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Antisemitismus Die BDS-Kampagne gegen Israel oder die Taktik der Diffusität

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(Quelle: Pixabay)

Die BDS-Kampagne gegen Israel geistert seit Längerem durch die Öffentlichkeit. Die einen sehen diese Kampagne als friedliches Instrument der Zivilgesellschaft gegen die Diskriminierung von Palästinenser*innen, andere werfen der Kampagne vor, antisemitisch zu sein. Ein guter Grund, diese Boykottkampagne einmal näher zu betrachten. BDS steht für Boykott, Desinvestment (Investitionsentzug) und Sanktionen. Die Kampagne wurde 2005 ins Leben gerufen und labelt sich als friedlich. Argumentiert wird im Gründungsaufruf von 2005 und bei den Aktionen im Namen der Menschenrechte, des Antirassismus und des Antikolonialismus. Dadurch ist die Kampagne anschlussfähig für viele pro-palästinensische Aktivist*innen, die teils durch militante Aktionen gegen Israel abgeschreckt waren. Das Feld der BDS-Unterstützer*innen besteht dementsprechend vorwiegend aus linken/antiimperialistischen, aus christlichen sowie jüdischen, als auch palästinensischen/arabischen Gruppen.

Drei Hauptziele des Gründungsdokuments

Boykott, Investitionsentzug und Sanktionen sollen weltweit gegen Israel vollzogen werden »bis Israel seiner Verpflichtung nachkommt, den PalästinenserInnen das unveräußerliche Recht der Selbstbestimmung zuzugestehen, und zur Gänze den Maßstäben internationalen Rechts entspricht, indem es:

  1. Die Besetzung und Kolonisation allen arabischen Landes beendet und die Mauer abreißt;
  2. das Grundrecht der arabisch-palästinensischen BürgerInnen Israels auf völlige Gleichheit anerkennt; und
  3. die Rechte der palästinensischen Flüchtlinge, in ihre Heimat und zu ihrem Eigentum zurückzukehren, wie es in der UN-Resolution 194 vereinbart wurde, respektiert, schützt und fördert.«

Die Forderungen klingen für viele erst einmal moderat und nachvollziehbar. Jedoch macht es Sinn, sich diese Hauptforderungen und die Kampagne als Ganzes genau anzuschauen. Denn moderat sind diese Forderungen ebenso wenig wie die sie begleitende Kampagne. Im Folgenden wird die Hauptkritik nachgezeichnet.

BDS spricht Israel das Existenzrecht ab

Die erste Forderung nach Ende von »Besetzung und Kolonisation allen arabischen Landes« kann unterschiedlich interpretiert werden. Unklar ist, ob hierbei alleinig das Westjordanland, der Gaza-Streifen und die Golan-Höhen gemeint sind oder ganz Israel. Vielfach positioniert sich die BDS-Kampagne bei Aktionen gar nicht, wie diese Forderung interpretiert wird. Im »deutschlandweiten BDS-Aufruf« aus dem Jahr 2015 ist hingegen die Rede vom »1967 besetzten arabischen Land«. Auf den Startseiten der BDS-Ortsgruppen ist jedoch meist nur der internationale Aufruf prominent verlinkt. Sehr aktivistische Gruppen wie BDS-Berlin sucht man vergeblich unter den 23 Unterstützer*innen des deutschlandweiten Aufrufs. Auch die führenden Köpfe der BDS-Kampagne sprechen sich gegen eine Zwei-Staaten-Lösung, also Israel und Palästina aus. Es soll nur einen Staat geben – Palästina. Die deutsche Sektion von BDS positioniert sich offiziell nicht pro Einstaaten- oder Zweistaatenlösung. Auf deren Kundgebungen ist hingegen immer wieder eine eindeutige Positionierung zu vernehmen. Einer der beliebtesten Schlachtrufe lautet dort: »From the river to the sea, Palestine will be free«.

Dieser Interpretationsspielraum der BDS-Kampagne ist gewollt – andernfalls könnte sie sich klar zum Existenzrecht des jüdischen Staats Israel bekennen. Durch die Diffusität der Forderungen lässt sich ein breites antiisraelisches Unterstützer*innen-Spektrum vereinen, das in Deutschland vom linken Lager wie der ehemaligen menschenrechtspolitischen Sprecherin der Linken-Fraktion im Bundestag, Annette Groth, bis zum organisierten Neonazispektrum reicht. Dabei ist auch die deutsche BDS-Kampagne bei dieser ersten Forderung nicht gerade zurückhaltend. So veranstaltete BDS Berlin im März 2017 eine Kundgebung gegen Israel bei der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) Berlin unter dem Motto »100 Years of Settler-Colonialism«. Die 100 Jahre beziehen sich auf die 1917 veröffentlichte Balfour-Erklärung, nach der Jüd*innen und Juden eine »jüdische Heimstätte« in Aussicht gestellt wurde. Es wird also explizit kein Bezug auf die Grenzziehung nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 genommen, sondern das Recht auf eine »jüdische Heimstätte« wird schon als »Siedler-Kolonialismus« und somit als bekämpfenswertes Unrecht betrachtet.

Die zweite Forderung wird von der BDS-Kampagne oftmals mit »Ende der Apartheid« zusammengefasst. Dieser geschichtsrelativierende Vergleich mit dem südafrikanischen Apartheidsregime entlarvt sich bereits im Hinblick auf den israelischen Alltag oder einem kurzen Blick in das israelische Parlament, der Knesset, als diffamierendes Ansinnen. Arabisch-israelische Parlamentarier*innen waren bereits seit der ersten israelischen Wahlperiode in der Knesset vertreten und es gilt spätestens seit der 1966 erfolgten, vollständigen Aufhebung des Kriegsrechts eine formale rechtliche Gleichstellung aller israelischen Staatsbürger*innen. Israel basiert auf rechtsstaatlichen Prinzipien. Diese Tatsachen ignorierend wird die Zeit der Apartheid in Südafrika auch als weniger schlimm dargestellt. Analog zu anderen Nationalstaaten existieren demgegenüber jedoch auch in Israel soziale Missstände, mit denen überproportional häufig arabische Israelis, als größte Minderheit in Israel, konfrontiert sind.

BDS will Jüd*innen und Juden zur Minderheit in Israel machen

Die dritte Forderung nach einem Rückkehrrecht aller palästinensischen Flüchtlinge impliziert ebenfalls das Ende Israels. Palästinensische Geflüchtete genießen als einzige Flüchtlingsgruppe weltweit einen Sonderstatus. So haben sie ihr eigenes UN-Flüchtlingshilfswerk, die UNRWA, welches sich ausschließlich um palästinensische Geflüchtete kümmert, während für alle anderen Geflüchteten weltweit der UNHCR zuständig ist. Verbunden hiermit ist das Privileg, dass auch den Nachkommen männlicher palästinensischer Flüchtlinge der Flüchtlingsstatus zugesprochen wird. Keine andere Flüchtlingsgruppe weltweit kann sonst noch diesen Status vererben. Sollten also alle palästinensischen Flüchtlinge samt Kindern und Enkeln nach Israel einwandern dürfen, wären dort Jüd*innen und Juden eine Minderheit und der jüdische Staat Geschichte.

BDS fördert Gewalt und Antisemitismus

Bei BDS-Aktionen gibt es immer wieder gewalttätige Vorfälle. BDS trägt durch sein Auftreten zu einem Klima bei, das gewaltsame und antisemitische Aktionsformen befördert. Weniger »die Zionisten in Israel«, sondern vor allem Jüd*innen und Juden, die sich nicht offen gegen Israel aussprechen, werden durch BDS-Aktivitäten in ihrer Meinungsäußerung beschränkt, isoliert und drangsaliert. In den USA, wo die BDS-Kampagne insbesondere an Universitäten stark verbreitet ist, haben Untersuchung der AMCHA Initiative, einer amerikanisch-jüdischen NGO, und der Brandeis University gezeigt, dass dort, wo Israel-Boykottaktionen stattfinden, die Wahrscheinlichkeit für antisemitische Vorfälle stark erhöht ist. Auch waren bei BDS-Aktionen in Deutschland antisemitische Attacken – verbal wie körperlich –zu verzeichnen. Bekannte BDS-Aktivist*innen treten immer wieder im Umfeld von militanten bis hin zu terroristischen Gruppen auf, wie 2014 in Berlin mit einer Rede zum Gründungsjahrestag der »Volksfront zur Befreiung Palästinas« (PFLP). Dass dies keine Ausnahme war, zeigen vermehrte Auftritte der letzten Jahre von BDS-Aktivist*innen bei PFLP-Veranstaltungen in Berlin. Auch trat eine ihrer Politikonen, die ehemalige Terroristin und PFLP-Anhängerin Laila Khaled, in den letzten Jahren weltweit als Propagandistin für Israel-Boykotte in Erscheinung. Die PFLP hat sich in der Vergangenheit zu mehreren antisemitischen Terrorattacken bekannt und ist in den USA, Kanada, Israel und der Europäischen Union als Terrororganisation gelistet. Seit 2017 betreibt die BDS-Kampagne weltweit, auch in Deutschland, ausgerechnet am 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, einen »global day of action« bei dem Israel im Fokus steht. Offiziell richtet sich der Aktionstag gegen Mauern weltweit, aber da die BDS-Kampagne sich nur gegen Israel richtet, ist die Ausrichtung dementsprechend einseitig. Ebenfalls knüpft die BDS-Kampagne nahtlos an die Antinormalisierungskampagne arabischer Staaten gegenüber Israel an. Annäherung bzw. Zusammenarbeit zwischen Israel und seinen arabischen Anrainerstaaten werden seitens der Gegner*innen einer Normalisierung kategorisch abgelehnt. Dies hat noch Auswirkungen an weit entfernten Orten. So mussten beispielsweise im August 2016 syrische Künstler*innen ihre Teilnahme an einer Veranstaltung im Berliner Pergamonmuseum absagen, da das Rahmenprogramm ein Streichquartett aus israelischen und syrischen Musiker*innen vorsah. Der Absage war ein massiver Druck bestehend aus Beschimpfungen, Drohanrufen etc. vorausgegangen.

BDS goes Graphic Novel

Die Janusköpfigkeit der BDS-Kampagne spiegelt sich auch geradezu ikonographisch in deren häufigen Verwendung der Comicfigur »Handala« wider. Einerseits soll Handala, ein palästinensischer Junge, der in zerschlissener Kleidung, barfüßig und dabei nur von hinten zu sehen ist, machtlose, zur Passivität verdammte Palästinenser*innen darstellen. Andererseits zeigen Handala-Cartoons auffallend häufig gewaltsames Vorgehen gegen Israel. So wird die israelische Fahne durch Handala in Brand gesetzt, werden Steine als Wurfgeschosse genutzt und Waffengewalt propagiert. Daneben existieren zahlreiche Handala-Zeichnungen, die eine klassische antisemitische Symbolsprache beinhalten, indem beispielsweise Jüd*innen und Juden durch überdimensionierte Hakennasen dargestellt werden oder ein Rekurs auf die antisemitische Ritualmordlegende erfolgt.

Situationsspezifisches Vorgehen von BDS

Taktik spielt eine entscheidende Rolle bei der BDS-Kampagne. Diese drückt sich einerseits in der beschriebenen Diffusität und dem Interpretationsspielraum bei den von BDS verwendeten Begriffen aus. Da ein Boykott von Israel für viele zu Recht Erinnerungen an die antisemitischen Boykotte im Nationalsozialismus hervorruft, geht die BDS-Kampagne anderseits oft in kleinen Schritten vor. Führende Köpfe der BDS-Kampagne, wie Omar Barghouti, sprechen sich ganz offen für eine schrittweise Verschärfung des Boykotts Israels aus. So könne ein Boykott der Siedlungen eine kurzfristige strategische Option sein: »Wenn es daher in einem bestimmten Kontext nötig ist, für den Boykott der Produkte aus den Siedlungen einzutreten, sollte das nur der erste, relativ einfache Schritt hin zu einem völligen Boykott aller israelischer Produkte und Dienstleistungen sein.« (Dieses und alle folgende Zitate von Omar Barghouti stammen aus seinem Buch »Boykott – Desinvestment – Sanktionen: Die weltweite Kampagne gegen Israels Apartheid und die völkerrechtswidrige Besatzung Palästinas« (2012).) Barghouti betont: »BDS Kampagnen sollten sich an folgenden Prinzipien ausrichten: Inklusion, Vielfalt, Steigerung und Nachhaltigkeit. Sie müssen so flexibel angelegt sein, dass sie die realen Verhältnisse in unterschiedlichen Kontexten berücksichtigen können.« Er betont aber jenseits dieses strategischen Vorgehens, dass das Ziel klar sein müsse. Nämlich, dass die BDS-Kampagne sich nicht gegen die Politik Israels richtet, sondern gegen Israel als Ganzes. Dies erlaube »Widerstand mit allen Mitteln, einschließlich des bewaffneten Widerstandes«, so Barghouti. Wichtig sei es aber auch, Jüd*innen in die BDS-Kampagne einzubinden, um dadurch Antisemitismusvorwürfe gegen BDS zu entkräften, die Barghouti als »intellektuellen Terror« bezeichnet.

BDS und Bündnispolitik

Als zentrale, adaptierte Strategie der Boykott-Aktivisten gelten deren teilweise erfolgreichen Versuche, sich aus dem Nahost-Themenfeld zu lösen und neue, weitreichendere Bündnisfähigkeiten zu erzeugen. Insbesondere seit Mitte 2015 wurden Bündnisse mit antirassistischen sowie mit LGBTIQ-Initiativen ins Leben gerufen, mit dem Ziel, die Forderung nach einem Boykott Israels in anderen sozialen und zivilgesellschaftlichen Initiativen zu verankern. BDS Berlin beteiligte sich beispielsweise 2015 mit Veranstaltungen und einem Infostand beim Berliner »Festival gegen Rassismus«. 2016 folgten dann die Teilnahme bei der Durchführung des »Karneval der Geflüchteten« sowie die Teilnahme an der »Revolutionären 1. Mai Demonstration« in Berlin, an der sie auch mit einem eigenem Block 2017 stark präsent waren.

Zur Relevanz in Deutschland

Seit einiger Zeit ist BDS verstärkt im politischen Raum angekommen. So lässt sich eine Diskursmultiplizierung in linkspolitischen Milieus zwischen Boykottbefürworter*innen und ablehnenden Positionen ausmachen. Auch Parteien sehen sich zunehmend gezwungen, sich mit der BDS-Kampagne zu beschäftigen. Im Dezember 2016 verurteilte die CDU auf ihrem Bundesparteitag die BDS-Kampagne als antisemitisch. Auch sprachen sich 2016 JUSO-Hochschulgruppen bundesweit gegen BDS aus. Im Mai 2017 übernahm die Berliner SPD einen Antrag der JUSOS, der BDS als antisemitisch verurteilt. Die Partei DIE LINKE hingegen vertritt teilweise grundverschiedene Positionierungen zu Boykottaufrufen gegen Israel. So heißt es im Beschluss des Parteivorstandes vom November 2014: »Für uns als DIE LINKE in Deutschland verbieten sich vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte Boykottaufrufe gegen israelische Produkte«, andererseits solidarisiert sich wiederum deren »Bundesarbeitskreis Gerechter Frieden in Nahost« mit prominenten Akteur*innen der BDS-Kampagne. Allerdings ist die BDS-Kampagne in Deutschland bislang nicht so erfolgreich, wie sie gerne glauben machen möchte. Das ist aber kein Grund, ihre Gefährlichkeit zu unterschätzen. Deren Präsenz in den USA und westeuropäischen Staaten und die teils unkritische Zusammenarbeit mit BDS als Teil der Bewegungslinken sind Alarmsignale, dass BDS in Zukunft an Einfluss gewinnen könnte. BDS bietet, wie die Palästina-Solidarität generell spätestens seit 1967, auch in Deutschland die Möglichkeit, kaum sozial geächtet, sich antisemitisch zu betätigen. Dennoch wäre es falsch, alle Unterstützer*innen der BDS-Kampagne als Teil einer in sich geschlossenen antisemitischen Bewegung einzustufen. Zum einen ist sie in Deutschland keine Bewegung und zum anderen ist sie nicht homogen. Das taktische Vorgehen, ihre Diffusität dient zur Verschleierung ihres klaren Ziels: Israel als jüdischen Staat abzuschaffen. Dieses Ziels sind sich jedoch nicht alle Unterstützer*innen bewusst. Dementsprechend ist bei Letzteren auch Aufklärung wichtig. Doch bei Aufklären darf es selbstverständlich nicht stehen bleiben, da viele durchaus wissen, was sie tun. So hat in München der Stadtrat beschlossen, Vertreter*innen der BDS-Kampagne keine städtischen Räume mehr zu überlassen. Dieses Vorbild sendet ein wichtiges Signal, das klar unterstreicht, dass eine Parteinahme für BDS eine antisemitische Parteinahme für eine Welt ohne einen jüdischen Staat ist.

 

»Man wird ja wohl Israel noch kritisieren dürfen …?!«

Eine pädagogische Handreichung zum Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus

Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.), 2017, 64 Seiten

 

Hier gibt es die Broschüre zum Download als PDF.

https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/aktionswochen/paedagogischer-umgang-mit-israelbezogenem-antisemitismus.pdf

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Wann wird aus Kritik an Israel eigentlich Antisemitismus?

Donald Trumps Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, hat antisemitische Rhetorik und Gewalt mit sich gezogen – auch in Deutschland. Wenige Themen der öffentlichen Debatte sind so schwierig und derart überladen wie der israelbezogene Antisemitismus, daher stellen wir uns die Frage, wann Kritik an Israel antisemitisch ist.

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