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USA Das neue Schreckgespenst der Republikaner – die Critical Race Theory

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Symbolbild: Amerikanische Schulbusse. (Quelle: Pixabay)

Eine vermeintliche Bedrohung hat das Bildungssystem in den USA erfasst. Eltern demonstrieren dagegen bei Schulvorstandssitzungen, Schulbeamte werden ins Visier genommen, weil sie die Bedrohung nicht ernst nehmen, und politische Gruppen bilden sich, um die Bedrohung zu bekämpfen. Die Bedrohung sind nicht Schulschießereien, Polizeigewalt oder Kinderarmut, sondern eine akademische Rechtswissenschaft, die fast ausschließlich in ausgewählten Studiengängen auf höherem Niveau gelehrt wird. Jetzt benutzen die Gegner:innen die Critical Race Theory, um Diskussionen über Rassismus und Diskriminierung in den Klassenzimmern der USA zu verbieten.

Was ist die Critical Race Theory?

Die Critical Race Theory ist eine akademische Bewegung, die sich in den 1980ern und 1990ern unter Rechtswissenschaftler:innen und Anwält:innen entwickelte. Die Bewegung versuchte, einen Rahmen für das Verständnis rassistischer Diskriminierung in den USA zu entwickeln. Der Name entstand in einem     1989 von Kimberlé Crenshaw geleiteten Workshop, die zu dieser Zeit Professorin an der University of Los Angeles Law School war. Die Critical Race Theory hat Wurzeln in Critical Legal Studies, die das Rechtssystem mit den Methoden der Kritischen Theorie analysiert. Crenshaw ist auch bekannt für die Entwicklung der Theorie der Intersektionalität.

Zahlreiche Wissenschaftler:innen und Schriften bilden inzwischen die Critical Race Theory, aber sie teilen einige grundlegende Prinzipien. „Race“ wird als sozial konstruiert verstanden. Rassismus wird nicht nur als eine individuelle Erfahrung beschrieben, sondern als eine systemische Komponente der Institutionen. Forscher:innen benutzen die Critical Race Theory, um den Einfluss der „Race“ in Institutionen wie dem Rechtssystem, dem Gesundheitssystem und dem Bildungssystem in den USA zu untersuchen.

Wie die Critical Race Theory zum Schreckgespenst wird

Die aktuelle moralische Panik über die Critical Race Theory begann mit einem Mann: Christopher Rufo. Rufo, ein ehemaliger Dokumentarfilmer, ist ein Redakteur des City Journals, ein Magazin des konservativen Thinktanks „Manhattan Institute“. Rufo schrieb ursprünglich über Themen wie Obdachlosigkeit und Sucht in Seattle, die er aus einer rechtspopulistischen Perspektive beschrieb. Als er einen Tipp erhielt, sich einmal ein Anti-Bias-Training der Stadtverwaltung von Seattle anzusehen, fand er sein neues Thema: die Critical Race Theory.

Rufos Artikel über das Anti-Bias-Training, das er als „Kultprogrammierung“ bezeichnete (City Journal).

Rufo schrieb einen Artikel über das Anti-Vorurteils-Training, in dem dieses zu einer linken Verschwörung mutierte, die die Regierung unterwandern solle. Der Polizistenmord an George Floyd führte zu notwendigen Diskussionen über Rassismus in den USA und auf der ganzen Welt. Doch für Rufo und seine Leser:innen scheint diese Diskussionen über Rassismus und Gerechtigkeit eine existenzielle Bedrohung darzustellen. Rufo erreichte mit seinem Artikel ein landesweites Publikum und vergrub immer tiefer in das Thema. Mit weiteren “durchgesickerten Informationen“ aus anderen Diversity- und Antirassismus-Trainings der Regierung behauptete Rufo, Großem auf der Spur zu sein und benannte eine Quelle dieses “Übels”: die Critical Race Theory.

Da die Critical Race Theory auf der Kritischen Theorie basiert, fand Rufo damit ein weiteres konservatives Schreckgespenst: den Marxismus. Für Rufo fielen hier also rote Linien. Er sah den Marxismus am Werk, den US-amerikanischen Way of Life durch Diversity-Trainings zu stürzen. Rufo gab die Themen Obdachlosigkeit und Sucht auf und begann mehr und mehr über die Critical Race Theory zu schreiben. Rufo fand und kritisierte “diese Trainings“ in Regierungsbehörden und in Schulen. Für ihn war es nicht wichtig, dass die Trainings und Diskussionen eigentlich wenig mit der Critical Race Theory zu tun hatten, sondern es ging um ein neues Etikett, mit dem er sein Publikum erschrecken konnte. Wie schon zuvor mit den Begriffe „political correctness“ oder  „cancel culture“ hatte  die Rechte in den USA ein neues Angriffsziel.

Vom Online-Shitstorm zur landesweiten Gesetzgebung

Mit seinen Online-Publikationen  erreichte Rufo ein begrenztes Publikum. Doch er erreichte die Nation   und das Ohr des Präsidenten, weil seine Ideen von einer der Top-Stimmen der Rechte in den USA im Fernsehen verstürkt wurden: Durch „Fox News“-Moderator Tucker Carlson.

Rufos erster Auftritt bei Tucker Carlson

Im September 2020 trat Rufo als Gast in der Show von Tucker Carlson auf Fox News auf. Während dieses Auftritts beschreibt Rufo, wie „linksradikale Ideologie“ die Regierung durch Diversity-Trainings infiltriere. Laut Rufo sei die Critical Race Theory ähnlich wie „BLM und neomarxistische Rhetorik“. Rufo forderte dann den Präsidenten auf, die Critical Race Theory durch die Regierung abzuschaffen. Präsident Trump, ein begeisterter „Fox News“-Zuschauer, hat diesen Ruf offenbar laut und deutlich gehört. Donald Trump teilte das Video von Rufos Auftritt auf Twitter – und gerade einmal zwei Tage nach dem Auftritt veröffentlichte Trump eine exekutive Anordnung.

Die Anordnung verbot alle Trainings in staatlichen Institutionen, die sich mit der Critical Race Theory und weißen Privilegien befassen. Auch sollten keine Trainings suggerieren oder lehren, dass „die USA von Natur aus ein rassistisches, ödes, böses Land ist“. Präsident Biden hob Trumps Anordnung im Januar 2020 auf, aber der Aufschrei gegen die Critical Race Theory war bereits entfesselt.  NGOs und Unternehmen, die eigentlich schon in Vertragsverhanldungen      mit der Bundesregierung gestanden hätten, wurden ausgebremst, weil die Bundesämter bereits Diversity- und Inclusion-Trainings aufgrund der Anordnung gestoppt hatten.

Nach dem Ende von Trumps Präsidentschaft nahmen konservative Aktivist:innen und Gruppen ihren Kampf auf die lokale Ebene auf  und folgten Trumps Beispiel. Mit Blick auf öffentliche Schulen und Universitäten haben mindestens fünf US-Bundesstaaten den Unterricht der Critical Race Theory      verboten und mindestens 16 weitere US-Bundesstaaten erwägen dies. Konservative Aktivist:innen, einige davon Eltern von Schulkindern, andere nicht, haben ebenfalls begonnen, ein Ende des Unterrichts der Critical Race Theory bei Schulratssitzungen zu fordern. Dabei wird in keiner Schule die Critical Race Theory gelehrt. Doch das ist dabei offensichtlich unerheblich.

Aber wenn die Critical Race Theory gar nicht in den Schulen gelehrt wird, warum reden dann alle      darüber? Rufo erklärte das ultimative Ziel auf Twitter. „Das Ziel ist, dass die Öffentlichkeit, sobald sie etwas Verrücktes in der Zeitung liest, sofort an, die Critical Race Theory‘ denken soll. Wir haben den Begriff dekodiert und werden ihn neu kodieren, um die gesamte Bandbreite kultureller Konstruktionen zu annektieren, die bei Amerikanern unbeliebt sind.“ Selbst die Politiker:innen, die die Critical Race Theory verbieten wollen, können sie nicht definieren.

Rufo erklärt sein Ziel: alles, was „unamerikanisch“ ist, als die Critical Race Theory zu definieren.

Doch das Ziel war natürlich nie, die Critical Race Theory anders zu definieren. Nach George Floyds Mord und der Sommer der Demonstrationen, begannen Diskussionen über Rassismus und Unterdrückung in den USA. Für diejenigen, die diese Kampagne vorantreiben, ist die Diskussion über Rassismus eigentlich das Gleiche wie Rassismus selbst: Senator Ted Cruz beschreibt die Critical Race Theory als „genauso rassistisch wie die [Ku-Klux] Klan-Männer in weißen Laken“. Viele dieser Gesetze sind obskur in dem, was sie verbieten, was dazu führt, dass Schulen Diskussionen über Rassismus komplett vermeiden, um nicht gegen die neuen Gesetze zu verstoßen.

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Ironischerweise ist eine der Kernüberzeugungen der Critical Race Theory, dass Rassismus auf der institutionellen Ebene bekämpft werden muss. Trainings ohne systemische Veränderungen reichen nicht aus, um den Rassismus in den USA zu bekämpfen. Wenn sogar die Diskussion darüber, dass Rassismus in den USA existiert, geächtet wird, zeigt das, wie viel verändert werden muss, um ein Land für alle zu schaffen.


Schwerpunkt Juni 2021: Rassismus

Im Juni 2021 beschäfigt sich Belltower.News vertieft mit dem Thema Rassismus. Im Schwerpunkt sind erschienen:

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