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Nürnberger Kodex NS-Verharmlosung und Shoa-Relativierung durch Querdenker

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(Quelle: Vinzenz Waldmüller)

Ab Dezember 1946 mussten sich 20 Ärzt:innen, ein Jurist und zwei Verwaltungsspezialisten im Nürnberger Ärzteprozess für ihre Taten während der NS-Zeit verantworten. Ihnen wurde unter anderem Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Sie hatten in Konzentrationslagern tödliche Menschenexperimente durchgeführt oder im Rahmen der Aktion „T4“ tausendfach Menschen mit Behinderung ermordet. Sieben von ihnen wurden am 20. August 1947 zum Tode verurteilt.

Am Samstag, genau 75 Jahre später, bezogen sich nun Querdenker-Organisationen auf eine Medizin-ethische Richtlinie, welche im Rahmen der Urteilsverkündung der Nürnberger Ärzteprozesse formuliert wurde. So war der Rahmen gesetzt, um an der von den „Ärzten für Aufklärung“ und „Ärzte stehen auf“ organisierten Veranstaltung, die Maßnahmen gegen die Coronapandemie mit den Morden von damals zu vergleichen. 3.000 Menschen sind am Samstag nach Nürnberg gekommen, um die Verbrechen der Nazis mit der heutigen Situation vergleichen.

Der Nürnberger Kodex besagt, dass bei Versuchen an Menschen die „freiwillige Zustimmung der Versuchsperson unbedingt notwendig“ ist. Dass gegen diesen Kodex mit der Corona-Impfung nicht verstoßen wird, stellte zuletzt noch einmal das Ärzteblatt klar und warnte vor einem Missbrauch durch Impfgegner*innen. „Die Impfstoffe wurden gründlich getes­tet, zunächst an Tieren, danach an – freiwilligen – Testpersonen. Von einem Massenexperiment bei den Coro­naimpfungen zu sprechen, ist daher völlig unzutreffend“, betonte der Präsident der Ärztekammer Berlin, Peter Bobbert.

Doch genau das passierte in Nürnberg. Die erste Rednerin, Vera Sharav, selbst Holocaustüberlebende und erbitterte Impfgegnerin, sagte: „In 1933 the primary target of discrimination were jews. Today the target is people who refuse to be injected with experimental genetically engineered so-called vaccines“ („Waren es 1933 vor allem Juden, die diskriminiert wurden, so sind es heute Menschen, die sich weigern, sich mit experimentellen, gentechnisch veränderten Impfstoffen impfen zu lassen.“) und „This time instead of Zyklon B gas, the weapons of mass destruction are genetically engineered injectable bioweapons masquerading as vaccines.“ („Statt Zyklon B-Gas sind die Massenvernichtungswaffen diesmal gentechnisch hergestellte injizierbare Biowaffen, die sich als Impfstoffe tarnen.“)

Holocaustrelativierung vor rund 3.000 Anwesenden und kaum jemanden schien sich daran zu stören. Das Publikum bestand aus Querdenker*innen, AfD-Politiker*innen, Rechtsextremen und Reichsbürger*innen.

Foto: Vinzenz Waldmüller

Die Veranstaltung war ursprünglich als Demonstration geplant, wurde dann aufgrund von Gegendemonstrationen nur zu einer Kundgebung umdisponiert. 

Vor allem die Teilnahme des „Zentrum Gesundheit und Soziales“ der Schwesterorganisation der rechtsextremen Gewerkschaft „Zentrum Automobil“ hatte für Aufsehen gesorgt. Infolgedessen wurde die Gewerkschaft eigentlich von der Kundgebung ausgeschlossen. Mindestens eine Person störte das allerdings nicht, sie trug eine Warnweste der rechtsextremen Organisation.

Foto: Vinzenz Waldmüller

Eine Gruppe der „Studenten stehen auf“ zogen dann jedoch mit etwa 1.400 Personen von der Innenstadt zur Wöhrder Wiese, zum Ort der Hauptkundgebung stattfand.

Pressevertreter*innen wurden immer wieder angegangen. Auch die Polizei schien überfordert. Sie behauptete, Journalist*innen würden „provozieren“, wenn sie die Kundgebungsteilnehmer*innen fotografieren würden. Leider ein Klassiker, der die Arbeitsweise von Journalist*innen verkennt. Trotz andauernder NS-Relativierung und Shoah-Verharmlosung, schritt die Polizei nicht sanktionierend ein. 

Foto: Vinzenz Waldmüller

Letztlich bot die Pressestelle der Polizei eine Presseführung in Begleitung zweier Kommunikationsbeamter an. Als die Journalist*innen von der Bühne als „Antifa“ benannt wurden, eskalierte die Situation. Ein Menschenpulk bildete sich um die Journalist*innen und skandierte „Widerstand“ und -absurderweise – „Nazis raus“. In Folge der Situation kam es auch zu körperlicher Gewalt gegen mindestens einen Pressevertreter. Polizeiverstärkung traf allerdings erst sehr spät ein. In einer Pressemitteilung sprach die Behörde von „Wortgefechten“ und dass die Polizei in dem Fall durch „entsprechende Präsenz eine Eskalation verhindern“ konnte.

Insgesamt kann man die Veranstaltung als Enttäuschung für die Szene werten, wurde doch deutschlandweit mobilisiert. Doch die ganze Szeneprominenz – vor Ort waren unter anderem Reiner Füllmich, Heinrich Fiechtner und Beate Bahner – einige Mobilisierungsvideos und ein eigens dafür geschaffener TikTok-Account konnten nur rund 3.000 Querdenker:innen nach Nürnberg locken. Die Szene konnte damit nicht an frühere Erfolge anschließen.

Foto: Vinzenz Waldmüller

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