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Neuer Antisemitismus, alter Hass? Der Konflikt in Gaza erschüttert noch ganz anders

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Andreas Zick, Professor und Leiter des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld. (Quelle: Universität Bielefeld)

Bei den vielen Protesten in Europa gegen die israelische Regierung und die Intervention in Gaza werden uralte und moderne Stereotype, Bilder, Vorurteile und emotionale Feindseligkeiten gegen Juden und das Judentum laut. Sie werden öffentlich und auf den Protestkundgebungen verbal oder auf Plakaten herausposaunt. In den sozialen Medien werden sie auch für jene erfahrbar, die gar nicht an ihnen teilgenommen haben.

Die Reaktionen jener, die den Antisemitismus sehen, reichen von Erschütterung bis zum Hass auf die Hassenden, oder direkt zum Aktionismus, wie etwa der Forderung, Menschen mit Migrationshintergrund müsse man ob ihres Antisemitismus ausweisen können, denn sie gehörten – nun erst recht – nicht zur westlichen Welt.

Und angesichts der dramatischen Lage im Nahen Osten scheint kaum Zeit, oder es scheint sogar beschämend angesichts des Leidens dort, die eigentlich wichtigen Fragen zum Protest und den unumgänglichen feindseligen Agitationen und Vorurteilen zu stellen: Bahnt sich hier ein neuer Antisemitismus den Weg in Europa, schlimmer noch in Deutschland? Was steckt hinter diesen vielfältigen antisemitischen Äußerungen?

Das sind äußerst wichtige Fragen, denn aus ihrer Beantwortung kann eine deutsche Gesellschaft, die als eines ihrer zentralsten Werte und Leitkulturen den Kampf gegen Menschenfeindlichkeit, Diskriminierung und Verfolgung hat, lernen. Statt dessen aber drängt sich im Moment der Überraschung über den Antisemitismus erst einmal die Frage auf: Wird es schlimmer, steigt der Antisemitismus?

Auf die Fragen gibt es selbstverständlich keine zweizeiligen Antworten, weil der Antisemitismus wie viele andere Facetten einer Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit immer schon ungeheuerliche Gestalt annehmen kann, deren Ausmaß, Erscheinungsform und Wurzeln sich einnisten, wandeln, leise und laut sind, sich offen zeigen, aber auch unerkannt verstecken können.

Selbstverständlich steigt der Antisemitismus! Er muss aber nicht in allen Äußerungs- und Erscheinungsformen ansteigen, damit wir mehr Aufmerksamkeit auf ihn richten. In der repräsentativen Studien Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld sind traditionelle antisemitische Vorurteile zwischen 2002 und 2011 recht stabil. Dass Juden zu viel Einfluss hätten und an ihrer Verfolgung mitschuldig sind, meinen offen und über viele Jahre hinweg 10-15% der Bevölkerung; einige Experten meinen daher, man solle sich daran gewöhnen. Allerdings weisen einen sekundären Antisemitismus, der nach einem Schlussstrich unter den Holocaust – also genau das Phänomen, das nun Israel selbst vorgehalten wird – fast die Mehrheit auf; je nach Art und Weise, wie man die Schuld los werden möchte. Angestiegen – und nun bei fast 50% der Deutschen salonfähig geworden scheint dagegen ein anti-israelischer Antisemitismus. Er behauptet, israelische Politik sei jüdisches Handeln, spricht Israel ein Recht auf Selbstverteidigung ab und verlangt einen moralischen Doppelstandards von Israel. Dass Israel sich in Palästina ähnlich verhalte wie die Nazis, wird von jedem zweiten Befragten behauptet; selbst, wenn die Befragten angesichts ihrer Schulbildung die Historie besser kennen sollten. Hierin gibt es keine Unterschiede zwischen den Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund, wobei selbstverständlich dort, wo fundamentalistische christliche oder islamische Gruppen in den Nischen, die an der Integration vorbeigebaut wurden, noch ungebremster infiltrieren.

Das gesellschaftliche Reservoire des Antisemitismus ist also enorm, gerade dann, wenn es um Israel geht, und wir wissen es seit vielen Jahren. Dass es sich dennoch steigern lässt, zumindest aber die vermeintlich unterdrückten Affekte und Ideologien nun seh- und hörbar werden, kann auch die Vorurteilsforschung nicht verwundern und sollte die Öffentlichkeit, wie jene, die Verantwortung für die Frage des Umgangs mit Vorurteilen ernst nehmen, nicht erstaunen. Die Umfrage- und Interviewstudien sowie die Analysen privater und öffentlicher Propagandaschriften sind seit vielen Jahren gedruckt.

Selbstverständlich kann der Antisemitismus jetzt auch zunehmen. Moderne Facetten des Antisemitismus, die nicht einfach nur auf leicht erkennbare rassistische Klischees rekurrieren, können nun ansteigen, weil sie sich etablieren können. Proteste führen nicht nur zur Repression, sondern sie beflügeln zunächst jene, die mit ihnen sympathisieren, weil sie längst vorhandene Identitäten stützen und neue Mitglieder rekrutieren und gewinnen können. Zudem gibt es den zivilgesellschaftlichen Bystander-Effekt: eine Menge Menschen, die nicht protestieren, sympathisieren dennoch, weil sie den Antisemitismus teilen. Andere distanzieren sich bewusst nicht, weil sie alles an den Leiden der palästinensischen Opfer messen. Proteste, die Vorurteile bedienen und mit ihnen politische Ziele legitimieren, sind dann erfolgreich, wenn sie es schaffen, unentschlossene Andere auf den Gedanken zu bringen, oder sogar in eine unnötige innere Zwangslage zu versetzen: Ich muss mich entscheiden: pro-contra, schwarz-weiß, die-oder-wir, für-uns-oder-gegen-uns.

Der Antisemitismus ist dazu ein gutes Instrument, weil er nie ein individuelles Vorurteil ist, sondern immer die Haltung einer Gruppen gegen eine Gruppe ist: Es geht gegen Juden, weil es Juden sind. Im besten Falle rechtfertigt er sich selbst. Vorurteile sind gute Mobilisierungsinstrumente, weil sie mythische Zugehörigkeitsbilder, Affekte und im schlimmsten Falle schon Handlungsabsichten entwerfen und zugleich erklären. Daher gelingt es auch, jene, die den Antisemitismus kritisieren, als Gegner und Unterstützer eines Völkermordes zu stigmatisieren; radikale Proteste leben eben auch von der Kraft, die Reihen fest in Ketten zu legen.

Darin ist eine  wesentlichste Ursache zu erkennen. Der Antisemitismus kann dank seiner kollektiven Kraft Menschen binden und in der Gesellschaft verankern. Er schafft Zugehörigkeit, Selbstwert und Bindung an Gruppen durch die Abgrenzung von den anderen – auch den angeblich ‚politisch Korrekten, die nur feige sind’ –, er schafft Wissen um die wahren Zusammenhänge und er lässt uns erkennen, wem wir vertrauen oder misstrauen müssen. In diesen Momenten ist er gar nicht so anders als alle anderen Menschenfeindlichkeiten, aber im Glauben an das Vorurteil erkennen wir dessen Gewalt nicht.

Viele muslimische Bürger, die wie andere nun lauthals antisemitische Bilder herausposaunen, erkennen nicht, wie sich die Kraft der Vorurteile selbst gegen sie wenden wird, denn der Antisemtismus klammert sich, weil er in einem Syndrom Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit verbandelt ist, bald schon an islam- und muslimfeindliche Bilder jener, die ganz anderen Gruppen angehören. Diese Vernetzung des Vorurteils in ein Syndrom der Menschenfeindlichkeit ermöglicht es auch, extreme Linke, rechte, wie die Wutbürger zusammenzubringen.

Der Antisemitismus ist dabei wie immer schon und wie die vielen anderen Menschenfeindlichkeit eine enorme Gefahr für die Demokratie. Vorurteile und Feindseligkeiten, die andere abwerten und ausgrenzen möchten, blockieren das, was Demokratien ausmacht: eine Aushandlung von Konflikten, die Beschädigungen stoppt und Schaden abwendet. Diese Beschädigung demokratischer Regeln ist der schmerzlichste Moment, den wir angesichts der antisemitischen Propaganda erleben, und er verstellt zudem, wer derzeit wirklich leidet und welche Leiden vielen Menschen im Nahen Osten noch bevorstehen. Insofern ist der Antisemitismus hier auch immer ein Versagen, welches den Hass dort beflügelt.

Ignaz Bubis, der verstorbene Vorsitzende des Zentralrates der Juden, hat den Deutschen eine Lernaufgabe hinterlassen: Israel zu kritisieren, ohne sich antisemitischer Stereotype und Vorurteile zu bedienen. Wäre er Christ, Muslim, Sprecher der Wohnungslosen und Arbeitslosen gewesen, hätte er wahrscheinlich für seine Gruppe Ähnliches gesagt, weil er wusste, wie eng die Feindseligkeiten zusammen halten. Nun stellt sich die Frage, wie gut wir das Lernziel erreicht haben.

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