Bürgermeister Andreas Hollstein bei der Pressekonferenz in Altena nach der Tat.
dpa

Messerangriff in Altena – und im Netz feiern die Hasskommentatoren

In der sauerländischen Stadt Altena greift ein 56-jähriger Mann den Bürgermeister der Stadt mit einem Messer an – nachdem er über dessen zu flüchtlingsfreundliche Politik geschimpft hat. Hier gibt es nur eine Möglichkeit der Reaktion, nämlich Entsetzen über die Gewalttat aus politischen Motiven? Nein, leider nicht.

 

- Achtung, Artikel enthält beispielhaft explizite Hass-Sprache - 

 

Von Simone Rafael

 

Wie kommt ein Mann dazu, mit einem Messer einen Politiker anzugreifen, wegen dessen Flüchtlingspolitik? Bürgermeister Andreas Hollstein vermutet einen Bezug zu rechtspopulistischer und flüchtlingsfeindlicher Hetze. Was er meint, ist gut zu sehen, wenn man heute in die Kommentarspalten zur Tat blickt.

Die Tat

Der Bürgermeister Anderas Hollstein (54, CDU) betrat am Abend des 27.11.2017 den „City-Döner“ am Stapelcenter in Altena, um sich etwas zu essen zu besorgen. Der Täter war betrunken. Er folgte dem Bürgermeisteri in den Imbiss. Er trat auf Hollstein zu und fragte ihn, ob er der Bürgermeister sei. Danach beschwerte er sich, das Hollstein immer mehr Ausländer nach Altena hole. Der Angreifer fixierte ihn und beschimpfte: "Sie lassen mich verdursten und holen die Flüchtlinge". Er zog ein großes Messer und verletzte Hollstein am Hals, fügte ihm eine 15 cm lange Schnittwunde zu. Der Besitzer des Imbisses, Demir Abdullah, und seine Mitarbeiter zogen den Täter von Hollstein weg und hielten ihn fest, bis die Polizei kam. Hollstein wurde im Krankenhaus behandelt, ist aber bereits wieder bei seiner Familie.

Am Vormittag des 28.11.2017 gab Andreas Hollstein eine Pressekonferenz zur Tat. Er bedankte sich  besonders bei Demir Abdullah, der ebenfalls verletzt wurde: "Dank an Herrn Abdullah für sein Eingreifen, ohne ihn säße ich nicht hier." Zu dritt habe man den Angreifer fixiert und auf die Polizei gewartet. "Ich habe um mein Leben gefürchtet und hätte es verloren, wenn ich nicht Hilfe gehabt hätte.“ Er habe das Gefühl, ihm sei ein neues Leben geschenkt worden. Der Bürgermeister bekräftigt: „Ich werde mich weiter für Menschen einsetzen. Für Flüchtlinge und sozial Schwache. Das ist Aufgabe eines guten Bürgermeisters!"  Die Stadt Altena wurde bundesweit bekannt, weil sie mehr Flüchtlinge aufgenommen hat, als sie es nach dem NRW-Verteilschlüssel müsste. Die Landesregierung stufte die Tat als schwere politische Straftat ein.

Hollstein sagt auf der Pressekonferenz, er habe schon vor der Tat Beschimpfungen, Beleidigungen und Bedrohungen per Mail und über Soziale Netzwerke erhalten. Dies sei aber der erste körperliche Angriff gewesen. Von Polizeischutz halte er nichts, das ginge als Bürgermeister nicht. Er sehe aber eine besorgniserregende Diskurs-Veränderung in Deutschland durch rechtspopulistische Kräfte in Sozialen Netzwerken und in der Politik: „Insofern ist hier einer zum Täter geworden, den andere strategisch aufgehetzt haben.“

Unterstützung erhält er durch den Regierungspräsidenten Hans-Josef Vogel: "Das war auch ein Anschlag auf die lokale Demokratie, auf die ganz praktische Solidarität mit den Schwächsten und auf offene Städte und Gemeinden. Wir erleben hier wieder: Hetze und Hass stehen am Anfang, dann folgt die Gewalt.“ Zahlreiche andere Politiker, darunter Angela Merkel und Heiko Maas, äußersten ihr Entsetzen und schickten Genesungswünsche angesichts der Tat.

Im Internet gibt es Anteilnahme und Genesungswünsche auch. Aber in den Stunden nach der Tat macht auch die Hetze in den Kommentarspalten lokaler und überregionaler Presse keine Pause. Ein Mann wurde attackiert, beinahe ermordet. Für einige im Internet offenbar ein Grund zu Heiterkeit und Freude, zu mehr oder weniger hämischer Genugtuung und zu viel rassistischer Hetze.

 

In der Facebook-Gruppe „Die Patrioten“

hat Frank Stollberg Kommentare beobachtet wie: 

Also: Achselzuckendes "Kann passieren" und "selbst schuld" sowie eine Darstellung, bei geflüchteten Gewalttäter werde meist von psychischen Problemen gesprochen. Die allerdings bei traumatisierten Kriegsflüchtlingen ohne Behandlung auch deutlich begründeter sind als bei anderen Tätergruppen. 

Schadenfreude und klammheimliche Freude am Mordversuch. Gibt es auch noch in dieser Version:

Hier wird bereits an der Verdrehung der Realität gearbeitet: 

"Als rechten Vorfall hinstellen", denn es sei ja keiner, aber das entspräche dem "Mainstream-Geschmack". 
Dazu Sarkasmus gegen die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die auch Opfer eines Messerattentats eines Flüchtlingsfeindes geworden war, gemischt mit Häme über ihren Vorschlag angesichts von sexueller Übergriffe in der Silvesternacht. 
Und Schulterzucken.

Norbert erklärt die Tat ebenso schulterzuckend, mit Islamfeindlichkeit, Politikfeindlichkeit und völkischen Argumentationen:

Flüchtlingsfeinde wie Michael und Ingrid sehen die Tat allerdings als absolut gerechtfertigt an.

Weil Bürgermeister ja mal wissen sollen, wie sich das anfühlt. Gemeint ist offenkundig Gewalt durch Geflüchtete, hier als "Goldstücke" verunglimpft. 
Nicht, dass es einschlägige Straftaten dieser Art in Altena in den letzten zwei Jahren zuhauf gegeben hätte. Dafür gab es 2015 einen Brandanschlag auf das Flüchtlingsheim, der durch die Presse ging, weil einer der später löschenden Feuerwehrleute auch einer der brandstiftenden Täter war (vgl. BTN, taz).
Nicht, dass jemals ein Politiker gesagt hätte, Opfer von Gewalttaten in Deutschland sollten sich nicht so anstellen - Michael aber schon.
Meldungen von Gewalttaten durch Geflüchtete, die nicht in seriösen Medien stehen, werden zwar fleißig in Facebook-Gruppen geteilt, sind aber in der Regel nicht real, also erfunden oder vor Jahren oder in anderen Ländern passiert. Trotzdem hat Ingrid hier den Eindruck: Lügenpresse. Deshalb ist ihr ein Mordversuch eben auch "egal".

Andere, wie Franz und Holger, finden den sogar lustig.

Angesichts von "Merkels Armee, welche uns killen soll."

 

Bei Focus Online wird ebenfalls argumentiert

Dies geschieht etwas wortgewandter, aber kaum verhohlen in eine ähnliche Richtung.

 

1. Mit Rassismus, denn Täter von Messerattentaten werden auch hier mit Geflüchteten gleichgesetzt
2. und mit der Annahme, man wolle dem Täter als Deutschem Schuld geben.

Bert sieht doppelte Standards, Flüchtlinge würden stets als "schuldunfähig" angesehen, "Rechte" stehts als schuldig. Dabei gibt es nicht nur viele Taten von Geflüchteten, bei denen die Täter natürlich sehr wohl schuldfähig verurteilt wurde, sondern auch vielen Straftaten, für die Rechtsextreme aufgrund von Alkoholisierung ebenfalls für nicht schuldfähig erklärt wurden - was hier ebenfalls noch der Fall sein kann. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.

Tim möchte wissen, warum es den Hinweis gäbe, dass der Täter ein Deutscher sei (als habe er den Kommentarthread davor gar nicht gelesen, in dem sehr viel diskutiert wurde, wo der Täter wohl herkomme). 

Und Tim kennt natürlich zwei Arten von Deutschen. Und "Merkels Gäste".

Sophia dagegen hat einen interessanten Aspekt:

"Jetzt auch von rechts"? Da wurde wohl der Anstieg der Attacken etwa auf Flüchtlingsunterkünfte in den letzen zwei Jahren ausgeblendet (von 177 in 2014 auf 1.031 in 2015 zu 988 in 2016).

 

Beim Portal lokalen "Come on"

gibt es auch eine klare Schuldzuschreibung. Angela Merkel ist Schuld.

 

In der "Westfalenpost" wird ebenfalls debattiert.

Auch hier findet man: Schuld ist die Asylpolitik der Regierung, und vermutet doppelte Standards. 

 

Andererseits wird darauf beharrt, dass es ja wohl keine politische Straftat sei - nur, weil der Täter sie so begründete. 

 

Anders sieht das "Grabenneu": Der hat Mitleid. Allerdings mit dem Täter.

 

Bei manchen dieser Kommentare gab es Gegenrede, aber längst nicht bei allen. Gegenrede heißt hier eine veröffentlichte Positionierung gegen diese Haltung. In manchen Kommentarspalten war zudem erkennbar, dass dies die als „harmlos“ angesehenen Kommentare sind, die stehen blieben, während andere gelöscht wurden. Die Kommentare hatten, wenn es ein „Like“-System gab (Daumen rauf, Daumen runter), mehr Zustimmung als Ablehnung. Das heißt nicht, dass wirklich eine Mehrheit von Menschen so denkt, sondern vor allem, dass rechtspopulistische und rechtsextreme Hater_innen im Netz besonders gut organisiert und sehr mitteilungsbedürftig sind. Sie sehen eine Situation, die sich zur Instrumentalisierung zu eignen scheint, und versuchen Sie zu nutzen. Zumindest, so lange Sie nicht allzuviel Gegenwehr erhalten.

drucken