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[tacheles] Struktureller Antisemitismus ist Antisemitismus (noch) ohne Juden 

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Was ist antisemitisch an Verschwörungsmythen? Es ist diese Frage, die sich seit der jüngsten Konjunktur des Wahns aufdrängt. Wer sinnvoll über die Corona-Leugner*innen, die Querdenker und Erwachten” und die von ihnen ausgehende Gefahr reden will, kommt um die Beantwortung dieser Frage nicht umhin. Anders formuliert: Was ist struktureller Antisemitismus? 

Der Terminus ist älter als die Corona-Demos, seine Geschichte sowieso, aber eine Definition fehlt weitgehend. Dieser Text versucht sich an einer ersten Annäherung an den Begriff struktureller Antisemitismus. Eine These soll von diesem Text aufgegriffen werden: Der strukturelle Antisemitismus ist ein Antisemitismus ohne Juden. Diese These muss angesichts der letzten Monate zugespitzt werden, die realen Entwicklungen machen eine theoretische Nachjustierung nötig. Struktureller Antisemitismus, so argumentieren wir, ist ein Antisemitismus noch ohne Juden.

Viel wurde in diesem Jahr über die Ausgangsfrage gesprochen und doch ist es erstaunlich, wie wenige Texte es zu diesem geradezu omnipräsenten Phänomen gibt. Dass sich auf den Corona-Demos Antisemitismus zeigt, ist leicht zu belegen. RIAS hat in einer Studie nachgewiesen, dass es zwischen März und Juni 2020 auf 123 Kundgebungen und Demonstrationen zu antisemitischen Vorfällen kam. Die Ungeimpft-Judensterne, die Vergleiche mit Anne Frank und Sophie Scholl, die Rede von einem neuen Holocaust, die unzähligen Karikaturen, die Auschwitz mit Impfzentren vergleichen das alles ist shoah-relativierend und damit antisemitisch. Aber was ist eigentlich mit Verschwörungsmythen, in denen Jüdinnen und Juden nicht vorkommen? Diese Frage ragt ins Zentrum der Antisemitismustheorie.

Nach dem Zusammenhang von Antisemitismus und Verschwörungsmythen befragt, antwortete der Antisemitismusbeauftragte des Landes Berlins, Samuel Salzborn, in einem Video für die Aktionswochen gegen Antisemitismus: Beide stehen in einem systematischen und in einem historischen Verhältnis. Verschwörungsmythen und Antisemitismus haben dieselbe Grundkonstruktion” und eine gemeinsame Geschichte. Sie treten oft zusammen auf.

Das zeigt sich nicht immer auf den ersten Blick. Im Mai hat die Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung im Spiegel über die aufkeimenden Corona-Verschwörungsmythen geschrieben und kam dabei auch auf den Fall zu sprechen, in dem es nicht um Jüdinnen und Juden geht, jedenfalls vordergründig: Wenn das Narrativ einmal steht”, schreibt Stefanie Schüler-Springorum, ist es egal, ob Bill Gates Jude ist oder nicht, in den Augen der Verschwörungsfachleute ist er das sowieso.” Das Argument,  die Bill Gates-Verschwörung sei nicht antisemitisch, weil Gates kein Jude sei, greift also nicht. Für Antisemiten ist er das allemal. Wenigstens, so wird geglaubt, steht er im Bunde mit dem Jüdischen”. An solchen Erzählungen zeigt sich, dass es einen Antisemitismus ohne Juden nicht nur geben kann, sondern gibt.

Für das, was Grundkonstruktion oder Narrativ genannt wird, benutzt Anetta Kahane, die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, ein Bild: Antisemitismus ist das Betriebssystem” der Verschwörungsmythen. Ein Betriebssystem ist die Grundlage auf dem eine Computersoftware läuft. In gewisser Weise ist das Betriebssystem das Grundkonstrukt, es gibt vor, was gedacht werden kann, was nicht. Verschwörungsmythen, die von einer globalen Verschwörung raunen, sind auf dieser Grundlage konstruiert, auch wenn sie Jüdinnen und Juden nicht explizit nennen. Der Antisemitismus solcher Mythen wird dann zwar verdeckt, oft aus Strategie, ist aber weiterhin prägend.

Analogie und Verwandtschaft

Sieht man sich diese Analysen des strukturellen Antisemitismus genauer an, stellt man fest, dass oft in einem ersten Schritt mit Analogien gearbeitet wird. Denn Antisemitismus und Verschwörungsmythen ähneln sich, sie haben dieselbe Struktur und Funktion, sind verwandt. Antisemitische Argumentationsstrukturen und ihre Funktion, die auch in Verschwörungsmythen auftauchen, hat Thomas Haury in Antisemitismus von Links ausgearbeitet. Demnach gibt es vier Merkmale, die beide Phänomene verbinden.

  1. Als erstes Strukturmerkmal beschreibt Haury eine bestimmte Form der Personalisierung. Gesellschaftliche Entwicklungen, die sich subjektlos vollziehen, werden dem bewussten, intentionalen Handeln böser Menschen zugeschrieben”, die sich in einer weltumfassenden Verschwörung zusammen getan haben sollen. Eine Gruppe sinistrer Menschen soll im Hintergrund die Strippen ziehen. 
  2. Dem antisemitischen Verschwörungsdenken nach gehört, so das zweite Merkmal, diese Gruppe einem Volk” oder Stamm” an, der in seinem Wesen und Eigenschaften nicht veränderlich ist, dies nennt man auch Ethnifizierung’. Dieser Feindgruppe wird eine Wir-Gruppe als positive, natürlich verwurzelte und eng verbundene Gemeinschaft entgegengesetzt, die ohne innere Widersprüche oder Konflikte existieren soll.
  3. Der so homogenisierten Feindgruppe wird, das ist das dritte Merkmal, eine staatszerstörende und die eigene Volksgemeinschaft zersetzende Wirkung zugeschrieben.
  4. Ein manichäisches Weltbild ist das vierte und in der Zuspitzung der verschwörungsideologischen Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen immer stärker hervortretendes Merkmal. Demnach kämpfen das absolut Böse und das absolut Gute gegeneinander um die Macht. In dieser Idee liegt auch die antisemitische Vernichtungsphantasie begründet, nach der Streit, Diskussion und Kompromisse keine Möglichkeiten sind, sondern die Vertreibung und Vernichtung der jüdisch gedachten Feinde als letztendlich einziger Ausweg erscheinen. 

Schaut man sich nun die Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen und ihre verschwörungsideologischen Begründungen an, so fällt auf, dass Facetten dieser vier Merkmale darin vertreten sind. Mit Bill Gates, aber auch Christian Drosten oder Angela Merkel, sind Personen gefunden, die scheinbar ein Interesse an der globalen Pandemie haben oder daran jedenfalls jetzt profitieren sollen, durch den Impfstoff die Menschheit chippen oder gar dezimieren wollen. Sie arbeiten demnach in einer weltweiten Verschwörung zusammen, der sich eine Gruppe angeblich Erwachter‘ entgegen stellt. 

Auch wenn nicht alle Redner*innen der Demonstrationen die völkische Einheit der Wir-Gruppe explizit betonen, so findet jedoch mit der Hervorhebung von Natürlichkeit’, der Überbetonung von Gemeinschaft und Einheit ganz praktisch eine Homogenisierung der Demonstrant*innen statt. Durch das penetrante Verleugnen der Präsenz rechtsextremer Gruppen in den Demos, vollzieht sich so ein Schulterschluss mit Nazis und Reichsbürgern, die sich offen auf völkisch-nationale Werte beziehen und teils die deutsche Volksgemeinschaft verehren.

Die zunehmenden Aggressionen, Gewaltphantasien auf Plakaten und in Chatgruppen sowie erste Anschläge, die dem Spektrum der Corona-Leugner*innen zugerechnet werden, sprechen für eine stetige Radikalisierung. Damit kann auch eine Verschiebung von strukturellem Antisemitismus zu offenem Judenhass verbunden sein.

Codierung und Latenz

Olaf Kistenmacher hat sich in einer Reflexion über latenten oder strukturellen Antisemitismus den verschiedenen Bedeutungen des Begriffs angenähert. Seine Überlegungen streifen auch unsere. Mit strukturellem Antisemitismus, so Kistenmacher, ist neben alltägllichen, oft nicht wahrgenommenen Formen von Hass und Diskriminierung eine Verschleierung des Antisemitismus gemeint. Bewusst werden Codes und sprachliche Bilder benutzt, die antisemitische Stereotype ansprechen, ohne sie explizit erkennbar zu machen. Von den Eingeweihten oder Erwachten werden diese Codes verstanden, während sie jedoch juristisch schwer belangt werden können. Eine solche Strategie verfestigt außerdem die eigene Gruppenidentität und Abgrenzung gegenüber Nicht-Eingeweihten. Dabei sind viele antisemitische Stereotype bereits Teil gesellschaftlichen Wissens und werden somit von allen verstanden, wenn auch nicht unbedingt geteilt. 

Kistenmacher bezieht sich hier auf das Konzept der antisemitischen Latenz, nach der Antisemitismus in Verbindung mit Nationalismus und Rassismus eine allgemeine und fundamentale Struktur der deutschen Gesellschaft darstellt. Nach 1945 ist der völkisch-rassistisch begründete offene Antisemitismus teilweise tabuisiert, jedoch nie wirklich aufgearbeitet oder beseitigt worden. Vielmehr entstand eine beinahe zwanghafte Schuldabwehr und Umkehrung von Täter-Opfer-Verhältnissen. Wenn die Corona-Pandemie nun als ein Verbrechen im Ausmaße der Shoah beschrieben wird, deutet das auf genau eine solche latent antisemitische Schuldabwehr hin. Sie kann jedoch auch jederzeit in eine offene Judenfeindschaft mit religiös, rassistischer oder völkischer Rechtfertigung umschlagen. 

Verflechtung und Tendenz

Mit der strukturellen und funktionalen Analogie von Antisemitismus und Verschwörungsmythen ist noch nicht alles erklärt. Nicht nur ähneln sie sich, sie sind auch historisch eng verflochten. Deshalb braucht es einen zweiten Argumentationsschritt, der das Bild komplettiert.

Antisemitismus und Verschwörungsmythen haben eine gemeinsame Geschichte. Der Antisemitismus ist die älteste Verschwörungserzählung, die wir kennen. Die Erzählung, die Juden hätten den Messias ermordet, ist fast 2000 Jahre alt. Und schon während der Pest im 14. Jahrhundert wurde Jüdinnen und Juden vorgeworfen, sie hätten Brunnen vergiftet und damit die Seuche verursacht. Diese antisemitische Erzählung wurde noch Anfang des 20. Jahrhunderts in den Protokollen der Weisen von Zion wiederholt und wurde auch in der Corona-Pandemie wieder aufgegriffen, als behauptet wurde, Israel stecke hinter dem Virus. Die QAnon-Verschwörungserzählung aktualisiert zudem den mittelalterlichen, antisemitischen Vorwurf des Ritualmordes.

Nicht nur ist der Antisemitismus das historische Vorbild der Verschwörungsmythen, er ist auch dessen Nachfolger. Denn diese Formen des strukturellen Antisemitismus tendieren dazu, zu offenem Judenhass zu werden. Es ist diese Pointe, die wiederholt werden muss. Der strukturelle Antisemitismus ebnet einem offenen Judenhass den Weg. Denn struktureller Antisemitismus, so wieder Kistenmacher, beschreibt auch einen offenen Judenhass als noch nicht ausgebrochene Krankheit”. 

Struktureller Antisemitismus ist also nicht nur ein Antisemitismus ohne Juden. Vielmehr, und dies muss betont werden, ist es ein Antisemitismus noch ohne Juden. Die explizit antisemitischen Implikationen werden entweder vorerst noch nicht ausgesprochen, was durchaus taktische Gründe haben kann, oder der Judenhass ist noch nicht ausgebrochen”. Das heißt aber auch, dass in vielen Verschwörungsmythen uralte antisemitische Ressentiments schlummern, die jederzeit geweckt werden können. Die Gefahr darf nicht unterschätzt werden. Die ‘Erwachten’ wissen, wer gemeint ist. Jüdinnen und Juden sowieso.

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