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Italien Neurechte Nachwuchs-Terroristen verhaftet

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Im norditalienischen Triest wurden vier Rechtsterroristen verhaftet. (Quelle: Wikimedia / Diego Delso / CC BY-SA 4.0)

Am 1. Juli 2021 verhaftete die Mailänder Polizei vier Mitglieder der rechtsextremen Terrorgruppe „Avanguardia Rivoluzionaria“ („Revolutionäre Avantgarde“). Die jungen Männer seien allesamt zwischen 2000 und 2001 geboren und würden aus der gehobenen Gesellschaft stammen. Der Anführer der Gruppe und seine „rechte Hand“ leben laut der Zeitung Trieste Prima gemeinsam in einer Wohngemeinschaft in Triest und seien dort an der Universität eingeschrieben. Ins Visier der Polizei geriet die Gruppierung durch die Tatsache, dass ein weiteres Mitglied außerdem Teil der neurechten, neofaschistischen Bewegung rund um das „Casa Pound“ war, die unter anderem eng mit der „Identitären Bewegung“ vernetzt sein soll. Im Rahmen einer Hausdurchsuchung wurden Beweismittel sichergestellt, die eine weitere Überwachung legitimierten, so Trieste Prima.

Das Ziel der „Avanguardia Rivoluzionaria“ sei die Errichtung einer von einer „geistigen Aristokratie“ geführten faschistischen Gesellschaft; als „geistige Aristokratie“ betrachten die selbstverliebten faschistischen Bürgersöhnchen vermutlich sich selbst. Mit Terrorismus soll die bürgerliche Gesellschaft verunsichert werden, um einen faschistischen Putsch vorzubereiten, der die demokratisch gewählte Regierung absetzen soll. Es handelt sich bei der selbsternannten Avantgarde also um eine akzelerationistische Terrorgruppe. Ein gesichertes 15-seitiges Dokument würde die Themenfelder „Hierarchie, Computersicherheit, die Festlegung von Kampfnamen, die Festlegung von Einheitennamen und das Rekrutierungsprotokoll“ behandeln. Kampfnamen sind unter anderem „Breivik“, in Andenken an den norwegischen Rechtsterroristen und Massenmörder, oder „Major Volpi“, in Andenken an eine faschistische Schwadron der 1920er Jahre.

Konkret geht es nun offenbar um den Versuch der räuberischen Erpressung an einem Minderjährigen zum Zwecke der Geldbeschaffung, als auch um den bewaffneten Angriff auf den marokkanischstämmigen Antifaschisten Choukri Hamza, so die Prima weiter. Hamza sei als „Schwarzer, Muslim und Linker“ für die jungen Faschisten die „Synthese allen Übels“, berichtet die Tageszeitung Milan Today. Außerdem hätten die Mitglieder Schreckschusspistolen erworben, um sich den Umgang mit Schusswaffen anzueignen.

Dass es mit der „geistigen Aristokratie“ der vier Jungnazis glücklicherweise nicht allzu weit her ist, zeigt der Ablauf der versuchten Tat gegen Hamza. Am 16. Juni 2021 hätte die Gruppe die Aktion vorbereitet, jedoch verfügten sie weder über die Pistolen noch die Schlagstöcke, die ein Mitglied hätte erwerben sollen; lediglich ein Schlagstock war aufzutreiben. Als Alternative entschied man sich für Deospray, um es Hamza in die Augen zu sprühen. Da die ganze Angelegenheit von Sicherheitskräften überwacht und die selbsternannte Avantgarde der faschistischen Revolution inhaftiert wurde, scheiterte jedoch auch das. Neben den zwei Deo-Sprühdosen wurden außerdem Sturmhauben, ein Messer und Postkarten mit den Abbildungen von Hitler und Mussolini sichergestellt. Das Messer zeigt, dass die Mitglieder der Gruppe potentiell bereit waren, Hamza schwer zu verletzen.

Ein Mitglied der „Avanguardia Revoluzionaria“ steht laut der Tiroler Tageszeitung in direktem Kontakt mit der Schweizer Neonazi-Gruppierung „Junge Tat“ und hatte diese im Mai 2021 besucht.

Die „Junge Tat“, deren von fast 5.000 Personen abonnierten Telegram-Channel seit November 2020 existiert, ist eine rechtsextreme Gruppierung, die versucht inhaltliche Einfallslosigkeit durch martialische und aufwendig produzierte Videos auszugleichen. In der Regel geht es um körperliche Stärke und geistige Reinheit gegen die Verweichlichung und Dekadenz der Moderne. Sie posieren in grünweißen Sturmhauben und Fackeln in der Natur, lassen ihre richtig männlichen Muskeln spielen und bedienen klassische faschistisch-maskuline Narrative von körperlicher Zucht, Abhärtung und Kampf, den sie in Anlehnung an Heraklit und der Hoffnung, philosophisch bewandert zu erscheinen, als „Vater aller Dinge“ bezeichnen. Es ist eindeutig, dass sie mit ihrer Ästhetik versuchen, vor allem junge Männer für sich zu begeistern; das faschistische Männlichkeitsbild ist Hauptbestandteil ihrer Selbstdarstellung.

Man stelle sich vor, so etwas verfassen zu können, ohne dabei Schamgefühl zu emfpinden. Quelle: Screenshot Telegram

Laut einer Recherche der „Antifa Zürich“ handelt es sich um knapp zehn noch recht junge Männer; die „Junge Tat“ ist außerdem Teil der „Nationalistischen Aktionsfront“. Sie sind europaweit mit anderen rechtsextremen Gruppen vernetzt; neben der „Avanguardia Rivoluzionaria“ auch dem rechtsextremen Kampfsportverband „Kampf der Nibelungen“: auf einem Foto im „Junge Tat“-Telegramkanal posiert eines der Mitglieder mit dem Neonazi und KdN-Organistor Alexander Deptolla.

Alexander Deptolla ist übrigens auch NRW-Chef der rechtsextremen Kleinstpartei „Die Rechte“. Quelle: Screenshot Telegram

Zwar ruft die „Junge Tat“ nicht öffentlich zur Gewalt gegen politische Feind:innen oder zum faschistischen Umsturz der bürgerlich-demokratischen Gesellschaft auf. Gerade in Verbindung mit der permanenten Betonung der Notwendigkeit der körperlichen Ertüchtigung mach die Verbindung zu den Möchtegern-Terroristen aus Italien jedoch deutlich, dass die radikale und extreme Rechte Europas keinerlei Berührungsängste mit Gewalt und Terror hat.

Die vier Mitglieder der „Avanguardia“ stehen inzwischen übrigens allesamt unter Hausarrest, mit der Auflage, sich täglich bei der Polizei zu melden. Eine zwar demütigende, dennoch vergleichsweise glimpfliche Strafe für den Versuch, Terrorakte für den faschistischen Ethnostaat zu begehen.

Foto: Wikimedia / Diego Delso / CC BY-SA 4.0

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