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Männlichkeitsbilder Warum die „Junge Alternative“ gegen Masturbation mobil macht

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(Quelle: Deon Black/Unsplash)

Es gibt viele gute Gründe, Pornografie zu kritisieren: etwa die gerade für Darstellerinnen schlechten Arbeitsbedingungen, die Objektivierung von Frauen, die Tatsache, dass Pornografie sehr unrealistische Vorstellungen von Sexualität vermittelt, die wenig mit der Realität zu tun haben.

Für besonders auf ihre Männlichkeit fokussierte Mitglieder der radikalen bis extremen Rechten ist der primäre Kritikpunkt an Pornografie jedoch, dass sie zum Masturbieren verleite. Und von der Masturbation hat der aufrechte Soldat für das deutsche Vaterland am besten die Finger zu lassen, denn: die Ejakulation raube ihm, so zumindest die ideologisch aufgeladene, pseudowissenschaftlich präsentierte Erzählung der maskulinistischen Szene, die Manneskraft.

Diese These wird unter anderem von dem stellvertretenden Vorsitzenden der Jungen Alternative Bayern und Schwandorfer AfD-Stadtrat Thomas Richard Deutscher vertreten. Auf seinem inzwischen privaten Facebook-Profil teilt er ein Posting, in dem er auf die Gefahren der Masturbation hinweist. Selbstbefriedigung würde den Drang nach Pornografie steigern, den „Geist verderben“ und einen zum „Konsumsklaven machen“. „Masturbation“, so Deutscher, „sollte daher generell eingestellt werden, da sie einen der schöpferischen Energie, vieler Nährstoffe und der männlichen Kraft beraubt.“ Begleitet wird der Artikel von einer Karikatur, die zwei Männer gegenüberstellt: den buckligen, krummen und degenerierten Onanisten neben dem aufrecht gehenden und vor Virilität strotzenden Enthaltsamen.

Deutschers Postings zum Thema Masturbation (Quellen: Screenshot Facebook, Johann Osel)

Deutscher bezieht sich mit seinem Posting auf die sogenannte „NoFap“-Bewegung, die sich innerhalb rechtsradikaler und rechtsextremer Männerbünde, vor allem bei den „Proud Boys”, seit geraumer Zeit großen Anklangs erfreut. „Fap” ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für die männliche Masturbation. Die amerikanischen „Proud Boys” (vgl. Belltower.News) etwa sind Anhänger der Erzählung: Als Mitglied der „Proud Boys” ist die Masturbation nur einmal pro Monat, und auch nur in der direkten Nähe einer Frau, erlaubt. Grob zusammengefasst besagt die „NoFap“-Bewegung, dass jede Ejakulation den Testosteronwert senken und somit die eigene Männlichkeit abschwächen würde – für Männer, die kaum etwas haben als das verzweifelte Klammern an antiquierte Geschlechtervorstellungen, eine unaushaltbare Vorstellung. Der Masturbationsverzicht sei ist außerdem Ausdruck eiserner Selbstdisziplin, die ebenfalls integraler Bestandteil des Selbstbildes als aufrechter Krieger für die westlichen Werte ist. Dies ist bereits auf protofaschistische Männerbünde im Kaiserreich wie Burschenschaften und, als auch auf den Nationalsozialismus zurückzuführen; auch dort wurde die Masturbation vehement abgelehnt. Anstatt seinen Samen, und somit seine Männlichkeit, zu verschwenden, sollte man sich die eigene Manneskraft lieber aufsparen, und wenn man schon ejakulieren müsse, dann am besten in eine gebärwillige deutsche Frau.

Nachdem die Süddeutsche Zeitung den Facebook-Post Deutschers kritisierte, veröffentlichte der Twitter-Account der Jungen Alternative Bayern folgendes Meme, das Deutscher als „Chad“, also als Paradebeispiel von Hypermaskulinität, dem „Coomer“-Süddeutsche-Redakteur gegenüberstellt:

Laut der „Jungen Alternative Bayern“ ist Deutscher ein „Chad“, also ein Paradebeispiel für Hypermaskulinität. (Quelle: Screenshot Twitter)

„Coomer” ist im Online-Jargon von 4chan und Reddit der pornografieabhängige Mann, der den Großteil seiner Zeit mit Masturbation verbringt und anstatt sich dem Kampf gegen Kulturmarxismus und Degeneration zu widmen, lieber in sein „Waifu-Kissen” (Kissen in Form einer Manga-Frau) rammelt. „Coomer” müssten, um überhaupt erst wieder produktive Mitglieder der Gesellschaft und vor allem der reaktionären Bewegung werden zu können, ihre Pornosucht überwinden.

Antisemitismus und Porno-Kritik

Die „NoFap”-Kritik an der Pornografie geht zudem regelmäßig mit antisemitischen Ressentiments einher: Pornoseiten würden von Juden betrieben, um den Verfall traditioneller Männlichkeit voranzutreiben. Dies ist eine moderne Interpretation des Stereotypen des „Juden als Zuhälter“, die ab dem Fin die Siècle an Popularität gewann, um „den Juden” als das sexuell deviante „Andere“ zum reinen, standhaften deutschen Mann zu etablieren. Stellenweise wird sogar darüber spekuliert, dass Pornografie ein explizites Mittel sei, um Widerstand gegen die „Eliten“ zu unterminieren.

Antisemitische Propaganda auf der Neonazi-Webseite „Daily Stormer“ (Quelle: Screenshot „Daily Stormer“)
Der Verzicht auf Masturbation war und ist Teil der nationalsozialistischen Ideologie. (Quelle: „Renegade Tribune“)

In Form des sogenannten „NoNutNovember“ ist die „NoFap“-Ideologie inzwischen auch Teil des Online-Mainstream geworden. Es handelt sich dabei um die auf dem „NoFap”-Subreddit entstandene Herausforderung an sich selbst, den komplettem November auf Masturbation zu verzichten. Der “NoNutNovember” wird als witziges Internet-Meme verstanden, die ideologischen Hintergründe sind weitestgehend unbekannt.

Die „NoFap“-Bewegung kritisiert Pornografie also mitnichten, weil ihnen der Kampf gegen die sexuelle Ausbeutung von Frauen am Herzen läge, sondern aus einer antisemitischen und faschistischen Ideologie heraus. Und eine von Grund auf antifeministische Partei wie die AfD hat schon oft genug bewiesen, dass ihr die Ignoranz gegenüber der Ausbeutung von Frauen genauso inhärent ist wie dem “NoFap”-Aktivisten die Abstinenz von der Selbstbefriedigung.

Die Twitter-Gegenreaktion auf Thomas Deutschers Posting stellte übrigens der Hashtag #OnanierengegendieAfD dar. Dass Masturbation ein probates Mittel gegen den parlamentarischen Arm des Rechtsradikalismus ist, kann jedoch bezweifelt werden.


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