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Boris Reitschuster Verunsicherung als Geschäftsmodell

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Screenshot vom YouTube-Kanal von Boris Reitschuster. In diesem Video gibt er die SPerrung seines Acoounts für einige Tage bekannt.

Reitschuster ist mit seinen Artikeln und Videos extrem erfolgreich in der Szene. Seine Website gehört laut dem Dienst „Similarweb“ zu den 1.000 meistbesuchten Seiten in Deutschland, mit monatlich mehr als 5 Millionen Aufrufen. Auf YouTube hat er über 280.000 Abonnent:innen, die Videos werden von hunderttausenden angeschaut, bei Twitter sind es mehr als 86.000 Follower. Natürlich betreibt Reitschuster auch einen Telegramkanal mit mehr als 175.000 Abonnent:innen.

Der Inhalt ist einschlägig. Hauptsächlich Reitschuster, aber auch einige andere Autor:innen kritisieren die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, Masken und natürlich Impfungen. Dabei geht Reitschuster anders vor als viele andere „Alternativmedien“. Er lügt nicht, sondern arbeitet lieber mit Framing, Andeutungen und „Vermutungen“. Das zeigt zum Beispiel einer der aktuellsten Artikel auf der Seite mit der Überschrift „Masken fürs Volk, Freiheit für die Regierenden“. Zu sehen sind Bilder vom G7-Gipfel in Cornwall. Angela Merkel sitzt zusammen mit   Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und zwei anderen Politikern an einem Tisch unter freien Himmel. Keiner der Beteiligten trägt Maske. Das widerspricht keinen Vorgaben, da die Politiker:innen sich in einer kleinen Gruppe offensichtlich draußen aufhalten, wo die Ansteckungsgefahr bekanntlich extrem niedrig ist. Weitere Bilder folgen, alle davon wurden draußen aufgenommen, es wird suggeriert, dass die Politiker:innen die Vorgaben ignorieren. Reitschuster schreibt: „Selbst jetzt im Sommer müssen Kinder in Deutschland in den Schulen mit Masken sitzen, auch wenn es ihnen schwerfällt. In den Städten, wie etwa in Berlin, muss man in bestimmten Bereichen ebenfalls noch Masken tragen, trotz der hohen Temperaturen. Die Politiker selbst dagegen nehmen es mit den Regeln, die sie anderen auferlegen, offenbar nicht so genau.“ Reitschuster präsentiert hier ein Bild von Politiker:innen, denen die eigenen Regeln egal sind, während sie der Bevölkerung aufgezwungen werden. Ein Narrativ, das nur funktioniert, weil wichtige Fakten und der Kontext ausgelassen werden: Die abgebildeten Treffen fanden draußen statt, nicht so der Schulunterricht. Maskenregeln zum Beispiel in Berlin gelten lediglich an sehr belebten Plätzen, nicht in einer beliebigen Nebenstraße und nicht etwa in der Außengastronomie, eine Situation, die der im Bild mit Angela Merkel gleicht.

So oder so ähnlich arbeitet Reitschuster permanent. Der Volksverpetzer hat zahlreiche Beispiele dieser Methode analysiert. Etwa wenn der Journalist Zitate aus dem Zusammenhang reißt. Im September 2020 hatte Reitschuster etwa behauptet, der Virologe Christian Drosten habe gesagt, ob es eine Wirkung von Masken gäbe, wäre „reine Spekulation“. Natürlich ergänzt mit der Frage, warum andere Medien nicht darüber berichten würden. Das Problem: Drostens Aussage ist aus dem Zusammenhang gerissen. Seine Aussage betraf nicht die Wirksamkeit von Masken, sondern es ging eigentlich darum, ob Alltagsmasken zu einem milderen Verlauf von Covid-19 beitragen können oder nicht.

Weniger kritisch ist Reitschuster bei der „Querdenken“-Bewegung. So berichtet er über eine angekündigte Sammelklage des „Querdenken“-Anwalts Reiner Fuellmich in den USA, das Bild dazu: Christian Drosten in gestreiftem Sträflings-Outfit mit der Aufschrift „schuldig“. Nur ein kritischer Satz hat es in den Artikel geschafft: „Die Erfolgsaussichten mögen umstritten sein – die Initiative als solche ist zumindest eine Meldung wert.“ Was Reitschuster alles weglässt: Die Klage hatte von vornherein praktisch keine Erfolgsaussichten, der Anwalt und sein Team sammelte Geld von potentiellen Kläger:innen, die Wirksamkeit der PCR-Tests, um die es in der Klage geht, sind mehrfach wissenschaftlich bewiesen worden. Und auch Reitschusters Behauptung, dass nicht über die Bemühungen des Anwalts berichtet würde, ist nicht korrekt. Hier etwa in einem Artikel der Tagesschau. Auch der Faktencheck von Correctiv kommt immer wieder zum Ergebnis, dass Behauptungen auf dem Blog von Reitschuster nicht korrekt sind. Etwa hier, hier und hier.

Dass Reitschuster das „Querdenken“-Milieu nicht kritisiert, ist kein Wunder, sind doch gerade die Anhänger:innen dieser Bewegung seine größten Fans. Der laut Selbstbeschreibung „kritische Journalist“ hat dementsprechend auch keine Probleme damit, direkt auf den Demos Geldgeschenke zugesteckt zu bekommen. In einem Video von democ. ist zu sehen, wie ein Teilnehmer auf einer Demo Reitschuster einen Geldschein gibt, den er in seine Tasche verschwunden lässt. Auf das Geldgeschenk angesprochen, weiß Reitschuster scheinbar von nichts. Wie eine Demoberichterstattung aussehen kann, wenn der Berichterstatter von den Demonstranten unterstützt wird, beweisen schließlich auch die Livestreams des Journalisten. Atemlos dokumentiert Reitschuster die Demos, rein zufällig nur nie Situationen, in denen weniger gefällige Journalist:innen angegriffen oder beschimpft werden.

Reitschusters Techniken sind auch deswegen interessant, weil er in der Vergangenheit auf sehr ähnliche Methoden in den Trollfabriken Russlands hingewiesen hat. Zwischen 1999 und 2015 leitete er das Moskauer Focus-Büro und veröffentlichte mehrere sehr Putin-kritische Bücher. Schon 2012 musste er aus Moskau zurück nach Deutschland kommen, da ihm seine kritische Berichterstattung eigenen Angaben nach Morddrohungen eingebracht hatte. In den letzten drei Jahren als Korrespondent leitete er das Büro in Moskau von hier aus. Besonders in seinem Buch Putins versteckter Krieg von 2016 geht der Journalist auf die „neue Kriegsführung“ in den sozialen Medien mit Hilfe von Trollarmeen und Desinformationskampagnen ein.

Bemerkenswert ist aber auch, bei Boris Reitschuster steht ein Thema ganz besonders im Vordergrund: Boris Reitschuster. Der Ex-Korrespondent berichtet am allerliebsten über sich selbst. Wenn Reitschuster in der Bundespressekonferenz kein Frage stellen kann, ist das durchaus auch ein Grund für ihn, darüber ein Video zu machen. Reitschuster referiert dann in mäandernden Vorträgen immer wieder das gleiche Thema, nämlich seine Enttäuschung darüber, keine Frage stellen zu dürfen. Wenn Reitschuster eine Frage stellen kann, die aber nicht nicht von anderen Medien erwähnt wir? Zeit für ein Video!

Boris Reitschuster betreibt populistischen Journalismus. Die Meinung ist klar, dann müssen nur noch die Fakten entsprechend angepasst werden. Das passiert immer mehr oder weniger unangreifbar. Konjunktive, Vermutungen und fehlender Kontext. Die Geschichte, die Reitschuster erzählt, ist immer die gleiche: die Regierung weiß nicht, was sie tut. Genausowenig wie Opposition, Forschung und Medien. Damit ist seine Strategie sehr ähnlich zu der von russischen Trollen, die er eigentlich so stark kritisiert: Verunsicherung schaffen statt aufzuklären. Statt ein Thema komplett zu beleuchten und dabei alle Fakten zu beleuchten, pickt sich Reitschuster nur die heraus, die in sein Narrativ passen und die sein Publikum ohnehin hören will, um das eigene Weltbild zu stärken.

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