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„Uralte Teile des Hirns“ Zur libertären Mythologie Jordan Petersons

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Jordan Peterson bei Turning Point USA, einer ultrakonservativen Organisation, die unter anderem gegen angebliche "Links-Propaganda" in Hörsälen kämpft. (Quelle: Wikimedia / Gage Skidmore / CC BY-SA 2.0 )

Jordan Petersons Buch „12 Rules for Life. An Antidote to Chaos“ (2018) findet sich in so gut wie jeder Bahnhofsbuchhandlung und wurde weltweit bereits über zwei Millionen mal verkauft. Im Gegensatz zu anderen Stichwortgebern der Alt-Right, wie dem mittlerweile in Ungnade gefallenen 4Chan-Edgelord Milo Yiannopoulos, dem testosterongeladenen Verschwörungstheoretiker Alex Jones oder dem Debattierclub-Kombattanten Ben Shapiro wird Peterson auch in Deutschland gerne rezipiert. Sein professoraler Psychologenhabitus wie auch seine ständigen Selbstbeteuerungen, kein Rechter, sondern Liberaler zu sein, machen ihn einer Vielzahl von Leser*innen offenbar auf den ersten Blick unverdächtig, Teil des neurechten „Rollbacks“ zu sein. Peterson ist eine Internetberühmtheit, sein YouTube-Kanal wurde von über 1,9 Millionen User*innen abonniert. Heiß erwartet ist seine bevorstehende Diskussion mit dem so schrulligen wie oftmals politisch naiven Philosophen Slavoj Žižek, die eine Art Showdown der Querdenker werden soll. Dabei ist Peterson alles andere als der Intellektuelle, für den ihn sein oftmals akademisch gebildetes Publikum hält, sondern in seiner universitären Karriere vorrangig ein Auswerter von Fragebögen, mit einem stark vereinfachten Gesellschaftsbegriff.

Bekannt wurde Peterson nicht wegen seiner akademischen Arbeiten, die aus dem Meer psychologischer Publikationen über die gängigsten und damit langweiligsten Persönlichkeitsvariablen „Big Five“ oder die Folgen von Alkoholismus nicht weiter herausragen. Kurz gesagt, machte Peterson vor seiner zweiten Karriere als politischer Agitator und Möchtegern-Lebensphilosoph das, was der Großteil aller Psychologie-Professuren macht: Eine Fragebogen-Studie hier, eine Lecture dort und ein Buchkapitel da – für die Öffentlichkeit eher belanglos, es sei denn man interessiert sich für das positivistische Kleinklein des Unibetriebs. Ein Star wurde Peterson nicht wegen seiner witzlosen akademischen Karriere,  sondern aufgrund seiner politischen Stellungnahmen, die er dann aber mit der Reputation einer Professur untermauern konnte.

Ende 2016 veröffentlichte Peterson eine Reihe populärer Videos, in denen er die kanadische „Bill C-16“ kritisierte, ein Gesetz, dass Geschlechtsidentität in den „Canadian Human Rights Act“ mit aufnahm und also Diskriminierung aufgrund dieser Identität verhindern soll. Peterson lamentierte, das Gesetz würde ihm verbieten, beispielsweise trans*-Menschen mit dem von ihm gewünschten Pronomen anzureden. Was natürlich nicht stimmte. Bill C-16 würde vor allem in zwei Fällen greifen: Einerseits wenn Verdacht besteht, dass ein Verbrechen aus Hass auf die Geschlechtsidentität des Opfers verübt wird, also ein  „Hate Crime“ ist, und andererseits wenn es um die Verurteilung von Hasspropaganda („advocating genocide“) gilt. Ein falsches Pronomen zu nutzen, fällt in keine der beiden Kategorien. Es ist kein Hassverbrechen, sondern eine Unverschämtheit. Dennoch erhitzte Petersons Kampf gegen Windmühlen die Gemüter ausreichend, um ihm zu einer gewissen Prominenz zu verhelfen. Der Psychologe konnte sich als Kämpfer für die freie Meinungsäußerung und Gegner sogenannter „political correctness“ inszenieren. Seine Gegner tauchen bei Peterson immer nur als Karikaturen auf, als Social Justice Warriors, die nicht verstünden, dass sie dem patriarchalen Kapitalismus die Technik aus ihrem iPhone zu verdanken haben. Dabei ist Peterson es, der die Dialektik der Aufklärung nicht begreifen kann, partout nicht verstehen will, dass gute Gesellschaftskritik selbige nicht um ihre Errungenschaften betrügen, sondern sie immanent kritisieren, an sich selbst messen will.

Das Versprechen Petersons, mit seinen 12 Regeln für’s Leben Ordnung ins Chaos bringen zu wollen, ist ernstgemeint. Es geht darum der Unübersichtlichkeit der Gegenwart zu begegnen, für die Peterson vor allem den „cultural marxism“ und postmoderne Theorie verantwortlich macht. Ersteres ist ein unscharfer und in polemischer Absicht entstandener Sammelbegriff, der in der Zeit des Red Scare Konjunktur hatte und damals noch u.a. die Kritische Theorie der sogenannten Frankfurter Schule meinte, sich aber bald auf alle möglichen Phänomene linker Politiken abseits traditioneller Klassenkampfrhetorik – Feminismus, Antirassismus etc. – bezog. An letzterem moniert Peterson, offensichtlich in weiter Unkenntnis der Primärquellen, den Wahrheitsrelativismus. Tatsächlich zeichnen sich vereinfacht gesagt postmoderne Theorien (die es so einheitlich natürlich nicht gibt) oft durch Skepsis gegenüber Wahrheitsansprüchen aus, die mit dem Insistieren auf die soziale Konstruktion der Wirklichkeit einhergeht. In einigen Lesarten mündet dass dann in der Ablehnung des Wahrheitsbegriffs an sich, sodass die Welt nur noch aus einer Vielzahl von Perspektiven zu bestehen scheint, von der sich nicht sagen lässt, welche denn die richtige ist.

Das zu kritisieren wäre ja nicht verkehrt, wenn Peterson nicht gleichzeitig behaupten würde, im Besitz der Wahrheit über Gesellschaft und die Natur des Menschen zu sein. Die Faktengläubigkeit Petersons ersetzt den Skeptizismus postmoderner Theorien durch einen naiven Wahrheitsbegriff, der seine eigenen Limitierungen überhaupt nicht mehr reflektieren kann oder will. So kann er dann als Guru der Lebensführung auftreten, der seine konformistischen, biologistischen und maskulinistischen Vorstellung wissenschaftlich basiert verkaufen möchte. Mittels dieser Grundierung sollen offenkundig die trivialen und antiquierten Ratschläge, wie das man eine gerade Körperhaltung einnehmen oder seine Kinder disziplinieren soll, aufgewertet werden. Letztlich ist das Buch ein recht geschwätziges Plädoyer für Eigenverantwortlichkeit, das gut zum libertären Klima passt, wie es die Alt-Right derzeit ausdünstet. Peterson schreibt von seinen Diskussionen auf dem Frageportal  „Quora“ sowie zahlreichen Erlebnissen mit Freunden und Bekannten und unternimmt immer wieder Ausflüge in den Mystizismus, nicht um ihn zu demontieren, sondern um daraus Lehren zur Lebensführung abzuleiten. Im Zentrum steht hierbei ein reaktionäres Geschlechterverständnis. Dazu ein ausführlicheres Zitat aus dem Buch zum Beispiel:

„Order, the known, appears symbolically associated with masculinity (as illustrated in the aforementioned yang of the Taoist yin-yang symbol). This is perhaps because the primary hierarchical structure of human society is masculine, as it is among most animals, including the chimpanzees who are our closest genetic and, arguably, behavioural match. It is because men are and throughout history have been the builders of towns and cities, the engineers, stonemasons, bricklayers, and lumberjacks, the operators of heavy machinery“

Und weiter:

„Chaos—the unknown—is symbolically associated with the feminine. This is partly because all the things we have come to know were born, originally, of the unknown, just as all beings we encounter were born of mothers. In its positive guise, chaos is possibility itself, the source of ideas, the mysterious realm of gestation and birth. […] As a negative force, it’s the impenetrable darkness of a cave and the accident by the side of the road. It’s the mother grizzly, all compassion to her cubs, who marks you as potential predator and tears you to pieces.“

Freud nannte weibliche Sexualität auch seinen „dunklen Kontinent“, nicht weil er sie als undurchdringliche Höhle am Straßenrand verklären wollte, sondern weil er sich eingestehen musste, darüber zu wenig nachgedacht zu haben – vielleicht auch, wie feministische Kritikerinnen später einwandten, weil in der patriarchalen Gesellschaft keine Sprache für weibliches Begehren existiert. Männlich ist also in der aufgewärmten Küchenmythologie Petersons die Ordnung der Gesellschaft insofern als dass Männer sie errichtet hätten, weiblich ist es hingegen, das Chaos Kinder zu gebären. In diesem Licht wird dann auch deutlich, was Peterson mit dem Untertitel „An Antidote to Chaos“ eigentlich sagen möchte: Er verschreibt ein Gegenmittel zur Weiblichkeit. Die Dichotomisierung, die sich hier niederschlägt, wird von Peterson nicht kritisiert, sondern mit den Mitteln zementiert, die ihm zu Gebote stehen:

„It should also be noted, finally, that the structure of the brain itself at a gross morphological level appears to reflect this duality. This, to me, indicates the fundamental, beyond-the-metaphorical reality of this symbolically feminine/masculine divide, since the brain is adapted, by definition, to reality itself.“

Er lässt keine Missverständnisse aufkommen: Es ist wirklich so! Frauen gebären, Männer bauen Gesellschaften, das sieht man sogar bei den Schimpansen oder im Hirn! Wenn Peterson vorgibt, mitseriös wissenschaftlichen Befunden zu arbeiten, betreibt er eher ihre Mythologisierung: Beispielsweise behauptet er an anderer Stelle, es gäbe einen „ancient part of your brain specialized for assessing dominance“. Wenn man ein Mann ist, äußert sich Dominanz durch Zugang zu den besten Wohnräumen und Lebensmitteln, Menschen konkurrieren, um einem gefällig zu sein, und „the most desirable females“ stehen Schlange. Ist man hingegen eine Frau, zeigt sich Dominanz dadurch, dass große, starke, symmetrisch gebaute, kreative, verlässliche, ehrliche und großzügige Männer zur Verfügung stehen. Als Frau wird man zwar auch rücksichtslos die eigene Position verteidigen, allerdings nicht mit physischer Gewalt wie der Mann, sondern mit verbalen Tricks.

Es ist schwierig, diesen biologistischen Unsinn zu lesen und dabei Ernst zu bleiben. Zu sehr spricht daraus die Stimme eines Mannes, der sich eine eindeutige Geschlechterordnung (gegen das Chaos) wünscht und dabei zwischen Ying-und-Yang-Gefasel und biologistischen Interpretationen der Hirnforschung alles herausgreift, was ihm irgendwie in den Kram passt. Offenbar spricht diese Sprache aber derzeit viele Leute an, vor allem junge Männer. Peterson inszeniert sich als einer, der es wagt, der grausamen Welt ohne zu blinzeln ins Gesicht zu sehen: „Life is suffering“ ist eine ständig wiederholte Phrase. Dabei fällt seine „der Mensch ist dem Mensch ein Wolf“-Alltagsphilosophie allerdings weit hinter klügere „Kulturpessimisten“ wie Freud zurück, von dem er immerhin behauptet ihn gelesen zu haben. Bei Freud ist im Unbehagen in der Kultur immer die Abhängigkeit von selbiger mitgedacht. Peterson hingegen verklärt in seiner libertären Ideologie das Individuum, welches hier immer als seines eigenen Glückes Schmied auftritt. Man soll sich nicht so anstellen, bevor man die Welt kritisiert, soll man an sich selbst arbeiten usw. Dabei verkennt er notwendig, dass die Gesellschaft eben nicht allen die gleichen Möglichkeiten bietet, dass manche Menschen ihren Rücken so gerade halten können wie sie wollen, aber trotzdem nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden, sie in den Augen der Personalabteilung eine falsche Hautfarbe oder das falsche Geschlecht haben.

Peterson blickt nicht wagemutig einer Welt voller Schmerzen ins Gesicht, sondern ihrem Abziehbild, das auf den ersten Blick zwar gefährlich anmuten mag, aber dann doch in den Farben der eigenen Perspektive und des eigenen Ressentiments gezeichnet wurde: Zu behaupten, „uralte Teile des Hirns“ evaluieren kontinuierliche unsere Dominanz über andere, ist aus Petersons Position natürlich wesentlich bequemer als sich etwa mit der gesellschaftlichen Realität rassistischer Polizeigewalt auseinanderzusetzen.

Tom David Uhlig ist Mitarbeiter der Bildungsstätte Anne Frank und Mitherausgeber der „Freien Assoziation. Zeitschrift für psychoanalytische Sozialpsychologie“.

Titelfoto: Wikimedia / Gage Skidmore / CC BY-SA 2.0  

 

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