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Mitte-Studie Deutschland, verloren und verkrustet?

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(Quelle: BTN)

Alle zwei Jahre wird die Mitte-Studie veröffentlicht, 2012 war die „Mitte im Umbruch“, 2014 ging es um die „Fragile Mitte“ und 2016 um die „Gespaltene Mitte“. Die Studie für das Jahr 2018/19 zeigt jetzt eine „Verlorene Mitte“. Tendenzen die sich schon seit Jahren zeigen, haben sich mittlerweile verstetigt. Mitautor Andreas Zick, Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld, spricht gar von einer „verkrusteten Mitte“.  Zick, Mitautorin Beate Küpper (Professorin an der Hochschule Niederrhein) und die weitere Mitarbeitenden an der Studie wollen wissen, wie die Mitte als eigentlicher Garant der Demokratie aufrechterhalten werden kann: „Insbesondere ist es für den demokratischen Zusammenhalt wichtig, inwieweit die Mitte vor einfachen populistischen und extremistischen Weltbildern gefeit ist, oder sich feindseligen und extremistischen Positionen zuwendet (…).“

Rechtspopulismus

Interessante Zahlen liefert die Studie in Sachen Rechtspopulismus. So verwundert es wenig, dass AfD-Wähler*innen in der großen Mehrheit (75,1%) rechtspopulistisch eingestellt sind. Allerdings trifft das auch für 16,6 Prozent der SPD-Wähler*innen, 20,6 Prozent der Wähler*innen von CDU/CSU und vor allem 23 Prozent der Wähler*innen der FDP zu. Rechtsextreme Einstellungen sehen die Forscher bundesweit, rechtspopulistische Einstellungen seien aber gerade im Osten der Republik besonders stark verbreitet.

Einstellung zur Demokratie

Die Ergebnisse in der Gesamtbevölkerung sind bestenfalls gemischt. Einerseits ist eine große Mehrheit positiv gegenüber der Demokratie eingestellt (86%), 60 Prozent der Befragten sehen den Rechtspopulismus als Bedrohung. Andererseits beweisen die Zahlen, vor allem im Vergleich zu den vorausgegangenen Studien, dass sich viele menschenfeindliche Positionen über die Jahre praktisch nicht verändern. Oder sogar andere Ausprägungen erfahren. Gleichzeitig hat sich auch die Verbreitung rechtsextremen und rechtspopulistischem Gedankenguts in den Altersgruppen verändert. Waren bisher hauptsächlich ältere Menschen anfällig, vertreten mittlerweile auch immer mehr Jüngere menschenfeindliche Positionen. Vor allem zeigt sich das in Relativierungen des Nationalsozialismus und im Sozialdarwinismus.

Antisemitismus

Besonders deutlich ist die Verlagerung im Bereich Antisemitismus. So stimmen zwar nur etwa acht Prozent der Bevölkerung der These zu, dass „Juden in Deutschland zuviel Einfluss“ hätten. 7,5 Prozent sagen, dass Juden und Jüdinnen „durch ihr Verhalten an ihren Verfolgungen mitschuldig“ seien. Höher werden die Zahlen schon beim sekundären Antisemitismus. 21,6 Prozent der Befragten stimmen dieser Aussage entweder „voll und ganz“ oder „eher“ zu: „Viele Juden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen.“ Noch eindrücklicher zeigt sich der Judenhass in Sachen israelbezogenem Antisemitismus. 26,6 Prozent, also mehr als ein Viertel der Befragten stimmen dieser Aussage zu: „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat.“ Noch höher liegt die Zustimmung, wenn es um Täter-Opfer-Umkehr geht und gesagt wird, dass Israel sich den Palästinenser*innen gegenüber genauso verhält, wie Deutschland es während der NS-Diktatur gegenüber Juden und Jüdinnen getan hat. Fast 40 Prozent der Befragten stimmen dieser Aussage entweder voll und ganz oder eher zu.    

Noch weniger versteckt zeigen sich Vorurteile gegen Sinti und Roma, Homosexuelle, Muslime und gegen Asylsuchende.

Vorurteile gegen Sinti und Roma

28,6 Prozent der Befragten „hätten Probleme damit, wenn sich Sinti und Roma in meiner Gegend aufhalten“.  

Vorurteile gegen Homosexuelle

14,8 Prozent stimmen der Aussage zu, dass es „ekelhaft ist, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen“.

Vorurteile gegen Muslime

17,7 Prozent stimmen zu, wenn gesagt wird, dass „Muslimen, die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden“ soll.

Vorurteile gegen Asylsuchende

Besonders stark ist die Ablehnung gegenüber Asylsuchenden. Schon seit 2014 zeigt gut ein Fünftel der Bevölkerung feindliche Einstellungen gegenüber „Fremden“. Auch diese Werte bleiben bis heute stabil. Allerdings steigt offenbar die Bereitschaft, sich negativ über Asylsuchende zu äußern. Mit 54,1 Prozent wird das höchste Ergebnis erzielt, seit 2011 zum ersten Mal Meinungen über Asylsuchende abgefragt wurden. Eine Grund für diese dramatischen Anstieg könnte laut der Wissenschaftler*innen auch in der Debatte an sich liegen. Abwertungen und Vorurteile, wie sie durch Rechtsextreme und Rechtspopulist*innen permanent geäußert werden, könnten mittlerweile bereits als Fakten verankert sein.

Verschwörungserzählungen

Um „alternative Fakten“ geht es auch bei Verschwörungserzählungen. Die Anfälligkeit der Bevölkerung dazu wurde in der Studienreihe 2018/19 zum ersten Mal abgefragt. Die Zahlen sind bedrückend. So stimmen 45,7 Prozent voll und ganz oder eher der Aussage zu, dass „geheime Organisationen großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben“. Knapp 20 Prozent stimmen „teils/teils“ zu. Insgesamt sind es also über 65 Prozent die mehr oder weniger stark an eine große Verschwörung glauben. Ähnlich fällt die Zustimmung zu anderen Aussagen aus. Fast 33 Prozent der Befragten stimmen zu, „Politiker und andere Führungspersönlichkeiten nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte“ sind. 26,3 Prozent stimmen „teils/teils“ zu. Am eindeutigsten ist die Zustimmung zur Aussage „Ich vertraue meinen Gefühlen mehr als sogenannten Experten.“ Gerade einmal 20,3 Prozent aller Befragten stimmen dieser Aussage nicht zu. Die überwältigende Mehrheit, fast 80 Prozent, stimmt der Aussage ganz oder teils/teils zu.

Das Problem mit den „Teils/teils“-Antworten

Probleme machen die Wissenschaftler*innen vor allem bei den „Teils/teils“-Antworten aus. Immer größer sei der Anteil derjenigen, die sich nicht mehr klar positionieren würden, so Beate Küppers. Dadurch entsteht eine weitere Herausforderung für die Demokratie. Die Wissenschaftler*innen sehen die Mitte-Studie allerdings ohnehin als Debattenbeitrag: „Die Studie muss sich in eine Diskussion des gesellschaftlichen Zustandes einbetten“, so Andreas Zick. Dabei geht es auch darum, wie viel Verantwortung die Gesellschaft für diese Einstellungen trägt, wie macht es sich bemerkbar, wenn Rassismus und Antisemitismus auch im Bundestag zum Alltag werden?

Immerhin sprechen die Wissenschaftler*innen auch Empfehlungen aus. Sie fordern ein wissenschaftlich fundiertes Monitoring antidemokratischer Orientierungen, eine „nationale Strategie der Demokratiestärkung und frühen Extremismusprävention“, eine „Stärkung von Gruppen, Initiativen und Kommunen, die Verantwortung übernehmen“ und „Strukturförderung von Bildungs- und Weiterbildungseinrichtungen der Demokratieförderung und des Konfliktmanagements.“

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