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Rechtsextremer Techno Raven für Deutschland

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Symbolbild: Eine vernebelte Clubnacht vor der Pandemie.
Symbolbild: Eine vernebelte Clubnacht vor der Pandemie. (Quelle: Alexander Popov | Unsplash)

Nazis sind nicht besonders kreativ. Das merkt man daran, dass es ihnen nie gelungen ist, eine eigene subkulturelle Bewegung auf die Beine zu stellen. Stattdessen eignen sie sich einfach Ästhetiken und Kunstformen von anderen an – und füllen diese mit menschenverachtenden Inhalten. Das zeigen beispielsweise die „Erfindungen“ „Rechtsrock“ oder „Rechtsrap“. Aber auch Teile der Technoszene weisen Anhaltspunkte für rechtsextremes Gedankengut auf. Vor allem wirkt das Subgenre „Dark Techno“ aktuell besonders anfällig für NS-Symbolik – eine absurde Aneignung, denkt man an die queeren und schwarzen Wurzeln von elektronischer Tanzmusik.

„Dark Techno“ ist eine besonders düstere und apokalyptisch klingende Nische des Genres, die sich durch einen schnellen, martialisch-maschinellen Rhythmus und ominöse industrielle Klänge auszeichnet. So weit, so Berghain. Doch die künstlerische Drohkulisse dieser Strömung mangelt an den Nuancen und Tiefen, dem Pathos und der Präzision, die elektronische Musik zu einer Kunstform machen – und nicht nur zu einem vollgepumpten Partysoundtrack für rechtsoffene Steroidfreunde.

Hören rechtsextreme Musikliebhaber*innen Techno wegen musikalischer Feinheiten? Zweifelhaft. Doch während im Rock oder Rap rechtsextreme Inhalte durch Songtexte vermittelt werden, bieten die atonalen Geräuschkulissen und gesanglosen Beats im Techno mehr Interpretationsspielraum. Und genau diese Ambiguität macht den Techno anschlussfähig für diverse Gruppen, die ihre eigenen, in diesem Fall menschenverachtenden, Ideologien hineinprojizieren können. Die rechtsextremen Anspielungen liegen im „Dark Techno“ weniger in Texten, sondern in der Ästhetik und Aufbereitung, die bei manchen Acts etwa Bezüge zum Nationalsozialismus enthalten.

Rechtsextreme Inhalte werden hier vor allem durch Tracktitel, Album-Artwork und Party-Plakate vermittelt. Das zeigt beispielsweise die EP „Blood and Hornor“ (sic) des deutschen Technoproduzenten Marcel Paul, die letztes Jahr auf dem Koblenzer Label „Feind“ erschienen ist. Der Titel ist ein klarer Bezug auf das in Deutschland seit 2000 verbotene rechtsextreme Netzwerk „Blood & Honour“ (zu Deutsch: Blut und Ehre). Trotz Verbot sind die Strukturen allerdings weiterhin aktiv. Als bewaffneter Arm von „Blood & Honour“ gilt die rechtsterroristische Organisation „Combat 18“, die im Januar 2020 in Deutschland verboten wurde.

Quelle: Screenshot von Facebook

Warum aber „Hornor“? Auf Facebook postet der 33-jährige Paul aus Westerwald pünktlich zur Veröffentlichung der EP eine Antwort auf genau diese Frage: In seinem Post kündigt er seine EP „Blood & Honor“ (mit korrekter Orthografie) an und erklärt die alternative Schreibweise mit einem „winzigen Formfehler“ – und sehr vielen lachenden Emojis. So erweckt er den Eindruck, dass er mit der Schreibweise „Hornor“ eine mögliche Zensur des Titels verhindern wollte.

Diese Strategie ging auch auf: Der Release war bis vergangenen Freitag auf „Beatport“, einer Plattform für elektronische Musik, zu kaufen. Auf eine Anfrage von Belltower.News mit einer Liste von dort erhältlichen Tracks und Künstler*innen mit problematischen rechtsextremen Bezügen reagierte „Beatport“ bis Redaktionsschluss nicht. Das EP „Blood and Hornor“ wurde allerdings kurz nach unserer Anfrage kommentarlos von der Webseite heruntergenommen. Ein Anfang. Doch die EP ist immer noch auf „Soundcloud“, „YouTube“, „iTunes“, „Deezer“ und „Spotify“ zu finden. Auch der Track „Gas Chamber“ des bulgarischen Produzenten Grozdanoff wurde von „Beatport“ direkt nach unserer Anfrage gelöscht, ist aber weiterhin auf etlichen anderen Plattformen aufrufbar.

Ein Einzelfall? Wohl kaum. Zu Marcel Pauls anderen Tracks gehören martialische Titel wie „Frontline“ und ein Remix von „Electrical War“. Ebenfalls in die rechte Richtung interessiert ist der „Feind“-Labelgründer Eugen Kunz, ein Techno-Produzent und DJ aus Koblenz, mit dem Paul zusammen produziert. Auf Kunz‘ Facebook-Profilbild posiert er vor der Reiterstatue des ersten deutschen Kaisers Wilhelm I. am „Deutschen Eck“ in Koblenz. Kurt Tucholsky sagt zu der Statue schon 1930 sehr passend: Das Denkmal sei „ein Faustschlag aus Stein“, der jenes Deutschland repräsentiere, das am Kriege schuld gewesen ist. In einem weiteren Foto auf Facebook, das bis kurz nach Veröffentlichung dieses Artikels noch öffentlich zu sehen war und der Belltower.News-Redaktion vorliegt, trägt Kunz einen Hitlerbart. „Mist…Akku vom Rasierer ist leer gegangen!!!“, schreibt er dazu.

Quelle: Screenshot von Facebook

In einem Live-Stream vom 29. März, in dem Kunz mit einem weiteren DJ auflegt, trägt er ein T-Shirt mit dem Schriftzug „Bassismuss“ – ein Wortspiel auf Rassismus und Bass, das gleichzeitig auch ein „Muss“, also eine dringende Notwendigkeit, beinhaltet. Kunz veröffentlicht auch auf den Labels „Endzeit“ und „Vollgaaas“. Letzteres distanziert sich zwar von „Rassismuss“ (sic), Sexismus und Homophobie auf seiner Facebook-Seite, liefert aber in Kombination mit dem zum Label gehörenden DJ „Unmensch“ wenigstens ästhetische Bezugspunkte für ein rechtsextremes Weltbild.

Das „Vollgaaas“-Logo, ein geometrisches Dreieck-Design, weist zudem formale Ähnlichkeiten mit den Logos der „Identitären Bewegung“ und der „Goldenen Morgenröte“, aber auch mit den von „Blood & Honour“ und dem „Ku-Klux-Klan“ verwendeten Triskele-Symbolen auf. Der Designer des Logos hat sich gegenüber der Belltower.News-Redaktion von Rechtsextremismus distanziert und weist diese Interpretation seines Logos zurück. Auch das Label „Endzeit“ knüpft sprachlich bewusst oder unbewusst an Weltuntergangsfantasien und Vorbereitungen auf einen „Tag X“ an, die in der rechtsextremen Szene weit verbreitet sind. Das wiederum findet künstlerischen Ausdruck in der apokalyptischen Ästhetik des Subgenres: Plakate für Partys sind häufig mit satanistischen und radioaktiven Motiven versehen. Vor allem letzteres erinnert stark an die Symbolik und Ästhetik der internationalen rechtsterroristischen Gruppe „Atomwaffen Division“.

Update: Das Label „Endzeit“ hat sich gegenüber Belltower.News von Rassismus, Hassreden, Sexismus, Gewalt sowie rechten Inhalten jeglicher Art mittlerweile distanziert. „Wir stehen für die Freiheit, Liebe, Gemeinsamkeit und Vielfalt“, heißt es in ihrem Statement an die Redaktion. Eugen Kunz sei zudem kein fester Bestandteil des Labels.

Quelle: Screenshot von Beatport

Mit dem Koblenzer Label „Feind“ ist auch der Düsseldorfer DJ und Produzent „Tim Wermacht“ assoziiert. Im Gegensatz zu Marcel Paul deaktivierte „Beatport“ nach unserer Anfrage „Tim Wermachts“ Profil nicht. Sein Name kann nur als eine Anspielung auf die nationalsozialistischen Streitkräfte verstanden werden. Gleichzeitig fungiert er auch als Aufruf zur Gewalt: „Wer macht es?“ Auch in Track-Titeln wie „Wir marschieren“ wird „Tim Wermachts“ Neigung zum Faschistisch-Militärischen deutlich. Aber auch der Titel „Huren und Söhne“ bietet Anhaltspunkte für ein misogynes Weltbild, das auf einer toxischen Männlichkeit basiert.

Diese Künstler*innen sind nur ein paar Beispiele einer Strömung innerhalb der Techno-Szene, die toxische Männlichkeit und Weltuntergangsszenarien musikalisch feiert. Die düsteren Klänge des Genres bieten eine ästhetische Kulisse für apokalyptische Weltbilder, die sich an NS-Symbolik anknüpfen. Der Erfolg dieser Nische bleibt allerdings bislang bescheiden: Kaum ein Label- oder DJ-Profil auf Soundcloud hat mehr als 2000 Follower. Trotzdem ist sie gefährlich: Denn sie eignet sich eine zum größten Teil emanzipatorische, vielfältige und durchaus erfolgreiche Subkultur an, um über diese rechtsextreme Ideologie zu verbreiten und sie anschlussfähig zu machen. Das macht sie auf eine subtile Art und Weise, die primär durch Codes und Symbole funktioniert, die nur für Eingeweihte klar funktioniert, für ein breiteres Publikum aber nicht immer leicht zu erkennen sind. Trotzdem werden so rechtsextreme Ideen normalisiert und der Nationalsozialismus verharmlost, verpackt als vermeintlich rebellische Provokation. Subkulturen haben schon immer ein radikalisierendes Potenzial und eine enorme Anziehungskraft gehabt – wie die Skinhead- und Rechtsrap-Szene immer wieder zeigen. Dass offenbar Menschen mit rechtsextremer Gesinnung nun erneut versuchen, in der Techno-Szene Fuß zu fassen, ist Grund zur Sorge. Denn hier galt nach einigen Irrungen in den 1990er Jahren eigentlich: Nazis wegbassen.

Update: In Antwort auf diesen Artikel veröffentlichte das Label „Feind“ ein Statement auf Facebook am 26.08.2020, in dem es sich von Rechtsextremismus distanziert. Darin steht: „Wir wollen keine Nazi-Tracknamen oder Rassisten auf unserer Veranstaltung und in unserer Szene. Techno steht für Toleranz und Vielfältigkeit, egal wie dark er ist…Es darf einfach nicht sein, dass solche Tracknamen unreflektiert verbreitet und gefeiert werden und darauf werden wir in Zukunft achtgeben!“ Aus den Vorwürfen in unserem Text hat das Label Konsequenzen gezogen: Es habe seine Zusammenarbeit mit dem Künstler „Marcel Paul“ beendet und alle genannten Titel von ihm seien von sämtlichen Plattformen vom Label gelöscht worden. Das Label habe zudem den Künstler „Tim Wermacht“ dazu aufgefordert, seinen Namen zu ändern und öffentlich dazu Stellung zu beziehen. Dies ist noch nicht geschehen. Hinzu kommt, dass 50 Prozent der Einnahmen von der demnächst erscheinenden Compilation des Labels an eine Organisation gespendet werden, „die sich dem Kampf gegen Rassismus verschworen hat“. Diese Ankündigung begrüßt die Belltower.News-Redaktion sehr. Ebenso freuen wir uns über jedes Label, das sich klar von Rechtsextremismus distanziert – inhaltlich und ästhetisch sowie politisch.

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