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Antisemitische Tat in Halle Die „Gamification“ des Terrors – Wenn Hass zu einem Spiel verkommt

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Bei Angriffen mitten in Halle an der Saale in Sachsen-Anhalt sind vor einer Synagoge und in einem Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen worden.

„Hello, my name is anon, and I think the holocaust never happened“, spricht Stephan Balliet in eine Kamera, bevor er in Halle am Mittwoch zwei Menschen tötet. Balliet, wollte mit Hilfe von selbstgebastelten Waffen und Sprengsätzen eine Synagoge stürmen und dort ein Massaker veranstalten. Ausgerechnet an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag. Es gelang ihm trotz Waffengewalt nicht, in die Synagoge einzudringen. Er wirft einige Handgranaten über eine Mauer, auf den jüdischen Friedhof. Zunehmend verzweifelt, dass sein Plan „möglichst viele Juden zu töten“ scheiterte, schießt er eine Passantin auf dem Gehweg in den Rücken. Sie stirbt. Balliet wollte möglichst viele Jüd*innen töten, da die seiner Meinung nach schuld an all dem Übel in der Welt sein. 

Er fährt schließlich zu einem nahegelegenen Döner-Laden. Er scheitert hier bei dem Versuch eine Handgranate in den Laden zu werfen und schießt schließlich im Inneren des Laden um sich. Hier tötet er einen Gast. Danach flieht er in seinem Mietwagen. All das streamte der Täter live  auf der Plattform Twitch — via Handykamera die an seinem Helm befestigt war. . Zuschauer*innen dieses schrecklichen Livestreams werden so in seine Rolle hineinversetzt – sie sehen und hören live auch das, was Balliet sieht und hört. Twitch ist eine Streaming-Plattform für Gamer. Dabei werden die Spiele, oft Ego-Shooter, von anderen Spieler*innen betrachtet und verfolgt. Und auch das grausame Video von Stephan Balliet wirkt in seiner Aufmachung wie ein Ego-Shooter. 

Zu Beginn seiner Terrortat sagt er: „Der Feminismus ist die Ursache für sinkende Geburtenraten im Westen und die dienen als Rechtfertigung für die Masseneinwanderung, die Wurzel aller Probleme sind die Juden“. Er spricht dieses einstudierte Pamphlet zur Erklärung seines rechtsextremen Weltbildes in Englisch. Danach wechselt er ins Deutsche. Aber warum dieses in seinen Augen wichtige Eingangsstatement in Englisch? Weil er sich damit an seine Community richtet und deren Sprache ist Englisch. „Der Täter von Halle scheint aus einer extrem rechten Subkultur zu kommen, die sich u.a. über Foren, Plattformen für Gamer, Imageboards und Telegram vernetzt und politisch radikalisiert“ so der Journalist Roland Sieber, der seit Jahren auf die Gefährlichkeit dieser Szene hinweist. Rechtsextreme, Rassist*innen, Antisemit*innen und Männerrechtler*innen nutzen verschiedene digitale Kommunikationsformen, um ihre Ideologie zu feiern, zu verbreiten und um sich zu vernetzen. 

Die internationalen Vorbilder 

Sehr viel deutet darauf hin, dass Stephan Balliet mit seiner Tat in der Tradition von Brenton Tarrant, dem Attentäter von Christchurch steht, der am 15. März 2019 in Neuseeland 51 Menschen in einer Moschee tötete. Auch er streamte seine Tat live im Internet. Via Imageboard 8chan hinterließ er ein „Manifest“ mit dem Titel „The Great Replacement“ („Der große Austausch“). „Inspiriert“ wurde Tarrant in seiner Mordlust dabei von dem Massenmörder Anders Behring Breivik, der 2011 in Norwegen 77 Jugendliche und Erwachsene aus rassistischen Gründen tötete. Genau wie für Stephan Balliet, spielten auch für Tarrant die Geburtenrate eine zentrale Rolle in seinem rechtsextremen Weltbild. 

Auch den Attentäter von Poway in Kalifornien (USA), John Earnest, der am 27. April 2019 in einer Synagoge um sich schoss, eine Frau tötete und drei Menschen verletzte, kündigte seine Tat bei 8chan an. Die erste Reaktion im Forum: „get the high score“ – „knack‘ den Highscore“. Earnest soll mehr Menschen töten, als bei bisherigen Terroranschlägen. Auch Earnest veröffentlichte einen antisemitischen und rassistischen Brief, in dem von einem angeblichen „Genozid an der weißen Rasse“ die Rede ist. In dem Text betont er mehrmals die Inspiration, die ihm der der Australier Brenton Tarrant geliefert habe.

Am 3. August 2019 erschoss Patrick Crusius (21), in einem Supermarkt im amerikanischen El Paso, an der Grenze  zu Mexiko, 22 Menschen. Er wollte gezielt Mexikaner*innen töten. Die hispanische Community wurde für den Schützen zum Ziel, nachdem er „Der Große Austausch“ von Tarrant gelesen hatte. Auch Crusius kündigte sein Attentat in einem vierseitigen Pamphlet („The Inconvenient Truth“, „Die unbequeme Wahrheit“) an. Dieses Pamphlet gelang ebenfalls via 8chan in die Welt, mit der Aufforderung, es zu verbreiten.

Sympathie und Aufmerksamkeit in ihrer rechten Netzgemeinde

„Der Täter in Halle ist offensichtlich ein Nachahmungstäter der Rechtsterroristen von Christchurch, Poway, El Paso und Baerum nahe Oslo. Er ist also nicht der erste, und auch seine Tat, sein Live-Video und sein Manifest werden dazu beitragen, weitere Täter zu motivieren“, warnt Sieber. Durch „Manifeste“ und Liveübertragungen der Bluttaten wird die Gewalt, die durch digitale Hasskulturen verbreitet wurde, auf die Straße gebracht. Täter erhoffen sich Sympathie und Aufmerksamkeit in ihrer rechten Netzgemeinde. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Täter die Leserschaft auf solchen Foren zu Nachahmung aufrufen.

Die „Gamification“ des rechten Terrors

Und auch Stephan Balliet veröffentlichte ein Manifest in drei ungleich langen Teilen. Besonders hier wird die „Gamification“ des Rechtsterrorismus deutlich, meint Mick Prinz von Civic.Net, einem Digital-Projekt der Amadeu Antonio Stiftung. Auf der letzten Seite beschreibt der Täter sogenannte „Achievments“ (Erfolge). „Das ist typisch für Computer-Spiele. ‘Achievments‘, also Aufgaben, dienen im Spiel der Vergleichbarkeit mit anderen Spielern“, so Prinz. Außerdem sollen sie andere Spieler*innen zur Nachahmung auffordern und gleichzeitig  als Spielanleitung dienen. In den Achievements heißt es etwa: „Cultural Appropriation – Stab a muslim.“ „Nailed it – Kill someone with a nail-bomb“, „The fire rises – Burn down a synagogue“. Dieser ironische Ton ist nicht unüblich für Achievements in der Gaming-Szene. 

Zwei weitere Punkte, die auf den starken Gaming-Bezug hinweisen sind zum einen, dass Stephan Balliet seine Tat auf Twitch postete, „auf einer Plattform auf der User*innen ihr Spielerlebnis streamen“ und dass das ganze Gebaren von Balliet zur Nachahmung aufrufe. Besonders brisant ist, dass das Manifest mit der Beschreibung der selbstgebauten Waffen beginnt. „Das wirkt wie eine Spielanleitung. Er gibt hier Tipps, welche Ausrüstung Attentäter*innen auf ihrer tödlichen Mission mitnehmen sollten“, warnt Prinz. 

Alles nur ein Spiel?

In seinem Pamphlet schreibt Stephan Balliet er habe sich ganz bewusst für den 9. Oktober entschieden, denn an Jom Kippur würden auch viele nicht religiöse Jüd*innen die Synagoge besuchen. Zur Tatzeit hielten sich 70 bis 80 Menschen in dem Gotteshaus auf. Balliet legte es darauf an, möglichst viele Menschen, Juden und Jüdinnen, zu töten. Auf einem Wikipedia nachempfundenen Szene-Wiki gibt es einen Highscore der „erfolgreichsten“ rassistischen und antisemitischen Mörder. „Die ‘Encyclopedia Dramatica’ ist als ein erfolgreiches satirisches Wiki gestartet”, so Sieber. In den letzten Jahren sei Administration allerdings von rechten Trollen und US-Neonazis unterwandert worden. „Inzwischen gehört es zur Amok- und Alt-Right-Szene.“ Breivik rangiert hier auf dem ersten Platz, Brenton Tarrant auf Platz vier. Auf der Seite finden sich ausführliche Einträge der Terroristen, sowie Propagandamaterial und Manifeste. Offenbar wollte auch der Halle-Mörder in die Riege der Top-Rechtsterroristen aufsteigen. 

Der Wunsch nach Anerkennung der Täter

Was wir in diesen Communitys sehen, ist eine neue Form des rechten Terrorismus, der nicht mehr viel mit klassischen Neonazi-Zellen gemein hat. Die Forderungen der Täter sind nicht auf regionale Besonderheiten ausgelegt, vielmehr geht es ihnen darum, Angst und Chaos auszulösen. Mit ihrem Wunsch nach Anerkennung richten sie sich an die eigene Szene.   

Junge Männer, die sich in Internetforen radikalisieren und sich bei ihren Morden gegenseitig aufeinander beziehen, können wir nicht als Einzeltätern klassifizieren, auch wenn sie in unterschiedlichen Teilen der Welt morden. Sie alle teilen ein rechtsextremes und nationalistisches Weltbild und sie sind alle Teil der gleichen Netz-Community. Sie glauben, die „weiße Rasse“ (ob in den USA oder Europa) vor Migrant*innen und Jüd*innen beschützen zu müssen und dabei nehmen sie auch ihren eigenen Tod in Kauf. Ihrem rassistischen und antisemitischen Wahn liegt die Annahme zugrunde, „weiße Menschen“ seien mehr wert als andere. Mitglieder dieser „anderen“ Gruppen werden in diesen Communiys kategorisch entmenschlicht. Hier geht es letztendlich um eine angebliche Überlegenheit einer angeblich „weißen Rasse“.

„Nobody expects the internet SS“, scherzt er zu Beginn des Livestreams, während er mit dem Auto sein Ziel ansteuert.

 

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