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Kommentar Es liegt an uns. Und sonst niemandem.

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Anetta Kahane ist Vorsitzende des Vorstands der Amadeu Antonio Stiftung (bis Ende März 2022); Foto: MUT

Flüchtlinge sind in den letzten Wochen besonders häufig zum Ziel von Angriffen geworden. Jeder einzelne Satz in der Chronik bedeutet für die Opfer Angst, Trauma, zerstörte Hoffnung, psychische und physische Schmerzen. Wenn Sie jetzt diese Chronik lesen, tun Sie es bitte sorgfältig. Um den Zustand in diesem Land zu beschreiben, brauchen wir nicht ein Erschrecken hervorgerufen durch hohe Zahlen, sondern viel mehr als das. Was wir brauchen ist Zeile für Zeile beim Lesen zu verstehen, wie es den Opfern geht und was wir für sie tun können. Wenn in Ihrer Nähe eine Unterkunft für Flüchtlinge ist, gehen Sie bitte hin und fragen nach, wie dort die Situation aussieht. Lassen Sie sich zeigen, wie die Flüchtlinge untergebracht sind, fragen Sie ob es Drohungen gibt, sprechen Sie mit den zuständigen Ämtern. Nehmen Sie Ihre Freunde mit und reden Sie mit Bekannten. So kann vielleicht schon im Vorfeld verhindert werden, dass sich vor den Heimen „etwas“ zusammenbraut.

Seit Beginn des Jahres (2014) gab es 21 Angriffe auf Heime, davon 12 Brandanschläge. Sieben Flüchtlinge wurden bei Angriffen verletzt, neun beleidigt. Seit Jahresbeginn wurden schon jetzt 24 Demos gegen Flüchtlinge organisiert. Zumeist stecken dahinter Rechtsextreme, die das Thema für sich nutzen und die Stimmung aufheizen wollen.

Rassisten und Rechtsextreme arbeiten daran, uns ihre Standards aufzuzwingen

Die Amadeu Antonio Stiftung hat zusammen mit PRO ASYL die Kampagne „Pro Menschenrechte. Contra Vorurteile und Rassismus“ gestartet und Materialien für die Arbeit vor Ort herausgegeben. Darin können Sie gute Bespiele finden wie Bürger*innen ihren neuen Nachbarn geholfen haben, wie sie gegen den braunen Mob gearbeitet und schließlich für ein besseres Klima in der Nachbarschaft gesorgt haben. Sie werden darin aber auch einige wichtige Analysen über die aktuelle  Situation finden und wie Sie rechter Propaganda entgegentreten können. Das ist sehr wichtig, denn wir alle entscheiden heute darüber, was die Grundlagen unseres Zusammenlebens sind und sein werden. An die 1990ger Jahre erinnert man sich mit Grausen, als damals die Pogrome stattfanden und hunderte Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte verübt wurden. Jedes Jahr starben viele Menschen dabei. Die „friedliche“ Revolution, die zum Fall der Mauer geführt hatte, zeigte ihre hässliche Kehrseite.

Heute haben wir mehr Erfahrung, das Land ist einiger und erwachsener geworden. Wir sollten das nutzen und nicht erst warten, wie sich die Situation entwickelt. Rassisten und Rechtsextreme arbeiten daran, uns ihre Standards aufzuzwingen. Das dürfen wir nicht zulassen. Und ganz gleich ob die Behörden dabei helfen oder nicht, müssen wir uns jetzt darum kümmern die Flüchtlinge zu schützen und zu zeigen, dass sie bei uns gut aufgehoben sind. Es ist eine Situation, die wir ernst nehmen sollten. Denn in 10 Jahren werden wir uns fragen, was wir getan oder unterlassen haben. Und wenn wir jetzt beherzt handeln, werden es im Rückblick einigermaßen ruhige Jahre gewesen sein. Es liegt an uns. Und sonst niemandem.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

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