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Comics, Lifestyle und Satire Wie die AfD mit Hilfe der JA um junge Menschen wirbt

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Ein Teilnehmer auf einem Event der "Identitären Bewegung" 2018 in Dresden. (Quelle: Kira AyyAdi)

Am 26. September 2021 ist Bundestagswahl und alle Parteien haben in den Wahlkampfmodus geschaltet, auch die AfD. Die hat eine Medienoffensive mit eigens produzierten Formaten wie Podcasts, Satire und Lifestyleprodukten gestartet. Präsentiert wird sie größtenteils von Mitgliedern der Jugendorganisation der AfD: Junge Alternative (JA). Zum einen geht es um die Stimmen der jungen Wähler:innen, zum anderen darum, jungen Menschen auf einfache Art und Weise ein reaktionäres und rassistische Weltbild näherzubringen, um sie so an die Partei zu binden.

„Hydra“-Comics: Rechte Propaganda die leicht zugänglich, kinder- und jugendfreundlich ist

Ein Beispiel dafür sind etwa die „Hydra“-Comics – Comics von der Szene für die Szene. Bereits Ende 2020, noch vor Veröffentlichung des ersten Heftes, wurde die Werbetrommel für den rechten Comic ordentlich gerührt. So machten mehrere Aktivist:innen der sogenannten „Identitären Bewegung“ (IB) Promo-Videos für das Heft, das „politisch unkorrekte” und rechte Bildergeschichten erzählen will. Auch das EinProzent-Netzwerk um Götz Kubitschek warb auf seinen unterschiedlichen Medien für dieses neue Projekt.

Aber worum geht es in dem Comic? Held der ersten Geschichte ist ein Burschenschaftler, der mit einem Physikprofessor in das Jahr 2016 zurückreist, um den islamistischen Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz zu verhindern. Weil er daran scheitert, wird er zum fiktiven Märtyrer. Und auch George Soros spielt in dem Heft eine Rolle, als böser jüdischer Anführer einer reichen und einflussreichen Elite. In allen drei Comics des ersten „Hydra“-Bandes werden die Feindbilder als jüdisch oder links markiert. Und auch der Name, „Hydra“, ist wohl nicht zufällig gewählt: Im Marvel-Universum ist Hydra eine obskure, esoterische Geheimorganisation, die zur Zeit des Nationalsozialismus als Wissenschaftsabteilung der SS gegründet wurde.

Sämtliche Texte in der ersten Ausgabe von „Hydra“ stammen vom Geschäftsführer. Das zweite Comicheft ist hingegen eine Co-Produktion mit einigen italienischen Aktivist:innen. Hier geht es um die Geschichte des Samurais und reaktionären Schriftstellers Yukio Mishima, an der unter anderem der italienische Liedermacher Frederico Goglio mitwirkte. „So funktioniert europäische Gegenkultur“, schreibt dazu der Instagram-Account des Comic-Verlags, dessen Verantwortlicher einschlägig bekannt ist: Eingetragener Geschäftsführer ist der ehemalige Bundesvorsitzende des NPD-Jugendverbandes „Junge Nationaldemokraten“ (JN) Michael Schäfer, der auch in den Kreisen der Kameradschaft „Wernigeroder Aktionsfront“ auffiel. Trotz Unvereinbarkeitserklärung der AfD mit der rechtsextremen NPD, wirbt auch die JA offen für die Comics.

Rechter Video-Content für junge Menschen

Wie schon die IB, deren Aktivist:innen teilweise in die AfD übergegangen sind, setzt auch die JA auf Video-Content, der nicht zu ernst, sondern eher locker und leicht wirken soll – allerdings immer mit einer großen Prise Rassismus und Menschenfeindlichkeit. Zum Beispiel in „Satire“-Videos über die CDU-Masken-Affäre, die Corona-Politik oder ein spezielles Comingout-Video: Beim Abendessen gesteht ein junger Mann (gespielt vom stellvertretenden Sprecher der JA-Berlin) seinen Eltern, er sei nicht schwul sondern konservativ, worauf hin die Eltern geschockt regieren. Sie werfen ihren Sohn samt seiner Freundin aus dem Haus. Die sind froh nun kein Tofu essen zu müssen und holen sich eine Currywurst.

JA-Aktivist:innen interviewen AfD-Politiker:innen

Zu finden ist dieser „satirische“ Spot auf dem YouTube-Kanal der JA, neben zahlreichen anderen Formaten, wie zum Beispiel der JA-„Kuppeltalk“. Ein Interviewformat, in dem JA-Aktivist:innen meist Politiker:innen im Bundestag interviewen. Obwohl das Wort „Interview“ an dieser Stelle wohl falsch gewählt ist, da Inhalte weder eingeordnet, noch kritische Fragen gestellt werden. Vielmehr können AfD-Politiker:innen wie Spitzenkandidatin Alice Weidel und Bundestagsmitglied Jan Nolte ihre politische Agenda abspulen und unkommentiert Fake News verbreiten. Meist geht es um Themen, die junge Menschen betreffen. So schimpft der Bundestagsabgeordnete Stephan Brandner (55) in einem Interview erst darüber, dass die jährlich gekürten Jugendwörter so oft aus dem Englischen kommen, um dann gegen das „Bundessäuchen-Politbüro“, die Corona-Politik der Bundesregierung, zu wettern. Zum Schluss des Gesprächs, sieht man wie die Interviewerin, die stellvertretende Bundessprecherin der JA, Mary Khan, und Brandner durch die leere Sitzungsräume des Bundestags schlendern. Sie dürfen das, kommentiert Khan lachend, „die Türen sind offen wie unsere Grenzen“.

Ein im Prinzip ganz ähnliches Format ist eine Video-Podcast-Reihe der JA, in dem JA-Kader, meist mit einem Gast aus der AfD, über die aktuelle politische Lage sprechen. Bis auf die flapsigen, rassistischen und sexistischen Sprüche der JA-Moderatoren passiert auch hier nichts wirklich Überraschendes. Moderatoren und Gäste schimpfen über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, über die Bundesregierung, über einen angeblich „linken Mainstream“, und natürlich über Migrant:innen. Omnipräsentes Überthema ist immer Rassismus, zum Beispiel in einem Wetterbericht, in dem auf einer Deutschlandkarte das Wettertief Ahmet über Deutschland zieht. „Abgesehen von Schnee können wir wohl auch mit Goldstück-Regen rechnen oder Messer-Schauern“, kommentiert ein JA-ler.

Mit JA-Merch und „Peripetie“ den rechten Lifestyle abfeiern

Größtenteils sind die Videos hochwertig produziert. Doch das scheint auch einiges zu kosten, daher kommt immer der Hinweis, doch bitte zu spenden. Doch wer nicht einfach nur Geld spenden will, kann auch JA-Merchandise-Produkte kaufen. Im Online-Shop der AfD finden Kund:innen dann zum Beispiel JA-Apfelschorle, das Buch „Was Juden zur AfD treibt“ und Aufkleber mit dem Schriftzug „Es ist Ok weiß und deutsch zu sein“ oder „Rechtsruck. Heul leise“. Es geht bei diesen Produkten immer darum den rechten Lifestyle zu feiern.

Genau wie bei der Klamottenmarke „Peripetie – Die Kleidermarke für Konservative und Patrioten!“. Die Marke existiert bereits seit 2019. Das Markensymbol, ein stilisierter aufsteigender Phönix, wird in verschiedenen Größen auf Polohemden, Shirts, Mützen, oder Beuteln angeboten. Das an die Marke „Fred Perry“ angelehnte Design kommt unverfänglich daher, der rechte Bezug wird erst sichtbar, wenn man sich anschaut, wer die Marke vertreibt und wer sie trägt.

Einer der verantwortlichen von „Peripetie“ ist Florian Gräßle, Mitglied der JA, der seinen Kreisverband beim AfD-Parteitag 2019 in Braunschweig vertrat. Zahlreiche rechte Influencer:innen und JA-Aktivist:innen werben für die Marke. Doch das prominentestes Werbegesicht dürfte wohl Björn Höcke sein, der bereits im Mai 2020 auf Instagram das Label anpries.

Die AfD setzt auf die JA, um junge Menschen zu umwerben

Dass die AfD besonders auch auf junge Menschen setzt hat auch einen guten Grund: Jüngere Menschen machten bei Landtagswahlen vor allem in Ostdeutschland deutlich häufiger ihr Kreuz bei der AfD als die Wähler:innen im Gesamtaltersschnitt. Das hatte eine MDR-Auswertung von Wahlergebnissen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ergeben. Demnach haben in Sachsen-Anhalt ein Drittel aller Männer zwischen 25 und 34 Jahren die AfD gewählt. Für die AfD ist diese junge Wählerschaft also eine Gruppe die sie nicht vernachlässigen darf.

Dabei steht die JA, die vom Bundesamt für Verfassungsschutz als „Verdachtsfall“ eingestuft wird, in den meisten Fällen sogar noch ein Stück weiter rechts als die Mutterpartei selbst. Die JA-Sachsen-Anhalt bezeichnete sich gar als „#Höckejugend“, was wohl nicht nur zufällig an die nationalsozialistische Hitlerjugend erinnert. Doch genau wie in der AfD sind auch in der JA die politischen Gräben tief. 

Seit 2018 und 2019 enge Verbindungen zu rechtsextremen Gruppen bekannt geworden waren und viele JA-Mitglieder aus Protest austraten, steckt die Organisation in der Krise. Die JA versuchte das Problem durch ein „Re-Branding“ zu kaschieren. Sie entwarfen eine neue Website und ein neues Logo, eine Flamme mit drei Spitzen. Im Frühjahr 2021 kam es dann jedoch erneut zu einem weiteren Zerwürfnis: Marvin Neumann war erst im April zum Co-Vorsitzenden der JA gewählt worden, verließ Anfang Mai die AfD. Grund dafür waren rechtsextreme und rassistische Äußerungen Neumanns und das schließliche Drängen der „Arbeitsgruppe Verfassungsschutz“ (AGVS), innerhalb der Partei. Immer wieder hat Neumann auf Social Media deutlich gezeigt, welches Gedankengut er vertritt. Die JA bedauert das Vorgehen der AfD öffentlich auf Instagram. Hier schrieben sie in einer Stellungnahme, der Bundesvorstand der AfD habe Druck ausgeübt, damit sich die JA von Neumann distanziere. „Eine solche Distanzierung kommt für uns nicht infrage. Stattdessen distanzieren wir uns vom Vorgehen der Arbeitsgruppe Verfassungsschutz, die im Kampf gegen junge Patrioten sich von linksradikalen und aus dem Umfeld der Antifa kommenden Autoren treiben ließ.“

Die Medienstrategie der AfD

Die Strategie der Mutterpartei AfD hinter dieser Medienoffensive dürfte zum einen sein, jungen Menschen einen seichten Einstieg in ein rechtes, reaktionäres und rassistisches Weltbild zu liefern. Mit lockeren und lustigen Videos, in denen die JA-ler auch mal über ihrem Kater vom Vorabend sprechen, wollen sie nahbar und kumpelhaft wirken. Die AfD beziehungsweise die JA will junge Menschen mit scheinbar harmlosen Content für sich begeistern. Dass die AfD beim Werben junger Menschen auf ihre Jugendorganisation setzt macht Sinn, ist die JA doch wirkmächtig. Allerdings ist auch klar, dass sie zum größten Teil hinter dem offiziell aufgelösten rechtsextremen Flügel um Björn Höcke steht.  

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