zu sehen, verdeckt jedoch die eigentlichen Züge, die für diese Form der Diskriminierung besonders sind und auch immer wieder in Intersektionalitätskonzepten rausfallen: Rassismus wertet Menschen auf Grundlage von Hautfarbe und ethnischer Zugehörigkeit ab und beutet sie hemmungslos für wirtschaftliche Interessen aus. Antisemitismus jedoch tritt anders in Erscheinung. Jüdinnen:Juden wird seit jeher eine Übermachtstellung zugesprochen. Ein gängiges Narrativ ist dabei, die vermeintliche Weltherrschaft, die sie innehaben würden. Ein Narrativ, das zuletzt in den Verschwörungsideologien der Coronaleugner:innen sehr deutlich zu erkennen war. Die ökonomischen Verhältnisse im Kapitalismus werden in Form von Jüdinnen:Juden personifiziert. Anstatt zu verstehen, dass die Ausbeutungsverhältnisse im Kapitalismus komplexer sind als der Klassenkampf zwischen Kapitalist:innen und Arbeiter:innen, Weißen und BiPoC, wird „der Jude“ als das grundlegend Schlechte angesehen. Ein Denken in den konträren Identitäten ist beim Antisemitismus also nicht möglich. Dazu kommt die fälschliche Annahme, Jüdinnen:Juden seien generell weiß und damit automatisch Nutznießer:innen von Rassismus und Imperialismus. Dieses Denken ist aber eben jenes, das die Queer Theory durchzieht, wenn sie von Privilegierten und Marginalisierten, von Weißen und Nicht-Weißen, Heterosexuellen und LGBTIQ* spricht und dabei versucht, neue Identitäten zu schaffen, die frei von diesen Diskriminierungsformen sein sollen, aber schon in ihrem dualistischen Denken die Besonderheit des Antisemitismus nicht wahrnehmen können.

Durch diese Verkennung des Antisemitismus als Diskriminierungsform ergibt sich der israelbezogener Antisemitismus, der den jüdischen Staat Israel ablehnt und Jüdinnen:Juden angreift, die Israel als Staat befürworten.

Antiisraelischer Antisemitismus – der 3-D-Test

Natan Scharanski, ehemaliger Minister Israels für soziale Fragen, entwickelte 2003 den 3-D-Test, eine Methode, die ermöglichen sollte, legitime Kritik an Israel von Antisemitismus zu unterscheiden. Wenn Kritik an Israel Delegitimierung, Dämonisierung oder der Anwendung von doppelten Standards beinhaltet, ist sie tendenziell antisemitisch. Wendet man den 3-D-Test an Aussagen aus dem Queer Theory-Spektrum über Israel an, so wird offensichtlich, dass die drei Ds zu finden sind.

Delegitimierung und Dämonisierung: Die Besonderheit der Entstehung des Staates Israel wird häufig in der Kritik des Imperialismus außer Acht gelassen. Israel entstand unter anderem, weil Deutschland systematisch versuchte, Jüdinnen:Juden auszurotten. Israel entstand als Rückzugsort für all diejenigen, die von Antisemitismus betroffen sind, etwas, was im mehrheitlichen Denken von Queer Theory Ansätzen keine große Rolle spielt. Das Land wird lediglich als kapitalistischer und imperialistischer Staat wahrgenommen. Staaten müssten laut antiimperialistischer Doktrin ohnehin aufgelöst werden, zuallerst die westlichen. Da Israel zumeist als westlicher Staat im Nahen Osten verortet wird, scheint diese Kritik darauf anwendbar. Die Übermachtsstellung, die im Antisemitismus Jüdinnen:Juden unterstellt wird, führt dazu, dass sie nur als weiß gelesen werden können. Dass viele Jüdinnen:Juden nicht weiß, geschweige denn westlich sind, wird dabei vollkommen ignoriert. Auf Grundlage der falschen Annahme, Jüdinnen:Juden wären ausschließlich weiß, wird auch Israel als weißer Kolonialstaat gelesen, der sein Land gestohlen habe und die nicht-weiße indigene Bevölkerung unterdrücke. Damit werden nicht nur die 20 Prozent arabischen Israelis unsichtbar gemacht, sondern auch ignoriert, dass nicht nur Palästinenser:innen, sondern eben auch Jüdinnen:Juden schon immer in diesen Gebieten gelebt haben.

Vertreter:innen der Queer Theory sehen Israel als einen modernen Kolonialstaat und Besatzungsmacht. Zumeist aufbauend auf den Argumentationen von BDS (Boycott, Divestment, Sanction), ein Bündnis, das dazu aufruft, israelische Wissenschaftler:innen, Künstler:innen und Produkte zu boykottieren, um den Staat nicht weiterhin in seinem Bestehen zu unterstützen, stellen Vertreter:innen der Queer Theory das Existenzrecht Israels immer wieder in Frage. Sie argumentieren, dass den Palästinenser:innen das Land von einem imperialistischen Staat geraubt worden ist. Die Palästinenser:innen, denen das Gebiet eigentlich zustehen würde, würden stattdessen hemmungslos ausgebeutet und unterdrückt, ihre Kultur solle zerstört werden. Dem „authentischen“ Volk Palästinas steht in dieser Logik die kapitalistische, moderne Kälte der vermeintlich unterdrückenden weißen israelischen Gesellschaft gegenüber.

Pinkwashing als doppeltes Standard

Immer wieder wird der Vorwurf laut, Israel würde Pinkwashing betreiben. Dem Staat wird vorgeworfen, LGBTIQ*-Personen Rechte zuzusprechen, um die Unterdrückung der Palästinenser:innen zu verschleiern, sich selbst einen guten Ruf im Westen zu verschaffen und so sein imperialistisches Regime aufrechtzuerhalten. „Berlin Against Pinkwashing” ist eine Gruppe, die sich explizit auf Grundlage des Pinkwashing-Vorwurfs gegenüber Israel gegründet hat. Sie beschreiben sich auf Twitter als „Activists challenging the instrumentalisation of LGBTQI* issues by Israel to mask ist human rights violations in Occupied Palestine“.

Der Vorwurf ist zu einem der zentralen Argumente in der queeren Szene und in der ihr zugrunde liegenden Philosophie geworden. Dabei liegt auch diesem Argument ein Doppelstandard zu Grunde. Israel gilt als liberales Land, Tel Aviv hat eine große queere Szene. Gleichgeschlechtliche Paare dürfen Kinder adoptieren und LGBTQ*-Personen können offen in der Armee dienen. Dabei gibt es auch Schattenseiten, etwa lehnen große Teile der ultraorthodoxen Community queere Menschen ab, genauso wie viele arabische lsraelis. Von Pinkwashing-Aktivist:innen werden die Bemühungen des Landes als Propaganda abgetan, während aber die Situation für die LGBTQ*-Community nicht nur in Gaza und der West Bank, sondern auch in den umliegenden muslimischen Ländern verheerend ist. Hier werden homosexuelle Beziehungen geächtet und unter Strafe gestellt. Transpersonen werden diskriminiert und verfolgt. Darüber schweigen jedoch die queeren Israelgegner:innen.

Das Beitragsbild wurde unter der Lizenz Creative Commons CC0 1.0 veröffentlicht.


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