Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

Kommentar Liebe Volkswirte, wir müssen reden!

Von|
(Quelle: Unsplash)

Anfang Juni diesen Jahres bezeichnete der Vorstand der American Economic Association (AEA), der wichtigste Dachverband amerikanischer Ökonom*innen, die heute vorherrschende Benachteiligung von Schwarzen und POCs in den USA als die Fortführung der Sklaverei. Trauriger Anlass war die Tötung George Floyds im Monat zuvor, während seiner Verhaftung durch die Polizei. In ihrer Erklärung nahm die AEA ausdrücklich die Universitäten und insbesondere die eigene Zunft in die Mitverantwortung, zu lange Rassismus und Diskriminierung ignoriert und geduldet zu haben. Forschung und Lehre forderte sie auf, dies dringend nachzuholen. Die deutsche VWL und ihr wichtigster Verband, der Verein für Socialpolitik sollten es ihren amerikanischen Kolleg*innen gleichtun und die Gelegenheit ergreifen, sich kritisch mit der gesellschaftspolitischen Verantwortung ihrer eigenen Disziplin auseinanderzusetzen.

Seit geraumer Zeit beklagen Politiker*innen, Psycholog*innen und Kommunikationswissenschaftler*innen in Deutschland eine zunehmende Verrohung des öffentlichen Diskurses: Rassistische, nationalistische und chauvinistische Einstellungen werden selbstbewusst vertreten, soziale Minderheiten werden offen verunglimpft, LGTBIQ-feindliche und anti-feministische Kommentare vernimmt man wieder häufiger, für antisemitische Einstellungen braucht man sich offenbar auch nicht mehr zu schämen. Menschenverachtende Hetze mit dem Anschein der Bürgerlichkeit zu vereinen, versucht vor allem die Alternative für Deutschland (AfD). Personell und inhaltlich scheut sie sich nicht vor der Nähe zum faschistischen Gedankengut, beansprucht aber gleichzeitig, die Mitte der Gesellschaft zu vertreten.

Denn immerhin wurde die AfD an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten „geboren“. Wie aber konnte es dazu kommen, dass gerade eine Partei der Wirtschaftsprofessor*innen die Brut- und Sammelstelle für neues rechtes Gedankengut in der Bundesrepublik bilden konnte? Wurde hier eine Partei besorgter Liberaler von hintertriebenen Rechtsradikalen gekapert? Oder bot sie ihnen schon zu Beginn einen nährreichen Untergrund?

Selbstverständliche Fragen?

Dass sich aufgeklärte Akademiker*innen Fragen über die personellen, institutionellen, aber auch inhaltlichen Vorbedingungen der eigenen Disziplin stellen, könnte man heutzutage für selbstverständlich halten. Etliche Jahre der Genderforschung, der Postcolonial Studies und die etwas jüngeren Einsichten durch Critical Whiteness dürften dafür sensibilisiert haben, dass Diskriminierung und Rassismus historisch gewachsen sind und sich in den gesellschaftlichen Institutionen festgesetzt haben. Infolge unserer Sozialisierung übernehmen wir die entsprechenden Denkmuster und reproduzieren sie, oftmals unhinterfragt. Eine akademische Disziplin ist hiervon nicht ausgenommen. Sie kann allerdings ihre eigene Rolle hinterfragen und somit verhindern, dass sie bestehende Formen sozialer Diskriminierung weiter konsolidiert.

Die US-amerikanischen Ökonom*innen wollen diesen Teufelskreis sich reproduzierender Diskriminierung nun endlich durchbrechen. Aber wie steht es um die deutsche VWL? Während in den benachbarten Gesellschaftswissenschaften durchaus Querverbindungen zwischen der ökonomischen Disziplin und dem wiedererstarkten Rechtsnationalismus nachgezeichnet werden, üben sich die etablierten Vertreter*innen der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten in Schweigen. Vielleicht zeigt sich hier der trotzige Korpsgeist, das Fach gegen einen vagen Generalverdacht zu verteidigen. Oder ein zutiefst fragwürdiges Wissenschaftsverständnis. Denn die deutsche VWL sieht sich offenbar als die Wissenschaft der Macher: Während alle anderen über die Probleme reden, sucht sie nach der Lösung. Als harte Wissenschaft lässt sie sich nicht zu schöngeistigem Geschwätz hinreißen – das überlässt sie lieber den Geisteswissenschaften.

Vermeintliche Neutralität oder Verantwortung

Ethische Aspekte und Wertfragen stehen für die deutsche Ökonomik meistens außerhalb der Wissenschaft. Daher kann sie über den vermeintlichen methodischen Dilettantismus ihrer sozialwissenschaftlichen Schwestern, Politologie und Soziologie, nur die Nase rümpfen. Bestehende Vorstöße, vor allem aus dem vornehmlich studentischen Netzwerk Plurale Ökonomik e.V., die ontologischen und epistemologischen Grundlagen ökonomischer Kategorien und Modelle zu beleuchten, lehnen die wichtigsten Vertreter*innen der deutschen VWL als nutzlos ab. Zu groß ist ihre Angst, dass die Studierenden vor lauter Selbstreflexion nicht mehr ausreichend Zeit finden, das umfangreiche Handwerk der*des Volkswirt*in einzuüben. Dieser hemdsärmelige Pragmatismus passt zu einer Vorstellung der VWL als einer Lehre, nicht als einer Wissenschaft. Eine Lehre, die danach trachtet, Technokraten auszubilden, bloß keine Intellektuellen. Ihre Disziplin verstehen sie als eine Art wissenschaftlicher Dienstleistung, den Kunden aus Politik und Privatwirtschaft zeigen sie den kosteneffizientesten und ressourcenschonendsten Weg zur Erreichung der jeweils gesteckten Ziele. Alles andere wäre nämlich unwissenschaftlich. Basierend auf dieser Vorstellung können weder Rassismus noch Diskriminierung überhaupt innerhalb der Wissenschaft diskutiert werden.

Dass intellektuelle Selbstbeschränkung keine Tugend ist, mussten allerdings nicht erst Klimawandel und Finanzkrisen zeigen. Eine Wissenschaft wird nicht einfach deshalb werturteilsfrei, nur weil man sie so definiert.  Max Weber und Werner Sombart, die Initiatoren des bekannten Werturteilsstreits, war dies bereits 1909 bewusst als sie den staatszentrierten Ansatz der deutschen Nationalökonomie herausforderten. Sie monierten deren Auffassung des Staates als unbestreitbares Zentrum von Wirtschafts- und Gemeinwesen und forderten, dies als ein normatives Ideal von Gesellschaft deutlich zu machen, anstatt es hinter vermeintlich objektiven Kategorien zu verbergen. Ein solcher Etikettenschwindel erweise der wissenschaftlichen Debatte einen Bärendienst, weil es subjektive Wertvorstellungen als angeblich objektive verstetige. Weniger bekannt ist heutzutage, dass dieses hehre Appell teilweise auch nach hinten losging: Weber und Sombart erhielten, ihren eigenen Einschätzungen nach, eher unangenehme Unterstützung von einem Bündnis äußerst wirtschaftsliberaler Ökonomen. Die sogenannten „Pseudo-Werturteilsfreien“ erklärten kurzerhand jegliche Form der Sozialpolitik für werturteilsgeleitet und stellten ihr das privatwirtschaftliche Handeln gegenüber. Dieses sei grundsätzlich harmonisch mit den natürlichen Gesetzmäßigkeiten gesellschaftlichen Lebens und damit genuin werturteilsfrei.

Durch die Überhöhung des eigenen Positivismus gerät die deutsche Wirtschaftswissenschaft in Gefahr den semantischen Trick der „Pseudo-Werturteilsfreien“ zu wiederholen. Die systematische Verweigerung anzuerkennen, dass selbst das disziplinierteste Forschungsdesign auf ontologischen und epistemologischen Vorabentscheidungen beruht, welche das verinnerlichte Welt-, Menschen- und Gesellschaftsbild der jeweils Forschenden reproduziert,  kann genutzt werden, um jede unerwünschte Debatte im Keim zu ersticken. Das Ideal der Werturteilsfreiheit kann niemals vollständig erreicht werden, wir können es nur anstreben. Hierfür bedarf es aber der ehrlichen Bereitschaft zum kritischen Diskurs, der nicht nur gefestigte Theorien und Methoden vermittelt, sondern deren Entstehungskontext und implizite Werthaltungen herausarbeitet und zur Debatte stellt.

Die Bedeutung von Ethik

Aktuell drängend ist hier eine aktive Auseinandersetzung mit menschenverachtenden und rassistischen Ansichten. Ist es für die Theorie von Relevanz, ob ihre Urheber während des Kalten Krieges brutale Militärregimes beraten haben? Ja, denn die begrifflichen Grundlagen wie z.B. Freiheit oder Gleichheit, die sie für ihre Untersuchung wirtschaftlichen Wettbewerbs und Preisbildung benutzen, sind geprägt von ihren ethischen Überzeugungen.

Muss es uns interessieren, ob verstorbene Ökonomen die Eugenik befürworteten? In jedem Fall, denn die Eugenik führte den ökonomischen Status von Menschen auf Gene oder Herkunft zurück und naturalisierte dadurch Formen sozialer Diskriminierung. Diese Wissenschaftler trugen aktiv dazu bei, Diskriminierung und Rassismus unsichtbar werden zu lassen, während sie im Verborgenen weiterwirkten.

Der Ansatz des Ceteris Paribus der meisten wirtschaftswissenschaftlichen Politikempfehlungen tendiert dazu, Konzepte, Modelle und ihre Kategorien als gegeben zu akzeptieren. Damit werden die dahinterstehenden Wertvorstellungen unhinterfragt reproduziert. Die deutsche VWL hat bisher versäumt zu ergründen, ob sie und ihre Vertreter*innen eine Mitschuld an der Verrohung des öffentlichen Diskurses tragen. Dabei ist die Frage längst überfällig, ob sie Nationalismus, Rassismus und Minderheitenfeindlichkeit ein ökonomistisches Gewand zur Verfügung stellt. Blockiert sie gar den dringend notwendigen Diskurs über Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus in Deutschland, wenn sie gegenläufige Argumente im Hörsaal und auf dem politischen Parkett wiederholt diskreditiert?

Die deutschen Ökonom*innen müssen aufhören sich vorzumachen, sie wüssten hierauf bereits die Antwort. Anfangen zu fragen können sie dahingegen an vielen Stellen: Beschreibt das Konzept der Wettbewerbsfähigkeit wirklich nur die wirtschaftliche Produktivität auf Unternehmens- oder nationaler Ebene? Oder propagiert es mitunter eine nationalistische Wirtschaftspolitik, die eine spezifische heimische Exportindustrie auf Kosten von Binnenwirtschaft und Arbeitslöhnen bevorteilt? Schließt dieses Konzept bereits im Vorhinein eine internationale Wirtschaftskooperation auf Augenhöhe aus?

Einige Theorien und Konzepte der Mikroökonomie führen Einkommensunterschiede auf schichtenspezifische Konsumneigungen, kulturell verankerte Familienplanungen oder individuelle Bildungspräferenzen zurück. Hier müssten sich die Ökonom*innen ehrlich fragen, bis zu welchem Punkt sie nach den Ursachen sozialer Ungleichheit forschen und ab wann sie sie verharmlosen, indem alles durch individuelle, freie Entscheidungen oder ein kulturell verankertes Maß (fehlender) Leistungsbereitschaft und Fleiß erklärt wird. Nicht selten lesen sich solche Studien als eine Polemik gegen jegliche Form von Sozialpolitik, die den natürlichen Selektionsprozess durch den Markt boykottiere und damit langfristig die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung schmälere.

Besonders die Ordoliberalen, die sich stolz als die Gralshüter der Sozialen Marktwirtschaft gebärden, müssen ergründen, inwieweit sich ihre konservative Lesart des Prinzips der Subsidiarität mit der heutigen Lebensrealität von Singlehaushalten, Patchwork-Familien, Alleinerziehenden und gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften verträgt. Oder ob sie wieder dem Familienideal der westdeutschen Nachkriegszeit huldigen wollen, nach dem Hausfrau und Kinder vom männlichen Alleinversorger abhängen. Vor diesem Hintergrund gilt es auch jene Einwände zu untersuchen, die eine geringqualifizierte Einwanderung für schlichtweg unvereinbar mit dem deutschen Rentenmodell erklären. Mangelt es tatsächlich an fiskal- und wirtschaftspolitischen Alternativen oder stellt sich hier eine krude Vorstellung von der kulturell homogenen Nation in den Weg?

So manche*r deutsche*r Volkswirt*in setzt die Bedeutung von Kapital für das wirtschaftliche Wachstum über die von Arbeit. Hieraus entspringen entwicklungsökonomische Vorschläge, transnationale Kapitalströme möglichst ungehindert fließen zu lassen, wohingegen eine äquivalente Personenfreizügigkeit als kontraproduktiv ausgeschlossen wird, um dem kapitalinduzierten Aufschwung nicht die heimischen Arbeitskräfte zu entziehen. Spricht hier eine interesselose Analyse für Grenzzäune oder doch nur das rassistische Ressentiment?

VWL und Zweifel an der Demokratie

Namhafte deutsche Ökonomen lassen sich dazu hinreißen, der Politik eine generelle Unfähigkeit zu unterstellen, wenn sich diese nicht haargenau an ihre wirtschaftspolitischen Empfehlungen oder die der Lehrbücher hält. Falls nötig muss die Politik eben per Gesetz zu diesen unumstößlichen Lehrsätzen verpflichtet werden. Erstaunlich unterkomplex erscheinen Politik und Demokratie durch die ökonomische Brille. Doch anstatt dieses Defizit zu beheben, begnügt man sich in Lehre und Forschung mit komplizierten Beweisführungen, welche eine grundsätzliche Illegitimität demokratischer Entscheidungsprozesse nachweisen und Politiker*innen als kleptokratische Rentenbezieher brandmarken, die der optimalen Güterallokation durch den Markt im Wege stehen. Gesellschaftlicher Pluralismus ist hier kein demokratischer Wert, sondern ein Hindernis für mehr Effizienz. Da sollte man sich dann doch einmal fragen, welches Gesellschaftsbild und Demokratieverständnis Professor*innen haben, die ihrer Forschung solche Modelle zugrundelegen.

Geben wir nicht vor, die Antwort auf diese Fragen bereits zu wissen. Wir müssen sie erst finden. Grundvoraussetzung hierfür ist allerdings, dass sich die deutsche VWL überhaupt erst dazu bereit erklärt, über ihren Einfluss auf das politische Klima in Deutschland offen und ehrlich zu diskutieren. Den Etablierten des Fachs ist empfohlen, sich auf den Dialog mit den Jüngeren und Studierenden einzulassen. Nicht von der Kanzel herab, sondern auf Augenhöhe. Denn was Zivilcourage und das politische Eintreten gegen Rechts betrifft, können sie von der neuen Generation mit Sicherheit einiges lernen. Wie das bemerkenswerte Engagement des Netzwerks Plurale Ökonomik e.V. beweist, ist die Bereitschaft zum Dialog in der jungen Generation vorhanden. Nun liegt es an den Älteren, dieses Angebot wahrzunehmen. Es wäre ein herber Schlag für das demokratische Miteinander und die Ökonomie als Wissenschaft, wenn sie sich dem Gespräch weiterhin verweigerten.

Felix Schroeter ist Islamwissenschaftler und Ethnologe und hat einen Master in Ökonomie von der Uni Konstanz. Er hat in den Bereichen Internationale Zusammenarbeit, Verlagswesen und Journalismus gearbeitet. 2020 hat er zur ökonomischen Ideengeschichte promoviert.

Weiterlesen

black-lives-matter-5251388_1920

Interview Schließen sich Antirassismus und Antisemitismuskritik aus?

Black Lives Matter positioniert sich antizionistisch und „israelkritisch“. Der Fall Mbembe zeigt: Postkolonialismus hat auch ein antisemitisches Gesicht. Müssen wir uns zwischen Antisemitismus und Antisemitismuskritik entscheiden? Ein Gespräch mit Anetta Kahane.

Von|
Unsere Partnerportale
Eine Plattform der