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Interview zur Studie „Der Zusammenhang zwischen AfD-Zuspruch und Infektionszahlen ist hoch und signifikant“

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Die AfD als Pandemiebetreiber? Eine neue Studie zeigt den Zusammenhang zwischen Stimmen für die Rechtsradikalen und Inzidenzanstiegen.
Die AfD als Pandemiebetreiber? Eine neue Studie zeigt den Zusammenhang zwischen Stimmen für die Rechtsradikalen und Inzidenzanstiegen. (Quelle: picture alliance/ZB/Sascha Steinach)

Am Freitag, den 19. November erschien die Studie „Politische Raumkultur als Verstärker der Corona-Pandemie? Einflussfaktoren auf die regionale Inzidenzentwicklung in Deutschland in der ersten und zweiten Pandemiewelle 2020“ des Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena (IDZ). Die zeigt: Je mehr Zuspruch es für die AfD gibt, umso stärker steigen die Infektionszahlen. Christoph Richter ist Soziologe am IDZ Jena und einer der Autoren der Studie.

Belltower.News: In Ihrer Studie konnten Sie zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen AfD-Stimmen und hohen Corona-Infektionszahlen gibt. Das klingt zunächst doch ziemlich naheliegend, oder?
Christoph Richter: Ja, das ist es auch, das war für uns Anlass der Studie. Es gab bereits im vergangenen Jahr erste Befunde, die auf einen möglichen Zusammenhang hingewiesen haben. Hinzu kamen eine öffentliche Debatte darüber sowie erste Studien – eine beispielsweise für Sachsen, eine für den Zeitraum der zweiten Welle. Das hat uns interessiert und wir wollten wissen: Spielt das politische Klima eine Rolle für das Infektionsgeschehen? Gibt es regionale Muster? Stimmt es, dass das Phänomen in Ostdeutschland, insbesondere in Sachen ausgeprägter ist? Spezifisch wollten wir die Rolle der AfD-Nähe in verschiedenen Regionen analysieren. Auch einen längeren Zeitverlauf, also das ganze Jahr 2020 mit den ersten beiden Wellen, haben wir uns angeschaut. Dafür haben wir Daten aus 401 Kreisen und kreisfreien Städten ausgewertet – zu zahlreichen Merkmalen inklusive Wahlverhalten.

Was war das Ergebnis?
Dass die AfD-Zweitstimmenanteile der Bundestagswahl 2017 relativ hohe, statistisch signifikante Effekte auf die Anstiege der Infektionszahlen in beiden Infektionswellen hatten. Hat eine Region einen hohen Zuspruch zur AfD, steigen die Infektionszahlen schneller als in Regionen mit vergleichbar niedrigen Zustimmungsraten. Das Interessante für uns war: Dieser Trend beobachten wir sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland – und tatsächlich auch schon in der ersten Welle.

Wie drückt sich dieses Phänomen in Zahlen aus?
Ein Anstieg des AfD-Wahlergebnisses um einen Prozentpunkt erhöht die durchschnittliche Infektionshöhe in der Anstiegsphase der ersten Welle um 2,2 Prozentpunkte. Damit liegt die Infektionshöhe in einem Kreis mit 20 Prozent AfD-Zweitstimmenanteile um 22 Prozentpunkte über einem Kreis mit einem Stimmenanteil von lediglich 10 Prozent. Für die Zweitstimmenanteile rechtsextremer Kleinparteien wie die NPD oder „Der III. Weg“ und die Anteile der Nichtwählenden bei den Bundestagswahlen 2005 und 2013 können ebenfalls positive Effekte auf die Inzidenzentwicklungen 2020 nachgewiesen werden. Das heißt aber nicht, dass alle Menschen, die Maßnahmen ablehnen, automatisch AfD-Sympathisant:innen oder Rechtsextreme sind.

Könnte diese Korrelation nicht durch andere Faktoren erklärt werden?
Wir haben tatsächlich relativ viel Mühe darauf verwendet, uns zu überlegen, was andere Einflussfaktoren sein könnten – die sowohl einen Effekt auf das Inzidenzgeschehen, als auch auf das Wahlverhalten haben. Insgesamt haben wir mehr als 35 unterschiedliche Merkmale identifiziert, von der Bevölkerungsdichte über die Mobilität, die sozioökonomische Strukturen in den Kreisen, die Altersstrukturen, die Homeoffice-Quoten und mehr. Diese Merkmale konnten wir aber als Alternativerklärungen für diesen Zusammenhang ausschließen. In unserem Modell ist der Zusammenhang zwischen AfD-Zuspruch und Infektionszahlen relativ hoch und signifikant geblieben.

Liegen die höheren Infektionszahlen daran, dass AfD-Wähler:innen die Corona-Regeln häufiger missachten, dass sie sich weniger impfen, dass sie älter sind – oder hat das womöglich auch andere Gründe?
Da können wir nur eingeschränkte Aussagen machen, genaue Daten zu der individuellen Situation von Infizierten gibt es nicht in ausreichendem Umfang. Wir können aber mutmaßen, woran das liegt. Und wir sehen durchaus eine gewisse Tendenz: Wo die Ablehnung der Maßnahmen hoch ist, herrscht ein stärkeres Institutionsmisstrauen vor, zum Beispiel gegenüber der Regierung, Medien und wissenschaftlichen Institutionen, die in einer Pandemie enorm wichtig sind. Dort werden auch radikal rechte Einstellungen stärker normalisiert und verbreitet. Aus Befragungen und Studien auf Individualebene wissen wir aber auch, dass Anhänger:innen beispielsweise der AfD häufiger Verschwörungserzählungen glauben und verbreiten. Und das alles, so unsere Annahme, führt im Endeffekt dazu, dass die Infektionszahlen steigen – und zwar stärker. Nachweisen konnten wir in dieser Studie allerdings zunächst nur, dass die Zusammenhänge zwischen Wahlverhalten und Inzidenzanstiegen bestehen.

Viele Regionen mit hohen Stimmenanteilen für die AfD haben nicht erst seit der Entstehung der Partei ein Problem mit Rechtsextremismus. Inwiefern hat also dieses Phänomen konkret mit der AfD zu tun?
Die AfD hat sehr stark darauf gezielt, die Corona-Maßnahmen und das Pandemie-Management zu kritisieren und letztendlich auch die demokratischen Praktiken dahinter zu delegitimieren. Das können wir aber in unseren Daten nicht sehen. Was wir sehen können, ist eine sehr langfristige Kontinuität: Wir können unsere Daten über 17 Jahre zurückverfolgen, bis zur Bundestagswahl 2005. Schon damals gab es in diesen Regionen eine Raumkultur, die von einem stärkeren Institutionsmisstrauen geprägt war. Das äußert sich dann in Krisen, wie auch in der Coronakrise.

War es schwierig, diese Korrelation wissenschaftlich beweisen?
Es war nicht ganz einfach: Wir haben unterschätzt, wie viel Arbeitsaufwand darin steckt, sich Daten zu beschaffen, und dann erstmal herauszufinden, welche Daten eine Rolle spielen. Es gibt eine Vielfalt an einzelner Effekte, die alle ineinander greifen. Die größte Herausforderung war, relevante Merkmale zu isolieren. Deswegen hat das auch eine ganze Weile gedauert. Für einige unserer Autor:innen mit einer sozialwissenschaftlichen Perspektive war es auch ein relativ neues Thema. Wir waren sehr froh über die Unterstützung von einem Kollegen vom Helmholtz Institut in München, der uns auch aus epidemiologischer Sicht nochmal gut beraten konnte.

Was bedeutet Ihre Studie für die Pandemiebekämpfung – und darüber hinaus?
Es ist zunächst ein pessimistischer Ausblick, weil man auch die Langfristigkeit dieser Wirkung von Raumkultur sehen kann. Gleichzeitig ist es positiv, dass es viele Regionen gibt, in denen es eine relativ niedrige Zustimmung zu diesen Parteien und auch relativ niedrigen Infektionszahlen gibt. Es wäre sinnvoll, sich besonders auf die Regionen zu fokussieren, wo demokratische Kultur unter Beschuss steht und das Institutionsmisstrauen höher ist. Im Sinne der Pandemie gibt es kurzfristige Interventionsmöglichkeiten, die auch wichtig sind. Zum Beispiel Verunsicherten und Unentschlossen in Bezug auf das Thema Impfung zu adressieren – mit gezielten Sensibilisierungskampagnen für die Maßnahmen und niedrigschwelligen Impfangeboten. Das sind ganz wesentliche Sachen. Auf der anderen Seite hilft da nur langfristiges Engagement. Und das bedeutet eine noch viel stärkere Investition in demokratische Bildung und die Zivilgesellschaft vor Ort, um diese Strukturen auch langfristig finanziell abzusichern. Nur so wird das Problem auf die lange Sicht effektiv angehen lassen.

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