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Nachruf Carlo Strenger Die linke Stimme der Vernunft

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(Quelle: Wikimedia / Ofer Chen / CC BY-SA 3.0)

In Israel und teils auch weltweit war der psychoanalytische Freigeist Carlo Strenger seit Jahren das Feindbild rechtspopulistischer und selbsternannter „pro israelischer“ Gruppierungen. Sie hassten ihn, weil er sich jedem Ressentiment verweigerte und – trotz allen Terrors – auf eine friedliche Regelung von Konflikten insistierte. Vor allem jedoch beharrte der undogmatische israelische Freudianer auf das Prinzip der Eigenverantwortung, der Selbstreflexion in den Zeiten eines zunehmenden Terrors und eines besorgniserregenden dumpfen Populismus. Hiergegen müssten wir uns als kritische Intellektuelle wehren, uns dem Ressentiment verweigern, lautete seit Jahren sein unermüdliches Credo

Biografie

Am 16.7.1958 in Basel geboren wächst Carlo Strenger in einer orthodoxen jüdischen Familie auf. Als junger Mann geht er aus innerer Überzeugung nach Israel. Es folgt ein Studium der Psychologie und Philosophie in Zürich, 1989 promoviert er in Jerusalem und lehrt als Hochschullehrer in Tel Aviv. Insbesondere bei Richard Schneider war er, als dieser für die ARD als Israelkorrespondent tätig war, ein Dauergast. Man duzte sich sogar vor der Fernsehkamera

Seine kosmopolitische Prägung und innere Orientierung bewahrt er sich: Der Psychoanalytiker wirkte im akademischen Beirat der renommierten Wiener Sigmund Freud Stiftung, war aber auch am Daseinsanalytischen Seminar in Zürich sowie am Institut für Terrorforschung an der Universität in New York tätig.

Schon bald, bereits in den 1990er Jahren, wird der Freudianer als außergewöhnlich produktiver Publizist eine international wahrgenommene, mahnende Stimme: In auflagenstarken Medien wie Haaretz, der Neuen Zürcher Zeitung und im Guardian publiziert Carlo Strenger regelmäßig als Kolumnist und als politischer Aufklärer zu israelischen und kulturellen Fragen, zum Nahostkonflikt sowie zu psychoanalytischen Themen. Aber auch im deutschen Fernsehen war er bei liberalen Journalisten ein vielgefragter Interviewpartner.

Er hatte keine innere Schwierigkeiten, auch auf deutsch zu sprechen. Viele seiner Bücher erschienen bei Suhrkamp aber auch beim Psychosozial Verlag. Verheiratet ist er mit Julia Elad-Strenger, einer politischen Psychologin.

Antisemitische Attacken der Dschihadisten und die Zwei-Staaten-Lösung

Die antisemitischen Attacken in Europa in Paris, Brüssel, aber auch am Berliner Breitscheidplatz wurden im terrorismuserprobten Israel, hebt Carlo Strenger 2016 in einem Interview der Zeit 2016 hervor, keineswegs mit Überraschung wahrgenommen; und doch bewahrte man sich in Israel, trotz alles besserwissenden europäischen Attitüden, Mitgefühl.

Politisch war Carlo Strenger sehr lange ein Vertreter der Zwei-Staaten-Lösung. Der nicht nachlassende Terror durch palästinensische und vom Iran gesteuerte Gruppierungen sowie der – hierdurch mit verursachte – Rechtsruck in Israel ließen seine Zweifel an einer solchen politischen Lösung des Nahostkonfliktes jedoch wachsen. In sehr deutlichen Worten trat er allen Versuchen gerade von gewissen Linken entgegen, Israel allein für seine entschiedene Haltung gegenüber dem Terror, für das weitgehende Scheitern aller Vermittlungsbemühungen verantwortlich zu machen.

Der Gaza-Krieg 2014

Das Verhalten der israelischen Regierung und Politik im Gaza-Krieg 2014 verteidigte Carlo Strenger anfangs entschieden, trotz aller inneren Ambivalenz. Die Tunnel, die Terrorgruppen wie die Hamas immer wieder gen Israel gruben – anstatt ein eigenes, friedensbereites Land aufzubauen – waren für ihn wie für alle Israelis ein tiefer Schock. Dennoch war der liberale Kosmopolit über die Vehemenz der Angriffe, der Verdächtigungen erschrocken, denen verständigungsbereite Vertreter „der“ Friedensbewegung in Israel ausgesetzt waren. Die Angriffe der „Falken“ galten ihm, aber auch David Grossmann und dem kürzlich verstorbenen Amos Oz.

„Israels Rechte“, so Strenger in einem seiner sehr zahlreichen politischen Essays insbesondere in der NZZ, „hat sich immer tiefer in ihre Weltanschauung vergraben, und die Linke ist immer weiter in Apathie versunken.“ Und was noch an Hoffnung vorhanden war wurde nach und nach zermürbt von den grausigen Selbstmordanschlägen der zweiten Intifada Anfang der 2000er Jahre, durch die ungebremste israelische Siedlungspolitik, durch den Kreislauf der Gazakriege.

Israel entfernt sich von Herzl

Als Vertreter eines liberalen Zionismus, der aus tiefer innerer Überzeugung vom „sicheren“ Zürich nach Israel eingewandert ist, beunruhigte ihn die seit zwei Jahrzehnten anhaltende Tendenz in Israel, sich in eine „illiberale Demokratie“ (Strenger in der NZZ, 2.5.2019) zu verwandeln. Vergleiche zu den rechtspopulistischen Tendenzen Ungarn und Polen seien durchaus nicht abwegig. Als Linksliberaler habe er die Verpflichtung, solche Tendenzen schonungslos und doch mit Liebe zu analysieren und vor ihnen zu warnen. Deshalb wundere es ihn, dass man ihm als Israeli auf Facebook sowie per Mail beschimpfe und ausgerechnet ihm „Israel-Bashing“ vorwerfe.

Das aus der Shoah gewachsenes Motto des „Nie wieder!“ bleibe seine innere Verpflichtung, „unabhänngig von Religion, Nationalität oder Ethnie.“ Die viele Jahrhundert alte jüdische Tradition „der endlosen Diskussion“, des inneren Dissens, müsse bewahrt und verteidigt werden. Es wäre „für mich eine Katastrophe“ wenn dieses „ad acta“ gelegt würde, schrieb Carlo Strenger im Mai 2019. Angriffe gegen die akademische Lehrfreiheit sowie gegen die journalistische Freiheit müssten entschieden abgewehrt werden. Dies entspreche Herzls liberal-zionistischer Vision. Netanyahu fortwährendes Taktieren hingegen und der Versuch, „seine Wählerbasis gegen die Justiz des Landes aufzuwiegeln“, sei eine ernsthafte Gefahr für den liberalen Geist in Israel. Die Demokratie müsse immer wieder und im Alltag verteidigt werden.

Der Antisemitismus in der Linken und der Rechten

Der Antisemitismus, der ab den späten 1960er Jahren durch die westliche Linke geschürt worden ist – Dieter Kunzelmann ist ein besonders niederdrückendes Symbol hierfür – ist immer wieder analysiert worden. BDS und das, was dieser repräsentiert, ist beileibe kein neues Phänomen. Carlo Strenger knüpft hieran argumentativ an und ringt politisch und kulturell für einen besseren, angemesseneren politischen Weg.

Verteidigung gegen den Terror

Gegen Terror hilft keine Strategie der Bagatellisierung, des Klein-Redens. Terror muss Terror genannt werden und diesem muss vom Rechtsstaat und von den freien Ländern energisch und selbstbewusst entgegengetreten werden. Daran ließ Carlo Strenger nie einen Zweifel: „Wichtig ist eine klare Sprache. Der Terror wird nicht abnehmen, er wird zunehmen. Wir werden uns wehren müssen. Und man braucht ein öffentliches Gespräch darüber, mit welchen Mitteln – damit nicht, wie in den USA, eine staatliche Unterwelt von Geheimgerichten und -gefängnissen entsteht“ sagte er beispielsweise in einem ZEIT-Interview.

Zivilisierte Verachtung

Der globalisierte Kapitalismus stelle den modernen Menschen vor große Herausforderungen. Das Bewahren eines stabilen Selbstwertgefühles sei eine große Herausforderung. Den Forderungen nach einer politischen Korrektheit stand Carlo Strenger in seinen Publikationen hingegen sehr kritisch gegenüber. Diese lähme große Teile der Linken und verhindere ein entschlossenes Entgegentreten gegen die Gefahr, die insbesondere Rechtsradikale weltweit darstellen. Der heutige Mensch bleibe verantwortlich dafür, sich umfassend zu informieren und seinen eigenen Standpunkt immer wieder zu überprüfen. Das machtpolitische Scheitern der Linken und Linksliberalen, auch in Israel, sei zum großen Teil selbstverschuldet, führte der kritische Intellektuelle immer wieder vor seinem eher linksliberalen Lesepublikum aus. Dieser Gefahr gelte es mit einer „zivilisierten Verachtung“ entgegenzutreten – dies war zugleich der Untertitel seiner 2015 erschienenen Essaysammlung: Der brutale Terroranschlag vom 11.9.2001 wie auch die westlichen Gegenreaktionen hierauf – der Afghanistan- und der Irakkrieg – waren für ihn Belege für ein politisches Scheitern: „Knapp 15 Jahre später kann die Bilanz nur lauten, dass Bushs Krieg gegen den Terror ein totaler Fehlschlag war. Afghanistan versinkt im Chaos, der Irak steht im Begriff auseinanderzubrechen.“

Nachdrücklich mahnt der Philosoph: „Will der Westen seine Werte und seine Lebensweise nicht nur militärisch, sondern auch argumentativ verteidigen, besteht die einzige Möglichkeit in der Rückbesinnung auf die Prinzipien der Aufklärung.“ Dies beinhalte auch scharfe Kritik an repressiven Regimes wie dem Iran.

Alle Formen einer ressentimentgeladenen Grundhaltung – hierin schließt Strenger bewusst auch Sarrazins populistischen Thesen mit ein – seien mit dem Geist einer westlichen Demokratie nicht vereinbar. Entscheidend für eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts sei die Bereitschaft aller Beteiligten, die historischen Fakten „und damit die Geschichte des anderen“ zu akzeptieren. Strenger verweist auf die Charta der Hamas, die weiterhin eine Dämonisierung Israels beinhaltet. Er beklagt im gleichen Atemzug jedoch auch die Weigerung eines Teils der israelischen Öffentlichkeit, die Analysen der „Neuen Historiker“ zu akzeptieren. Die Identität Israels beruhe weiterhin auf dem Narrativ, dass Israel moralisch fehlerfrei sei.

Entscheidend für einen Fortschritt sei die Fähigkeit, Kränkungen zu ertragen. Abschließend hebt Strenger in seinem Buch „Zivilisierte Verachtung“ hervor: „Liberale werden in Israel zwar nicht unterdrückt oder verfolgt, aber wir sind eine Minderheit, die politisch immer weniger Einfluss hat.“ Die Leidenschaft für die Freiheit sei „eine unentbehrliche Vorbereitung auf zukünftige Gefahren“.

Die Gefahr der Selbstzerstörung der liberalen Demokratien

Vor acht Wochen, Anfang September, warnte Carlo Strenger in der NZZ vor der Gefahr, dass sich Demokratien selbst zerstören. Beispiele hierfür gebe es mehr als ausreichend; der amerikanische Präsident Trump – dem die Washington Post allein „rund 12.000 Lügen nachgewiesen“ habe, sei ein besonders herausragendes Beispiel hierfür. Aber auch die anhaltenden juristischen Verfahren gegen Israels Premierminister Netanyahu  seien zutiefst besorgniserregend.

Zynismus in der Politik sei jedoch keinesfalls eine israelische Spezialität; dieser sei auf allen Kontinenten zu finden. „Das Problem ist, dass von Bolsonaro bis Putin und von Trump bis Netanyahu genügend gewiefte Politiker an der Macht sind, um die liberale Demokratie zum Spottwort machen.“

Nun ist diese furchtlose, kluge Stimme verstummt. Es ist furchtbar. Man könnte verzweifeln. Und es ist zugleich eine Verpflichtung für uns alle.

Bild oben: Wikimedia / Ofer Chen / CC BY-SA 3.0

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