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Antisemitismus Über zehn Millionen Menschen in Deutschland haben Vorurteile gegenüber Juden und Jüdinnen

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Die Kuppel der Neuen Synagoge in Berlin (Quelle: Wikimedia / Wladyslaw Sojka / www.sojka.photo)

Insgesamt haben ein Viertel der Europäer*innen antisemitische Ansichten. Vor allem im Osten steigen die Zahlen, im Westen des Kontinents zeigen etwas weniger Menschen als bei vorherigen Umfragen judenfeindliche Einstellungen. Vor allem in Polen sind die Zahlen besonders hoch: 48 Prozent der Befragten vertreten diese Meinungen. Bei der der letzten ADL-Umfrage 2015 waren es noch 37 Prozent. Ähnlich sieht es in der Ukraine aus, dort stieg die Zahl von 32 auf 46 Prozent. Auch in Ungarn stiegen die Prozentzahl von 40 auf 42.

Die drei Staaten wurden in der jüngeren Vergangenheit von jüdischen Gruppen kritisiert. In der Ukraine wurde schon 2010 ein ehemaliger Nazi-Kollaborateur, Antisemit und Nationalist zum „Helden der Ukraine“ ernannt, 39 Tage später wurde der Titel vom neuen Präsidenten wieder aberkannt. Der Skandal blieb. Auch ein Anti-Propaganda-Gesetz wurde heftig kritisiert. So verbot es zwar das Werben für den Nationalsozialismus (und den Kommunismus), erklärte aber mehrere nationalistische Gruppen, die im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Nazis gekämpft hatten zu Unabhängigkeitskämpfern. In Ungarn greift die Regierung immer wieder den amerikanische Philantroph George Soros mit antisemitischen Verschwörungserzählungen an. Das ging soweit, dass seine Stiftungen, die Open Society Foundations, die sich der Demokratieförderung verschrieben haben, ihren Sitz von Budapest nach Berlin verlegen mussten. In Polen wurde 2018 ein Gesetz verabschiedet, dass es unter Strafe stellt, zu sagen, dass es polnische Kollaborateure gegeben hat, die am Holocaust beteiligt waren. Nach internationalen Protesten werden Verstöße immerhin nicht mehr mit Haftstrafen geahndet.

Am besten hat in der Umfrage Schweden abgeschnitten. Nur vier Prozent der Bevölkerung hängen antisemitischen Vorteilen an. Auf die Bevölkerung gerechnet sind das 300.000 Menschen.

In Deutschland sind die Zahlen im Vergleich zur letzten ADL-Studie 2015 leicht gefallen. Damals waren es noch 16 Prozent der Bevölkerung, umgerechnet also 11.000.000 Menschen mit judenfeindlichen Meinungen. 2019 sind es noch 15 Prozent, laut ADL also 10.287.028 Menschen. Vergleichbare Zahlen gibt es dabei immer wieder. Auch die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Dabei kommt es allerdings auch auf die abgefragten Items und das Design der Studie an. Seit Jahren belegen die Untersuchungen einen Anteil von zehn bis zwanzig Prozent an Menschen in Deutschland, die antisemitische oder rassistische Weltbilder vertreten.

In der aktuellen ADL-Studie zeigt sich dabei auch ein Unterschied zwischen Männern und Frauen. Währen nur 12 Prozent der Frauen antisemitisch argumentieren, sind es 17 Prozent bei den Männern. Junge Menschen zwischen 18 und 34 erreichen 12 Prozent, währen Antisemitismus bei der Generation 50+ mit 17 Prozent weiter verbreitet ist. Betroffen machen vor allem die Zahlen bei den Religionszugehörigkeiten. 49 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime haben antisemitische Vorurteile. Eine schockierend hohe Zahl, die auch nicht dadurch relativiert werden kann, dass sie 2015 mit 56 Prozent noch viel höher lag.

Zu den gestellten Fragen gab es zwei Antwortmöglichkeiten „probably true“ (wahrscheinlich richtig) oder „probably false“ (wahrscheinlich falsch). Gerade die abgefragten Items sind besonders interessant, weil sie zeigen, wie tief spezifische Falscherzählungen verankert sind. Die Zahlen sind dabei zum Teil beängstigend. Geschlagene 49 Prozent der Befragten in Deutschland glauben, dass Juden und Jüdinnen sich Israel gegenüber loyaler zeigen als gegenüber dem Land, in dem sie leben. 42 Prozent der Deutschen sagen, dass es „wahrscheinlich richtig“ ist, dass Juden und Jüdinnen zu viel über den Holocaust sprechen. Jeweils 27 Prozent, also mehr als ein Viertel der Bevölkerung, glauben, dass Juden und Jüdinnen zu viel Macht im Geschäftsleben oder in den internationalen Finanzmärkten ausübten. 31 Prozent der Befragten glauben, dass Juden und Jüdinnen selbst schuld am Antisemitismus seien.

Die Studie – und es nicht die erste mit diesen Ergebnissen – zeigt, dass Vorurteile gegenüber Juden und Jüdinnen in Deutschland sehr tief sitzen. Gleichzeitig sind die Zahlen in der muslimischen Bevölkerung immer noch schockierend hoch. In allen Bereichen herrscht weiterhin großer Bedarf nach Bildung und Aufklärungsarbeit. Antisemitismus muss bekämpft werden, wo immer er auch auftaucht.

Foto oben: Wikimedia / Wladyslaw Sojka / www.sojka.photo
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