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YouTube Wie der „Finanzexperte“ und Corona-Leugner „Silberjunge“ Antisemitismus befeuert

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Thorsten Schulte und sein besorgter Gesichtsausdruck. (Quelle: Screenshot aus Thorsten Schultes YouTube-Kanal "Silberjunge")

Vor seiner Karriere in den sogenannten „alternativen Medien“ war Schulte Investmentbanker bei der DZ-Bank in Frankfurt. Danach wechselte er zur HSH Nordbank und für kurze Zeit zur Deutschen Bank. „Die Umstände der Trennung sind nicht klar, es ging jedenfalls schnell und ganz sicher nicht im Guten. So erzählt er es selbst, darauf deutet der zweifelhafte Ruf, der ihm unter Ex-Kollegen im Konzern bis heute nachhallt“, heißt es in einem Artikel der FAZ von 2017. Der Name „Silberjunge“ lässt sich dabei von Schultes Begeisterung für das Edelmetall ableiten. 2010 veröffentlichte er ein Buch zum Thema im Kopp-Verlag, der hauptsächlich für Werke über Verschwörungserzählungen, Abseitiges oder auch UFO-Berichterstattung bekannt ist. Das nächste Werk mit gleichem Thema kam 2011 auf den Markt. 2012 veröffentlichte er dann, unter anderem mit Peter Boehringer, der heute für die AfD im Bundestag sitzt und die Kanzlerin als „Merkelnutte“ bezeichnet hat, das Buch „Insiderwissen Gold. 2017 kommt schließlich das erste politische Buch des Finanzexperten: „Kontrollverlust.

Rechtsalternative Karriere

Inhaltlich bleibt Schulte nah an rechtspopulistischen Erzählungen: Kritik an der Finanzpolitik der EU, der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin, die er als Rechtsbruch bezeichnet. Dazu fordert er ein gelockertes Waffenrecht und positioniert sich gegen eine angebliche drohende Abschaffung des Bargelds. Ohnehin ein wichtiges Anliegen für Schulte. Schon 2016 gründete er zusammen mit dem damals bereits aus der AfD ausgeschiedenen Parteigründer Bernd Lucke einen Verein namens „Pro Bargeld – Pro Freiheit e.V.“. Besonders aktiv scheint diese Initiative allerdings nicht gewesen zu sein. Laut der Website des Vereins fand die letzte Veranstaltung im Oktober 2016 statt. Die entsprechende Facebook-Seite wurde zuletzt im April 2017 aktualisiert.

Nach langer Mitgliedschaft in der CDU – mit 14 trat er in die Junge Union ein – verließ er die Partei 2015. Aus seiner Sympathie für die AfD macht er keinen Hehl, er trat bereits mit Jörg Meuthen auf und unterstützte Alice Weidel mit einem Video. Wie gut seine Verbindungen zu der rechtsradikalen Partei bis heute sind, beweist auch ein Vorfall aus dem November 2020. Während einer Demo der „Querdenken“-Bewegung belästigten mehrere rechtsalternative Aktivist*innen – darunter auch Schulte – Abgeordnete im Bundestag. Wie sich später herausstellte war die Gruppe auf Einladung mehrerer AfD-Abgeordneten – Udo Hemmelgarn, Petr Bystron und Hansjörg Müller – in das Gebäude gelangt.

Rap mit Rechtsextremen

Noch weiter rechtsaußen hat Schulte aber auch Kontakte. Als 2019 Schultes neuestes Buch „Fremdbestimmt” im Eigenverlag VFFW (Verlag für Frieden, Freiheit & Wahrheit GmbH) erscheint, veröffentlicht der mittlerweile abgetauchte rechtsextreme Rapper Chris Ares ein gleichnamiges Lied. Das von YouTube gelöschte Video war offenbar auch als Promoaktion für Schulte gedacht. In leicht absurd anmutenden Szenen präsentiert der Finanzexperte dem aufmerksam nickenden Rapper angebliche Verschwörer*innen aus dem Finanzsystem, der Politik und den Medien. Alles mit Hilfe von ausgedruckten und angepinnten Bildern, deren Gesamtpräsentation womöglich unfreiwillig an Serienkillerdarstellungen in Hollywoodfilmen erinnert.

In den sogenannten „Alternativen Medien“ ist Schulte schon länger aktiv, dabei kommt es auch immer wieder zu Überschneidungen in den Mainstream. Bis 2017 schrieb der ehemalige Investmentbanker eine Kolumne bei Focus Online. Mehrere seiner Bücher haben es auf Bestsellerlisten geschafft. 

Zu Schultes neuestem Betätigungsfeld gehört die „Querdenken”-Bewegung. Zur Demo am 1. August 2020 war er einer der Hauptredner. Wenig später gab es allerdings schon Streit in der Szene. Satanismus-Vorwürfe standen im Raum, Schulte warf seinen Gegnern, zu denen auch „Querdenken”-Gründer Michael Ballweg gehört haben soll, vor, die Bewegung absichtlich zu schwächen und behauptete, dass „alles unternommen wird, um Momentum rauszunehmen“. Mittlerweile scheint der Streit aber wieder begraben zu sein. Schulte tritt wieder bei Veranstaltungen auf. Über seinen Telegram- und YouTube-Kanal verbreitet er die üblichen Desinformationsschnipsel über angeblich unausgelastete Intensivstationen, Impfschäden und die angeblichen Verbrechen der Bundesregierung am „deutschen Volk”.    

Immer wieder Antisemitismus

Ein Thema, dass Schulte stetig umtreibt, ist Antisemitismus. Und das, obwohl er meint,  Antisemitismus gäbe es gar nicht in Deutschland. Schulte stellt im Brustton der Überzeugung fest: „Glücklicherweise sind in Deutschland heute die Zeitungen frei von antijüdischer Hetze und offene Feindseligkeiten habe ich in meinen Leben kein einziges Mal beobachten können.“ Das sagt Schulte in einem Video vom 25. Dezember 2020. Exakt vier Tage, nach dem das Urteil im Prozess gegen den Halle-Attentäter gefallen ist, der 51 Juden und Jüdinnen ermorden wollte. 2019 gab es nur in der ersten Jahreshälfte 442 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund. Im ganzen Jahr waren es rund 2000.

Der israelische Psychoanalytiker Zvi Rix sagte, die Deutschen würden den Juden Auschwitz nie verzeihen. Besonders die aktuellen Videos des „Silberjungen“ lassen an diesen Ausspruch denken. Natürlich bleibt es dabei immer nur bei Andeutungen, denn Schulte fürchtet sich vor angeblichen „Denk- und Sprechverboten in Deutschland“. Dafür müssen dann jüdische Kronzeugen herhalten, um Schultes nebulöse Thesen zu bestätigen: „Es gibt viele jüdische Stimmen, die Aussagen machen können, die mir als Deutschem sicherlich nicht erlaubt sind.“ Schulte benutzt dafür „Defamation – Spurensuche einer Verleumdung”, einen Dokumentarfilm von Yoav Shamir, einem israelischen Regisseur von 2010. Shamir beleuchtet im Film unterschiedliche Aspekte des modernen Antisemitismus und spricht dabei unter anderem auch mit Norman Finkelstein, einem US-amerikanischen Politikwissenschaftler, der mit seinem Buch „Die Holocaust-Industrie” bekannt wurde und behauptet, dass amerikanische Juden und Jüdinnen den Holocaust so lange ignoriert hätten, bis sie in den 1960er Jahren, nach dem Sechs-Tage-Krieg, eine Möglichkeit fanden, daraus Profit zu schlagen, die besagte „Holocaust-Industrie“. Finkelsteins Thesen wurden vor allem in der extremen Rechten positiv aufgenommen, Historiker*innen und Expert*innen widersprachen dagegen vehement. 

Schulte pickt sich immer wieder einzelne Passagen des Films heraus und nutzt sie, um daraus suggestive Fragen zu konstruieren. Zum Beispiel begleitet der Film eine Gruppe israelischer Jugendlicher bei einem Besuch der Gedenkstätte im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz. Die Jugendlichen, die meisten davon Nachkommen von Holocaustüberlebenden, sind nachdenklich, schockiert und wütend und verurteilen logischerweise die deutschen Täter und diejenigen, die ihnen auch heute noch nacheifern. Schultes Reaktion darauf: „Solche Aussagen lassen ein unvoreingenommenes, lockeres Kennenlernen von Menschen in Polen während der Reise gar nicht zu.“

Eigentlich sind wir doch alle Opfer

Die Jugendlichen sprechen darüber, wie es ist, als Nachfahren von Holocaustüberlebenden in Israel aufzuwachsen, in einem Land, das von meist feindlich gesinnten Staaten umgeben ist – diesen Kontext erwähnt Schulte nicht. Ein junger Mann erzählt im Film, dass er fast stolz darauf ist, von so vielen Menschen gehasst zu werden. Natürlich fällt Schulte auch dazu eine Frage ein, die er mit besorgtem Gesichtsausdruck stellt: „Darf man darauf stolz sein oder sollte man nicht sich, wie auch die anderen, stets hinterfragen?“ Das ist eine Argumentation, die man genauso auch in Neonazi-Kreisen hören kann: Wenn Juden und Jüdinnen von so vielen Seiten gehasst werden, müsse das einen Grund haben, der an Juden und Jüdinnen selbst liegt. Das ist Täter-Opfer-Umkehr, die Antisemitismus entschuldigt und schlussendlich gar den Holocaust relativiert. 

Screenshot aus dem Kommentarbereich eines YouTube-Videos von Thorsten Schulte.

Im gleichen Tonfall geht es weiter. Dabei wird nie Schulte konkret. Vielmehr sind es immer nur Andeutungen, die er in den Raum stellt. So thematisiert er beispielsweise eine Rede von Konrad Adenauer, in der er in den 1950er Jahren das Wissen der meisten Deutschen über den Holocaust bestreitet. Eine These, die oft und schlüssig widerlegt wurde. Erst am Ende wird etwas klarer, worauf Schulte eigentlich hinaus will. Dabei kommt er nicht ohne subtile Drohung aus: „Die Opfer der Kriege auf allen Seiten haben unsere Aufarbeitung der Geschichte mehr als verdient und die heute Lebenden benötigen sie, um eine wahrhaftige Aussöhnung zu erlangen und nachhaltigen Frieden zu schaffen. Tun wir es nicht und die Täuschung wird für die Betrogenen offenbar, wird sich neuer Zorn den Weg bahnen. Neues Unheil wäre die Folge.“ Also eigentlich sind ja alle ein bisschen Opfer des Nationalsozialismus: Die Deutschen genauso wie Juden und Jüdinnen. Wenn die das allerdings nicht anerkennen, muss man sich laut dieser These über neuen Antisemitismus laut Schulte nicht wundern. 

Screenshot aus dem Kommentarbereich eines YouTube-Videos von Thorsten Schulte.

Im nächsten Video mit dem Titel „Was die gepriesenen Holocaustbücher verschweigen! Schmidt, Möllemann, Rabin Zielscheibe für Hass!“ geht es dann 2020 in ähnlichem Tenor weiter. Zunächst muss Schulte aber noch dringend auf die Publikationsgeschichte seines letzten Buches verweisen. Denn – wer hätte es gedacht – die angebliche „jüdische Weltverschwörung” hätte es fast verhindert. „Der namhafte Finanzbuchverlag wollte mein Buch Fremdbestimmt herausgeben! Aber der Mutterkonzern Bornier, eine jüdische Familie, untersagte am 15. Juli 2019 dies!“ (alles sic!) heißt es in einer eingeblendeten Infobox. Der Finanzbuchverlag gehört zu Bonnier Media Deutschland, einer Tochtergesellschaft des schwedischen Medienkonzerns Bonnier Media. Später spricht er von einem „Anruf aus Stockholm“, die die Veröffentlichung verhindert haben soll. 

Screenshot aus dem Kommentarbereich im Telegramkanal von Thorsten Schulte.

Der Rest des Videos nutzt die gleiche Technik wie schon zuvor. Historische Quellen werden aus dem Zusammenhang gerissen oder nicht eingeordnet oder hinterfragt. Unterschiedliche Vorkommnisse werden in Zusammenhang gesetzt, den es eigentlich nicht gibt. In einem Brief vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten von 1933 – einer antizionistische Vereinigung deutscher Juden, die im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten – heißt es etwa, dass Berichte über Misshandlungen von Juden und Jüdinnen „von Übertreibungen strotzen würden“. Schulte schaut vielsagend in die Kamera. Wie bei fast allen Verschwörungserzählungen geht es auch hier um einfache Antworten auf komplexe Fragen. Natürlich erwähnt Schulte auch das Haʿavara-Abkommen, eine Vereinbarung mit dem deutschen Staat von 1933, dass deutschen Juden und Jüdinnen die Emigration ins damalige Palästina gegen die Zahlung einer Steuer erleichtern sollte. Das Abkommen war bei Zionist*innen umstritten. Es ist allerdings gut erforscht und bekannt, keinesfalls ein „dunkles Geheimnis“, wie es von Schulte – aber auch immer wieder in der rechtsextremen Szene – behauptet wird. Diese Erzählung passt allerdings besser zum Geraune über die verschwörerischen und lügenden Juden und Jüdinnen: „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“, meint Schulte.

Screenshot aus dem Kommentarbereich des Telegramkanals von Thorsten Schulte

Denn so vage und raunend die Aussagen Schultes in seinen Videos auch bleiben: Sein Publikum versteht ganz genau, was gemeint ist. In den Kommentaren zu seinen Videos auf YouTube und auch in seinem Telegramkanal hat offener Antisemitismus freie Bahn. Dort werden Videos von bekannten Holocaustleugnern angepriesen, behauptet, dass Juden und Jüdinnen einen jahrhunderte- oder gar jahrtausendealten Kampf gegen Deutsche führen würden oder dass die Torah die satanische Bibel sei. Die Kommentare werden offensichtlich kaum moderiert. Auch noch der größte Hass bleibt stehen und ist öffentlich abrufbar.

Hass, Hass, Hass

Dazu gehören auch extrem drastische Gewalt- und Morddrohungen. Zu lesen beispielsweise unter einem anderen Video, in dem Schulte über Anetta Kahane spricht. Kahane ist Gründerin und Vorstandsvorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, zu der auch Belltower.News gehört. Im Video diffamiert Schulte Kahane zunächst als „Merkels Propagandachefin“, um dann völlig zusammenhangslos über andere öffentliche Personen zu sprechen, die sich für eine tolerante und offene Gesellschaft aussprechen oder engagieren. Vollkommen zufällig natürlich: Alle Personen sind, genauso wie Anetta Kahane, Juden oder Jüdinnen

Eine Person kommentiert auf Telegram: „Kahare ,du volkshetzerische mörderin. wenn du soooo auf dunkle häute stehst, dann lass dich mal extrem sonnenbräunen…ich würde sogar noch den deckel vom solarium zuhalten bis du anfängst zu stinken…“ (sic!) Weitere Kommentare sind dermaßen gewaltvoll und bedrohlich, dass sie an dieser Stelle nicht veröffentlicht werden können. Auch diese Kommentare sind zum Teil seit Wochen öffentlich einsehbar. Gelöscht oder moderiert wurden sie nicht. Zum Teil haben sie Dutzende Likes.

Schulte ist nur einer von vielen Verschwörungsgurus, die im Zuge der Covid-19-Pandemie an Prominenz gewonnen haben. Bemerkenswert ist an ihm die Kombination aus vermeintlicher Bürgerlichkeit mit Schwiegersohnlächeln vor gutbestücktem Bücherregal und Nähe zu antisemitischen Verschwörungserzählungen. Dabei geht er nie den ganzen Weg hin zu Holocaustleugnung oder offener Relativierung. Muss er auch nicht, denn sein Publikum weiß genau was gemeint ist. Und das scheint Schulte in Kauf zu nehmen. Wäre das nicht der Fall, würde er sich positionieren und den glasklaren Judenhass verurteilen, der aus den Kommentarspalten seiner Videos quillt. Dann dürfte er auch die massiven Gewalt- und Todesdrohungen, die sich dort ansammeln, nicht stehen lassen. Sein Schweigen muss als Zustimmung betrachtet werden.

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