Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

Antiziganismus Wie „Knorr“ mit Paprikasauce Rassismus und Antiziganismus freilegt

Von|
Zustimmung zur Paprikasauce vom Verein Amaro Foro, der sich für das Empowerment und Teilhabe von Roma-Jugendlichen einsetzt. (Quelle: Screenshot)

Rassistische, abwertende Bezeichnungen führen in Deutschland immer wieder zu Debatten. Vor allem dann, wenn Menschen oder Unternehmen sich entscheiden, sie nicht mehr zu verwenden. Wenn also plötzlich Schaumküsse im Regal stehen, wo zuvor „N****-Küsse“ verkauft wurden, folgt lautstarke Empörung. Dabei wurde den Konsument*innen ja gar nichts weggenommen – denn das Produkt bleibt bestehen. Aber offenbar verstehen manche Menschen dabei nicht, dass es nicht um sie selbst geht, wenn Firmen sich – aus Rücksicht auf Betroffene oder weil sie es selbst den Ausdruck inzwischen unpassend finden – ein rassistisches oder diskriminierendes Wort nicht mehr verwendet wird. Es geht nicht darum, Menschen einen Spiegel vorzuhalten, dass sie bisher einen abwertenden Ausdruck verwendet haben. Aber offenbar kommt es genau so an – zumindest benehmen sich aktuell in Sozialen Netzwerken einige Konsument*innen wieder einmal so, als habe man sie direkt beleidigt oder angegriffen.

Paprikasauce statt Abwertung

Was ist passiert? Die Firma „Knorr“ hat sich entschieden, ihre „Z*******-Sauce“ in „Paprikasauce nach ungarischer Art“ umzubenennen. Ohne Zweifel war das keine spontane Laune. Das Z-Wort wird für Sinti*zze und Roma*nja in Deutschland seit dem 16. Jahrhundert als Abwertung benutzt, mit der negativen Assoziation der „Zieh-Gauner“ (vgl. Zentralrat der Sinti und Roma). Erreicht wurde damit eine Abspaltung, ein Fremd-Machen von Menschen, das seit Jahrhunderten zu gewalttätigen Angriffen und Abwertungen führte, mit einem erschütternden Höhepunkt im Nationalsozialismus, wo Sinti*zze und Roma*nja zunächst von Bildung und Arbeit ausgeschlossen wurden und dann in unbekannter Zahl im sechsstelligen Bereich, also hunderttausende Menschen, in Konzentrationslagern ermordet wurden. Bis heute erleben Menschen, die sich dazu bekennen, Sinti*zze und Roma*nja in Deutschland zu sein, deshalb Abwertungen und Diskriminierungen – in Meinungsumfragen deutlich daran abzulesen, dass etwa Sinti*zze und Roma*nja als Nachbarn abgelehnt werden (vgl. Mediendienst Integration).

Sprache schafft Realität

Im Saucennamen hatte das Z-Wort diese abwertende Komponente nicht. Immer schon gab es auch einen romantisierenden Blick auf die so bezeichnete Gruppe, und diesen positiv-rassistischen Blick verkörpert auch die Benennung der „feurigen“ Sauce, deren Rezept den Ursprung, Sie ahnen es, in Ungarn hatte, wie „Knorr“ herausgefunden hat. Seit über zehn Jahren fordern Vereine, die sich für die Rechte von Sinti*zze und Roma*nja einsetzen, das Z-Wort als diskriminierenden Ausdruck anzuerkennen und ihn entsprechend nicht mehr zu verwenden (vgl. zur Sauce 2013).

Denn Sprache schafft Realität: Solange diskriminierende Wörter weiter auf Produkten, Speisekarten oder Geschäftsnamen stehen, werden sich Menschen immer ermutigt sehen, sie weiterzuverwenden. Insofern ist eine Umbenennung der Z-Sauce in Paprikasauce nicht der wichtigste Schritt in der Bekämpfung von Diskriminierung und Antiziganismus, aber es ist ein Schritt, den ein Nahrungsmittelkonzern tun kann. „Knorr“ hat es jetzt getan, in Zukunft gibt es also „Paprikasauce nach ungarischer Art“.

Wer empört sich über Paprikasauce?

Bekannt wurde dies in einem Artikel in der „Bild am Sonntag“, die offenkundig eine Leserschaft hat, die teilweise nicht ganz damit einverstanden ist, dass ein Saucenname nun aus dem kulinarischen Komponenten und der Herkunft der Sauce besteht, nicht mehr aus einer abwertenden Bezeichnung einer Gruppe. Dies ist ihr gutes Recht, solange sich ihre Kommentare auf einem Niveau von „Dann kauf ich die nicht mehr“ befinden. Allerdings können es viele der Menschen, die zur Sauce aktuell in Social Media kommentieren, dabei nicht lassen. Sie entblößen dabei nur den Sinn der Maßnahme.
[alle Screenshots liegen der Redaktion vor]

Besonders entlarvend sind dabei die „ironischen“ Vorschläge, wie die Sauce doch ansonsten heißen könnte:

Wer hier „Fachkräfte-Soße“, „Sauce nach Art einer mobilen ethnischen Minderheit“ oder „Nichtsesshafte Balkan Soße“ oder „Rotationseuropäersauce“ fordert, zeigt nur den eigenen Rassismus und Antiziganismus, wenn die seit dem Mittelalter in Deutschland lebende Gruppe der Sinti*zze und Roma*nja als Migrant*innen bezeichnet werden oder abwertende Stereotype reproduziert werden.

Perfide und beliebt ist auch die Täter-Opfer-Umkehr, hier als Stilisierung der Z-Saucen-Fans als Verfolgte von heute in Analogie zum Nationalsozialismus. Dabei werden also Menschen, die sich gegen Diskriminierung einsetzen, zu „Faschisten“, weil ein paar Ewiggestrige nicht mehr Z-Sauce auf „Knorr“-Produkten lesen dürfen.

Auf der Facebook-Seite von „Knorr“ beschimpfen Paprikasaucen-Kritiker*innen die Befürworter [Rechtschreibung wie Original]:

„Du linke Faschisten-Zecke (…). Bald ist es aus mit eurem Geheule. Adolf H. wäre stolz, einen Fascho wie Sie in seiner Braunhemdentruppe zu haben.“

„Ihr seid Sprachfaschisten.“

„Ich kaufe keine Produkte von einer Firma die nicht zu Ihren Produktnamen steht und einfach aus Politischen Gründen ändert, die selbst Strategie haben die Nazis angewandt, sowas unterstütze ich nicht.“

Warum die Aufregung? Da hilft ein Blick ins rechtsradikale „Compact“-Magazin: „Sprache als Werkzeug von Repression und Gedankenkontrolle: Nach Verbot von #N****-Kuss, #M****-Kopf und anderen Unwichtigkeiten beschreitet auch Knorr den Weg politischer Korrektheit: Auch die #Z*******-Sauce wir Opfer des linken Gesinnungsgeistes“ [Unkenntlichmachung von Belltower.News].

Immerhin wird hier also die Wichtigkeit der Sprache wahrgenommen – auch wenn sie zwei Zeilen später schon wieder als unwichtig bezeichnet wird.

Noch mehr Pathos hat der rechtspopulistische Autor Klaus Kelle hat auf seinem Blog zu bieten. „Der Unilever-Konzern weicht wie so viele andere vor dem Zeitgeist zurück, der schon das Z*******-Schnitzel von den Speisekarten getilgt hat und den Sarotti-M*** aus den Schokoladen-Regalen der Supermärkte. Eine weitere Schlappe im Kampf um den Verlust unserer Identität, zu der Traditionen und Marken gehören.

Also, dass „Knorr“ nun „Paprikasauce“ auf ein Produkt schreibt, zerstört „unsere“ Tradition, und „unsere“ Tradition sind hier wohl Kolonialismus und Rassismus, gegossen in ein kapitalistisches Produkt. Das dürfte nun wirklich eine Meinung sein, die dann doch keine Mehrheit mehr findet, wenn man sie zu Ende denkt.

Außer natürlich in der rechtsextremen Ecke, bei Ex-AfDler André Poggenburg etwa:

Mag keine Paprikasauce: Ex-AfDler André Poggenburg.

[Unkenntlichmachung von Belltower.News]

Auch Noch-AfDler Malte Kaufmann regt sich auf:

Braucht noch ein bisschen Erklärungshilfe: Malte Kaufmann.

Dieses „Argument“ kommt übrigens überraschend häufig, als wäre Lernen aus Geschichte oder auch nur eine Weiterentwicklung von politischen Diskursen für die Betroffenen eine komplette Neuheit und Überraschung.

Und warum „Paprikasauce Ungarischer Art“ nicht rassistisch ist? Nun, eine Herkunftsbezeichnung eines Rezeptes ist keine diskriminierende Gruppen-Abwertung.

Zum Schluss sind da natürlich noch die Verschwörungsinteressierten, die hier im Deutschland der großen Koalition eine Einflussnahme linker Politik auf international agierende Großkonzerne vermuten.

Eher unwahrscheinlich, dass „Knorr“ das vorhat. Aber die Anspielungen klingen bekannt.

Oder auch:
„Die umbenennung eurer Sosse im auftrag der links grünen Regenbogen Politik kotzt mich unendlich an. MAGGI für IMMER.“

Es hat bestimmt Überwindung gekostet, nicht „über alles“ zu schreiben.

Der Blick in die Kommentarspalten zeigt also am besten, wem die Umbenennung nicht gefällt: Rassist*innen.

Also, „Knorr“: Alles richtig gemacht. Vielen Dank.

Weiterlesen

2017.06.08-1875962141_70feb

Münchner Amokläufer sprach in seinem Manifest vom “ausländischen Untermenschen”

Bislang galt Mobbing als Hauptmotivation von David S., der am 22. Juli 2016 in München neun Menschen tötete. Doch nun sind Auszüge aus seinem Manifest veröffentlicht worden, die eine zutiefst rassistische Gedankenwelt des Täters aufzeigen. Eine andere Datei, am Tattag angelegt, trägt den Titel: “Ich werde jetzt jeden Deutschen Türken auslöschen egal wer.docx“.

Von|
ev-RyrsSON8s68-unsplash

Opferfonds CURA Hassgewalt begegnen und Betroffenen stärken

Am 13. Februar organisiert CURA gemeinsam mit der Amadeu Antonio Stiftung den Kongress „Hassgewalt begegnen – Betroffene stärken“. Ein Interview über Betroffene, überforderte Polizist*innen und strukturellen Rassismus.

Von|
Unsere Partnerportale
Eine Plattform der