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dehate report „QAnon in Deutschland“ Thesen und Prognosen zu QAnon

Symbolfoto von der "Querdenken"-Demonstration am 29.08.2020 in Berlin. (Quelle: Belltower.News)

QAnon stellt eine reale Gefahr für die demokratische Zivilgesellschaft – online und offline – dar. Die Verschwörungsideologie und ihr Erfolg sind Symptome einer fragmentierten Gesellschaft. Um eine fortlaufende Verbreitung von QAnon, die Radikalisierung ihrer Anhänger*innen und die Bildung ähnlicher verschwörungsideologischer Gruppen zu verhindern, hat die Amadeu Antonio Stiftung im Strategiepapier vom September 2020 bereits konkrete Maßnahmen empfohlen. Dazu gehört, endlich Aufmerksamkeit auf die Demokratiegefährdung durch Verschwörungsideologien zu richten – diese kommen bisher in den Bundesprogrammen zur Extremismusprävention und Demokratieförderung nicht explizit vor. Zur Strategieentwicklung und Beratung ist eine mit zusätzlichen Mitteln ausgestattete Nachjustierung der Programme nötig. Darüber hinaus ergeben sich auch für den Umgang mit QAnon eine Reihe von Handlungsempfehlungen.

1. Verschwörungsideologien wie QAnon sollten als solche bezeichnet und bekämpft werden

Obwohl sich mittlerweile auch andere Begrifflichkeiten durchgesetzt haben, bezeichnen einige Medien QAnon noch immer als „Verschwörungstheorie“ – dieser Begriff ist fehlgeleitet. Während Theorien in der Wissenschaft auf Fakten basieren, die überprüft werden können, basiert QAnon neben einigen wenigen belegbaren primär auf fiktiven Versatzstücken, deren Verbindungen und Schlussfolgerungen erfunden sind. Im Einzelnen können diese als
Verschwörungsmythen oder Verschwörungserzählungen bezeichnet werden, um eine trennschärfere Analyse zu sichern. Im Falle von QAnon bilden sie ein geschlossenes Weltbild, eine Ideologie; jede einzelne Verschwörungserzählung gliedert sich hier ein. QAnons Anhängerschaft deutet alle vergangenen und aktuellen Ereignisse aus dem Blick dieser fiktiven Verschwörungswelt. QAnon ist somit eine Verschwörungsideologie und sollte auch in der breiten Öffentlichkeit als solche bezeichnet werden.

2. Pandemie-Bekämpfung und Radikalisierungsprävention müssen zusammengedacht werden

Eine Krise wie die COVID-19-Pandemie führt zu großen gesellschaftlichen Veränderungen und Einschränkungen. Die unmittelbare Kommunikation dazu sollte der Staat nicht dem Zufall, der (In-)Kompetenz von Medien oder YouTube-Videos überlassen, sondern eigene Konzepte auf überregionaler, regionaler und lokaler Ebene entwickeln. Menschen nutzen Google, YouTube und Telegram für die Suche nach Informationen – und sollten dabei nicht nur auf große Mengen von Falschinformationen stoßen, sondern auch auf verlässliche, geprüfte staatliche Quellen.

Gleichzeitig müssen Informations- und Medienkompetenz in der Gesamtbevölkerung gestärkt werden, um zu verhindern, dass Menschen unabsichtlich in verschwörungsideologische Communities abdriften, die ihnen reißerische und entlastende Welterklärungsmodelle anbieten.

3. Sicherheitsbehörden müssen ihre Expertise aufbauen und kontinuierlich weiterentwickeln

Verschwörungsideolog*innen konstruierten „alternative Wirklichkeiten“, die von einer faktenbasierten Realität abgekoppelt sind und zu einer Gefahr für die Demokratie werden können, weil sie trotzdem eine Vielzahl von Menschen radikalisieren können. Auch Gewaltverbrechen können aus Verschwörungsideologien wie QAnon resultieren.

Deshalb müssen auch Sicherheitsbehörden diese Gefahr frühzeitig erkennen, ernst nehmen und Schutzmaßnahmen für benannte Feindbilder treffen. Denn aus dem vermeintlichen Internet-Randphänomen QAnon hat sich eine Bewegung mit weltweit hunderttausenden Anhänger*innen  entwickelt, die auch Gewalttaten in Erwägung ziehen. Um Gewalt verhindern zu können, müssen digitale Hass-Communitys fachkundig observiert werden. Kategorien wie „Rechtsextremismus“, „Linksextremismus“ und „Islamismus“ reichen nicht mehr aus, um die Spannbreite radikalen Gedankenguts in der heutigen Gesellschaft zu beschreiben – das zeigt auch die heterogene Anhängerschaft von QAnon. Der digitale Wandel erfordert neue Kategorien  demokratiegefährdender Phänomene. Im Online-Raum entstehen und verändern sich solche Phänomene schneller als offline. Deshalb obliegt es den Sicherheitsbehörden, Expertise dazu aufzubauen, zu erweitern, konstant zu aktualisieren und dann an alle Hierarchie-Ebenen weiterzugeben.

4. Beratungsangebote müssen aufgebaut und gestärkt werden

Menschen zu erreichen, die sich in Verschwörungsideologie-Welten begeben haben, ist nicht leicht. In der Fläche fehlt die Erfahrung damit, wie am besten Irritationen gesetzt werden, die langfristig zu einer Abkehr von der Verschwörungsideologien führen können. Angehörigen kommt dabei eine zentrale
Rolle zu, weil sie die Radikalisierung meist schon zu einem frühen Zeitpunkt bemerken und den Verschwörungsgläubigen immer noch so wichtig sind, dass persönliche Gespräche auf Augenhöhe möglich sind. Trotzdem ist die Aufgabe eine Herausforderung, für die professionelle Unterstützung
wichtig wäre. Bisher gibt es aber kaum Beratungsangebote, und die existierenden sind aktuell von Bedarfen überlastet. Der Aufbau und die Finanzierung einer bundesweiten Beratungsstruktur ist dringend notwendig.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem de:hate report #1: QAnon in Deutschland.

Weitere Texte aus dem Report auf Belltower.News:

  • Wie Donald Trump zum Heilsbringer von Verschwörungsideolog*innen wurde – QAnons Anfänge
  • COVID-19 macht ein Nischenphänomen massentauglich – die Verbreitung von QAnon
  • Verbreitung von QAnon in Deutschland – analog zur Pandemie
  • Von einem toten Mafia-Boss und Kindesentführungen: Das Gewaltpotenzial von QAnon in den USA
  • QAnon, Verschwörungsideologien und Antisemitismus
  • Wie sich QAnon-Anhänger*innen und „Reichsbürger*innen“ vermischen
  • Down the Rabbit Hole – Radikalisierung in Zeiten von COVID-19
  • Erkenntnisse aus dem Monitoring – Thesen und Prognosen zu QAnon
  • Handlungsempfehlungen

Der de:hate report zum Download als PDF.

 

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