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Können wir Nazis noch als Nazis benennen?

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Neonazi beim "Schild und Schwert"-Festival im April 2018 in Ostritz (Quelle: KA)

„Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.“ Mit diesem Satz erobern sich Rechte und Rechtsextreme immer neue Debattenräume. Und dabei kämpfen sie immer wieder gegen die von ihnen so sehr verhasste Political Correctness an, die ihrer Meinung nach Debatten beschönigt, Denkverbote erzeugt und damit letztendlich Zensur ist. Doch ist es nicht viel mehr so, dass wir einer politischen Korrektheit von rechts unterliegen? Diese Frage haben wir dem Autor Tobias Ginsburg gestellt.  

 

Gibt es eine rechte politische Korrektheit? 

Tobias Ginsburg: Politische Korrektheit ist ein gnadenlos unscharfer Begriff. Im Grunde werden mit dem Label „politisch unkorrekt“ einfach allerlei verletzende Aussagen kategorisiert – und als „politisch korrekt“ jede Art von übereifriger Reaktion auf solche. Insofern gibt es natürlich eine rechte politische Korrektheit: Es liegt nun mal in der Natur des Menschen, sich von abweichenden Haltungen und Positionen angegriffen, verletzt oder beleidigt zu fühlen, ganz unabhängig, ob das nun im Einzelfall berechtigt sein mag oder nicht. Das trifft für den zartbesaiteten Linksliberalen genauso zu wie für den säurespeienden Neurechten. Wir Menschen sind im Grunde doch alle fragile Schneeflöckchen. Entlarvend ist allerdings, dass bestimmte Flocken im rechten Schneegestöber schon von Begriffen wie „Mitleid“ und „Humanität“ getriggert werden und ihre größte Furcht das brachiale Bild der „Nazi-“ und „Antisemitismuskeule“ zu sein scheint.

 

Viele extrem rechte Akteure und AfD-Politiker verbitten es sich, als Nazis bezeichnet zu werden. Wenn sie aber beispielsweise vom Verschwörungsmythos der „Umvolkung“ sprechen oder sich einen Führer wünschen, der auch jenseits der Gesetze handeln könne, sind das dann keine Nazis?

Ich halte es für absolut notwendig, Faschisten auch als solche zu bezeichnen. Man muss da nur präzise vorgehen und mit klaren Definitionen argumentieren – was zum Glück gar nicht so schwer ist. Denn der gesamte Katalog faschistischer Merkmale wird uns ja aktuell von den rechten Bewegungen in Deutschland dröhnend dargeboten: Da gibt es völkische und biologische Rassismen, Verschwörungsideologie, verkürzte Kapitalismuskritik, den Wunsch nach starken Führern und natürlich den Hass auf die pluralistische Gesellschaft und den ach-so-dekadenten Westen. Und die ganzen ultrarechten Politiker, Publizisten und Aktivisten, die unermüdlich diese Checkliste abarbeiten, klar, das sind schlicht Faschisten. Keine Populisten, keine Ultrakonservativen, keine Ethnopluralisten, oder wie sie sich auch selbst nennen mögen, das sind Faschisten. Man muss es nur erklären.

Mit dem Wort Nazi wird’s allerdings ein wenig komplexer. Denn gemeint ist natürlich kein historisches Parteimitglied der NSDAP. Diese Bezeichnung hat eine vergleichende Funktion, in gewisser Weise eine metaphorische. Entsprechend ernst zu nehmen ist dann der Vorwurf, man entwerte so den Begriff Nazi. Und da ist was dran. Nazi darf kein bloßes Schimpfwort sein, auch wenn es viel zu oft als solches benutzt wird. Es muss Kontinuitäten aufzeigen zwischen der historischen Ideologie, die immerhin zur industriellen Ermordung von sechs Millionen Menschen geführt hat, und ihren Epigonen. Umso erschreckender ist, dass die Rechten sich mittlerweile das Wort Nazi selbst als extrafieses Schimpfwort unter den Nagel gerissen haben: Da spricht man von der Kanzler-Diktatorin, der SA-Antifa, druckt sich das Konterfei von Stauffenberg auf die T-Shirts und auf Wahlkampfplakaten war tatsächlich zu lesen: „Hans und Sophie Scholl würden AfD wählen“. Tatsächlich: Wir lassen uns gerade von Faschisten als Nazis beschimpfen.

 

Nehmen wir zu viel Rücksicht auf die extrem rechten Akteure?

In jedem Fall sehe ich eine massive Beißhemmung im bürgerlichen Diskurs. Angesichts der ständigen rechtsradikalen Parolen noch immer von Provokationen oder populistischer Strategie zu sprechen, ist zu gleichen Teilen bescheuert und gefährlich. Die Vorstellung, dass diese Leute den albtraumfarbenen Mist, den sie erzählen, auch wirklich glauben, scheint schwer zu fallen – obwohl nichts dagegen spricht. Mein Lieblingsbeispiel ist die vermeintliche Email von Alice Weidel, die im vergangenen Jahr aufgetaucht ist, ein Schriftstück voller Menschenverachtung, Rassen- und Verschwörungswahn. Halbherzig hat Weidel verlauten lassen, dass die Mail nicht von ihr sei, aber von einer Fälschung wollte sie dann doch nicht sprechen. Warum interessieren wir uns nicht mehr für dieses Schriftstück? Wenn das wirklich von ihr stammen sollte (und nochmal: es spricht kaum was dagegen), dann ist sie eine rechtsradikale Reichsbürgerin, die sich auf braunesoterischen Neonaziseiten die Zeit vertreibt. Aber nein, in der Presse gilt Weidel immer noch als die wirtschaftsliberale Populistin mit dem kalten Lächeln.

 

Entwertet man den Begriff Nazi, wenn man jemanden, der die Verbrechen des Holocaust als Volgelschiss bezeichnet und gleichzeitig wieder stolz sein will auf die Wehrmacht, als Nazi bezeichnet?

Wieder: Der Begriff Nazi ist schwierig, aber solches Geplapper kennt man durchaus aus der rechtsextremen Szene und ist eines Neonazis würdig. Da werden die guten braunen Zeiten und die tüchtigen Wehrmachtssoldaten glorifiziert, und im nächsten Atemzug will man mit Adolfs zwölf dunklen Jahren natürlich nichts zu tun haben, die seien aber eh nicht so wichtig. Wenn ein glatzköpfiger Kamerad mit „HKNKRZ“-Shirt einem Journalisten erklärt, er sei kein Nazi, diese Buchstabenkombinationen hätte keine tiefere Bedeutung und die tätowierte 18 auf der Wade stehe bloß fürs Alter seines Rauhaardackels, dann ist das in etwa dieselbe Art der Argumentation.

 

Während Debatten nach rechts wandern, verfallen wir in eine Sprachkrise meinen Sie, wieso?

Die Sprachkrise beginnt dort, wo wir eben solchen Kameraden Glauben schenken. Da, wo wir die Begrifflichkeiten von Neofaschisten akzeptieren. Wo eisenharte Menschenfeinde und Faschisten sich als paneuropäische Nationalisten oder besorgte Bürger bezeichnen und wir dem nichts entgegensetzen, weil „faschistisch“, „Nazi“ und „Antisemit“ ja bloß ganz gemeine Beleidigungen sind. Wo Menschen Angst vor der jüdischen Weltverschwörung haben und sich ein arisiertes Deutschland zurückwünschen, sich aber zugleich sicher sind, keine Nazis zu sein – weil das waren ja die Bösen.

Die wenigsten Faschisten und Neonazis sind noch so freundlich, mit polierter Glatze, deutschem Gruß und weißen Schuhbändchen in den Stiefeln herumzumarschieren. Und in der Öffentlichkeit will sowieso kaum einer als Antisemit, Rassist oder Verschwörungsheini gelten. Also müssen wir klar machen, erklären und wieder erklären, was faschistische und nationalsozialistische Ideologie ausmacht, wie man sie erkennt und sie benennen.

 

Was können wir der extrem rechten entgegnen?

Erstmal das übliche: Aufklärung ist zentral, Sensibilisierung ohnehin und Widerspruch muss artikuliert werden. Na gut, und furchtlos muss man sein. Denn sonst reagiert man nur auf den fortschreitenden Rechtsruck, dann stimmt man ein in die ewigen Debatten über Migration und Isolation. Nein, es ist auch nötig wieder selber den Diskurs zu füllen und zu führen, den rechtsradikalen Fieberträumen müssen wir neue soziale Utopien entgegenstellen. Mein Gott, dann schreien die Faschos halt herum, so what? Dann muss man eben bessere Ideen haben als sie: schönere Träume als Ausschließung und Abschottung, stärkere Angebote als Angst und Hass, eine bessere Heimatutopie als hellblonde Schäferhunde auf germanischen Schollen. Das kann doch eigentlich nicht so schwer sein …

 

Brauchen wir neue Begriffe für eben jene, um klar zu machen, dass sie nicht zur Mitte der Gesellschaft gehören?

Nein, die Begriffe haben wir doch längst. Aber wir müssen sie präzise nutzen, fundiert erklären und dürfen sie nicht den Menschenfeinden überlassen: Wenn Faschisten die Deutungshoheit über Faschismus einfordern, Fremdenfeinde Rassismus definieren dürfen und Judenhasser Antisemitismus erklären, dann haben wir ein verdammt großes Problem.

 

Das Interview führte Kira Ayyadi

 

Tobias Ginsburg, geboren 1986 in Hamburg, ist Theaterregisseur und Autor. Seit 2007 schreibt und inszeniert er Theaterstücke, wobei politische und gesellschaftliche Themen im Vordergrund seiner intensiven Recherchen, Texte und Arbeiten stehen. 2018 erschien mit „Die Reise ins Reich – Unter Reichsbürgern“ sein erstes Buch. 

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