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Die Karriere des „SS-Siggi“

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Gewählt und gewaltbereit: Siegfried "SS-Siggi" Borchardt (Quelle: Screenshot Facebook)

Die Ereignisse des 25. Mai könnten ein Vorgeschmack gewesen sein auf das, was die Wahl des Neonazis Siegfried „SS-Siggi“ Borchardt ins Dortmunder Stadtparlament mit sich bringt. Mit 30 AnhängerInnen der Partei „Die Rechte“ machte sich Borchardt auf zum Rathaus, um auf die dortige Wahlparty vorzudringen. Gekleidet waren die Neonazis mit T-Shirts, die ihre Solidarität mit der verbotenen Kameradschaft „Nationaler Widerstand Dortmund“ bekundeten. Als die Neonazis von den Anwesenden daran gehindert wurden, das Rathaus zu betreten, reagierten sie mit Gewalt und Aggression. Ein Kameramann wurde von Neonazis verprügelt, der Spitzenkandidat der Piratenpartei  erlitt eine Platzwunde durch einen Flaschenwurf, weitere Gäste der Wahlparty wurden durch Pfefferspray der Neonazis verletzt.

Aggressive Neonazis vor dem Dormunder Rathaus. Rechts vorne mit Weste: Siegfried Borchardt (Quelle: Screenshot Youtube)

„Borussenfront“-Motto:“Stehenbleiben und draufhauen“

Gewalt ist sicherlich eine Konstante in Siegfried Borchardts politischer Entwicklung. Gemeinsam mit anderen gründet er am Karfreitag 1982 die Hooligangruppe „Borussenfront“ in der mit nationalsozialistischen Symbolen geschmückten Dortmunder Kneipe „Grobschmied“. Schon dabei nimmt die Polizei 13 Gründungsmitglieder fest. Das simple Motto der „Borussenfront“: „Stehenbleiben und draufhauen“. Ihre Mitglieder geben unumwunden zu,“ gegen Ausländer“ zu sein. Bereits damals sind einige von ihnen in der NPD organisiert. So unterstützen die Borussenfans im Februar 1983 eine NPD-Wahlkundgebung auf dem Alten Markt, indem sie als Schutztruppe fungieren und beim Aufbau der Rednertribüne helfen. Die Bevölkerung wird mit „Heil-Hitler-“ und „Ausländer-raus“-Rufen bedacht. Die Borussenfront zeigt auch ihr „soziales“ Engagement. Im Sommer 1983 wird von ihr ein Kinderfest ausgerichtet – Zutritt für „ausländische“ Kinder verboten.

Die Borussenfront tritt aber vor allem als Schlägertrupp in Erscheinung. So heißt es in einer Chronik der „Deutsch-Ausländischen Freundschafts-Initiative DAFI“: „Am [21.08.1983] überfällt ein Schlägertrupp, dessen Kern in der Borussenfront zu suchen ist, das türkisch-deutsche Kulturzentrum und die benachbarte Imbißstube in der Stahlwerkstraße. Junge Leute in Rocker- und BVB-Kleidung stürmen die Räume, bewerfen Gäste und Wirtsleute mit Stühlen, Biergläsern und schlagen auf sie ein. Sie schreien dabei Naziparolen, zeigen den Hitlergruß und schießen mit Gaspistolen. Die neonazistischen Ausschreitungen gehen von der Gaststätte Grobschmied in der Stahlwerkstraße aus. Es wird beobachtet, daß die Schlägertrupps durch Neonazis aus mehreren Städten der BRD unterstützt werden. In dem an der Stahlwerkstraße gelegenen Park werden mehrere Türken schwer mißhandelt. Die Wohnung einer türkischen Familie wird mit scharfer Munition beschossen. Die Polizei trifft erst eine halbe Stunde nach Herbeirufen ein und interessiert sich nicht einmal für Betroffenenaussagen“. Bei dieser Aktion wird auch „SS-Siggi“ festgenommen.

Die Anfänge der Borussenfront. Links Grobschmied-Wirt Leo Ryszinski (Quelle: Screenshot Youtube)

Verbindungen zu Michael Kühnen und der Wehrsportgruppe Hoffmann

Schon früh vernetzt sich die „Borussenfront“ also mit anderen Nazigruppen. Wenig später tauchen erstmals Flugblätter und Aufkleber der ANS/NA und der AAR in einer von der „Borussenfront“ genutzten Kneipe am Borsigplatz auf. Die „Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten“ (ANS/NA) wurde von der Nazi-Führungsfigur Michael Kühnen gegründet, die AAR (Aktion Ausländerrückführung) ist ein ebenfalls von Kühnen für die Landtagswahl 1983 in Hessen gegründeter Ableger. Ihr sitzt Arndt Heinz Marx aus Hanau vor, ehemaliger Führer der rechtsterroristischen Wehrsportgruppe Hoffmann. Die Kontakte zur ANS sowie auch zur Wiking Jugend laufen über Borchardt, der Kühnen bei einem internationalen Faschistentreffen im belgischen Duiksmunde persönlich trifft. Nachdem die ANS/NA, die sich als Nachfolgeorganisation der NSDAP verstand, im November 1983 verboten wird, baut Borchardt gemeinsam mit anderen ANS/NA-Aktivisten die „Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei“ (FAP) auf. Schon in den 80ern zeigt er also politische Ambitionen, tritt etwa 1985 als Spitzenkandidat zur Landtagswahl, und 1989 als Kandidat zur Europawahl für die FAP an. Wegen Übergriffen auf Gegendemonstrant*innen in Wiehl und auf Punks in Bonn wird Borchardt wegen schweren Landfriedensbruchs und schwerer Körperverletzung 1986 zu einer Haftstrafe verurteilt.

Anschluss dank Christian Worch

In den 1990er Jahren ist die „Borussenfront“ weniger aktiv, letztendlich wird auch die FAP im Jahr 1995 verboten. Borchardt sucht und findet Anschluss in der Kameradschaftsszene. Hierbei hilft, dass „SS-Siggi“ den Hamburger Neonazi und Holocaustleugner Christian Worch an seiner Seite hat. Worch gilt rückblickend als einer der Vordenker der freien Kameradschaften. Die beiden kennen sich schon von der ANS/NA, waren auch gemeinsam in der FAP aktiv. Sowohl Worch als auch Borchardt sind Mitglieder der „Hilfsgemeinschaft für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e. V.“ (HNG), deren Aufgabe es ist inhaftierte deutsche und ausländische Neonazis zu betreuen. Damit soll sichergestellt werden, dass sich die Inhaftierten während der Haft nicht von der Neonaziszene lossagen. 2011 wird die HNG verboten. Borchardts „Kameradschaft Dortmund“ gibt über Jahre den Ton in der regionalen „parteifreien“ Szene an, stellt die „Schutztruppen“ für von Worch angemeldete Demonstrationen.

Nach weiteren Verurteilungen wegen Körperverletzung und der Verwendung verfassungsfeindlicher Kennzeichen Anfang der 2000er ist „SS-Siggi“ nach wie vor fester Bestandteil des Kerns der Kameradschaftsszene in Nordrhein-Westfalen. Die „Kameradschaft Dortmund“ evolviert zum „Nationalen Widerstand Dortmund“ (NWDO). Hier hat Borchardt mit Dennis Giemsch einen fähigen Organisator zur Seite. Während zeitgleich auch die „Borussenfront“ wieder aktiver wird, gibt es über den NWDO auch neue Kontakte in die jüngere BVB-Fanszene. Auch der NWDO wird wegen teils offen nationalsozialistischem Auftreten,  Militanz gegenüber Nazigegner*innen, Polizist*innen, Parteien und Behördenvertreter*innen verboten. Bei der Durchsuchung der Räumlichkeiten des NDWO von der Polizei finden sich Aufkleber und Werbematerial der Ultra-Gruppe „Desperados“.

Dortmund, Hochburg der Partei „Die Rechte“

Es ist wieder Christian Worch, der den „heimatlos“ gewordenen KameradschaftlerInnen die Fortführung ihrer Aktivitäten ermöglicht. Borchardt, Giemsch und andere treten der Worch-Partei „Die Rechte“ bei. Der Lokalverband von Dortmund gilt schnell als der bundesweit aktivste der Partei, und sorgt dafür, dass die Stadt ihren Ruf als rechte Szene-Hochburg behält. Borchardt ist auch innerhalb der Szene überaus beliebt, zu seinem 60. Geburtstag im vergangenen Jahr spielte die Neonazi-Band „Lunikoff Verschwörung“ ein Konzert, 120 Neonazis kamen zur Feier. „SS-Siggi“ ist bundesweit Gast auf Nazi-Demonstrationen, hier hat er im Gegensatz zu seinem Freund Worch auch keine Scheu vor Veranstaltungen der NPD. So war er zuletzt auf deren gescheiterter Demonstration am 26.04.2014 in Berlin.

Mitnichten ist Siegried „SS-Siggi“ Borchardt also ein tumber, politisch unbedarfter Neonazi-Hooligan. Dass die Presse ihn gerne als solchen darstellt, ist vielleicht einer gewissen Sehnsucht nach einfacheren Zeiten geschuldet, als Neonazis noch besoffene Boneheads mit Glatze und Springerstiefeln waren (ein Bild, das ausgerechnet Borussia Dortmund in einem etwas unglücklichem Spot gegen Rechtsextremismus reproduziert)  – und keine szenepolitisch geschickt agierenden „Autonome NationalistInnen“. „SS-Siggi“ ist wesentlich gefährlicher. Sein Erfolg zeugt von der Fähigkeit, über Jahrzehnte in der Neonaziszene die richtigen Bündnisse zur richtigen Zeit einzugehen. Seine frühen politischen Ambitionen beweisen auch, dass seine Aufstellung als Spitzenkandidat keineswegs eine bloße Provokation von „Die Rechte“ war. Wenn man Borchardts Umtriebe bekämpfen will, tut man also gut daran ihn als politischen Gegenspieler ernst zu nehmen – im Rathaus und auf der Straße.

 

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