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USA / Verschwörungsideologien Trump-Fan setzt vor Kongressbibliothek zu Sprengstoffanschlag an

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Ausschnitt aus dem Video des Täters. Er zeigt den Kanister, den er auf den Knien trägt. Wir zeigen den Täter absichtlich nicht. (Quelle: Screenshot)

Während der Mann auf dem Bürgersteig vor der Kongressbibliothek parkte, hielt er etwas in der Hand, was wie in Zünder aussah, erklärte später auch einem Polizisten, dass er eine Bombe habe. Die umliegenden Gebäude wurden großflächig geräumt, etwa das Cannon House Office Building, Thomas Jefferson Building, James Madison Memorial Building und der Supreme Court. Nach mehr als fünf Stunden gab der Mann schließlich auf und ließ sich widerstandslos festnehmen.

Der Täter

Der Attentäter ist ein 49-jähriger Mann aus North Carolina, wie die U.S. Capitol Police später bekanntgab. [Der Name des Täters ist der Redaktion bekannt, aber wir nennen ihn nicht, um dem gewünschten Personenkult in der Szene entgegen zu treten.] Die Polizei hat bisher nicht bestätigt, dass der Behälter, den der Mann während der ganzen Zeit auf dem Schoß hielt, als Sprengsatz funktionsfähig gewesen sei. Es seien aber „beunruhigende Materialien“ im Auto gefunden worden, die mögliche Bombenbau-Materialien seien, darunter ein Propangas-Behälter.

Die Frau des Täters sagte gegenüber der Presse, der Täter sei Trump-Wähler und sei sehr aufgewühlt gewesen, seid Donald Trump als Präsident abgewählt wurde. Die Ex-Frau des Täters erzählte der Presse, er sei als schizophren diagnostiziert worden und habe sie in der Vergangenheit mehrfach mit Waffen bedroht und sogar auf sie geschossen. Nachbarn beschreiben ihn als Republikaner-Anhänger, der gern mit „MAGA“-Cap herumgelaufen sei, um seine Unterstützung für Donald Trump zu zeigen (MAGA = “Make America Great Again“, die Trump-Kampagne). In seinem Hinterhof habe er bisweilen Sprengstoff gezündet, was besonders seine Nachbarn erzürnte, die als Afghanistan-Veteranen beide durch Bomben verletzt wurden. Auch ansonsten war der Täter als Waffennutzer bekannt: Wenn er Menschen auf der Hirschjagd gesehen habe, habe er auf sie geschossen. Auf Social Media habe er die Demokraten beschimpft. Amerikanisch Reporter berichten, dass er gern Beiträge von Donald Trump oder dessen Sohn oder von Fox News teilte. Im amerikanischen Twitter ist deshalb von „MAGA-Terrorists“ die Rede: jenen „inländischen“, rechtsextremen Terroristen, die spätestens seit dem Sturm auf das Kapitol im Januar ganz Amerika ein Begriff sind.

Die Motivation im Video: Verschwörungsglaube

Einblick in die Motivation des Täters gibt ein Video, dass er drehte, während er in dem schwarzen Pickup nach Washington fuhr und während er auf der menschenleeren Straße vor der Kongressbibliothek parkt. Das Video streamte er live auf seiner Facebook-Seite, welche inzwischen gelöscht ist. Es ist 30 Minuten lang und bricht dann abrupt ab.

Im Video spricht der Täter davon, ein 7 Pfund-Fass Schießpulver & 2,5 Pfund Tannerite im Auto zu haben, außerdem „eine Kiste Nickel“, also Münzen – vielleicht mit ähnlicher Absicht wie in einer Nagelbombe. Teile davon sind auch zu sehen. Tannerite ist ein sogenannter binärer Sprengstoff, der aus zwei Bestandteilen besteht, die einzeln erworben und dann gemischt werden. Damit fällt er nicht unter Sprengstoffkontrollen, denn die einzelnen Bestandteile sind kein Sprengstoff. Gezündet werden kann der Sprengstoff nur durch den Einschlag besonders schneller Schusswaffen-Projektile.

Dies ist, laut eigener Angabe, auch der Plan des Täters: Grob zusammengefasst möchte er, dass „Joe Biden“ beziehungsweise die Capitol Police auf ihn schießen. Das werde nicht nur zu seinem Tod führen, zu dem er „für die Sache“ gern bereit sei, dann würde aber auch sein Auto explodieren und „zwei Blocks“ mit zerstören, erklärt er wieder und wieder. Er sei Patriot und er „liebe jeden“, deshalb habe er auch der Polizei gesagt, sie solle die Gebäude evakuieren, damit nur er sterbe und niemand anders. Wenn er aber sterbe, durch Befehl des Präsidenten sterbe, als Familienvater und Afghanistan-Veteran, dann werde die Revolution starten, denn die Revolution, die sei schon da, und dieser Vorfall werde sie endgültig starten.

Dies erinnert stark an den Handlungszwang und die Selbstüberhöhung von Verschwörungsgläubigen wie QAnon-Anhänger:innen. Die verzerrte Weltwahrnehmung macht aber auch vor der Selbstdarstellung des Attentäters nicht halt: Bisher hat die Polizei keinen Beleg gefunden, dass er jemals beim Militär war, geschweige denn in Afghanistan.

Trotzdem wird der Rückzug der amerikanischen Truppen aus Afghanistan als Trigger vom Täter klar benannt. Man hätte die Taliban erst alle umbringen sollen, bevor die Truppen zurückkämen, ist eine seiner Forderungen. Doch auch das wahnhafte, verschwörungsgläubige Weltbild kommt immer wieder hervor: Er sei gekommen, da das „amerikanische Volk“ ihn gesandt habe. Er ruft immer wieder „alle meine kleinen Patrioten“ auf, jetzt nach Washington zu kommen, es „gehe los“. Er sei auch nur „der kleine Mann“. Doch die Demokraten würden Amerika umbringen: „Jetzt wollen Leute Amerika verlassen! Dabei sollten Menschen nach Amerika kommen wollen.“ An anderer Stelle meint er: „Das hat nichts mit Politik zu tun. Mir ist egal, ob Trump zurückkommt, aber die Demokraten müssen abtreten.“ Er konkretisiert auch: „Joe Biden, wenn Du jetzt zurücktrittst, gehe ich gern ins Gefängnis.“

Zugleich ist der Täter erfüllt von der Idee, einer von vielen zu sein: „Wenn Ihr mich hochnehmt, wenn ihr mich sprengt, dann weiß ich nicht, was passiert. Dann gibt es eine Kettenreaktion. Ich habe nicht einmal eine Waffe“, sagt der kahlköpfige Mann mit kleinem Bart, um im nächsten Moment den Kanister auf seinem Schoß zu filmen, der oben eine Zündvorrichtung hat, und er kommentiert: „Deine Militärausbildung hat das hier gebaut, Joe, dein Militär!“ Wenn die Bombe aber hochgehe, sei es aber „nicht meine Schuld. Es ist Dein Schuld, denn Du hast geschossen.“ Passiv-aggressiver geht es wohl kaum: Der Täter will also möglichst viel Schaden anrichten, aber er will es selbst trotzdem nicht gewesen sein. Verschwörungsgläubige wollen immer „die Guten“ sein. Weder ein Mord noch ein Selbstmord scheinen dem Täter deshalb möglich, er habe „seinem Gott“ versprochen, das nicht zu tun. Deshalb bettelt er geradezu: „Schieß auf mich und starte die Revolution.“

Der Schuss fällt nicht. Die Revolution startet nicht. Im Gefängnis ist der Täter jetzt trotzdem.

Es ging in diesem Fall also glimpflich aus. Es bleibt die Gewissheit der Gefährlichkeit rechtsalternativer, verschwörungsgläubiger Menschen in einem Land mit leichtem Waffenzugang, deren Attentatsanläufe nicht vorherzusagen sind. Und dass es oft pures Glück ist, wenn die Versuche nicht erfolgreich sind.

 

Mit Informationen von
https://www.wdbo.com/news/trending/capitol-police-investigating-active-bomb-threat-near-library-congress/OE5YKFVP3BGFLIVRKINYTYJDUY/?fbclid=IwAR0kcr_igk3Ypm4g7X9o5r5bnXorSfUd4udA_ReuH5hRP1emGexbtG9BTaw

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