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Auf der anderen Seite von Antaios Fünf Tage auf der Frankfurter Buchmesse

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Antaios-Verleger Götz Kubitschek im Gespräch mit Björn Höcke auf der Frankfurter Buchmesse. (Quelle: AAS)

Oder vielleicht wollte Kositza auch gleich über das Ende der Demokratie diskutieren. Immerhin hat ihr Mann gerade in einem „New York Times“-Artikel Demokratie als Experiment bezeichnet, dessen Abschaffung er begrüßen würde. Für die Amadeu Antonio Stiftung sind diese Themen jedenfalls nicht diskutabel. Wir wollen nicht dabei mitmachen, Unsagbares wieder sagbar zu machen und dabei auch noch rechtsextremen und rassistischen Positionen eine Bühne geben. Es zeigt sich aber leider auch: unserer Mithilfe dabei hat es nicht gebraucht. Der Plan der Rechtsextremen ist aufgegangen. Die Berichterstattung um die Frankfurter Buchmesse mit rund 7.000 Ausstellenden aus der ganzen Welt, dreht sich zu großen Teilen um den einen kleinen Stand der sogenannten „neuen Rechten“. Von rechts ist man sich noch nicht ganz sicher, ob man triumphiert hat oder vielmehr Märtyrer der Meinungsfreiheit ist. Am Ende ist es aber egal: Die Öffentlichkeit, die sie so wollten, haben sie bekommen.

So reagiert die Amadeu Antonio Stiftung auf den „offenen Brief“ von Ellen Kositza

Die Einladung der Buchmesse haben wir angenommen und bezogen einen Stand schräg gegenüber von Antaios. Kositza besuchte dann auch – in Begleitung eines Kameramanns, der ansonsten für die Videos der Identitären mitverantwortlich ist – unseren Stand und versuchte erneut die „Diskussion auf Augenhöhe“ einzufordern. Selbstverständlich ohne um Erlaubnis für Videoaufnahmen zu bitten. Der Inhalt des Videos, das noch am gleichen Abend auf dem Twitterkanal von Antaios gepostet wurde: zusammengeschnittene Satzfetzen, die Kositza als Kämpferin für die eigene Meinungsfreiheit dastehen lassen.   

Kositza blieb nicht die einzige Besucherin von rechtsaußen. Neben vielen grauhaarigen Herren und wenigen Frauen, sammelten sich – besonders am für alle Besucher offenen Wochenende – auch Kader der sogenannten „Identitären Bewegung“. Die angeblich auf Gewaltlosigkeit eingeschworene Bewegung sparte dabei nicht mit offenen oder verschleierten Bedrohungen. Muskelbepackte Zwei-Meter-Männer taxierten unsere Mitarbeiter_innen, ein Besucher vergewisserte sich, dass unsere Adresse noch stimme, damit er der Stiftung einen Besuch abstatten könne.

Andere bewiesen, dass die Saat des Rechtspopulismus fruchtet: Auf die Frage einer Stiftungsmitarbeiterin, ob man sich denn wenigsten darauf einigen könnte, dass der Holocaust stattgefunden habe, antwortete ein sich selbst so bezeichnender Rassist: „Ich war ja nicht dabei.“ Und auch andere Erzählungen der Neuen Rechten funktionieren offenbar immer noch sehr gut. Die seit Jahren schon immer wieder widerlegte Geschichte der angeblich abgeschafften Weihnachtsmärkte zu Gunsten von Wintermärkten ist für Besortbürger_innen immer noch Realität. Genauso, wie ein angebliches Weihnachtsbeleuchtungsverbot in Berlin-Neukölln.

 

Martin Sellner und Patrick Schröder#fbm17 pic.twitter.com/ae9aIsfMqb

— M.X. (@M000X) 15. Oktober 2017

 

Genauso zeigt sich, dass „Neue“ und alte Rechte bei weitem nicht so weit auseinander liegen, wie es unter anderem aus dem Umfeld des Antaois-Verlages immer wieder behauptet wird. Unter anderem besuchten auch Patrick Schröder, Veranstalter eines der Rechtsrock-Konzerte in Themar im letzten Sommer und ein Weggefährte des im NSU-Prozess Angeklagten Ralf Wohlleben die Veranstaltungen des Antaios-Verlages und feierten nach dem offiziellen Ende der Messe am Stand der Stiftung weiter.

 

Wenn der Gegner weg ist. Ganz mutige Antaios-Fans okkupieren den Stand von @AmadeuAntonio #fbm17 pic.twitter.com/qDol3mlpTi

— Danijel Majic (@DanijelMajic) 14. Oktober 2017

 

Die Frankfurter Buchmesse selbst reagierte ganz im Sinne der Rechten. Bei mehreren Veranstaltungen von Antaios, an denen auch Björn Höcke teilnahm, kam es zu Tumulten. Gegendemonstranten versuchten zu stören und wurden aggressiv von IB-Kadern angegriffen. Auch eine Mitarbeiterin der Stiftung wurde körperlich angegangen.

Schon am Tag zuvor wurde der Verleger Achim Bergmann (74), am Stand der neurechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ mit einem Faustschlag niedergestreckt. Der Angreifer setzte sich danach wieder auf seinen Platz, als sei das normalste der Welt. Das Statement der Frankfurter Buchmesse erinnerte dabei an das von Donald Trump nach den Ausschreitungen in Charlottesville.  

 

Statement der Frankfurter Buchmesse und des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (@boev) zu den Vorfällen auf der #fbm17 pic.twitter.com/XsutQuvf2D

— FrankfurterBuchmesse (@Book_Fair) 14. Oktober 2017

 

Die Rechten haben mit ihrem Auftritt in Frankfurt alles erreicht was sie wollten: Öffentlichkeit wurde geschaffen, die Anwesenheit von Rassist_innen und Rechstextremen in der Öffentlichkeit wurde weiter normalisiert und mit dem Abbruch der Lesung der IB-Kader Mario Müller und Martin Sellner wurde dem ganzen dann noch ein Sahnehäubchen aufgesetzt: sie können sich jetzt als Märtyrer der Meinungsfreiheit generieren.

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