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Rechtsrock & Rechtsterror – Teil 2 „Race War“ & „Heiliger Krieg“

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Cover und Promomaterial von "Race War" (Quelle: AAS)

Hinweis: Der Text enthält antisemitische und rassistische Inhalte.

„Landser“ (Berlin/Brandenburg) und „Race War“ (Baden-Württemberg) sind in der Geschichte des deutschsprachigen Rechtsrock die einzigen Bands, die wegen „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ (§129 StGB) verurteilt wurden. Ein Blick auf den Werdegang der Rechtsrock-Bands offenbart, dass sie abseits des Verbots eine Reihe an Gemeinsamkeiten haben – die von der Inspirationsquelle über die Klandestinität bis zur Verherrlichung rechten Terrors reicht. Sowohl „Landser“ als auch „Race War“ wurden durch Ian Stuart Donaldson, den Sänger der britischen Rechtsrock-Kultband „Skrewdriver“ und Begründer des internationalen Netzwerks von „Blood & Honour“ (B&H), inspiriert. Der „Landser“-Sänger Michael „Lunikoff“ Regener sang bereits 1995 im Lied „Ian Stuart“: „Es ist schon lange her | Als noch die Mauer stand | Da hörten wir zum ersten Mal | Eine Band aus Engeland | Skrewdriver war ihr Name | Und wir flippten völlig aus | Und was wir alle dachten | Das sprach ihr Sänger aus“. Die Rechtsrock-Band „Race War“, die sich Mitte 2001 in Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis) gründete, coverte zu Beginn ausschließlich „Skrewdriver“-Lieder, ehe Ende 2001 eigene Lieder hinzukamen.

„Hail Blood & Honour! Hail C18!“

Das erste, 2002 in Belgien aufgenommene und in den USA produzierte Album „The White Race Will Prevail“ (deutsch: „Die weiße Rasse wird siegen“) enthielt das Lied „Hail Blood & Honour“ sowie ein Cover eines „Skrewdriver“-Songs. „Hail Blood & Honour“ beginnt mit einem Aufruf zum rechten Terror: „We are the streets and we are the law | The 4th Reich is what we are fighting for | Our terrorist attacks will change the world | Our banners are flying and still unfurled | Hail Blood & Honour! | Hail C18!“ Das Lied mündet in die Glorifizierung von „Combat 18“ (C18, deutsch: „Kampftruppe Adolf Hitler“). Das ist der paramilitärische Arm des B&H-Netzwerks. Das Album ist von Terroraufrufen regelrecht durchdrungen. So verherrlicht das Lied „11. September“ die islamistischen Terroranschläge von 2001 und fordert mit Blick auf den Staat Israel: „Ach, bombt doch all die Scheiße weg | Versinken soll ZOG in Schutt und Dreck“. „ZOG“ („Zionist Occupied Government“, deutsch: „zionistisch besetzte Regierung“) ist ein antisemitischer Code für den Mythos der „jüdischen Weltverschwörung“.

Im „Blood & Honour“/„Combat 18“-Netzwerk verankert

Die Radikalität der Liedtexte brachte „Race War“ innerhalb kürzester Zeit einen Kultstatus in der internationalen Rechtsrock-Szene ein: Die Band spielte zwischen 2001 und 2005 zahlreiche Konzerte im In- und Ausland. Nach Einschätzung des Gerichts fanden die meisten Konzerte „unter der Flagge der ‚Blood & Honour‘-Bewegung“ statt: 2003 und 2004 trat die Band auf Einladung des B&H/C18-Netzwerks bei „ISD Memorials“ zu Ehren des „Skrewdriver“-Sängers Ian Stuart Donaldson in Großbritannien auf. Im Dezember 2004 spielte sie im Rahmen eines Konzerts der belgischen „Blood & Honour“-Sektion Flandern neben britischen und deutschen Rechtsrock-Bands vor ca. 1.800 Neonazis nahe Antwerpen (Belgien). Ein halbes Jahr später, im Mai 2005, trat sie im US-amerikanischen Bundesstaat Kentucky auf: Für das „Nordic Fest“, veranstaltet von „Blood & Honour“ und „Ku-Klux-Klan“, wurde neben Auftritten europäischer und US-amerikanischer Rechtsrock-Bands das zeremonielle Entzünden eines Hakenkreuzes angekündigt.

„Man kann nicht einfach zu Hause herumsitzen und nichts tun“

Der „Race War“-Sänger Max H. gab der „Blood & Honour“-Division Flandern im Dezember 2002 ein ausführliches Interview. Im Gespräch beschrieb er die Rolle der Musik für den Kampf gegen das System und lobte den Rechtsterrorismus von C18: „Eines Tages werden sogar die normalen Leute einsehen, dass sie von den zionistischen Regierungen verraten worden sind. Wir müssen jetzt Krieg führen, bevor es zu spät ist. Musik spielt eine sehr wichtige Rolle […]. Die Idee von Combat 18 ist sehr gut. Man kann nicht einfach zu Hause herumsitzen und nichts tun. Es ist Zeit für eine Veränderung.“ Die baden-württembergische Staatsanwaltschaft nahm mit Blick auf das Album „The White Race Will Prevail“ ihre Ermittlungen gegen die Musiker auf. Anfangs gestalteten sich die Ermittlungen schwierig, denn die Band agierte weitestgehend im Verborgenen und versuchte, Fotoaufnahmen und Namensnennungen zu vermeiden. Nach Razzien verließen zwei Musiker die Band und die Anzahl der Konzerte sank. Nach etwa dreijährigen Ermittlungen startete 2006 der Gerichtsprozess in Stuttgart. Die Musiker gestanden ihre Mitgliedschaft in der Band und bereuten ihre Taten.

„Sie haben sich glaubhaft distanziert“

Am 22. November 2006 verurteilte das Stuttgarter Landgericht die vier Mitglieder wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung (§129 StGB) sowie Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen (§ 86), Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen (§ 86a), Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole (§ 90a), Öffentliche Aufforderung zu Straftaten (§ 111), Volksverhetzung (§ 130), Gewaltdarstellung (§ 131) und Billigung von Straftaten (§ 140). Der Gründer, Sänger und Texter Max H. wurde als „Rädelsführer“ (§ 129 Abs. 4 StGB) der kriminellen Vereinigung verurteilt. Nach Einschätzung des Gerichts war das Ziel der Band, mittels Musik „zur Fortführung und Verbreitung des glorifizierten nationalsozialistischen Gedankenguts, zur Mitwirkung am Kampf gegen die verfassungsrechtliche Ordnung der Bundesrepublik Deutschland und zur Wiedererrichtung nationalsozialistischer Strukturen in der Form des ‚Dritten Reiches‘ aufzurufen […]“. Die Musiker erhielten lediglich Bewährungsstrafen zwischen 17 und 23 Monaten. Denn das Gericht glaubte den Distanzierungen: „Sie haben sich […] glaubhaft von ihrem Tatverhalten distanziert, was nicht nur auf eine Abkehr von ihrem früheren Tun, sondern auch von dessen geistigem Nährboden schließen lässt.“

Aus „Rassenkrieg“ …

Nicht ganz. Die beiden „Race War“-Musiker Max H. und Gerhard M. setzten ihre Aktivitäten in der Rechtsrock-Szene nach Ende des Gerichtsprozesses nahtlos fort: Bereits 2007 veröffentlichte H. als Liedermacher „Stimme des Blutes“ – so lautet der Titel des letzten „Race War“-Albums – das Solo-Album „Schicksalsstunde“. Das erste Rechtsrock-Konzert, das H. gemeinsam mit M. nach dem „Race War“-Verbot spielte, fand 2008 in Norditalien statt. Die italienische Neonazi-Organisation „Veneto Fronte Skinheads“ veranstaltete ein Konzert mit 2.000 Teilnehmenden aus Ost- und Westeuropa. Der Flyer kündigte die Rechtsrock-Band „Heiliger Krieg“ an, deren Bandname sich auf einen Liedtitel von „Race War“ bezieht. Obwohl die Parallelen zwischen „Race War“ und „Heiliger Krieg“ offensichtlich sind, stellten die staatlichen Behörden keine Fortführung der kriminellen Vereinigung fest – sodass „Heiliger Krieg“ bis heute auf der Bühne stehen und Lieder von „Race War“ spielen kann. Die Rechtsrock-Band, die inzwischen im Freistaat Sachsen verortet wird, tritt bundes- und europaweit auf. So spielte sie in den vergangenen Jahren zum Beispiel in der Ukraine (2010), Frankreich (2017), Tschechien (2018), Italien (2018) und Estland (2020).

… wurde „Heiliger Krieg“

„Race War“ und „Heiliger Krieg“ unterscheiden sich in der Radikalität der Liedtexte: Während die Rechtsrock-Band „Race War“ auf ihren drei Alben „The White Race Will Prevail“ (2002), „Kingdom of Hate“ (2004) und „Stimme des Blutes“ (2005) stark antisemitische und NS-verherrlichende Liedtexte veröffentlichte, bewegen sich die Liedtexte von „Heiliger Krieg“ an der Grenze zur Illegalität. Das Beiheft zeigt Eiserne Kreuze, Schwarz-Weiß-Rote Fahnen und Soldaten der Wehrmacht, aber verzichtet auf strafbare Liedzeilen und Symbole. Allerdings fand kein ideologischer Bruch statt, „Heiliger Krieg“ steht zweifelsohne in der Tradition von „Race War“. Sämtliche Alben – vom ersten Album „Voran!“ (2010) bis zur ersten CD des Albums „Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft“ (2016) – bestehen im Wesentlichen aus Neuaufnahmen des letzten „Race War“-Albums „Stimme des Blutes“. Im Lied „Back in Black“, das erstmals 2005 erschienen und auf sämtlichen Tonträgern der Rechtsrock-Band „Heiliger Krieg“ vertreten ist, bekennen sich die Musiker zur Vergangenheit: „We are back, back in black, back in black | We are the new generation, the elite fighting force | No regrets for the past, in our minds there’s no remorse | Still struggling for a revolution, for a better world one day | The old flags and banners are leading us the way“. Eine Distanzierung von der „Race War“-Vergangenheit sieht anders aus.

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