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Webseite „kriegsberichterstattung.com“ Menschenfeindlichkeit statt Journalismus

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Diffuse Mischung von Desinformation bis Menschenfeindlichkeit: „kriegsberichterstattung.com“ (Quelle: Unsplash)

Man wolle ein „internationales Forum rund um Kriegsberichterstattung“ sein, steht auf der seit 2011 existierenden Webseite. Zudem sei man „konsequent pazifistisch“ und „gegen Polarisierung und Radikalismus“. Die Autor*innen seien ehrenamtlich tätig, unabhängig und in „keiner einheitlichen politischen Richtung zu verorten“. Man stehe aber „selbstverständlich Menschenrechtsorganisation nahe“, für diese mache man auch unentgeltlich Werbung auf der Seite. Davon findet sich allerdings nichts, stattdessen Anzeigen des verschwörungsideologischen „Kopp-Verlages“.

Die „Redaktion“ setzt sich nach Eigenangaben aus sieben Personen zusammen, es gibt aber auch „Gastbeiträge“ von anderen Autor*innen. Nach Vergleich der Artikel verschiedener Verfasser*innen liegt wegen wiederkehrender Formulierungen und Themen die Vermutung nahe, dass ein Großteil, wenn nicht alle, davon Pseudonyme der gleichen Person sind. Im Impressum ist als verantwortlich ein Peter Müller mit Adresse in Berlin-Kreuzberg genannt, als Autor von Artikeln, taucht er allerdings gar nicht auf. Mehr lässt sich über die Macher*innen nicht herausfinden. Die Seite taucht nur in einem Artikel des Magazins „Werben und Verkaufen“ auf, in dem es um Verbindungen zum Unister-Firmenkomplex geht, der hauptsächlich Webportale vermarktete: Zu den Gründern der Webseite gehörte der damalige Sprecher des Unternehmens, nach eigener Aussage habe er den Blog aber 2012 abgegeben. Nichtsdestotrotz ist das mittlerweile liquidierte Unternehmen sowie sein bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommene Gründer Thomas Wagner erstaunlich oft Thema auf „kriegsberichterstattung.com“.

Diffuse Desinformation

Auch sonst wird die Seite ihrem Titel nur wenig gerecht, vielmehr findet sich ein undurchsichtiger Mix aus Themen, die zu großen Teilen nichts mit internationalen Konflikten zu tun haben. Die veröffentlichten Texte halten in keiner Weise journalistische Standards ein und wirken auch in sich wirr. So geht es beispielsweise in einem Text zum Syrienkonflikt plötzlich um Deutschbalten, eine Darstellung der „Gewinner [der] Corona-Krise“ führt zu langen Passagen über sogenannte Rip-Deals. Dazu kommen absurde Texte beispielsweise über Gesundheitsminister Jens Spahn, der eine halbe Million Deutsche in der Schweiz in Quarantäne stecken wolle oder Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, die beim Zapfenstreich verweigert habe, die Nationalhymne zu singen.

So offensichtlich die Seite Desinformation verbreitet, desto schwieriger fällt – auch aufgrund der beschriebenen Diffusität – eine klare inhaltliche Einordnung. Schon in der Eigenbeschreibung schlägt sich offenkundig populistisches Denken nieder, wenn kritisiert wird, dass „westliche Massenmedien ihre kritische Distanz zu Äußerungen von Regierungs-Vertretern gerade in Krisenzeiten immer mehr verlieren und Politik-Propaganda ungeprüft und unkritisch weiterverbreiten“. Insgesamt ist in Bezug auf internationale Konflikte ein antiwestlicher Einschlag augenscheinlich, wenn in mehreren Artikeln einseitig die westlichen Mächte – allen voran die USA – kritisiert bis verdammt, Russland aber gleichzeitig in Schutz genommen wird. Der Blog kann im Milieu der Querfront-„Friedensbewegung“ der Montagsmahnwachen 2014 verortet werden. Dazu passt auch die (un)politische Einordnung vermeintlich jenseits Rechts und Links.

Hält weder inhaltlich noch qualitativ was er verspricht: Startseite des Webblogs „kriegsberichterstattung.com“ (Quelle: Screenshot)

Menschenfeindliche Tendenzen, insbesondere massiver Antiziganismus

Darüber hinaus wird in massenhaft Artikeln der Nationalsozialismus – sowie heutiger Rechtsterrorismus – verharmlost, der Holocaust durch völlig unpassende Vergleiche relativiert und bezüglich Deutschlands in Europa nationalistisch-chauvinistisch argumentiert. An einigen Stellen findet sich sogar harter Geschichtsrevisionismus, beispielsweise wenn „die Geschichte von der angeblichen Alleinschuld Deutschlands sowohl an WWI als auch an WWII“ als „kompletter Unsinn“ bezeichnet wird. In Artikeln zum Nahostkonflikt wird zudem deutlich israelbezogener Antisemitismus sichtbar.

Vor allem aber verbreitet „kriegsberichtserstattung.com“ massiv Antiziganismus. In über fünf Artikeln geht es um sogenannte Rip-Deals – wovon auch der Firmengründer Unisters betroffen war, wie immer mindestens einmal erwähnt wird. Sogar in Artikeln mit anderem Inhalt wird oftmals ein Bogen zum Thema geschlagen. Verantwortlich für solche Betrügereien seien „in der Regel […] Sinti oder Roma […], also […] Mitglieder[…] der umgangssprachlich häufig als Zigeuner-Clans bezeichneten Familienverbünde“. Das sei „aus zahlreichen Ermittlungsverfahren seit über 20 Jahren bekannt“ angeblich schätzen Polizeikreise, „dass bis zu 25.000 Roma in Rip Deals verwickelt sind“. Diese Behauptungen werden in keinerlei Hinsicht belegt, sind auch grundlegend falsch, so wie die Zahl völlig aus der Luft gegriffen ist. Diese Informationen würden nach „kriegsberichterstattung.com“ aber meist nicht genannt, da man in Deutschland gleich mit einer Rüge des […] ‚Presserats‘ rechnen [müsse], der tendenziell stark linkslastig“ sei. Darüber hinaus werden vorurteilshafte Klischees als faktisch dargestellt, beispielsweise wenn geschrieben wird: „Die Diebstähle an ihren Opfern vollziehen Roma meist mit an alte Zirkusnummern erinnernde Schurkenstücke. Dass sie das können, ist klar: Einstmals zogen Roma als Zigeuner in Zirkuswagen durch Europa und finanzierten mit viel Hokuspokus und guter Akrobatik in den Zirkuszelten ihr Leben“. Diese Darstellung wird durch die zugehörigen Aufmacher-Bilder und Bildunterschriften noch verstärkt.

Provider der Webseite erkennt das Problem nicht

Nicht nur werden auf „kriegsberichterstattung.com“ diskriminierende Stereotype über Sinti und Roma verbreitet, sondern die vermeintliche Abstammung zum Merkmal von Kriminalität gemacht und so die gesamte Minderheit diffamiert. Bereits virulente vorurteilsbehaftete Verallgemeinerungen werden so gesellschaftlich weiter zementiert. Um diesen rassistischen Diffamierungen Einhalt zu gebieten, hat sich der „Zentralrat Deutscher Sinti und Roma“ an die „Strato AG“, den Provider der Webseite, gewandt. Leider habe diese das Problem nicht erkannt, berichtet Anja Reuss, politische Referentin für den Zentralrat. „Obwohl Strato sehr deutliche AGBs gegen Rassismus und Diskriminierung hat, bekamen wir bloß die Antwort, dass man keine Verstöße erkennen könne“. Dies sei „leider bezeichnend für eine Gesamtgesellschaft in der Antiziganismus grundlegend nicht oder sogar als legitim verstanden wird. Ressentiments gegen Sinti und Roma sind in Europa so tief verwurzelt, dass sie schlicht als ‚wahr‘ angenommen werden“.

Antiziganistische Beiträge wie die auf „kriegsberichterstattung.com“ müssen als das anerkannt werden, was sie sind: Rassismus. Nur dann besteht auch Hoffnung, dass Stereotype hinterfragt und letztendlich als falsch erkannt werden und somit die breite Diskriminierung von Sinti und Roma ein Ende findet.

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