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Max Czollek „Ein deutlich höheres Maß an Cancel Culture nach 1945 wäre sicherlich hilfreich gewesen“

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Der Autor und Lyriker Max Czollek.
Im Gespräch: Der Autor und Lyriker Max Czollek. (Quelle: AAS)

Max Czollek, 1987 in Berlin geboren, ist Autor und Lyriker. Er kuratierte „Desintegration. Ein Kongress zeitgenössischer jüdischer Positionen“ und die „Radikalen Jüdischen Kulturtage“ im Maxim Gorki Theater und ist Mitherausgeber der Zeitschrift „Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart“. 2018 erschien sein erster, viel diskutierter Essayband „Desintegriert euch!“. Sein neues Buch „Gegenwartsbewältigung“ ist eine Abrechnung mit der vermeintlichen deutschen Leitkultur – und ein Manifest für eine plurale Gesellschaft.

Belltower.News: Seit Ihrem letzten, 2018 erschienen Buch „Desintegriert euch!“ ist viel passiert: Die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, rechtsextreme Anschläge in Halle und Hanau und die tabubrechende Wahl Kemmerichs zum Thüringer Ministerpräsidenten mithilfe der AfD. Statt von einem Rechtsruck könnte man ja von einer regelrechten Rechtslawine sprechen. Überraschen Sie diese Ereignisse?

Max Czollek: Ich würde nicht von Überraschung sprechen, sondern Entrüstung. Mich entrüsten diese Ereignisse. Aber nicht, weil ich nicht geahnt habe, dass es soweit kommen könnte, sondern weil es soweit kommt. Und weil ich nicht sehen kann, dass von politischer Seite Maßnahmen ergriffen werden, um eine weitere Verschärfung der Situation zu verhindern.

Was war Ihre erste Reaktion, Ihr erster Gedanke, als Sie von dem Anschlag auf die Synagoge in Halle erfuhren?

Ich war damals in Buenos Aires für ein Lyrikprojekt und habe durch die Zeitverschiebung dort abends die ersten Push-Nachrichten darüber auf meinem Handy bekommen. Am nächsten Morgen schrieb ich einen Artikel für „Spiegel Online“ mit dem Titel „Der Sturm, vor dem wir euch gewarnt haben“. Danach bin ich durch Buenos Aires gelaufen, wo 1994 einer der schlimmsten Anschläge auf eine jüdische Einrichtung stattgefunden hat, bei der 85 Menschen ums Leben kamen. Zusammen mit dem Wissen, dass auch Bekannte von mir in der Synagoge in Halle gewesen waren, hatte das alles eine emotionale Intensität, die mich am Ende doch überrascht hat.

Zum Prozessauftakt gegen den Halle-Attentäter sind Sie nach Magdeburg gereist und haben auf der Kundgebung vor dem Gerichtsgebäude eine Rede gehalten. Warum war das Ihnen wichtig?

Ich wurde angefragt vom Bündnis „Halle gegen Rechts“ und muss sagen: Ich hatte vorher noch nie an einem Lauti gesprochen. Ich entschied mich dafür, weil dieser Prozess viel Aufmerksamkeit verdient. Und weil ich die Nebenkläger*innen auch von außerhalb des Gerichtsgebäudes unterstützen wollte. Das war mir sehr wichtig, dass die Leute das Gefühl bekommen: Wir haben euren Rücken, ihr seid nicht allein!

Ihr letzter Essayband, ein polemischer Aufruf zur Desintegration, hat einen Nerv getroffen – und eine Diskussion begonnen: Über das Integrationsparadigma, über Erinnerungskultur, über die symbolische Figur „des Juden“ in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Hat sich die Lage in den letzten zwei Jahren zum Positiven entwickelt?

Ich würde mein Buch nicht als Impulsgeber, sondern eher als Ausdruck einer sich langsam verändernden Diskussion über die Frage von Zugehörigkeit und deutscher Gesellschaft sehen. Es ist ein weiterer Schritt in der Debatte um die Frage: Wie könnte eine postmigrantische Gesellschaft aussehen, wie gehen wir mit einer gesellschaftlichen Vielfalt um, die in den letzten Jahrzehnten auch rechtlich stärker abgebildet wird, und wie gehen wir gleichzeitig mit der zunehmenden Bedrohungslage um? Einer Bedrohungslage, die in den letzten zwei Jahren eher zugenommen hat.

Das sehen wir an der Entwicklung des öffentlichen Diskurses: Themen wie das “Oma-Umweltsau”-Lied oder eine satirische Kolumne von einer nicht-binären Person of Colour in einer linken Tageszeitung lösen größere Diskussionen aus als Themen, die tatsächlich wichtig sind – wie ein gravierendes Problem mit Rechtsextremismus im Land. Warum eigentlich?

Ich glaube, diese Schieflage verweist auf eine bestimmten Art und Weise, sich die deutsche Gesellschaft vorzustellen – und die systematischen Fehlleistung, die diese Vorstellung in Bezug auf die Rechts-Links-Achse in Deutschland produziert. Ich meine die Idee, dass diese Gesellschaft von einer bürgerlichen Mitte getragen wird, die glaubt, sich sowohl gegen rechts wie auch gegen links abzugrenzen und abgrenzen zu müssen. Wenn diese Vorstellung die Wahrnehmung der Realität dominiert, dann mündet sie in eine Situation, in der Linken unterstellt werden muss, sie wären so schlimm wie Rechte. Und das ist interessant, weil jede Kriminalstatistik über Gewalt deutlich vor Augen führt, dass 90 Prozent der Gewalttaten von rechten Straftätern ausgehen. Und es ist auch interessant, weil hier eine eher kuriose Faschismus-Hypothese durchscheint: Ohne Linke und Antifaschist*innen hätte es keine Nazis gegeben, sondern nur die bürgerliche Mitte. Dagegen würde ich behaupten: Ohne Antifaschist*innen wäre Nazideutschland niemals besiegt worden.

Diese imaginierte Bedrohung von links sieht man ganz deutlich in der aktuellen Debatte um eine vermeintliche „Cancel Culture“. Und diese Debatte nimmt manchmal absurde Züge an: So zeigte sich neulich ein Kommentator in der „Welt“ erleichtert, dass NS-Verbrecher in der Nachkriegszeit ihre Jobs behalten konnten und nicht unter der viel beschworenen „Cancel Culture“ leiden mussten. Was denken Sie, wenn Sie sowas lesen?

Ein deutliches höheres Maß an „Cancel Culture“ nach 1945 wäre sicherlich hilfreich gewesen, weil wir dann bestimmte Probleme wie die Rückkehr völkischen Denkens in die Politik heute vielleicht nicht in dem Ausmaß erleben müssten. Aber die Debatte um eine vermeintlich linke „Cancel Culture“ ist auch ein Paradebeispiel für die falschen Projektionen der vermeintlichen bürgerlichen Mitte. Denn in Wirklichkeit hat es eine Drohung durch einen ominösen Schwarzen Block gegen den Auftritt einer österreichischen Satirikerin in Hamburg nicht gegeben. Damit ist die Diskussion vor allem eins: Ausdruck einer Fantasie darüber, wie bedrohlich Linke sind. Man glaubt eben, dass es von links eine ähnliche Bedrohungslage gäbe wie von rechts. Und dann diskutiert man das entsprechend, selbst wenn der Anlass diese Deutung überhaupt nicht hergibt. Das ist das Ergebnis einer Ideologie der bürgerlichen Mitte.

Kommen wir zu Ihrem neuen Buch. Lübcke, Halle, Hanau, Thüringen: Waren diese Ereignisse Impulsgeber für einen zweiten Essayband?

Ja, sicher auch. Die „Gegenwartsbewältigung“ geht allerdings von einem doppelten Befund aus: Zum einen, dass die deutsche Gesellschaft von einer Rückkehr völkischen Denkens und rechter Gewalt massiv bedroht wird. Sie wird, wenn man so will, von ihrer Vergangenheit heimgesucht. Zugleich ist die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten ja tatsächlich eine andere geworden. Auf kultureller und gesellschaftlicher Ebene zeichnet sich eine entsprechende Verschiebung schon heute ab – in neuen Ästhetiken und Narrativen und einem neuen Verständnis von Gesellschaft. Auch wenn die Politik diese Entwicklung noch nicht nachvollzogen hat, kann diese Entwicklung auch einen Grund für Optimismus bieten. Denn plötzlich scheint es möglich, die Gesellschaft auch mal anders zu denken als in den immer gleichen Bahnen völkischer Imagination, die von der AfD bis zur Leitkultur, von der Integration bis zum Heimatministerium reichen.

Eines dieser Konzepte findet man im Titel Ihres Buches: „Gegenwartsbewältigung“. Was meinen Sie damit genau?

Zunächst ist das ja ein Gegenbegriff zur Vergangenheitsbewältigung, die bis in die 1980er-Jahre die Vorstellung einer deutschen Dominanzkultur bezeichnete, man müsse irgendwie mit der Vergangenheit fertig werden, weil sie eine positive Deutschlandliebe verstelle. Da schwingt schon mit, durch eine bestimmte Erinnerung könnte eine bestimmte Gegenwart hergestellt werden, die nicht mehr unter dem Einfluss der gewaltvollen Vergangenheit steht. Ich denke, dass diese postnationalsozialistische deutsche Hoffnung auf eine erfolgreiche Flucht aus der Vergangenheit auch heute noch wirksam ist. Sie zeigt sich beispielsweise in der Einschätzung der AfD und ihrer Wähler*innen als Partei der Rattenfänger für frustrierte Demokrat*innen. Aus Perspektive der Gegenwartsbewältigung würde ich stattdessen fragen: Welche Kontinuitätslinien zeigen sich eigentlich im Erfolg der AfD, auf welche Weise sind wir also noch heute im Kielwasser einer Geschichte, die diese Gesellschaft niemals allein gelassen hat und die auch die Gegenwart bedroht. Und zwar völlig unabhängig davon, was sich jeder einzelne wünscht. Der Wunsch in einem besseren Land zu leben erzeugt doch nicht das bessere Land. Das müssen wir selber tun. Und dafür braucht es erst einmal einen klaren Blick darauf, was für ein Fall eigentlich vorliegt. Gegenwartsbewältigung eben.

Gleichzeitig erleben wir gerade in Bezug auf die Shoah einen Epochenwechsel, einen Verlust lebendigen Wissens. Erklärt das den Aufstieg der politischen Rechten?

Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa gibt es eine Tendenz, bestimmte Konzepte und Vorstellungen, die diesen Kontinent schon mal ins Verderben gerissen haben, wieder herauszuholen. Und dieser Prozess scheint attraktiver zu werden, je länger die Ereignisse zurückliegen. Vielleicht ist das der Grund, warum Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus und völkisches Denken heute wieder einfacher aktivierbarer und wählbarer sind, als vor zwei Jahrzehnten. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass diese Konzepte nie ausreichend kritisch reflektiert worden sind. Das bedeutet: Eine Fortsetzung dessen, was man als Erinnerungskultur bezeichnen könnte, müsste in der Gegenwart unbedingt kritische Reflexion über das positive deutsche Selbstbild nach 1945 mit einschließen – denn dieses in der Gesellschaft weit verbreitete Begehren nach einem positiven Selbstbild erzeugt einen nicht unwesentlichen Teil der Attraktivität, die Konzepte wie Heimat oder Leitkultur besitzen. Das „Nie-Wieder“ nach 1945 müsste also auch eine kritische Arbeit an der Vorstellung bedeuten, stolz auf Deutschland zu sein.

Sie kommen ja eigentlich aus der Kulturszene – als Lyriker, als Kurator. In „Gegenwartsbewältigung“ beschreiben Sie, wie wichtig deutsche Kunst für einen mörderischen Nationalismus war. Es gibt eine Verbindung zwischen völkischem Denken und kulturellen Überlegenheitsfantasien. Sehen Sie da auch Kontinuitäten bis in die Gegenwart?

Jein. Es gibt nach 1945 ein veritables Problem für eine positive nationalistische Identifikation mit Deutschland, denn nach dem Nationalsozialismus muss man sich schon fragen: Wie kann man noch stolz sein auf so ein Land? Und die Antwort, die man in der Bundesrepublik gab, war: die Politik mag böse gewesen sein, das völkische Denken war schlecht, aber die Kultur, die war gut. Man führte also eine radikale Trennung zwischen Politik und Kultur ein, um einen Teil der deutschen Geschichte als positiven nationalen Bezugspunkt zu retten. Nun ist es, wenn wir uns die letzten 250 Jahre und die Entstehung des deutschen Nationalismus anschauen, hochgradig unplausibel, von einer Trennung von Kultur und Politik auszugehen. Ganz im Gegenteil: Kultur und Politik hatten zu jedem Zeitpunkt in der deutschen Geschichte eine enge Verbindung, völkisches Denken und die Vorstellung kultureller Überlegenheit hingen eng zusammen – und zwar nicht nur von politischer Seite, sondern auch vonseiten bekannter Künstler*innen wie Richard Wagner, Novalis, Hölderlin und vielen mehr.

Oft wird heute die Kunstfreiheit hochgehalten, um problematischen politischen Haltungen eine Bühne zu geben.

So siehts aus. Aber anstatt zu fragen, ob Kunst mit denselben Mitteln gemessen werden darf wie der Rest der Gesellschaft, wollte ich im Buch gern nachvollziehen, wie diese Vorstellung der Kunstfreiheit als Freiheit von jeder politischen Kritik überhaupt entstehen konnte. Und darin zeigt sich einmal der Wunsch, nach 1945 eine gute Kultur zu erfinden, auf die man stolz sein könnte, aber auch bestimmte romantische Vorstellungen metaphysischer Kunst, die quasi übergesellschaftlich, für die Ewigkeit verfasst wird. Man rückte also gerade im Versuch, der Geschichte zu entkommen, wieder näher an sie heran.

Die sogenannten „Neuen Rechten“ und AfD mischen sich gerne in die Kultur ein – Metapolitik à la Gramsci. So wird Kulturpolitik zum Kampffeld. Wie sieht eine künstlerische Gegenstrategie aus?

Zusammen mit meinem Lyrikverleger Jo Frank entwickle ich seit letztem Jahr das Konzept der „wehrhaften Poesie“. Wenn man sich einmal von der Vorstellung eines kulturellen Kanons zur Ermöglichung einer positiven deutschen Leitkultur verabschiedet, wenn man also Abstand von der Vorstellung nimmt, dass Kunst und Kultur per se gut und apolitisch sein müssten, dann sieht man, dass es in Deutschland schon immer widerständige Kunst gab: Von Frauen, armen Menschen, Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma, usw. Und diese Menschen haben ein ganz anderes Archiv hinterlassen, als die Vorstellung vom kulturellen Kanon nahelegt – eines, welches Kunst als eine Widerstandsform versteht. Ich meine, eine Sensibilität für dieses Archiv wehrhafter Kunst kann uns in der Gegenwart helfen, die zentrale Herausforderung zu bewältigen, vor der die Kulturpolitik steht: Nämlich die Bedrohung von rechts. Und zwar nicht nur als Staatsbürger*innen, sondern auch als Künstler*innen.

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