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Dortmund –Dorstfeld Das westdeutsche Hauptquartier der Neonazi-Szene?

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In Dortmund reklamieren Neonazis den Stadtteil Dorstfeld als "Nazi Kiez" (Quelle: Nils Oskamp)

 

 

Wer ein Symbolbild für das Dortmunder Nazi-Problem braucht, wird in der Emscherstraße im Stadtteil Dorstfeld fündig. „Nazi Kiez“ steht in riesigen Buchstaben an den Wänden. Dortmund gilt derzeit als eine der rechten Hochburgen Westdeutschlands, wenn nicht gar als das Zentrum der extremen Rechten in den alten Bundesländern. Und tatsächlich ist in Dortmund eine hervorragend vernetzte Neonazi-Szene zu beobachten, die es versteht, schnell und umfassend zu mobilisieren – und das, obwohl ihr harter Kern vermutlich gerade einmal 25 Personen umfasst. Doch diese paar Personen schaffen es, regelmäßig mit geschmacklosen Provokationen oder gar Gewalttaten in die Medien zu kommen.  

Teil 1: Kontinuität des Hasses in Dortmund – die AnfängeTeil 2: 2000–2010: Höhepunkte der Gewalt in DortmundTeil 3: 2010 bis Heute: Getarnter Hass und ein Sturm auf das Rathaus

 

Sticker in Dortmund-Marten Quelle: BTN

 

„Nazi Kiez“ neben griechischem Restaurant, italienischer Pizzeria und Döner-Laden

Rund um die Emscherstraße im Stadtteil Dorstfeld wohnen viele der Dortmunder Neonazis. Sie versuchen hier ihren Kiez zu reklamieren. Auch an den Hauswänden zeigen sich ihre Gebietsansprüche. „Nazi Kiez“ steht hier wohin man schaut. Mal riesig groß an den Wänden, mal mit Kreide auf die Straße gekritzelt. Die anderen Wände, der Bürgersteig und selbst die Briefkästen sind in den Farben schwarz-weiß-rot angestrichen. Eine beliebte Farb-Kombination in der deutschen Neonazi-Szene.  Die schwarz-weiß-rote Hakenkreuzflagge wurde ab 1935 durch das erste der drei berüchtigten „Nürnberger Gesetze“ zur Nationalflagge bestimmt. 

Warum haben sich die Rechtsextremen ausgerechnet in und um die Emscherstraße niedergelassen? Hier besitzen die Neonazis ein eigenes Haus. Zudem haben sie hier drei weitere Häuser eines wohlwollenden Vermieters gemietet, über die sie frei verfügen können. Der Hausbesitzer, ein ehemaliger CDU-Mann, scheint sich offenbar nicht an den Neonazi-Sprühereien zu stören, er stellte sich einer Säuberungs-Aktion sogar aktiv in den Weg. Die Präsenz der Neonazis in diesem Bezirk zeigt sich nicht zuletzt an zahlreichen menschenverachtenden Stickern, die manche Straßenzüge „zieren“- gegen die die Stadt mittlerweile aber mit Säuberungsaktionen offensiv vorgeht.

 

Wie konnte es soweit kommen?

Wer sich mit der extrem rechten Szene Dortmunds beschäftigt, kommt an einem Namen nicht vorbei: Siegfried Borchardt wurde in der Nazi-Szene unter dem Spitznamen „SS-Siggi“ bekannt, obwohl er nach eigener Aussage lieber „SA-Siggi“ genannt werden möchte. Schon in den 1980er-Jahren machte Borchardt als Anführer des berüchtigten rechten Hooligan-Zusammenschlusses „Borussenfront“ von sich reden. Damals machte  er gemeinsam mit anderen Nazi-Hools nach Heimspielen des BVB regelmäßig in der Dortmunder Nordstadt Jagd auf (Deutsch-) Türken und andere Minderheiten. Nicht wenige von Borchardts Anzeigen wegen Körperverletzung stammen aus jener Zeit. Mittlerweile ist Borchardt nichts Weiteres, als der Poster-Boy der Dortmunder Splitterpartei „Die Rechte“.

Anfang der 2000 Jahre wurde Dorstfeld dann zu einem Synonym für das Neonazi-Problem in Dortmund. Nach und nach zogen Rechtsextreme aus anderen Stadtteilen und dem ganzen Bundesgebiet hier her, um mit „Autonomen Nationalisten“ in einem der begehrten WG-Zimmer zu wohnen. Olli erzählt, dass die Bewohner dieser WGs ihre Türen nicht schließen dürfen – wegen der sozialen Kontrolle. Auch ein paar saufende Skinhead-Neonazis haben sich hier niedergelassen.

 

Emscherstraße in Dortmund Quelle: Nils Oskamp

 

Olli, dessen Name von uns geändert wurde, arbeitet bei „CoBa-Yana“. Das Projekt begleitet, berät und unterstützt Menschen in Dortmund, welche die rechtsextreme Szene verlassen möchte.  

Mitte 2000 kam es zu einem schockierenden Höhepunkt der rechten Gewalt in Dortmund. Am 14. Juni erschoss der Dortmunder Neonazi Michael Berger die beiden Polizisten Thomas Goretzky und Matthias Larisch-von-Woitowitz sowie die Polizistin Yvonne Hachtkemper und richtete sich anschließend selbst. In der Folge machten Aufkleber der Kameradschaft Dortmund die Runde, auf denen die menschenverachtende Aufschrift „Berger war ein Freund von uns! 3:1 für Deutschland“ zu lesen war. Bis heute gilt dieser Spruch als Bezugspunkt für die extreme Rechte in der Stadt.

Dortmund hat sich seither zu einem Anziehungspunkt für deutsche Neonazis entwickelt. So ist es auch nicht verwunderlich, dass einflussreiche Akteure aus diesem Spektrum in Dortmund leben. Darunter Marko Gottschalk, Sänger der rechtsextremen Band „Oidoxie“. Er ist eine Schlüsselfigur in der deutschen terroristischen „Combat 18“-Szene. Ab 2003 galt Gottschalk als ein C18-Führungskader in Deutschland. Ein Jahr darauf entstand aus dem Umkreis der Band die C18-Zelle „Oidoxie-Streetfighting-Crew“, deren Umfeld Verbindungen zum rechtsterroristischen NSU hatte, der unter anderem den Mord an Mehmet Kuba??k in Dortmund verübte.

Die Rückkehr von „Blood & Honour“ und dem bewaffneten Arm „Combat 18“

Auch Alexander Deptolla lebt in Dortmund. Er ist einer der Köpfe des völkischen Kampfsport-Events „Kampf der Nibelungen“. Er soll unter anderem der Führungsebene des inzwischen verbotenen „Nationalen Widerstands Dortmund“ angehört haben. Veranstaltungen wie der „Kampf der Nibelungen“ dienen zum einen dazu, rechtsextreme Gruppierungen untereinander zu vernetzen und die Szene zu finanzieren. Zum anderen könnten solche Veranstaltungen aber auch der „Türöffner“ für Außenstehende zur rechten Szene sein.

 

Alles andere als eine „national befreite Zone“

Manche Medien sprechen seit einiger Zeit von einer “No Go Area” in Dorstfeld. Und für Journalist_innen und Fotograf_innen kann es durchaus problematisch sein, allzu offen durch diese Straße zu gehen. Denn, sobald die Neonazis merken, dass jemand ihre Graffitis und ihre Häuser fotografiert, versuchen sie  die unerwünschten Beobachter_innen einzuschüchtern.

Aber die Realität ausserhalb des Straßenzuges ist differenzierter. Mit einem Ausländeranteil von 18 Prozent liegt Dorstfeld etwas über dem Durchschnitt Dortmunds und ist damit alles andere als eine „national befreite Zone“. Gespräche mit Anwohner_innen zeigen, dass – zumindest diejenigen, mit denen wir sprachen – keine Angst vor den Rechtsextremen haben.

 

Einschüchterungsversuch der Dortmunder Neonazis

Die Dortmunder Rechtsextremen agieren zunehmend am Rand der Legalität. Sie schaffen ein perfides Angstszenario und gehen gezielt gegen Kritiker_innen vor. Das beginnt im Internet mit Hassbotschaften und setzt sich im Alltag mit Aufmärschen und „Weihnachtsbesuchen“ fort: Ein als Weihnachtsmann verkleideter Neonazi drückte der Frau des Oberbürgermeisters Ullrich Sierau (SPD) einen Tag vor Heiligabend 2011 ein zynisches Geschenk in die Hand. In dem Paket befanden sich eine Flasche Wein und eine rechte Musik-CD für die Kinder. Ein weiteres Beispiel für die aufgebaute Drohkulisse, sind die fingierten Todesanzeigen gegen engagierte Journalist_innen.  

Die Neonazis sehen Dorstfeld als ihr Hoheitsgebiet, in dem niemand „Fremdes“ etwas zu suchen hat – irgendwie zumindest.

 

„Marten sieht jetzt aus wie Dorstfeld vor acht Jahren“

Dorstfeld liegt im Westen der Dortmunder Innenstadt, die Fahrt mit der U-Bahn dauert nur ein paar Minuten. Fährt man noch ein Stück weiter, kommt man nach Marten. Auf diesen Stadtteil möchte Olli unsere Aufmerksamkeit lenken.

„Marten sieht jetzt so aus, wie Dorstfeld vor acht Jahren“, meint Olli. Und in der Tat, beinahe an jeder Hauswand, an Laternenpfählen und Stromkästen kleben Sticker mit neonazistischen Parolen. Doch auch hier, so der Szenekenner, handle es sich nur um zwei, drei Personen die hier so aktiv stickern. Durch die Fülle an Parolen solle suggeriert werden, dass auch Marten kurz vor der angeblichen Übernahme der Rechtsextremen stehe.

 

Dortmund-Marten Quelle: BTN

 

Marten ist genauso wie Dorstfeld ein strukturschwacher Stadtteil. Es gibt wenige Einkaufsmöglichkeiten, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Bei unserem kurzen Spaziergang kommen wir immer wieder an leerstehenden Läden vorbei. Die Schaufenster eine Ladens sind voll mit Nazi-Aufklebern. Auf der Regenrinne steht “Juden jagen”. Während Dorstfeld es zu zweifelhafter Berühmtheit geschafft hat und die Stadt Dortmund sich zum Handeln gezwungen sah und zumindest außerhalb des “Nazi Kiezes” Aufkleber und Graffitis entfernt, scheint das in Marten seltener zu passieren. Das Haus mit dem zugeklebten Schaufenster gehört einem Schweizer Investor, dem die zweifelhaften “Verschönerungen” der Neonazis egal zu sein scheinen.  

 

Die selbsterklärten Feinde der Rechtsextreme sind Antifaschist_innen, Juden und Jüdinnen 

Laut Olli sind nicht mehr Migrant_innen das primäre Feindbild und Angriffsziel. Das sind jetzt hauptsächlich linke Aktivist_innen, Juden und Jüdinnen. Mit den migrantischen Familien habe man sich hier arrangiert. Letztendlich ist das auch nur logisch – jetzt, da eine Partei im Bundestag vertreten ist, deren Hauptmotivation Flüchtlingsfeindlichkeit ist und die dazu beigetragen hat, dass rassistische Aussagen mittlerweile in den Bereich des Sagbaren gerückt sind, konzentriert sich die extrem rechte Szene auf andere Themen.  

 

„Juden jagen“ steht auf einem Abwasserrohr in Dortmund-Marten Quelle: BTN

 

Auffällig in Dortmund ist, dass mittlerweile mehr Frauen Teil der rechtsextremen Szene sind. Olli schätzt, dass etwa ein Fünftel der Aktivisten weiblich sind. Das liege hauptsächlich daran, dass die Szene mittlerweile offener für Frauen ist. Für sie gibt es heute mehr Rollen, als die der Mutter und Hausfrau. „Wenn man sich als Frau in der rechtsextremen Szene durchsetzen möchte, schafft man das auch“, so Olli.

Die Neonazi-Szene in Dortmund ist durchaus besonders. In einer Gegend, in der schon seit Jahrzehnten viele Migrant_innen leben, haben sich Enklaven gebildet, in denen Neonazis praktisch unbehelligt aktiv sein können. Gleichzeitig ist die Szene aber tief in der Fußball- und Hooligan-Kultur verwurzelt. Dortmund hat eine besondere Strahlkraft für die rechtsextreme Szene. Gerade deswegen ist es für die Stadt so wichtig, dass Marten nicht der nächste “Nazi Kiez” wird.

 

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