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Adrenochrome Q, Kindesmissbrauch, Corona und der „tiefe Staat“

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QAnon-Plakate bei einer Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump. (Quelle: picture alliance / NurPhoto)

Es geht um Adrenochrome, ein Stoffwechselprodukt von Adrenalin, dass tatsächlich im menschlichen Körper vorkommt. Um diesen Stoff ranken sich allerdings schon seit Jahren Mythen. Angeblich soll Adrenochrome eine bewusstseinsverändernde Wirkung haben, so wird es zumindest in Hunter S. Thompson Buch Fear and Loathing in Las Vegas und im Film dazu erzählt oder es soll eine verjüngende Wirkung haben. Beides stimmt nicht. Aber gerade die angebliche Verjüngung ist zum zentralen Teil der Verschwörungserzählung geworden. Danach werden Kinder von einer mächtigen Gruppe aus Banker*innen, Politiker*innen, Stars und anderen „Eliten“ entführt und in unterirdischen Anlagen gefangen gehalten. Dort werden sie gequält und missbraucht, um die Produktion von Adrenalin und schließlich Adrenochrome anzuregen. Anschließend werden sie angeblich ermordet, um die Substanz so aus ihren Körpern zu gewinnen und schlussendlich die globale Elite für immer jung zu halten. Auch Tobias R., der am 19 Februar 2020 in Hanau zehn Menschen ermordete, hatte in einem Video über genau diese angeblichen Untergrundbasen gesprochen.

Die Geschichte ist Teil der Verschwörungserzählung rund um Q und wurde ursprünglich von Anhänger*innen von US-Präsident Donald Trump verbreitet. Q ist zum ersten mal im Oktober 2017 auf dem Imageboard 4chan aufgetaucht. Ein anonymer Nutzer behauptete von sich selbst zum engsten Kreis um den Präsidenten zu gehören und veröffentlicht seitdem kurze fragmenthafte Texte, die von seinen Follower*innen wie Bibelzitate lang und breit ausgelegt werden. Der angebliche Whistleblower wurde Q getauft – die „Q Clearance“ ist die höchste Sicherheitsfreigabe des amerikanischen Energieministeriums, wer sie innehat, hat Zugang zu geheimen Informationen rund um Fragen der nationalen Sicherheit.

Q und seine kryptischen Äußerungen werden zum Mittelpunkt einer merkwürdigen Verschwörungserzählung: Donald Trump kämpft aus dem Weißen Haus heraus gegen den „tiefen Staat“, der vollkommen korrupt und menschenverachtend lediglich für das Wohl der Eliten arbeitet. Über die Nachrichten von Q kommuniziert Trump, der Geschichte nach, mit seinem Unterstützer*innen. Die weltweite Corona-Krise ist jetzt auch zum Teil der großen Verschwörung geworden. Offenbar ist Corona nämlich nur ein Vorwand, um einen großen Schlag gegen die pädophile, Adrenochrome-abhängige globale Elite zu führen. Während ein Großteil der Menschen zu Hause bleibt und mehr oder weniger isoliert ist, kann Trump nun endlich und ohne vom „tiefen Staat“ behindert zu werden, die entführten Kinder aus den Untergrund-Laboren befreien. Das Corona-Virus und die Lungenkrankheit COVID-19 existieren in dieser Erzählung also eigentlich nicht. Wie genau die Toten und die globalen Maßnahmen in die Erzählung passen, ist nicht ganz klar. 

Die Behauptungen der Q-Unterstützer*innen wären lachhaft, würden sie nicht für bare Münze genommen werden. Ein deutscher YouTube-Kanal aus dem Umfeld der Szene berichtet beispielsweise über den „Code Pink“, ein Notfallsignal in amerikanischen und angelsächsischen Krankenhäusern. Unterschiedliche Farben stehen dabei für unterschiedliche Notfälle. „Code Brown“ steht in Australien zum Beispiel für einen externen Notfall, „Code Gray“ fordert ein Team im Fall eines Hirnschlags an. „Code Pink“ ist oft ein Zeichen für Kindesentführung. Nun hat Donald Trump bei einer Pressekonferenz Anfang April eine rosafarbene Krawatte getragen. In den Augen der Q-Gläubigen ein Zeichen direkt an die Community: Der Präsident rettet die Kinder. Es wirkt absurd und lächerlich und kaum fassbar, dass Menschen daran glauben, aber allein das deutsche Video, in dem diese Theorie verbreitet wird, wurde 50.000 mal angeschaut. 

Für Xavier Naidoo ist es im Übrigen nicht das erste mal, dass er amerikanische Verschwörungserzählungen verbreitet. In seinem Song „Marionetten“ von 2017 geht es unter anderem um „Pizzagate“. Während des US-Wahlkampfs 2016 wurde zunächst auf den Internetseiten Reddit und 4can behauptet, dass Lady Gaga regelmäßig Kinderblut trinke, um Satan zu huldigen und dass Barack Obama Kindersex-Orgien im Weißen Haus feiere. Vor allem aber, dass Hillary Clinton im Zentrum eines Pädophilie-Rings stehe, der aus dem Keller der Washingtoner Pizzeria „Comet Ping Pong“ operiere. Außerdem enthalte das Logo der Pizzeria eindeutig satanische Symbole. Obwohl diese Theorien nicht unbedingt glaubwürdig erscheinen und von renommierten Zeitungen auseinander genommen wurden, wurde „Pizzagate“ zum Thema. Am 4. Dezember 2016 stürmte schließlich der 28-jährige Edgar Welch in das Restaurant und schoss um sich. Er wollte die versteckten Kinder aus dem Keller befreien. Gefunden wurden weder entführte Kinder noch ein Keller. Welch befindet sich in Haft.

„Pizzagate“ macht die Gefahren deutlich, die aus Verschwörungstheorien erwachsen können und die auch im Fall „Adrenochrome“ drohen. Zigtausende Menschen rechnen offenbar damit, dass sich demnächst herausstellt, dass hunderte oder gar tausende entführte Kinder aus der angeblichen Gefangenschaft wieder auftauchen. Das wird allerdings nicht passieren. Denn weder existieren die Kinder, noch die Foltergefängnisse im Untergrund. Bei den Gläubigen wird das zu Enttäuschung führen und womöglich dazu, dass sie versuchen, selbst tätig zu werden. 

In einer weiteren bizarren Entwicklung der Q-Verschwörungsgeschichte wurde so im März 2019 auf Staten Island der mutmaßliche amerikanische Mafiaboss Frank Cali erschossen. Zuerst gingen die Ermitler*innen von einem Mord in der Szene aus. Tatsächlich war der mutmaßliche Mörder Anthony Comello allerdings davon überzeugt, dass Cali Teil der „Deep State“-Verschwörung gegen Donald Trump sei. Laut seines Anwalts wollte Cornello Cali verhaften, bis die Situation offenbar außer Kontrolle geriet. „Herr Comello war sich sicher, dass er unter dem persönlichen Schutz von Donald Trump steht, und dass er die volle Unterstützung des Präsidenten genießt“, argumentierte der Anwalt des Beschuldigten, um mildernde Umstände zu erreichen. 

Verschwörungserzählungen können zu Gewalt führen, die Geschichte um Q hat das bereits mehrfach bewiesen. Nur ein Grund dafür, bei entsprechenden Narrativen vorsichtig zu bleiben und sie eben nicht den eigenen Followern als “Wahrheit” zu präsentieren.

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