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„Israelkritik“ Wenn Antisemitismus plötzlich kein Antisemitismus mehr sein soll

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(Quelle: Pixabay)

2014 als sich der Konflikt zwischen der Terrororganisation Hamas und Israel zuspitzte, versuchten drei Jugendliche eine Wuppertaler Synagoge niederzubrennen. Der Versuch scheiterte, die Jugendlichen wurden verurteilt, allerdings ohne dass das Gericht eine antisemitische Motivation vorliegen sah: Die Jugendlichen hätten mit dem Brandanschlag lediglich ihre Kritik an der israelischen Politik zum Ausdruck bringen wollen.

Israelbezogener Antisemitismus gehört heute zu den gängigsten Formen der Feindschaft gegenüber Jüdinnen und Juden. Da direkter Antisemitismus nach 1945 nicht mehr öffentlich konsensfähig ist, selbst die NPD von sich behauptet, keine antisemitische Partei zu sein, drückt sich das Ressentiment meist nur noch über Umwege aus. Gesagt wird das gleiche, lediglich das Substantiv wird ausgetauscht. Anstatt den Nazi-Slogan „Die Juden sind unser Unglück“ zu verwenden, verwendet die Kleinstpartei „Die Rechte“  Plakate mit der Aufschrift „Israel ist unser Unglück“, und kann dafür offenbar juristisch kaum belangt werden.

In so einem gesellschaftlichen Klima, werden Entwarnungen gerne gehört. Ganze Karrieren bauen mittlerweile darauf auf, die Botschaft zu verkünden, „Israelkritik“ sei kein Antisemitismus. So auch die des israelischen Soziologen Moshe Zuckermann, der im Feuilleton oder auf Veranstaltungen immer wieder Strohmänner aufbaut, die er dann unter dem Jubel seiner Fans einreißen kann. So behauptet Zuckermann im November in einem Interview mit dem Neuen Deutschland, man habe in Deutschland „einen verqueren Antisemitismusbegriff, demzufolge Antizionismus und Israelkritik mit Antisemitismus gleichzusetzen seien.“

Zuckermann verschweigt, wer eigentlich genau diesen Begriff haben soll: Die überwältigende Mehrzahl der Kritiker*innen des israelbezogenen Antisemitismus ist sich durchaus bewusst, dass es sehr unterschiedliche Strömungen des Antizionismus gibt, die keineswegs identisch mit Antisemitismus sein müssen, Antisemitismus darin nach einem Wort Jean Amérys jedoch zumeist enthalten ist, wie das „Gewitter in der Wolke“. Die Wortwahl „Israelkritik“ gibt ferner Aufschluss, worum es hier eigentlich geht, nämlich Kritik des Staates in Gänze und nicht etwa Kritik an einzelnen politischen Entscheidungen. Was Zuckermann vermutlich damit ausdrücken will, ist die alte Rede von einem vermeintlichen Tabu, die Politiken Israels kritisieren zu dürfen, wobei nicht zuletzt die deutsche Bundesregierung beweist, dass das vehemente bisweilen besessene Maßregeln israelischer Politik in Deutschland weitgehend zum „guten Ton“ gehört.

Mit der unterstellten Gleichsetzung von „Israelkritik“ und Antisemitismus will Zuckermann offenbar seine Kritiker*innen ad absurdum führen, was ihm nur um den Preis einer völlig reduktionistischen Darstellung ihrer Positionen gelingen kann. Ebenso geht Zuckermann vor, wenn er brüskiert die Charakterisierung als selbsthassender Jude zurückweist. Es mag sicher sein, dass so eine unsinnige Psychologisierung bisweilen erhoben wurde, wenn man nach diesen Schlagworten sucht, findet man aber zuvorderst Zuckermann selbst, der darüber klagt, so genannt worden zu sein. Hier wird die Kritik wieder auf die einfältigsten und randständigen Erscheinungsformen verkürzt: Der Vorwurf an Zuckermann lautet ja nicht, dass er sich selbst hasst – im Gegenteil vermittelt er eher den Eindruck, sich selbst ganz gern zu mögen –, sondern, dass er dem Hass auf Israel Vorschub leistet.

Im Weiteren versucht Zuckermann der Bundesregierung Unkenntnis nachzuweisen, wenn sie sich der Arbeitsdefinition Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance anschließt, belegt damit aber nur seine eigene krasse Fehllektüre. Auf die Frage, was er von einer Formulierung der Arbeitsdefinition halte, nach welcher „der Staat Israel der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird“ Ziel antisemitischer Angriffe sein könne, antwortet er: „Diese Ergänzung beweist nur, dass die Bundesregierung nicht weiß, wovon sie redet. Zunächst, weil der Staat Israel kein jüdisches Kollektiv ist“ – das behaupten natürlich weder Bundesregierung noch Arbeitsdefinition, wohl aber Antisemit*innen, weshalb es wichtig war, die Formulierung aufzunehmen. So etwa die antiisraelische Boykottbewegung BDS, die dazu tendiert, Jüdinnen und Juden weltweit für die Politik Israels in Haftung zu nehmen, oder auch nur sämtliche Israelis, ganz gleich, ob sie mit Politik etwas zu tun haben wollen oder nicht.

Auch BDS bekommt von Zuckermann sogleich Unbedenklichkeit bescheinigt: BDS könne die Existenz Israels nicht bedrohen und wolle das auch nicht. Nun mag es ganz unterschiedliche individuelle Gründe geben, sich der Kampagne anzuschließen, die Ziele sind aber eindeutig: Israel soll mit der Maximalforderung einer „Rückkehr“ von fünf Millionen „Geflüchteten“ als mehrheitlich jüdischen Staat aus der Welt geschafft werden. Geflüchtete, die großteils seit vielen Generationen in anderen Ländern leben, wo ihnen die Bürgerrechte zumeist verwehrt werden, wogegen BDS aber kaum Einwände erhebt. Auch fordert BDS die Abschaffung sämtlicher Sicherheitsmaßnahmen, die Israel zur Zeit der zweiten Intifada installiert hat, ohne zu berücksichtigen, dass man ohne Zäune, Mauern und Grenzübergänge in Israel kein öffentliches Café mehr aufsuchen könnte, ohne Gefahr zu laufen, dort ermordet zu werden. Es stimmt, die israelische Wirtschaft zeigt sich recht unbeeindruckt von den Boykottversuchen, aber Einzelpersonen oder zivilgesellschaftlichen Initiativen wird dadurch mitunter die Arbeit verunmöglicht oder sie werden massiv unter Druck gesetzt.

Verschwörungstheoretisch anmutend wird es, wenn Zuckermann darüber mutmaßt, warum der „linke antirassistische Diskurs in Deutschland die Palästinenser“ ausspare: „Weil die israelische Hasbara – also Israels staatsoffizielle Propagandaaktivität in der Welt – bereitwillig von der hegemonialen Politik Deutschlands und den bürgerlichen deutschen Medien rezipiert wurde.“ Der Nahostkonflikt habe nichts mit Antisemitismus zu tun, im Gegenteil würde Israel die „deutsche Neuralgie Juden gegenüber effektiv manipulieren“. Zuckermann trifft durchaus etwas, wenn er auf die projektive Aufladung des sogenannten Nahostkonflikts oder Israels für die nicht-jüdisch deutsche Bevölkerung hinweist, jedoch ist dieses Verhältnis wesentlich ambivalenter als von ihm skizziert.

Gleichwohl BDS weitgehend gesellschaftlich verpönt ist, erfreut sich die Denkform, hinter dieser Kampagne außerordentlicher Beliebtheit: Beispielsweise hat die Sprachwissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel 2012 ganze 400 Schlagzeilen zum Nahostkonflikt analysiert und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass in dreiviertel Israel als Aggressor dargestellt wird. Oft ist dafür eine eklatante Umdrehung der Wirklichkeit notwendig, etwa wenn der Spiegel titelt: „Israel erwidert trotz Waffenruhe Beschuss aus Gaza“. Es ist also schwer haltbar, dass sich die bürgerlichen deutschen Medien sonderlich von der Öffentlichkeitsarbeit der israelischen Regierung beeindrucken lassen. Diese Rede kommt dem Ressentiment zupass, Israel könne Deutschland den Ton vorgeben, wogegen sämtliche empirische Untersuchungen sprechen.

Der Hass auf Israel ist eine weitegehend akzeptierte Ausdrucksform des Antisemitismus: Entwarnungen wie Zuckermann sie proklamiert, dessen jüdische Identität offenbar vor dem Vorwurf bewahren soll, Antisemitismus zu kolportieren, verharmlosen das Problem. Mag sich die Wut vorgeblich gegen den jüdischen Staat richten, ist es bis zum Umschlag gegen Jüdinnen und Juden nie weit – dann fliegen Brandsätze auf Synagogen und deutsche Gerichte wollen dabei keinen Antisemitismus erkennen.

Tom David Uhlig ist Mitarbeiter der Bildungsstätte Anne Frank und Mitherausgeber der „Freien Assoziation. Zeitschrift für psychoanalytische Sozialpsychologie“.

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