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Kempen Coronaleugner*innen mit Nähe zur NPD greifen Lokalpolitiker an

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Jeyaratnam Caniceus protestiert gegen "Corona-Skeptiker*innen", auch mit rechtsextremen Bezügen, in Kempen (Quelle: Norbert Prümen)

Die selbsternannte „Demo für Frieden, Freiheit, Selbstbestimmung“ in Kempen ist die Mini-Version einer „Querdenken“-Kundgebung. T-Shirt mit durchgestrichener Maske, Flagge mit Friedenstauben. Ein Teilnehmer trägt ein Schild um den Hals: „Das Gegenteil von Links ist nicht Rechts – sondern frei“ in schwarz-rot-gelben Buchstaben. Vorweg die Organisatorin, in den Händen hält sie eine Deutschlandflagge.

Seit ungefähr drei Monaten kommen rund ein Dutzend Kempener Bürger*innen, unter ihnen zwei Kandidat*innen der AfD für die anstehende Kommunalwahl, jeden Montag zusammen und laufen quer durch die Stadt. Sie beenden ihren Protest am Buttermarkt, ein viel besuchter Platz in der Altstadt. „Was soll die Maskerade? Das hilft doch keinem Schwein. Das ist so’ne Art Maulkorb und hält Euch alle klein!“, schallt über eine Bluetooth-Box. In den Lokalen drumherum sitzen Gäste, trinken Bier, essen Eis und schauen zu.

Die Organisatorin ist stadtbekannt. Mit Herzchen-Emojis bewirbt sie ihre „kleine feine Demo mit Spaziergang in Kempen“ auf „Facebook“. Darunter: Videos von Attila Hildmann, nationalistische Musik. Sie steht außerdem dem Kempener Neonazi Philippe Bodewig nahe. Bodewig trat 2014 für die NPD als Bürgermeisterkandidat an. Mittlerweile ist er bei der Partei „Die Rechte“ aktiv, ein Sammelbecken für Neonazis, deren Mitglieder insbesondere in Nordrhein-Westfalen aggressiv-kämpferisch auftreten und rassistische Hetze und Antisemitismus verbreiten (vgl. Im.NRW).

Demonstrierende bedrängen Jeyaratnam Caniceus. (Foto: Norbert Prümen)

Die Demonstration nimmt trotzdem kaum jemand ernst. Einzig der Kommunalpolitiker Jeyaratnam Caniceus stellt sich der Gruppe entgegen. Mit einem „Kein Ort für Neonazis“-Plakat stellt sich der Kreisabgeordnete auf dem Buttermarkt der Gruppe entgegen. Und wird prompt von den Teilnehmenden angegriffen. Eine der AfD-Kandidat*innen schubst ihn und zerreißt sein Plakat. In der nächsten Woche steht Caniceus trotzdem wieder am Buttermarkt, wieder mit Plakat. Dieses Mal sind auch die umstehenden Lokale den Demonstrierenden nicht mehr so wohlgesinnt, ein Inhaber weigert sich, Bier auszuschenken. In der Konsequenz wird Caniceus von zwei Teilnehmerinnen der Demonstration wegen Beleidigung und Verleumdung angezeigt. „Danach bat mich die Polizei, mich zurückzuhalten, damit die Situation nicht eskaliert“, so der Politiker. In einer „Facebook“-Gruppe ist die Organisatorin weiterhin auf Provokation aus. „Wir sehen uns am Montag wieder, Herr Caniceus“, kommentiert sie mit einem schwarzen Herz und einem Regenbogen – eine verächtliche Anspielung auf die „Black Lives Matter“-Bewegung.

In dieser „Facebook“-Gruppe ist auch Philippe Bodewig unter mehreren Decknamen unterwegs. Immer wieder werden in der Gruppe mit 1.800 Mitgliedern rechtsextreme Parolen ausgetauscht und Caniceus als Banane, Affe oder N**** beschimpft. „Ich erfahre sehr viel Hass im Internet und habe schon oft versucht dagegen vorzugehen. Die Verfahren werden allerdings immer wieder eingestellt, weil die Beleidigungen oft durch Fake-Profile gepostet werden.“ Bereits 2014 war Caniceus, der 1985 von Sri Lanka nach Deutschland zog, Opfer rassistischer Hetzkampagnen geworden. Seine damalige Partei „Die Grünen“ hatte unter die Wahlplakate der NPD „Kein Ort für Neonazis“-Plakate gehangen.

Mittlerweile erlebt er immer wieder Anfeindungen, auch von Seiten der AfD. Nachdem Caniceus im März zum 75. Jahrestag der Befreiung Kempens vom Nationalsozialismus eine Rede hielt und die Rolle der AfD bei der Zunahme rechtsextremer Tendenzen in der Gegenwart benannte, bezeichnete diese ihn online als „unseren Politclown“. Ein Nutzer, mutmaßlich eines der Fake-Profile Bodewigs, kommentiert Caniceus‘ Rede mit rechtsextremen Drohungen: „Wird sich nicht wiederholen. Der nächste Sieg wird unser sein. Pech für das kleine N*******!“ Auch im Chat schickt er regelmäßig Nachrichten an Caniceus. „Mittlerweile habe ich Angst im Dunkeln rauszugehen“, so der Lokalpolitiker. Im Kreis Viersen kam es zwischen 2018 und 2019 zu rund achtzig rechts motivierten Gewalttaten.

Derweil ziehen die „Freiheits“-Demonstrationen unbeirrt jeden Montag durch Kempen. „Wir haben vom letzten Kaiser die Macht bekommen“, schreibt die Organisatorin auf Facebook und ruft zum Aufstand auf.

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