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Sami Omar Wie ich meinen Kindern erkläre, mit Alltagsrassismus umzugehen

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Sami Omar

 

Liebe Kinder,

zieht nicht aufs Land! Wir haben das euretwegen gemacht. Denn der Garten, eure Zimmer, all das ist in der Stadt nicht bezahlbar – nicht für uns. Wenn ihr älter seid, müsst ihr soviel Geld verdienen, dass ihr euch ein Leben in der Stadt leisten könnt. Denn hier, auf dem Land, sieht man uns. Beim Einkauf. Beim Sport. Beim Essen. Beim Spielen. Überall. Das ist nicht immer böse gemeint. Aber so schrecklich.  In der Stadt gibt es so viele Menschen mit brauner Haut, dass selbst die, die glotzen wollen, dessen irgendwann müde werden. Deutsche gibt es dort in allen Farben.  Auf dem Land gibt es nur gute und schlechte Ausländer. Nichts von beidem sind wir!

Wir haben uns so über eure Zeugnisse gefreut. Ihr seid toll! Wie ihr sprecht. Was ihr fragt. Wie ihr zu Gästen seid. Was ihr seht und hört und versteht. Es tut mir so leid, dass das nicht reichen wird, um euch vor Verachtung und Hass zu schützen. Denkt darüber nach, ob ihr Sch*ße gebaut habt. Wenn ihr keine Schuld habt, geht es fast immer um eure Hautfarbe. Manchmal werdet ihr denken, sie sei der Grund dafür, dass man euch weniger Wert beimisst, als denen, die Weiß sind. Doch das stimmt nicht. Es ist wie mit den Mädchen aus eurer Schule, die es so schwer haben. Immer haben die Schuld, die sie verachten und nicht die Mädchen, die so sprechen, wie sie sprechen, aussehen, wie sie aussehen und küssen, wen sie küssen wollen. Die, die schlecht über sie sprechen, sind auch die, die besser dastehen, wenn sie sie fertigmachen. So funktioniert auch Rassismus.

Ihr habt noch keinen Blick dafür, wie der Hausmeister euch ansieht. Ihr hört noch nicht heraus, wenn Frau G. euch als wild und lebhaft beschreibt, während eure Kumpels als unkonzentriert eingestuft werden. Das ist nämlich etwas, was jeder mal hat – schlecht geschlafen oder keine Lust. „Wild“ und „besonders lebhaft“ sind dagegen Charaktereigenschaften, die schon immer für uns Schwarze Menschen gebraucht wurden und an uns haften blieben. Sie werden auch in den Tier-Dokus gebraucht, die wir manchmal netflixen – und das bedeutet etwas!

Wenn wir so streng sind, mit den Ellenbogen auf dem Tisch beim Abendessen und mit der Kleidung, die nicht unordentlich aussehen soll. Dann, weil wir euch schützen wollen. Das Wort Kultur bedeutet ungefähr, dass alle Menschen in einer Gesellschaft gelernt haben bestimmte Dinge gleich zu tun. Von uns denkt man oft, wir können das nicht. Und wer das nicht kann, gehört nicht dazu. Deshalb der ganze Terz am Esstisch. Als ich so alt war wie ihr jetzt, wurde eure Großmutti manchmal gefragt, ob ich mich benehme und ob ich dasselbe Essen esse, wie der Rest der Familie. All das, weil man annahm, ich sei von Natur aus anders, als eure Onkel und Tanten, die ja alle Weiß sind. Tut mir leid, wenn ich das mit den Benimmregeln manchmal übertreibe, aber wenn ihr groß seid, werdet ihr euch aussuchen können, wo und wann ihr euch danebenbenehmen könnt, weil ihr das im Griff habt. Das nennt man Kultiviertheit und sie hilft manchmal weiter.

Ihr hört ja jetzt meine Musik mit und versteht, das Schwarze Rapper das N*-Wort sagen, über das ich so oft schimpfe. Ich habe keine gute Entschuldigung dafür. Als ich anfing diese Musik zu hören, waren diese Rapper fast die einzigen Schwarzen Menschen, die selbstbewusst gegen Regeln verstoßen haben. Und das hat mich beeindruckt. Das Wort haben meine Schwarzen Freunde und ich dann auch zueinander gesagt. Es war, wie ein geheimer Code, den nur wir benutzen durften. Und das tat irgendwie gut. Ich benutze das Wort nicht mehr. Tut ihr es auch nicht. Lasst es uns wie all den anderen hässlichen Worten machen: Wenn der Track super ist, hören wir ihn und lassen den Schrott beim Mitsingen aus.

Vor ein paar Tagen wurde ein Mann aus Eritrea angeschossen. Von einem Nazi. Wir waren ja im Auto, als im Radio darüber gesprochen wurde. Da hat eine Frau gesagt, dass der Mann angeschossen wurde, weil er Schwarz ist. Ihr versteht doch, dass das Blödsinn ist, oder?! Denn das ist ja nichts Schlechtes! Er wurde angeschossen, weil ein böser Mann ihm etwas Böses wollte. Den Grund, den er sich dafür ausgesucht hat, war die Hautfarbe des Opfers. Ich weiß, dass ihr das checkt und erkläre es euch trotzdem. Lebt damit!

Love, Papa

 

Der Autor und Moderator Sami Omar schreibt und arbeitet zu den Themen Migration, Integration, Rassismus und Diskriminierung für Print und Online-Medien. Er tritt als Referent zu diesen Themen auf und moderiert Veranstaltungen aus Politik und Kultur. Sami Omar ist Kampagnenreferent und Mitarbeiter eines Fachdienstes für Integration und Migration bei einem deutschen Wohlfahrtsverband. 2016 erschien sein zweites literarisches Werk „Geht schon, danke“. Seine Kurzgeschichten erscheinen in Literaturzeitschriften, Anthologien und sind Teil seines abendfüllenden Bühnenprogramms, mit dem er deutschlandweit auftritt. Sami Omar wurde 1978 als Sohn eritreischer Eltern im Sudan geboren und wuchs als Kind deutscher Eltern im schwäbischen Ulm auf. sami-omar.de

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Sami Omar „Ein Brief an meine Kinder“

Erwachsen werden ist nicht leicht, vor allem wenn man neben der ersten großen Liebe, Freundschaften und Schule auch noch mit Rassismus klar kommen muss. Ein Gastbeitrag von Sami Omar.  

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Kommentar Schule macht Rassismus. Rassismus macht Schule.

Der Lehrer Herr W. tritt Pult und sagte mit schwäbischer Beflissenheit: „Kind’r heut mache m’r ebbes zum „Lied der Deutschen“, also zur Nationalhymne. Emra, Devran, Sami, ihr geht derweil auf‘n Hof naus. Des isch ja net eu‘r Sach.“ Von Sami Omar.

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