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Sport und Rechtsextremismus Neonazis im Fantrikot

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Fanblock; Foto: funky1opti, via flickr, creative commons

Fanschals in den Reichsfarben, „Sieg Heil“-Rufe und Hitlergruß gehören inzwischen zum Alltagsrepertoire der Fanszene. Neben diesen neonazistischen Parolen ist es oft auch ganz alltäglicher Rassismus, der in Fangesängen oder Schmährufen Ausdruck findet. Ob es die Beleidigungen gegen den Nigerianer Adebowale Ogungbure als „Affe“ oder „Bimbo“ sind oder ein T-Shirt mit der Aufschrift „Dauerkarte statt Döner“ – Rassismus ist vor allem bei Hooligans, erlebnisorientierten Fans, die die verbale und körperliche Auseinandersetzung mit Anhängern des gegnerischen Vereins suchen, verbreitet.

„Fußball ist Fußball und Politik ist Politik“

Hooligans selbst bezeichnen sich als unpolitisch. Gemäß der Maxime „Fußball ist Fußball und Politik ist Politik“ rechtfertigen sie Schmährufe mit der engen Verbundenheit zu ihrem Verein. Während Ultras sich gern positionieren, indem sie sich beispielsweise antirassistischen Faninitiativen anschließen, distanzieren sich Hooligans in der Regel von derartigen Kampagnen. Die emotionale Spannung im Fanblock äußert sich aber nicht nur in alltäglichen Beschimpfungen, sondern auch in menschenfeindlichem Vokabular.

Im Fußballstadion ist die komplette Bandbreite der Diskriminierungsfomen zu finden. Gern werden beispielsweise gegnerische Fans und Spieler als „Judenschweine“ bezeichnet oder das inzwischen legendäre U-Bahn-Lied angestimmt – „Eine U-Bahn bauen wir, von St. Pauli bis nach Auschwitz“

Nicht zwangsläufig muss ein Fan dabei Anhänger eines neonazistischen Weltbildes sein. Dennoch ist Antisemitismus Ausdruck einer irrationalen Angst vor einer ganzen Bevölkerungsgruppe als Bedrohung – obwohl die Fans im seltensten Fall je einem Juden begegnet sind. Latenter Antisemitismus knüpft unmittelbar an die Ieologie des Nationalsozialismus an, weshalb der „echte Neonazi“ unter den Hooligans nicht auffällt und als gleichberechtigtes Mitglied in Fankreisen Akzeptanz finden kann.

Männerdomäne Fußball

Ebenso verbreitet wie rassistische und antisemitische Beschimpfungen sind Sexismus und Homophobie. Die enge emotionale Bindung an einen Verein und das gemeinsame Erlebnis der Fankurve resultieren in einem Gefühl der Stärke und der Männlichkeit. Frauen werden die notwendige Emotionalität und tatsächliches Interesse abgesprochen.
Auch Homophobie findet ihren Ausdruck in der als völlig normal empfundenen Beleidigung als „Schwuler“. Die Fans rechtfertigen ihren Sport mit Attributen wie „körperbetont“ und „aggressiv“ als männlich. Homosexualität hingegen gilt als Tabu, zumal sich bisher kein Profi in Deutschland outete. Paradoxerweise fallen sich auf den Rängen jedoch wildfremde Männer in die Arme, um ihre Zugehörigkeit zum Verein zu ritualisieren.

Das Spektrum der Diskriminierungsformen und das empfundene Gemeinschaftsgefühl offenbart die Schnittstelle zwischen Hooligans und Neonazis. Das gemeinsame Erlebnis der Fankurve bildet nicht selten den Einstieg in die rechte Szene. Unpolitische Jugendliche finden hier Gleichgesinnte, mit denen sie Euphorie und emotionale Verbundenheit teilen. Ein Szene-Aussteiger berichtet: „In diesem Fanblock ist diese Gruppe wie eine zweite Familie“. Nicht selten verbringen Hooligans jedes Wochenende bei Spielen ihres Vereins, auf Auswärtsfahrten, auf Fan-Treffen. Wer sich regelmäßig sehen lässt und für den Fanblock engagiert, findet schnell Aufnahme in den Kreis der Hooligans. Hooligan-Netzwerke funktionieren bundesweit. Ob durch regelmäßige Auswärtsfahrten oder spezielle bundesweite Szene-Treffen, wer sich engagiert und durch Präsenz einen Namen macht, kann Teil eines umfassenden Netzwerkes werden.

„Die Hooliganszene hat Rekrutierungspotenzial“

Zunehmende Kameraüberwachung und Polizeipräsenz, sowie immer stärkere Repressionen führen zu einer Verlagerung des eigentlichen Hooliganismus außerhalb des Stadions. Neben den Verabredungen zu Schlägereien trifft sich die eingeschworene Hooligangemeinschaft auch an spielfreien Tagen. In dieser neutralen Zone findet die gezielte Politisierung des Nachwuchses statt. Über in der Hooligan-Szene beliebten Rechtsrock und szenetypische Kleidungsmarken findet eine erste Annäherung statt. Neonazistische Parteikader sind aufgrund ihrer eindeutigen politischen Positionierung nur unregelmäßig im Stadion zu Gast, doch bei Freizeitaktivitäten wie Fußballturnieren oder Grillabenden werden gezielt aussichtsreiche Jugendliche angesprochen. Neonazi-Organisation wiederum mobilisieren gezielt Hooligans für Securityzwecke und Demonstrationen „Die Hooliganszene hat Rekrutierungspotenzial,“ bestätigt ein Kenner, „sie ist eine Tür in die rechte Szene“.
Die Normalität der diskriminierenden Äußerungen im Stadium bietet hierbei die inhaltlichen Anknüpfungspunkte, um für die eigenen Zwecke zu werben.

Ultras, Hooligans, Neonazis und Familienväter Seite an Seite

Aufgrund der Gemeinschaftsstrukturen und der geringen Hemmschwelle gegenüber menschenverachtender Äußerungen im Fanblock werden Neonazis von den Fußballfans geduldet. Da sich ihr Auftreten und ihre Äußerungen von denen des sich unpolitisch gebenden Hooligans nicht unterscheidet, fallen sie nicht auf. Zugleich werden dadurch aber auch Hooligans, die mit rechter Ideologie nichts zu tun haben oder diese offen ablehnen, zu einer kaum wahrnehmbaren Minderheit.
Während des Spiels stehen Ultras, Hooligans, Neonazis und Familienväter Seite an Seite geschlossen hinter ihrem Verein. Die Einheit der Fankurve ist hierbei oberstes Gebot.
Umso schwieriger ist es, sich öffentlich, womöglich während eines Spiels, von einem rassistischen Ausdruck zu distanzieren. Wer sich gegen die Gemeinschaft stellt, riskiert den Ausschluss und wird gemieden. Bei Fans, die all ihre freie Zeit dem Verein widmen, bedeutet dies den Zusammenbruch ihres Lebensinhalts, ihres sozialen Netzwerks.

Aufgrund der stärkeren Überwachung der Stadien in den oberen Ligen, fühlen sich viele Fans inzwischen als „Gläserner Zuschauer“. Die Folge ist eine zunehmende Abwanderung der Hooliganszene in die schlechter ausgestatteten und von der Polizei weniger beachteten unteren Ligen. Das politisierende Einwirken findet heutzutage weniger offen, zugleich aber im Umfeld von rechtsdominierten Fankreisen statt. Hinzu kommt, dass die größeren Vereine durch zunehmende Kommerzialisierung und antirassistische Positionierung für erlebnisorientierte Hooligans unattraktiv geworden sind.

„Gemeinschaft Fußball“ fordert aktives Handeln

Das eigentliche Problem ist damit aber nicht beseitigt. Stärkere Repressionen führen zwar dazu, dass in den Topvereinen zwar menschenfeindliche Äußerungen inzwischen nicht mehr die Regel sind, die Ideologie ist damit jedoch noch nicht aus den Köpfen. Während sich Oberliga-Vereine mit der Gewalt- und Rassismusfreiheit ihrer Stadien rühmen, wird die Verantwortung an kleine Clubs abgewälzt, die zum Teil weder personelle Kapazitäten noch finanzielle Mittel haben, um Präventivarbeit zu leisten. Die Topvereine müssen im Sinne der „Gemeinschaft Fußball“ zukünftig viel stärker von ihrer Vorbildfunktion Gebrauch machen. Sie können nicht nur mit gutem Beispiel vorangehen, sondern kleine Vereine sowohl finanziell als auch mit ihrer langjährigen Erfahrung unterstützen.

Ein Zeichen setzen wollen zukünftig auch die bisher nicht unbedingt befreundeten Vereine Hamburger Sportverein, FC St. Pauli und FC Hansa Rostock. Gemeinsam sprachen sie sich auf einer Laut gegen Nazis-Kundgebung gegen Menschenverachtung und für eine faire Rivalität zwischen Fußballvereinen und ihren Fans aus.
„Ein historisches Symbol, welches bei den Fußballfans nur noch ankommen muss. Wenn dies gelingt, dann werden Hooligans und Rechtsextreme in den Stadien der Liga klein.“, so Jörn Menge von Laut gegen Nazis.

Couragiertes Handeln ist gefragt

Neben der eindeutigen Positionierung der Fußballclubs ist aber auch couragiertes Handeln von Fans und Spielern gefordert. So muss es selbstverständlich werden, dass die Mehrheit der tatsächlich unpolitischen Fans sich gegen rechte Hooligans positioniert und für Vielfalt und Toleranz im Fanblock einsetzt. So musste der NPD-Politiker Udo Pastörs ein Spiel des FC Hansa Rostock verlassen, nachdem eine größere Gruppe Hansa-Fans ihn aus dem Stadion gedrängt hatten.

Das stärkste Zeichen jedoch können die Idole der Fans setzen, die Spieler auf dem Feld. Eine Mannschaft muss sich geschlossen hinter einen Teamkollegen stellen, der rassistischen Anfeindungen ausgesetzt ist und klar machen, dass solche Fans nicht willkommen sind.
Solange Menschen diskriminert und Neonazis toleriert werden, ist das Motto „Gemeinschaft Fußball“ nur eine hohle Phrase, die Neonazis im Fanblock schützt und ihnen die Rechtfertigung für rassistisches Denken in die Hand gibt.

Robert Fähmel

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

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